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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags-Leitung.
15. Jahrg
Seid wahr in jedem
Ao. 21. Gießen, Honntag, den 27. Mai 1906.
Wissenswertes über unsere b Allerlei. ae e W 2 1 5 0 E* Arbeiterversicherung. Die Verballbornung der Volkslieder fralben will Denker verkennen das Uibel nicht.
A. Krankenversicherung. in der Schule. 5 17717 7 chihel den Zeitgenossen zu— ortsetzung.) Ju der letzten Sitzung des Musikpädago- lten, n der Wende f
5 ö 4 7855 Atemzuge.“— Den Männern sag' ich dies: es
Unterstützung. gaschen Kongresses ipruch Hchulinspertor Fricke git keine Kraft ohne Wahrheit, und den Feugen
Die Unterstützungen und Voraussetzungen, unter denen sie gewährt werden, sind durch das Kassenstatut bestimmt; dieses darf mit dem Ge⸗ setz nicht in Widerspruch stehen.
Aerztliche Behandlung muß dem Nr vom Beginn der Krankheit, so auch Medikamente und kleine Heilmittel, soweit solche vom Arzt verordnet werden, ge⸗ währt werden.
Zahnersatz zu gewähren ist dagegen die
Kasse nicht verpflichtet, ebensowenig künstliche
Gliedmaßen und größere Apparate. Krankengeld.
Spätestens vom dritten Tage, nach dem Tage der Erkrankung, ist dem erwerbsunfähigen Mitgliede ein Krankengeld bis zur Dauer von 26 Wochen zu gewähren.
Das Krankengeld muß mindestens die Hälfte des Durchschnittsverdienstes betragen, welcher der Kasse zugrunde liegt, in welche der Ver⸗ sicherte nach dem Statut gehört.
Bel 12 M. Wochenverdienst gibt es mindestens 6 M.
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als wöchentliches Krankengeld.
Hat der Arbeitgeber den Arbeiter gar nicht oder in eine zu niedrige Klasse gemeldet, so steht dem Mitgliede doch auf alle Fälle Unter⸗ stützung nach dem Kassenstatute zu; letzteres gilt auch bei zu hoher Versicherung.
Wöchnerinnenunterstützung wird auf die Dauer von sechs Wochen vom Tage der Entbindung in der Höhe des Krankengeldes gewährt, jedoch nur dann, wenn innerhalb eines Jahres von der Entbindung zurückge⸗ rechnet eine 26wöchige Mitgliedschaft— wenn auch bei mehreren Kassen— bestanden hat.
Krankenhausbehandlung kann die Kasse, sie muß ste aber nicht gewähren.
Wird ste von der Kasse angeordnet, so hat die Familie Anspruch auf das halbe Krankengeld.
Als Sterbegeld für ein Kassenmitglied wird der awardigfen Betrag des durchschnitt⸗ lichen Tagesverdienstes gewährt. Die Ge⸗ meinde⸗Krankenversicherungen gewähren weder Sterbegeld noch Wöchnerinnenunterstützung. Beiträge und Unterstützungen werden bet diesen nach dem ortsüblichen Tagelohn gewöhnlicher Tageabeiter bemessen.
Die Familienuterstützung ist eine Leistung, die gewährt werden kann, aber nicht gewährt werden muß, ihre Gewährung ist daher meist von einer längeren ununterbrochenen Mit⸗ gliedschaft abhängig gemacht.
Daher ist es, wie oben gesagt, von großem Werte, wenn man sich die Mitgliedschaft un⸗ unterbrochen erhält und auch beim 1 von einer Kasse zur andern keine„Lücke“ läßt.
