Ausgabe 
2.4.1899
 
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Nr. 14. Gießen, Sonntag, den 2. April 1899.

6. Jahrg.

erer eee. Mitteldeutsche een. N 5 9 Huntags⸗Zeitung.

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Ostevn.

Die Osterglocken läuten

Am Auferstehungstag

Des Heilands, der gewaltig Der Menschheit Ketten brach.

Er predigte Liebe und Freiheit

Und Gleichheit mit ernstmm Mund Sie haben ihn drum gekreuzigt,

Die Stellen waren zu wund.

So kreuzigt man noch jeden, Der von Freiheit und Gleichheit spricht; Das konnten sie niemals vertragen Und können's noch immer nicht. W. Hasenclever 1867.

Ostevbetrachtung.

-d. Es war ein Akt brutalster Klassenjustiz! Im Namen des Kaisers schlugen sie Jesus von Nazareth ans Kreuz als Hochverräter, Reichsfeind, Gotteslästerer, Volksverführer, Hetzer.

Es ist wahr, besonders glimpflich ist der Zimmermannssohn mit den Großen und Vor⸗ nehmen nicht umgegangen.

Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, daß ihr seid wie die verdeckten Totengräber, darüber die Leute laufen und kennen sie nicht.(Luc. 11, 44.)

Alle ihre Werke aber thun die Schrift⸗ gelehrten und Pharisäer, daß sie von den Leuten gesehen werden.(Matth. 23, 5.)

Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr der Witwen Häuser fresset, und wendet lange Gebete vor; darum werdet ihr desto mehr Verdammnis empfangen.(Matth. 23, 4.)

Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.(Matth. 23, 28.)

Solche Worte klangen den Großen natürlich nicht besonders lieblich in die Ohren. Aber Jesus rechnete auch gar nicht auf die Freund⸗ schaft der Vornehmen. Hätte er es mit diesen halten wollen, dann durfte er nicht für die Kleinen, für die Mühseligen und Beladenen eintreten. Daß er das that, war Grund genug, daß er von den Heuchlern, denen er den Schleier dune Fön herabriß, auf das schlimmste gehaßt wurde.

Sie klagten ihn an, er habe das Volk auf⸗ gehetzt und die Klassenrichter fanden ihn schuldig, übten Klassenjustiz, verurteilten ihn zum Tode.

Man schlug Jesus ans Kreuz zwischen 755 gemeine Verbrecher. Und nun glaubten ie Großen, die er bekämpft hatte, mit seinem Leben wäre auch der von ihm ausgestreute Samen der Unzufriedenheit vernichtet.

Diese Thoren! Als wenn sich neue, den Herrschenden unbequeme Lehren mit brutaler Gewalt töten ließen! Den Begründer der neuen Religion der Liebe konnten sie unschädlich machen seinen Lehren selbft hatten sie damit nur die Wege geebnet. Welch mächtige Propa⸗

ganda: Der arme Zimmermannssohn ließ sich für seine Ueberzeugung ans Kreuz schlagen die Lehre hatte einen Märtyrer bekommen, einen Märtyrer durch das brutale Klassenurteil der sich in ihren Vorrechten bedroht fühlenden Großen.

So kreuzigt man noch jeden,

Der von Freiheit und Gleichheit spricht.

Das konnten sie niemals vertragen

Und können's noch immer nicht.

Nein, sie konnten's vor zwei Jahrtausenden nicht vertragen und ebenso wenig heute. Die Lehre der Armen und Unterdrückten ist heute eine andere sie ist den modernen Verhältnissen angepaßt.

Aber der Haß derjenigen, die sich durch die neue Lehre vom Sozialismus in ihren Klassenvorrechten bedroht fühlen, ist genau der⸗ selbe wie der Haß der Großen und Mächtigen vor fast zwei Jahrtausenden, als Jesus von Nazareth seine neue Lehre verkündigte.

Ebenso wenig wie damals kann man in heutiger Zeit eine Lehre unterdrücken. Man kann ihr Schwierigkeiten bereiten, ihre Ver⸗ kündiger von Land zu Land hetzen, sie in die Gefängnisse sperren. Man konnte sogar die neue Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit zahllosen Paragraphen ans Kreuz fesseln, aber töten kann man sie nicht.

Es ist für den jugendfrischen Sozialismus auch unbequem, gefesselt zu sein. Aber die Fesseln halten sein Wachstum nicht auf. Die Fessel⸗Paragraphen sind von Kautschuk sie geben nach.

Und kräftig entwickelt sich der gefesselte Sozialismus. Angsterfüllt beobachten ihn die für ihren Geldsack zitternden Kulturbremser. Und wenn sie jedesmal, sobald sich der gefesselte Geselle reckt, feststellen müssen, daß er sich wiederum prächtig entwickelt hat, dann schreien sie nach neuen Fessel⸗ Paragraphen, extra für den Sozialismus zugeschnittenen, die nicht nach⸗ geben, nicht gestatten, daß sich der gefesselte kräftige Geselle weiter auswächst.

