Ausgabe 
1.10.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 40.

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Uunterhaltungs⸗Ceil.

* Strophen aus der Fremde.

Ich möchte hingehn, wie das Abendrot

Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten O leichter, sanfter, ungefühlter Tod!

Mich in den Schooß des Ewigen verbluten.

Ich möchte hingehn, wie der heitre Stern, Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken; So stille und so schmerzlos möchte gern

Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

Ich möchte hingehn, wie der Blume Duft, Der freudig sich dem schönen Kelch entringet Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget. Ich möchte hingehn, wie der Thau im Thal, Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken; O wollte Gott wie ihn der Sonnenstrahl, Auch meine lebensmüde Seele trinken!

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Ich möchte hingehn, wie der bange Ton,

Der aus den Saiten einer Harfe dringet,

Und kaum dem irdischen Metall entfloh'n,

Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget.

Du wirst nicht hingehn, wie das Abendrot,

Du wirst nicht stille, wie der Stern versinken,

Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,

Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.

Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,

Doch wird das Elend deine Kraft erschwächen;

Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,

Das arme Menschenherz muß stückweis brechen. G. Herwegh.

Michael Kohlhaas.

Historische Erzählung von H. von Kleist. (11. Fortsetzung.)

Die Dame, als sie dies hörte, sagte:kommt, unn bie Herr, kommt! und versteckte die ette, die ihm vom Halse herabhing, schäkernd in seinen seidenen Brustlaß:laßt uns ehe der Troß nachkömmt in die Meierei schleichen, und den wunderlichen Mann, der darin übernachtet, betrachten! Der Kurfürst, indem er errötend ihre Hand ergriff, sagte: Heloise! was fällt euch ein? Doch da sie, indem sie ihn betreten ansah, versetzte: daß ihn ja in der Jägertracht, die ihn decke, kein Mensch erkenne! und ihn fortzog; und in eben diesem Augenblick ein Paar Jagdjunker, die ihre Neugierde schon be friedigt hatten, aus dem Hause heraus traten, versichernd, daß in der That, vermöge einer Veranstaltung die der Landdrost getroffen, weder der Ritter noch der Roßhäudler wisse, welche Gesellschaft in der Gegend von Dahme versammelt sei: so drückte der Kurfürst sich den Hut lächelnd in die Augen, und sagte:Thorheit du regierst die Welt, und dein Sitz ist ein schöner weib licher Mund!

Es traf sich, daß Kohlhaas eben mit dem Rücken gegen die Wand auf einem Bund Stroh saß, und sein ihm in Herzberg erkranktes Kind mit Semmeln und Milch fütterte, als die Herr⸗ schaften um ihn zu besuchen in die Meierei traten; und da die Dame ihn, um ein Gespräch einzuleiten, fragte: wer er sei? und was dem Kinde fehle? auch was er verbrochen und wohin man ihn unter solcher Bedeckung abführe? so zückte er seine lederne Mütze vor ihr, und gab ihr auf alle diese Fragen, indem er sein Ge⸗ schäft fortsetzte, unreichliche aber befriedigende Antwort. Der Kurfürst, der hinter den Jagd- junkern stand, und eine kleine bleierne Kapsel, die ihm an einem seidenen Faden vom Halse herabhing, bemerkte, fragte ihn, da sich grade nichts Besseres zur Unterhaltung darbot: was diese zu bedeuten hätte und was darin befind- lich wäre? Kohlhaas eswiderte:ja, gestrenger Herr, diese Kapsel! und damit streifte er sie vom Nacken ab, öffnete sie und nahm einen lleinen mit Mundlack versiegelten Zettel heraus mit dieser Kapsel hat es eine wunderliche Bewandniß! Sieben Monden mögen es etwa sein,