Wer mindestens 21 Tage ununterbrochen
egen Krankheit versichert war und in den ersten brei Wochen der Erwerbslosigkeit erkrankt, hat bei den Orts⸗, Betriebs⸗ und Innungs⸗Kranken⸗ kassen für seine Person Anspruch anf Kranken⸗ unterstützung, nicht aber auf Sterbegeld. Beschwerderecht. i
Wer Ursache hat, sich über ungenügende F und dergleichen zu beschweren, wende sich zunächst mündlich oder schriftlich an den Kassenvorstand. Gibt dieser berechtigten Beschwerden keine Folge, so wende man sich an die Aufsichtsbehörde der Kasse. Das ist das Bürgermeisteramt oder Kreisamt, in Preußen der Landrat. Gegen eine Hilfskrankenkasse ist die Klage beim Amtsgericht, welches am Stitze der Kasse zuständig ist, anzubringen.
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Hamburg u. a. über Verballhornung der Volks⸗ lieder in der Schule. Aus dem deutschen Schulgesange führte der Redner aus, müsse alles Geistlose entfernt werden. Ein flüchtiger Blick in die Gesanghefte zeige noch immer einzelne geradezu haarsträubende Umänderungen unserer schönsten Volkslieder. So sei in dem Liede vom wilden Jäger der Vers:„Er warf sein Netz wohl über den Strauch, da sprang ein schwarzbraunes Mädchen heraus!“ umgeändert in:„Da sprang ein munteres Hirschlein heraus!“(Heiterkeit.) Das wundervolle Lied: „Küsset Dir ein Lüftelein Wangen und Hände, denke, daß es ein Seufzer sei, den ich zu Dir sende!“ lautet heute in den Schulbüchern; „Denke, daß es Briefe sein, die ich abgesendet!“ (Hört, hört! Große Heiterkeit.) Die Stelle: „Was mag der Traum bedeuten, mein Liebchen, bist Du tot?“ ist verballhornt in:„Was soll das Laub bedeuten, das fahle Sommerlaub?“ (Erneute Heiterkeit.) In einem anderen Liede heißt es: O Mägdelein, wie falsch ist Dein Gemüt!“ Diese Stelle ist einfach gestrichen worden. Das Lied:„An der Saale hellem Strande“ darf überhaupt nicht mehr gesungen werden, weil es darin heißt:„Tücher 929 55 in der Luft!“(Stürmische Heiterkeit.) Auch das Lied:„O Straßburg“ ist aus ähnlichen faden⸗ scheinigen Gründen verpönt. Meint man denn wirklich, mit solchen Streichungen das Erotische aus dem Volkslied beseitigen zu können? Wenn die Jugend aus der Schule kommt, fingt sie einfach:„Der janze Klafter Sießholz kost'n Daler!“(Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Statt:„Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher“ heißt es jetzt in den Liederbüchern: „Bekränzt mit Laub die Hüte und die Mützen! (Große Heiterkeit.) Aber draußen singt die Jugend wie zum Ersatz:„Trinken wir noch 'n Tröpfchen aus dem kleinen Henkeltöppchen!“ (Heiterkeit.)
Wahrheit und Natur.
Die ersten Heilmittel gegen alle Uebel, denen das menschliche Geschlecht unterworfen ist,— also auch die eigentlichsten Mittel, allen diesen Uebeln zuvorzukommen, sind— nun seht zu, wie ihr das Ei auf die Spitze bringt!— sind Wahrheit und Natur. 5
Wir können, auch wenn wir wollten, eines freien, reinen Daseins nicht genießen; denn eine einzige, große, allgemeine, unausweichliche Lüge umgibt uns, die Lüge des gesellschaftlichen Um⸗ ganges. Es ist ein Zwang, der uns von außen kommt,— dem wir nicht wehren können, ja der uns mitunter Achtung abnötigt. Aber ihm noch einen andern selbstauferlegten Zwang, von innen heraus, hinzuzufügen,— das ist eine Torheit, die uns Niemand zumuten sollte,— die unsere innere und äußere Gesundheit allmählich aber unüberwindlich untergraben muß, und der wir uns alle mehr oder weniger schuldig machen. Es gibt nur eine Sittlichkeit, und das ist die Wahrheit, es gibt nur ein Verderbeu, und das ist die Lüge. Dort ist Leben und Gesundheit, hier ist Verwesung. Wie ein heimliches Gift nagt und frißt die beständige Lüge, der pein⸗ liche Selbstzwang an den innersten Kräften un⸗ seres Daseins, und mit krankhaftem Behagen füttern wir den Wurm, der uns verzehrt. Nie war diese Kunst soweit gediehen, als in unseren Tagen, und wie wir überhaupt auf unsere Kränklichkeit, wie törichte Städterinnen auf ihre blassen Wangen, uns etwas zugute tun, so sehen wir in dieser Spitzfindigkeit, zu welcher wir die Verwicklung unwahrer Verhältnisse ge⸗ bracht haben, die Höhe der Bildung, auf welcher wir uns zu stehen rühmen. Niemand hat den Mut er selbst zu sein; und doch beruht alle
Wollen!