Die kurzsichtigen Thoren!

So gewiß der Frühling den Winter besiegt, so gewiß wird auch der Sozialismus den Kapi⸗ talismus besiegen, die Freiheit die Knechtschaft, die Gerechtigkeit das Unrecht.

Der gefesselte Jüngling Sozialismus wird weiter wachsen und gedeihen und eines schönen Tages, wenn er zum Mann geworden, wird er die muskulösen Glieder dehnen und lachend die Gummifesseln abstreifen.

Dann ist unser Ostern! Freiheit auferstehen.

Dann wird die

Zur Agrarfrage. III. Der Schutz des ländlichen Proletariats.

Es war vorauszusehen, daß Kautskys Werk in der bürgerlichen Presse eine mehr oder weniger abfällige Beurteilung erfahren würde. Nach der Ansicht unserer bürgerlichen Sozialpolitiker ist die gegenwärtige Gesellschaftsordnung für die Ewigkeit geschaffen. Sie können zwar nicht leugnen, daß die menschliche Gesellschaft bis zur

Siehe Nr. 8 und Nr. 11 der Mitteld. S.⸗Ztg.

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Gegenwart verschiedene politische und ökonomische Wandlungen durchgemacht hat; allein jetzt soll plötzlich jede weitere Entwickelung der Gesellschaft unmöglich sein. Es bedarf keines weiteren Nach⸗ weises, um die Unhaltbarkeit und Hinfälligkeit einer solchen Behauptung darzulegen; sie schlägt jeder geschichtlichen Erfahrung ins Gesicht. So können nur Leute sprechen, die meinen, daß wir in der besten aller Welten leben. Sie wagen zwar nicht zu bestreiten, daß das arbeitende Volk vielfach in elenden Verhältnissen lebt, glauben aber an eine Besserung dieser Verhältnisse durch sozialreformerische Maßnahmen, Maßnahmen, die das Uebel zu beseitigen nicht imstande sind, weil sie nicht bis an seine Wurzel herangehen. Vor allem ist diesen Leuten das Eigentum heilig; wobei zweifelhaft bleibt, ob es bei dem verschul⸗ deten Grundbesitz das Eigentum des Grund⸗ besitzers oder das Eigentum des Hypotheken⸗ gläubigers ist, das geschützt werden soll.Nicht die völlige Vernichtung des Privateigentums wollen wir, sagt der Kritiker des Kautskyschen Werkes in der freisinnigen BerlinerVolks⸗ Zeitung(Nr. 109 vom 5 März 1899):Nein, wir wollen die Zahl derer vermehren, die durch den Besitz eines privaten Eigentums die Zahl der freien(2) Bürger vermehren. Und in der NaumannschenHilfe(Nr. 10, 1899) schreibt A. Pohlmann:Den modernen, zu seinem Rechts⸗ bewußtsein erwachten Menschen ohne Zwang auf dem Lande zu erhalten, giebt es nur ein Mittel, das ist der Besitz, oder wenigstens die Hoff⸗ nung(), ihn zu erwerben. Man will also die Landleute an die Scholle fesseln, indem man ihnen vorredet, sie seien dortfreie Bürger, oder indem man in ihnen auch nur die Hoff⸗ nung weckt, einmal Besitz zu erwerben. Wie ehrlich!

Was vermag nun nach Kautsky die Sozial⸗ demokratie der Landbevölkerung, und zwar zunächst dem ländlichen Proletariat, zu bieten? Die Politik der Sozialdemokratie auf dem Gebiete der Landwirtschaft kann ihrem Wesen nach keine andere sein, als ihre Politik auf dem Gebiete der Industrie; freilich muß sie dabei die Eigen⸗ tümlichkeiten der Landwirtschaft berücksichtigen. Vor allem lastet auf der ländlichen Arbeiter⸗ klasse, dem Gesinde, Taglöhner, Instleuten, die Gesindeordnung. Für diese ist z. B. in Preußen die Verabredung der Arbeitseinstellung verboten. Das Koalitionsrecht ist aber eins der wichtigsten Grundrechte der Arbeiter; nicht minder die Frei⸗ zügigkeit, welche die Auswanderung aus dem Lande und die Abwanderung in die Städte ge⸗ stattet. Hiergegen richtet sich der Haß der Agrarier, die den Landarbeiter an die Scholle fesseln wollen.

Nicht minder wichtig im Interesse des länd⸗ lichen Proletariats ist der Kinderschutz. Kinder von 1015 Jahren müssen von 4 oder 5 Uhr morgens bis abends 9 Uhr arbeiten und bei dieser unmenschlich langen Arbeitszeit die nötige Nachtruhe entbehren. Unter der übermäßigen Ausdehnung der Arbeitszeit leidet die körperliche Entwickelung der Kinder. Nicht selten sind Kinder schon mit dem sechsten Jahre zur Lohnarbeit in der Landwirtschaft eingespannt. Mit am schlimmsten sind die Zustände aus den Rübenplantagen, wo Kinder von 6 bis 12 Jahren täglich 12 bis