Nr. 39.
Gießen, den 30. September 1906.
13. Jahrgang.
Redaktion: ürchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Die Mitteldeutsche
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Saat und Ernte.
Es wogt des Nornes gold'nes Meer, Die Winde wehen leise.
Der Schwalben leicht beschwingtes Heer Schon rüstet sich zur Reise!
Wer in der Erde Schoss versenkt
Den guten Keim, den echten,
Der wird mit Früchten reich beschenkt Den Kranz der Ernte flechten.
Wer Swietracht nur und Völkerhaß Im Mlenschenherzen nähret,
Dem Dolke ohne Unterlaß
Das Waffenhandwerk lehret;
Der sät den Krieg, er möge bang Vor seiner Ernte zittern,
Sie künden Tod und Untergang Mit brausenden Gewittern.
Doch wer der Freiheit edle Saat
In's Herz der Menschen säet,
Wer immer treu in Wort und Tat Für Recht und Wahrheit stehet,
Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage,
Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage!
Schluß!
Mit der vorliegenden Nummer muß die „Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ von ihren Lesern Abschie d nehmen. Sie be⸗ endet damit ihren 128/ jährigen Lebenslauf. Das ist in der im Allgemeinen kurzlebigen Zeitungswelt zwar ein ganz respektables aber immerhin kein hohes Alter. Doch darf unsere Mittel dentsche wohl sagen, daß ihr Leben nicht verloren und vergeblich war. Sie hat die ihr zugewiesene Aufgabe nach besten Kräften zu er⸗ füllen gesucht und erfüllt. Der von ihr seit dem Dutzend Jahren ausgestreute Samen ist auf⸗ gegangen und zum großen Teil recht prächtig in die Halme geschossen, wenn auch gewiß manche Körner in dem steinigen Boden zu grunde gingen und andere den schwarzen Krähen zum Opfer ftelen. Und nicht die Krankheit, die so viele Zeitungswesen dahinrafft, nicht unheilbare Abon⸗ nentenschwindsucht ist es, der unser Blatt er⸗ liegt, sondern freiwillig stirbt es eines fröhlichen Todes, um der stärkeren Tochter Platz zu machen!
In ihrem Leben war ste zwar durchaus nicht auf Rosen gebettet und mehr als einmal in der ersten Zeit saß ihr das Messer an der Kehle. Doch immer wieder erbarmten sich ihre Freunde und beschützten sie. Wie alle sozial⸗ demokratischen Blätter hatte auch die Mittel⸗ deutsche die größten Schwierigkeiten durchzu⸗ kämpfen. Sie stellten sich sofort ein, als sie Genosse Dr. David 1894 ins Leben gerufen hatte, und das Schlimmste war jedenfalls noch, daß ihr im eigenen Parteilager Widersacher er⸗ standen. Freund David hat damals schwere
Zeiten durchlebt. Er war noch Staatsange⸗ stellter, Oberlehrer an der Gießener höheren Schule und durfte von seiner soztaldemokratischen Redakteur⸗Tätigkeit nach außen hin nichts merken lassen, er wäre sonst natürlich augen⸗ blicklich seiner Stellung verlustig gegangen. Nur verstohlen und mit aller nötigen Vorsicht wurden die Manufkripte zur Post gebracht, da⸗ mit der Verfasser sich nicht verriet. Den Druck besorgte nämlich die Frankfurter Druckerei Schmidt& Kobisch, wo auch die Frkftr.„Volks⸗ stimme“ hergestellt wurde. In Gießen fand sich damals kein Drucker, der die Herstellung der Mitteldeutschen übernehmen wollte, alle fürchteten, deshalb von„oben“ scheel angesehen und geschäftlich geschädigt zu werden, oder aber dabet Geld einzubüßen. Wenn's jetzt in dieser Beziehung anders geworden ist und die Mittel⸗ deutsche mit Leichtigkeit Unterkunft finden würde, so ist auch das ein Zeichen von dem Wachstum unserer Bewegung, sowie dem Vertrauen, das die Partei genießt.
Ja, die sozialdemokratische Bewegung ist gewachsen und stark geworden, wie allgemein im Reiche, so auch in unserm Bezirke. Dafür bieten die für unsere Partei abgegebenen Stim⸗ menzahlen den besten Beweis. Von 1,7 Millionen Stimmen im Jahre 1893 brachten wir es 1903 in Deutschland auf über drei Millionen. Und im Kreise Gießen, um nur diesen aus unserm Verbreitungsgebiete herauszugreifen, stiegen wir von 2852 auf 6025, weit über das Doppelte!
