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Witteldeutsche Sonutags⸗Zeitung
Nr. 39.
Demokraten war das Resultat der Wahlen leider ein ungünstiges. Vor allem ließen sie es an einer genügenden Regsamkeit und Agitation fehlen. Höchst bemerkenswert ist das gewaltige Anwachsen der Sozialdemo⸗ kraten. Nicht nur, daß sie ihre beiden bis⸗ herigen Mandate schon im ersten Wahlgange glänzend behaupteten, sie gelangten auch bei vier der fünf erforderlichen Nachwahlen in eine so gute Posttion, daß in zweien davon ihr Sieg sich geradezu als sicher und in den beiden anderen als sehr möglich darstellt.“ 0
Ein böser Skandal
ist in Mannheim aufgekommen. Wie unser Mannheimer Parteiblatt mitteilt, wurde im dortigen Arbeiterfortbildungsverein, der nicht von Arbeitern, sondern von einem bürger⸗ lichen Stadtrat und Landtagsabge⸗ ordneten präsidiert wird, eine große Unterschlagung aufgedeckt. Etwa 10 000 Mk. sind durch den Kassierer, Schneidermeister Peter Krämer unterschlagen worden; nur ein Pfand⸗ schein im Betrage von 500 Mk. und etwa 30 Mk. bares Geld sind noch vorhanden. Die Unterschlagungen sollen seit etwa 10 Jahren her datieren. Dieser Tage wurden die Hauptgeschädigten der Sparkasse zu einer Be⸗ sprechung eingeladen, wo man diese Leute be⸗ schwichtigen wollte. Der Vorsttzende, Vogel, soll den Vorschlag gemacht haben, die Sache zu vextuschen und zu besser situierten Bürgern zu gehen um von diesen Geld zur Deckung der Unterschlagung zu erbitten.— Diesem sehr eigentümlichen Vorschlage konnte nicht entsprochen werden, da einer der Geschädigten Anzeige er⸗ stattete, worauf der Kassierer Krämer, der 35 7 dieses Amt verwaltet, verhaftet wurde.
Sozialdemokraten im dänischen Oberhaus.
Nach den letzten Wahlresultaten zum däni⸗ schen Landsthing(Oberhaus) wird dieses in Zukunft vier Sozialdemokraten zu seinen Mitgliedern zählen. Es sind die Genossen C. Andersen und Chr. Christtansen, gewählt in Kopenhagen, Levinsky, gewählt in Röskilde auf Seeland und Harald Jensen, gewählt in Randers(Ostjütland). Andersen war bisher der einzige Vertreter der Sozial⸗ demokratie im dänischen Oberhaus. ppc f—c—f— c r
von Rah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Zum Abschied sagen wir auch an dieser Stelle allen unseren Mitarbeitern, und Korrespondenten und Abonnenten herzlichen Dank für ihre uns gewärte Unterstützung und bewiesene Sympathie.
Wir bitten sie alle, das gleiche Wohlwollen unserem neuen Blatte, der„Oberhessischen Volks⸗ zeitung“ zuzuwenden und ihr die gleiche Unter⸗ stützung angedeihen zu lassen. Die Volkszeitung wird sein, was die Mitteldeutsche war: eine Kämpferin für die Rechte und Interessen des werktätigen Volkes! Wenigstens mit einem Worte noch müssen wir den Genossen David und Scheidemann gedenken, die ihre Kraft dem Blatte widmeten und denen es in erster Linie mit zu danken ist, wenn unsere Bewegung in diesem Bezirke auf die jetzige Stufe gebracht wurde. Arbeiten wir nun rüstig weiter!
— Unser neues Tageblatt, die
Oberhessische Volkszeitung“, hat überall in den Kreisen der arbeitenden Bebölke⸗
rung die freundlichste Aufnahme gefunden. Obwohl die Probenummern in großer Auflage hergestellt wurden, reichten sie nicht aus, die Nachfrage zu befriedigen. Auch bezüglich des Inhalts äußerten sich unsere Parteifreunde in günstigem Sinne bis auf einige kleinere Wünsche, die selbstverständlich Berücksichtigung finden werden.— Das Amtsblatt sowohl, wie die „unpartetischen“ Neuesten Nachrichten wenden die Wanzen⸗Taktik an— sie haben noch mit keiner Silbe das neue Blatt erwähnt. Nun, deshalb existiert letzteres doch und wird sich hoffentlich kräftig weiter entwickeln.
