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Nr. 27.
Gießen, Sonntag, den 2. Juli 1899.
5. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespol.
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unabhängigen Presse
hat sich anläßlich der Zuchthaus vorlage wieder glänzend dokumentiert. Ohne die rück— sichtslosen Darlegungen namentlich der sozial— demokratischen Presse, ohne ihre Verbreitung wäre die Protestbewegung und Aufrüttelung der bedrängten Kreise sicher nicht in dem Umfange erfolgt, wie wir sie erlebt haben.
Für Oberhessen und die benachbarten preußi— 8 Wahlkreise war diese Aufgabe vornehm⸗ lich der
Mitteldeutschen Sonntags ⸗Zeitung
zugefallen, und sie wird bei allen öffentlichen, das Gemeinwohl betreffenden Angelegen⸗ heiten mit der gleichen nachdrücklichen Schärfe und Entschiedenheit auf dem Plan sein.
Fast erscheint es überflüssig, bei dem mit
der heutigen Nummer beginnenden
neuen Quartal die Mitglieder des werk⸗
thätigen Volkes daran zu erinnern, daß sie lediglich ihre Pflicht erfüllen und ihrem eigenen Interesse dienen, wenn sie für Abonnement und Verbreitung ihres Organs
sorgen. Aber auch jeder ehrliche Politiker,
0 jeder, den das byzantinische Treiben der alten
und veralteten Parteien anwidert, sollte Abon⸗
* nent und Leser der Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung sein.
Neben dem politischen Teil wird die M. S.⸗Z.
auch in Zukunft dem Feuilleton besondere Aufmerksamkeit widmen. das Volk gerade gut genug“— das ist unser
„Das Beste ist für
Grundsatz auch bei der Bearbeitung des unter⸗ haltenden Teils.
In Nr. 28 der M. S.⸗Ztg. beginnen wir
mit dem Abdruck der geschichtlichen Erzählung:
Michael Kohlhaas von Heinvich v. Kleist. Wir sind überzeugt, daß dieses treffliche Werk den ungeteilten Beifall unserer Leser und
Leserinnen finden wird.
Da eine Nachlieferung einzelner Nummern
nicht immer möglich, so ist dringend zu em⸗ pfehlen, Bestellungen auf die M. S.⸗Ztg. sofort zu machen. Bestellungen nehmen unsere Spedi⸗ teure, sowie jeder Briefträger entgegen. D Bezugsbedingungen der M. S.⸗Z. sind im Titel jeder Nummer angegeben.
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HUach der ersten Schlacht.
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he. Die arme Regierung! Wer sie noch liebt, mochte sie bedauern, wie sie im Reichstage so dasaß, von allen Seiten beschossen mit den Pfeilen des Hohnes und Spottes, nachdem ihr Anklagematerial gegen die Sozialdemokratie in tausend Fetzen zerrissen und alle Versuche, das Zuchthausgesetz zu verteidigen und zu recht— fertigen, wie mit Keulen niedergeschlagen worden. Sie hätte einen Köller brauchen können, diese Regierung, einen Mann, an dem die Pfeile des Gegners abprallen, und der, wenn man ihm seine Vorlage zerrissen vor die Füße wirft, ganz gelassen sagt:„Na, denn nicht!“ Aber die gegenwärtigen Männer der Regierung sind denn doch etwas feinfühlender als der große Dänen⸗ hasser, und sie mögen sich untereinander einge— stehen, daß die Tage, an denen die erste Lesung passierte, für sie böse Tage gewesen sind. Der Oeffentlichkeit gegenüber müssen sie die„staats⸗ männische“ Haltung bewahren; unter sich werden sie sich eingestehen, daß es tausend Mal besser gewesen wäre, diese Vorlage nicht einzubringen — wenn sie sich dies nicht vor der Einbringung schon zugestanden haben.
Die Absage der Parteien, die man als schwankend betrachtete, der Nationalliberalen und des Zentrums, erfolgte mit unerwarteter Schärfe,
so daß die Staatssekretäre und Minister ganz
verdutzt drein sahen. Mit gransamem Hohn wurde namentlich die famose Denkschrift be— handelt, deren so oberflächlich zusammenge⸗ stoppelter Inhalt von der Presse und nament⸗ lich auch von den sozialdemokratischen Rednern kritisch vernichtet worden war. Der Verfasse⸗ dieser Denkschrift wird wohl nicht so bald Minister werden.
Der mit der Zuchthausvorlage gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter unternommene Feldzug kann jetzt schon als verunglückt be— trachtet werden, wenngleich der endgültige Aus— gang der Affäre noch nicht genau vorherzusehen ist.