genau am Tage nach dem Begräbniß meiner Frau, und von Kohlhaasenbrück, wie euch viel⸗ leicht bekannt sein wird, war ich aufgebrochen, um des Junkers von Tronka, der mir viel Un⸗ recht zugefügt, habhaft zu werden, als um einer Verhandlung willen, die mir unbekannt ist, der Kurfürst von Sachsen und der Kurfürst von Brandenburg in Jüterbock, einem Markt⸗ flecken, durch den der Streifzug mich führte, eine Zusammenkunft hielten; und da sie sich gegen Abend ihren Wünschen gemäß vereinigt hatten, so gingen sie in freundschaftlichem Ge⸗ spräch durch die Straßen der Stadt, um den Jahrmarkt, der eben darin fröhlich abgehalten ward, in Augenschein zu nehmen. Da trafen sie auf eine Zigeunerin, die auf einem Schemel sitzend dem Volk das sie umringte, aus dem Kalender wahrsagte und fragte, und fragten sie scherzhafter Weise: ob sie ihnen nicht auch etwas, das ihnen lieb wäre, zu eröffnen hätte? Ich, der mit meinen Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen, und auf dem Platz wo dieser Vorfall sich zutrug, gegenwärtig war, konnte hinter allem Volk, am Eingang der Kirche wo ich stand, nicht vernehmen was die wunderliche Frau den Herren sagte! dergestalt, daß, da die Leute lachend einander zuflüsterten, sie teile nicht Jedermann ihre Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen das sich bereitete, sehr bedrängten, ich weniger neugierig in der That, als um den Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im Kirchen⸗ eingange ausgehauen war. Kaum hatte ich bon diesem Standpunkt aus mit völliger Freiheit der Aussicht die Herrschaften und das Weib, das auf dem Schemel vor ihnen saß und etwas aufzukritzeln schien, erblickt: da steht sie plötzlich auf ihre Krücken gelehnt, indem sie sich im Volk umsieht, auf: faßt mich, der nie ein Wort mit ihr wechselte, noch ihrer Wissenschaft Zeit seines Lebens begehrte, ins Auge; drängt sich durch den ganzen dichten Auflauf der Menschen zu mir heran und spricht:da! wenn es der Herr wissen will, so mag er dich danach fragen! Und damit, gestrenger Herr, reichte sie mir mit ihren dürren knöchernen Händen diesen Zettel dar. Und da ich betreten, während sich alles Volk zu mir anwendet, spreche: Mütterchen, was auch verehrst du mir da? antwortete sie nach vielem unvernehmbaren Zeug, worunter ich jedoch zu meinem großen Befremden meinen Namen höre:ein Amulet, Kohlhaas der Roßhändler; verwahr es wohl, es wird dir dereinst das Leben retten! und verschwindet. Nun! fuhr Kohlhaas gutmütig fort:die Wahrheit zu gestehen, hat's mir in Dresden, so scharf es herging, das Leben nicht gekostet; und wie es mir in Berlin gehen wird, und ob ich lehr dort damit bestehen werde, soll die Zukunft ehren.

Bei diesen Worten setzte sich der Kurfürst auf eine Bank; und ob er schon auf die betretene Frage der Dame: was ihm fehle antwortete: nichts, gar nichts! so fiel er doch schon ohn⸗ mächtig auf den Boden nieder, ehe sie noch Zeit hatte ihm beizuspringen, und in ihre Arme aufzunehmen. 5

Der Ritter von Malzahn, der in eben die⸗ sem Augenblick eines Geschäfts halber inls Zimmer trat, sprach: heiliger Gott! was fehlt dem Herren? Die Dame rief: schafft Wasser her! Die Jagdjunker hoben ihn auf, und trugen ihn auf ein im Nebenzimmer befindliches Bett; und die Bestürzung erreichte ihren Gipfel, als der Kämmerer den ein Page herbeirief nach mehreren vergeblichen Bemühungen ihn ins Leben zurückzubringen, erklärte: er gebe alle Zeichen von sich, als ob ihn der Schlag ge⸗ rührt! Der anddrost, während der Mundschenk einen reitende! Boten nach Luckau schickte, um einen Arzt herbeizuholen, ließ ihn, da er die Augen anfschlug in einen Wagen bringen, und Schritt vor Schritt nach seinem in der Gegend befindlichen Jagdschloß abführen; aber die Reise zog ihm nach seiner Ankunft daselbst zwei neue Ohnmachten zu: dergestalt, daß er sich erst spät am andern Morgen bei der Ankunft des Arztes aus Luckau, unter gleichwohl ent⸗

scheidenden Symptomen eines herannahenden Nervenfiebers, einigermaßen erholte.