f. Im Wahl verein sprach am Samstag Genosse Schreiber über„Die englische Revo⸗ lutton bis zur Hinrichtung Karls 1.“ Die englische Geschichte und besonders diese Periode derselben ist in der deutschen Arbeiterschaft fast vollständig unbekannt. In der Schule wird darüber nichts oder wenig ie und wenn man sich in die Geschichte Englands vertieft, weiß man auch warum. Denn durch diese geht schon seit dem Mittelalter ein freiheitlicher Zug. Schon im Jahre 1215 erhielt England eine Verfassung. Wie in anderen Ländern mußte ste auch in England den Herrschenden gewaltsam entrissen werden. Diese strebten nun dahin, ste wieder zu beseiligen und darin waren die herrschenden Häuser der Anjou, Lancaster, Tudor und Stuart vollkommen einig. Karl I., der aus letzterem stammte, versuchte die Ver⸗ fassung abzuschaffen und regierte 11 Jahre ohne Parlament. Er unterlag in den Kämpfen egen das Parlament und verlor schließlich den Kopf. England erklärte sich zur Republik.— Genosse Schreiber verstand es vortrefflich, diesen Ge⸗ schichtsabriß den Zuhörern zugänglich zu machen und erntete reichen Beifall.— In der nächsten Versammlung wird Fourier über„Die Ziele der Konsumvereinsbewegung“ sprechen.
— Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen verhandelte am Montag gegen den verheirateten Schmied Johs. Keßler aus Steinbach wegen Notzuchtsversuch. Die Ver⸗ handlung fand bei verschlossenen Türen statt. Der Angeklagte ist geständig, eines Abends im Jult in der Süd⸗Anlage in Gießen ein 16 jähr. Mädchen unstttlich angegriffen zu haben, doch will er zur Zeit der Tat betrunken gewesen sein. Der Staatsanwalt trat für Bejahung der Schuldfrage ein, während der Verteidiger Rechtsanwalt Grünewald nur tätliche Beleidi⸗ gung für vorliegend erachtete. Die Geschworenen erkannten auf schuldig und das Gericht verur⸗ teilte den Angeklagten zu 8 Monaten Gefängnis.
Wegen Meineid standen am Dienstag die Eheleute Ruckelshausen aus Ehrings⸗ hansen(Kr. Alsfeld) vor den Geschworenen. Die Anklage ist die Folge einer Prozesstererei, wie ste öfters auf dem Lande geführt werden. Die Verhandlung endigt mit der Freisprechung der Angeklagten.
Am Mittwoch wurde wiederum ein Not⸗ zuchtsversuch verhandelt, dessen der vtelfach vorbestrafte Tagelöhner Chr. Streumer aus Lorbach angeklagt ist. Er griff am 22. Juli ein 14 jähriges Mädchen auf der Straße bei Büdingen an. Er wird unter Zu⸗ billigung mildernder Umstände zu 8 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt.
Donnerstag wird gegen den C. Schwab wegen Meineids verhandelt. Die Verhandlung, die sich bis spät abends ausdehnt, endet mit der Verurteilung des Angeklagten zu 1 Jahr Zuchthaus.
— Der Konsumverein für Gießen und Umgebung hält nächsten Sonntag seine Generalversammlung im Saale des Einhorn ab. Auf der are steht außer den Ver⸗ waltungsberichten Beschlußfassung über die Höhe der Rückvergütung sowie Genehmigung des An⸗ kaufs der beiden Häuser im Asterweg. Die Versammlung beginnt um 3 Uhr.
— Wenigstens etwas. Die Tabak- und Zigarrenfabrik Phil. Gail hat eine kleine Erhöhung der Löhne für ihre Zigarrenarbeiter eintreten lassen. Viel ist's zwar nicht, und die gedrückte Lage der Tabakarbeiter, deren Löhne weit hinter denen anderer Berufe zurückstehen, wird damtt nicht viel gebessert. Aber wenigstens wird die Notwendigkeit einer Lohnaufbesserung anerkannt. Warum konnte denn nicht schon vorher etwas zugelegt werden, müssen die Ar⸗ beiter denn immer erst streiken, bevor ste einen Pfennig mehr bekommen?
Aus dem Nreise gießen.
r. Alten⸗Buseck. Wie wir von zuberlässiger Seite erfahren, soll nun hier dem langgehegten Wunsche, eine neue Baufluchtlinie unterhalb des Ortes zu eröffnen, entsprochen werden. Wir begrüßen diese Maß⸗ nahme nicht allein als einen kommunalen Fortschritt, sondern auch deshalb, als es dadurch teilwelse ermöglicht ist, der willkürlichen privaten Bodenspekulation das
Wasser abzugraben. Daß unter den derzeitigen Ver⸗ hältnissen niemand daran denken konnte, sich ein eigenes Heim zu gründen, ohne in die teilweise geradezu wuche⸗ rischen Fangarme einer kleinen Gesellschaft von glücklichen Befltzern zu geraten, hat schon mancher erfahren müssen. Hoffen wir, daß sich der Vater Staat, der Besitzer des in Frage stehenden Geländes, in dieser Weise etwas zuvorkommender zeigt, umsomehr, als er ja selbst ein großes Interesse daran hat, daß die Wohnungsfrage, eine Lebensfrage des Volkes, bald gelöst werde. So sehr wir sonst überzeugt find, daß beim Staat nehmen seliger denn geben ist, verlieren wir hier doch nicht alle Hoffnung auf ein wenig Entgegenkommen,
Harbach. Für Sonntag, den 30. September, war hier eine Zusammenkunft geplant, zu welcher die Wiesecker Arbeitersänger eintreffen und gesanglich mit⸗
wirken wollten. Eingetretener Hindernisse wegen ist die
Veranstaltung auf nächsten Sonntag, den 6. Oktober, verschoben. Die Parteifreunde in den Orten der Um⸗ gebung werden ersucht, recht zahlreich am Platze zu sein,
damit auch in unserm entlegenen Oertchen unsere Sache
gefördert werde.
Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen.
r. Unfall beim Turnen. In Büdes⸗ heim stürzte am Sonntag vor acht Tagen der 15 Jahre alte Turner Wagner auf dem Turn⸗ platz von dem Barren und brach den Arm. Anf Anraten des Herrn Dr. Dalquen ging derselbe nach Gießen in das Spital, kam aber, nachdem er verbunden worden war, am selben Tage zurück. Am Donnerstag morgen stellte sich bet dem jungen Mann Starrkrampf ein; er wurde sofort nach Hanau in das Land⸗ krankenhans gebracht, wo er kurz nach der Ankunft star b. Hätte der junge Mann in der Gießener Klinik Aufnahme gefunden, wäre sein Leben vielleicht erhalten geblieben.
Aus dem Nreise Wetzlar.
* Das furchtbare Unglück, das sich vorige Woche in der Röhrengießeret der Sophienhütte ereignete,
hat bereits ein Opfer gefordert. Der Former Chr. Han s
aus Hermannstein ist seinen schweren, durch flüssiges Eisen herbeigeführten Brandverletzungen erlegen. Wie es mit den übrigen steht, konnten wir bisher nicht er⸗ fahren.— Die Ursache des Unfalles wird hoffentlich von der Behörde gründlich untersucht und durch geeignete Schutzmaßregeln dafür gesorgt, daß die erschreckend große Zahl Unfälle, die in diesem Betriebe vorkommen, ver⸗ mindert wird.
X Stadtverordneter K. Flörsheim hat sein Stadtverordneten-⸗ Mandat aus Gesundheits⸗Rücksichten niedergelegt.
h. Die Saalbesitzer in Wetzlar haben sich bis⸗ her immer von„oben“ dahin beeinflussen lassen, daß sie unserer Partei ihre Lokale zu Versammlungen nicht zur Verfügung stellten. Herr Dietz, der seinen Saal früher herzugeben versprach, tat's in letzter Zeit auch nicht mehr. Die Arbeiter sollen sich nur dementsprechend verhalten, dann werden die Herren schon zur Einsicht kommen. Der Pächter des„Römischen Kaiser“ sieht schon, daß ihn die sog.„bessere Gesellschaft“, auf die er reflektierte, auch im Stich ließ und gibt das Lokal. am 1. Oktober auf.
h. Der Wetzlar⸗Braunfelser Kon sum⸗ verein hält nächsten Sonntag seine Generalversamm⸗ lung in Braunfels ab. Die Mitglieder sollten sich dazu zahlreich einfinden, denn sie haben doch alles In⸗ teresse daran, daß der Verein so geleitet wird, daß er allen Vorteile bringt. Gegenwärtig bleibt manches zu wünschen übrig, weil sich die Mitglieder zu wenig darum bekümmern.
* Welche„Objektivität“ das Wetzlarer Kreis⸗ blatt unserer Partei gegenüber bekundet, geht aus einer Notiz über den Parteitag hervor, die es in der Montags⸗ nummer bringt. Ueber die Frauenkonferenz am Samstag setzt es seinen Lesern folgendes vor:
„Am Samstag vorher waren bereits die Genossinnen in Mannheim zu löblichem Tun vereinigt, als Gäste waren zahlreiche russische und polnische Genossinnen erschienen. Die blutige„Rosa“, die Rosa Luxemburg, die die russische Polizei vor einigen Tagen laufen ließ, die sich jetzt aber wegen einer Brandrede auf dem vorjährigen Parteitage in Jena vor einem deutschen Gericht zu verantworten hat, war am Samstag noch nicht anwesend, wird aber sicherlich nicht ausbleiben. Ist doch Frau Rosa unter den Genossinnen, was August Bebel unter den Genossen ist, unbedingte Autorität, der sich jedermann zu fügen hat, wenn er nicht„fliegen“ will.“
Welch' eine gehässige und blödsinnige Schmiererei! Man merkt dem edlen Blatte ordentlich das Bedauern an, daß die mutige Frau den Zarenschergen nicht zum Opfer gefallen ist. Und im Uebrigen tritt die ganze Borniertheit zu tage, die Amtsblättern in bezug auf die Sozialdemokratie eigen ist.