sei es gesagt: ohne Wahrheit gibt es keine An⸗ mut. Wir sind nichts, weil wir falsch sind. Scham und Reue sind die entnervenden, die lähmenden Nachübel, die uns auf diesen Wegen erwarten. Wir können aber dem Tode von dieser Seite entgehen, wenn wir nur Mut fassen; Mut, andere und uns selbst nicht zu belügen, — Mut, zu sein, was wir sind. Seine Selig⸗ keit in sich haben! immer und überall sein Glück in sich!... gibt es ein anderes Glück? Ueber⸗ all und immer gibt der Gedanke Stoff zum Selbstgespräch, die Dichtungskraft Bilder, das Dasein Raum für Gefüyle, für ein reines Wer aber rettet uns aus der Lüge, die uns von außen umgibt? Die Freude an der Natur.
Ueber den Vesuv
dichtete Peter Schlemihl im Simplieisstmus: Der Vesuv, indem er speit, mit nichten Darf man gegen ihn die Klagen richten, Insofern ja die Besonderheit Darin liegt, daß er mitunter speit.
Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich!?
Wenn man schon Vulkan ist, muß man schließlich, Und man regnet Asche oder speit,
Ob die Menschheit auch betroffen schreit.
Aber dieses scheint gesagt zu werden
Doch am Platze: wenn sich auf der Erden So was zubegibt, wie der Vesuv,
Trifft der Tadel den, der ihn erschuf.
Und man fragt mit Recht den Himmelvater, Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater So viel Unglück auf die Täler stürzt, Manchem auch die Lebenszeit verkürzt.
Weiter frägt der sonst im Glauben Schwache: Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache? Oder hatte dieser Bibelsatz
Geltung nur für einen frühern Spatz?
Diese— sagen wir Unstimmigkeiten— Können böse Zweifel uns bereiten.
War es zu verhindern, dächte man, Warum speit dann der Vesuvvulkan?
Mir natürlich scheint noch viel verdächtig; Der Vesuv ist lang schon niederträchtig. Damals schien es eine Götterscharf
Bei Pompeit, die so freundlich war.
Damals bat der Mensch in Aschenregen Inpiter um den besondern Segen. Heute bittet man Gott Zebaoth
Um die Rettung aus der bittern Not.
Also sieht man, daß die Glauben wechseln An die Sötter, die das Unheil drechseln. Der Vesuv jedoch bleibt auf dem Platz, Und vom Dache fällt noch mancher Spatz.
Splitter.
Ein unterdrückte Klasse ist die Lebensbe⸗ dingung jeder auf den Klassengegensatz be⸗ gründeten Gesellschaft. Die Befreiung der unter⸗ drückten Klasse schließt also notwendigerweise die Schaffung einer neuen Gesellschaft ein. Soll die unterdrückte Klasse sich befreien können, so muß eine Stufe erreicht sein, auf der die bereits erworbenen Produktiokräfte und die geltenden Einrichtungen nicht mehr nebenein⸗ ander bestehen können. Von allen Produktions- instrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionären Klasse selbst. Die Organtsation der revolutionäre Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoß der alten Ge⸗ sellschaft entfalten konnte.
Karl Marx,„Elend der Philosophie“.