Daß die erst schwankenden Parteien so ent⸗ schieden auftraten, hatte seinen guten Grund. Die flammenden Proteste der sozialdemokratischen Arbeiter und der Gewerkschaften hätten wohl kaum hingereicht, diese Parteien aus ihrer Zu— rückhaltung herauszutreiben. Aber die Be— wegung gegen die Zuchthausvorlage hat fast die ganze deutsche Arbeiter weltergriffen, da sie sich in ihrem wichtigsten Rechte bedroht sah. Wir hatten richtig gerechnet, als wir an— nahmen, die Vorlage würde auch die nichtsozia— listischen Arbeiter auf die Beine bringen. In der That haben sich die Arbeiter aller nicht⸗ sozialistischen Organisationen und aller politischen und religiösen Schattierungen gleichmäßig gegen die Vorlage erhoben.
Die Proteste der nichtsozialistischen, nament⸗ lich der katholischen Arbeiter wirkten wie Geißel— hiebe auf die Mittelparteien und sie bemühten sich darum, die Vorlage so entschieden wie möglich zu bekämpfen. Die Junker dagegen stimmten ihr zu. Sie fühlen sich noch einiger⸗ maßen sicher, so lange die ländlichen Arbeiter das Koalitionsrecht nicht haben, obschon sie zu ahnen beginnen, daß diese Sicherheit eine trügerische und daß das feudale Gebäude bereits unterhöhlt ist. Sie betrachten das Zuchthaus⸗ gesetz als einen mittelbaren Kampf gegen die Sozialdemokratie. Sie werden wohl bald er⸗
jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.)[33 ½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabattt
sehen, wie viele Tausende Anhänger diese „mittelbare“ Bekämpfung der Sozialdemokratie eingebracht hat.
Nun wäre es an der Zeit gewesen, eine That zu thun und das ganze Monstrum von Gesetzesvorlage in der Versenkung verschwinden zu lassen, damit der Regierung ein für alle Mal die Lust verginge, mit derlei Vorlagen an den Reichstag zu kommen. Zugleich wäre es auch eine gute Lektion für die Stumm und Ge— nossen gewesen, denen man auf diese Weise bei⸗ gebracht hätte, daß der Reichstag denn doch kein Spielball für diese Boykott-Könige ist. Allein trotzdem die trügerischen Vorspiegelungen vom „terroristischen Arbeiter“ und vom„gütigen Arbeitgeber“ sich in nichts aufgelöst haben, trotzdem man direkt und indirekt auch hei den Mittelparteien zugab, daß; der Arbeiter eines Schutzes gegen den Terrorismus so mancher Unternehmerverbindungen bedürfe, trotzdem die schwarzen Listen gebrandmarklt wurden— zur sofortigen Vornahme einer zweiten Lesung und endhültigen Bestattung des Zuchthausgesetzes konnte man sich da noch nicht entschließen. Wie sollten auch die Kuhhändler des Zentrums zu einem solchen heroischen Entschluß kommen? Das Zuchthausgesetz wird also erst im No- vember in die zweile Lesung gelangen. Niemals wird es in der vorliegenden Gestalt Gesetz werden. Der Reichstag vertagte sich auf fünf Monate. In der Zwischenzeit kann aller— lei geschehen; Ueberraschungen sind auch nicht ausgeschlossen. Die Herren vom Zeatrum, die so stolz erklärt haben, daß sie für die Gefällig⸗ keiten, die sie der Regierung thun, auf alle und jede Belohnung verzichten wollten, gehen mit der Zuchthausvorlage in der Hand im Trüben fischen. Es fehlt ihren großen Worten die ent— sprechende That.
Für die Arbeiter ergiebt sich damit von selbst, was sie zu thun haben. Sie dürfen sich nicht mit großspurigen Redensarten einlullen lassen; sie müssen auf dem Posten bleiben und im Winter, wenn die Entscheidung kommt, müssen ihre Proteste lauter und lauter erschallen, damit die Mittelparteien, die im Herzen immer den Wunsch hegen, den Kampf⸗ organisationen der klassenbewußten Arbeiter am Zeug zu flicken, wieder auf den denselben ab— lehnenden Standpunkt wie in der ersten Lesung gedrängt werden. Es darf vor allen Dingen auch nicht unbeachtet bleiben, daß fast die Hälfte der Nationalliberalen— 21 von 47 Mitgliedern — für die Verweisung des Gesetzes an eine Kommission gestimmt hat. Diese Leute finden also„geeignete Grundlagen“ in dem Gesetze, um mit der Regierung zu verhandeln. Es sind noch nicht alle Gefahren vorüber und die Arbeiter dürfen nicht erlahmen.
Aber vorläufig ist der Erfolg ein großartiger; die Regierung ist auf allen Punkten geschlagen und überwältigt worden. In der Redeschlacht ist sie vollständig unterlegen und die schwachen Versuche der Reaktionäre auf der Rechten, ihr zu Hülfe zu kommen, mußten um so kläglicher mißglücken, als man ihre Sache von vornherein als verloren ansehen mußte.
Wenn die Arbeiter wachsam bleiben und im Winter die definitive Ablehnung der Vor⸗ lage erzwingen, dann wird sich die Regierung in nächster Zeit wohl hüten, die Arbeiterklasse mit ähnlichen Angriffen heimzusuchen.