Sobald

er seine Sinne mächtig gewordee war, richtete er sich halb im Bette auf, und seine erste Frage war gleich: wo der Kohlhaas sei? Der Kämmerer, der seine Frage mißverstand, sagte, indem er seine Hand ergriff: daß er sich dieses entsetzlichen Menschen wegen beruhigen möchte, indem derselbe, seiner Bestimmung gemäß, nach jenem sonderbaren und unbegreiflichen Vorfall in der Meierei zu Dahme, unter brandenburgischer Bedeckung zurückgeblieben wäre. Er fragte ihn, unter der Versicherung seiner lebhaften Teil⸗ nahme und der Beteuerung, daß er seiner Frau, wegen des unverantwortlichen Leichtsinns ihn mit diesem Mann zusammenzubringen, die bittersten Vorwürfe gemacht hätte: was ihn denn so wunderbar und ungeheuer in der Unterredung mit demselben ergriffen hätte? Der Kurfürst sagte: er müsse ihm nur gestehen, daß der Anblick eines nichtigen Zettels, den der Mann in einer bleiernen Kapsel mit sich führe, Schuld an dem ganzen unangenehmen Zufall sei, der ihm zugestoßen. Er setzte noch mancherlei zur Erklärung dieses Umstands, das der Kämmerer nicht verstand, hinzu; versicherte ihn plötzlich, indem er seine Hand zwischen den seinigen drückte, daß ihm der Besitz dieses Zettels von der äußersten Wichtigkeit sei; und bat ihn, unverzüglich aufzusitzen, nach Dahme zu reiten, und ihm den Zettel um welchen Preis es immer sei von demselben zu erhandeln. Der Kämmerer, der Mühe hatte seine Verlegen⸗ heit zu verbergen, versicherre ihn: daß, falls dieser Zettel einigen Wert für ihn hätte, nichts auf der Welt notwendiger wäre, als dem Kohl⸗ haas diesen Umstand zu verschweigen; indem,

sobald derselbe durch eine unvorsichtige Aeußerung

Kenntniß davon nähme, alle Reichtümer, die er besäße, nicht hinreichen würden, ihn aus den Händen dieses grimmigen, in seiner Rachsucht untersättlichen Kerls zu erkaufen. Er fügte, um ihn zu beruhigen, hinzu, daß man auf ein anderes Mittel denken müsse, und daß es viel⸗ leicht durch List, vermöge eines Dritten ganz Unbefangenen, indem der Bösewicht an und für sich nicht sehr daran hänge, möglich sein würde, sich den Besitz des Zettels, an dem ihm so viel

gelegen sei, zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.)

Sprüche zur Lebensweisheit.

In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor. Daher ist jene die Zeit der Poesie, dieses mehr für Philosophie. Auch praktisch läßt man sich in der Jugend durch das Angeschaute und dessen Eindruck, im Alter durch das Denken bestimmen.

Schopenhauer.

Jeder muß den Mut einer Meinung haben. A. v. Humboldt.

* Das Leben braucht nicht nur Kenntnisse, es braucht auch Gedanken, Willen und That. Herder.

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Neu eingelaufene Schriften.

Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor.

Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Eine Antikritik von Karl Kautsky. VIII und 195 Seiten gr. Oktav. Verkag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart. Inhalts-Ver⸗ zeichnis: Vorwort. Einleitung. I. Die Me⸗ thode. a) Die materialistische Geschichts auff assung. b) Die Dialektik.) Der Wert. II. Das Pro⸗ gramm. a) Die Zusammenbruchstheorie. b) Groß⸗ betrieb und Kleinbetrieb. c) Die Zunahme der Be⸗ sitzenden. d) Die Aktiengesellschaften. e) Die Verwen⸗ dung des Mehrwerts. f) Die Verelendungstheorie. g) Der neue Mittelstand. h) Die Krisentheorie. i) Die Formu⸗ lierung des Programms. III. Die Taktik. a) Politik und Oekonomie. b) Selbstständige oder un⸗ selbstständige Politik. c) Dürfen wir siegen? Ebenso wie s. Z. das Bernsteinsche Buch empfehlen wir jetzt bestens die Antikritit Kautskys. Nur wer beide Bücher gelesen hat, wird im Stande sein, sich ein klares Bild von den taktischen Streitfragen innerhalb der Partei zu machen. Das Buch erscheint in zwei Ausgaben, die billigere kostet M. 1. und ist durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen.

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