Wir haben ein Recht, uns dieses Wachstums zu freuen, das allerdings noch gesteigert werden muß. Mögen die Gegner immerhin von Rück⸗ gang faseln, vom„absteigenden Ast“, auf dem die Sozialdemokratie hinabgleite— die Zahlen beweisen uns das Gegenteil! An dieser Auf⸗ wärtsbewegung hat die Presse ihr gut Teil Verdienst und auch die Mitteldeutsche kann sagen, daß sie redlich daran mitgearbeitet hat. Nun aber ist das Werkzeug unzulänglich geworden, das den Bau in die Höhe brachte, wir mußten uns ein neues, besseres zulegen! Viele unserer Freunde, die Leser des Blattes seit seinem Er⸗ scheinen sind, werden es bedauernd vermissen, Aeußerungen in diesem Sinne sind uns bereits mehrfach zugegangen. Doch wir hoffen, daß sie ihre Sympathien seiner Nachfolgerin, der „Oberhessischen Volkszeitung“ zu⸗
nden werden, die eher als die Mitteldeutsche in der Lage sein wird, den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung unseres Verbreitungs⸗ gebietes zu entsprechen.
Darum kein Lebewohl den Freunden und Lesern, wir bleiben ja auch fernerhin bei⸗ sammen, um gemeinsam für unsere große Sacke zu arbeiten! Herzlichen Dank aber ihnen allen für treue Waffenbrüderschaft, für freund⸗ liche Unterstützung! Dank den Mitarbeitern, Dank den Verbreitern, allen, die sich um das Blatt bemühten! Geloben wir, die Volkszeitung in gleicher Weise zu unterstützen, damit sie blühe und gedeihe und dem arbeitenden Volke diene! Lassen wir uns die obigen schönen Worte unseres verstorbenen Freundes Kegel gesagt sein:
Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage,
Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage!
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Der Parteitag in Mannheim
wurde am Sonntag in dem prächtigen städtischen Saalbau„Rosengarten“ eröffnet. Schon in den frühen Abendstunden strömten ungeheure Menschenmassen nach der Richtung des Rosen⸗ gartens, dessen mächtiger, 7000 Personen fassen⸗ der Nibelungensaal lange vor der Eröffnungs⸗ stunde dicht besetzt war. Der vordere Teil des Parterres war für die Delegierten und die sehr zahlreich erschienenen Vertreter der Presse reser⸗ viert, in den Seitengängen aber und auf den kolossalen Galerien drängten sich die Genossen und Genossinnen Kopf an Kopf in zahlloser Fülle. Die Rednertribüne und die Geländer der Estrade waren mit rotem Tuch drapiert. Oben auf dem Emporium stand die Statue der Freiheitsgöttin. Vor ihr hatten auf der Estrade etwa 500 Sänger, die Mitglieder der vereinigten Mannheimer Arbeitergesangvereine, Platz genommen. Der Parteitag ist diesmal stärker als 77 besucht. 367 Delegierte waren schon vor drei Tagen angemeldet, die Zahl dürfte 400 erreichen. Namentlich Nord⸗ und Mitteldeutschland ist stark vertreten. Auch das Ausland ist diesmal stärker als sonst vertreten, ebenso sind mehr Franen anwesend, schon wegen der eben voraufgegangenen Frauenkonferenz. Nachdem die Sänger das von Robert Seidel dem Parteitag gewidmete Lied„Deutsches Volk und deutsche Freiheit“, das von Wendelin Weißheimer komponiert und vom Kompo⸗ nisten selbst dirigiert wurde, vorgetragen hatten, ergriff Genosse Dreesbach zur Begrüßung des Parteitags das Wort. Er bedauerte, daß der Parteitag nicht in dem wunderschönen Musensaal abgehalten werden könne. Mann⸗ heim sei zwar kein parteihistorischer Ort und Marksteine der Parteigeschichte würde man hier vergeblich suchen. Aber auch in der letzten Reihe im Kampfe um Freiheit und Volksrechte habe Mannheim nie gestanden, Mannheim, in dem Friedrich Schillers revolutionärstes Drama „Die Räuber“ zuerst über die weltbedeutenden Bretter ging, Mannheim, dessen Kirchhof die Gebeine des Studenten Sand birgt, der den Zarensöldling Kotzebue mordete, Mannheim, dessen Kirchhof auch die Toten von 1849 birgt, die der damalige Kommandant, der Prinz von Preußen, standrechtlich erschießen ließ. Als Parteiort stehe Mannheim im Geruche des Revistionismus. Nun müßten ja überall die Arbeiter unter den Bedingungen weiterkämpfen, unter denen ste groß geworden seien, aber wenn es gälte, die letzten Ziele zu erstreben, werde die Partei nicht vergebens an das Ehrgefühl der Mannheimer appellieren. Wir durchleben eine politisch bewegte Zeit. In Rußland kämpft das Proletariat seit 1¾ Jahren unerschüttert unter den ungeheuersten Opfern und wir ver⸗ trauen fest darauf, daß es sich zur Freiheit durchringen wird. In Oesterreich wird das Volk schon in der nächsten Zeit einen gewaltigen Schritt vorwärts tun. Wenn hier das deutsche Proletariat zu neuer Beratung zusammentritt — einig trotz des Streites, stets sachlich und unpersönlich—, so ist es entschlossen, sein Ebangelium der Menschwerdung, der Menschen⸗ befreiung auch in die entferntesten Dörfer zu tragen. Hiermit heiße ich den Parteitag will⸗ kommen.
Hierauf ergreift Bebel, von immer neuen
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