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24.6.1906
 
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Ne 25. Gießen, den 24. Juni 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 9 Nedaktionsschluß: irchenplaß 11. Schloßgasse. M sch achmitta ee, itteldeutsche

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Bierrevolution.

Ein westpreußischer Landrat ist vom Geiste ergriffen und predigt in beredten Worten den Kreuzzug wider die Ausbeutung; das Stuhmer Kreisblatt(Regierungsbezirk Marien⸗ werder) erläßt eine geharnischte Proklamation an das Volk, worin zur Selbsthilfe und ent⸗ schlossener Abwehr aufgefordert wird. Und das alles hat das Bier getan! Der Deutsche läßt sich viel gefallen, trägt Not und Knechtschaft jahrzehntelang, duldet das Unrecht, die Nieder⸗ tracht mit gleichmütiger Miene, als ob es so sein müßte geht es aber um's Bier, so werden selbst die preußischen Landräte rebellisch und reden wie gelernte Marxisten. Nichts Heiliges ist mehr, es lösen sich alle Bande frommer Scheu!

Der Aufruf zur Verteidigung, den jener Landrat, Herr Dr. Anwers, in seinem Kreis⸗ blatt erlassen hat, hat folgenden Wortlaut:

Das vom Reichstag verabschiedete Gesetz betreffend eine erhöhte Besteuerung des Biers wird in vielen Teilen des preußischen Staates als Vorwand benutzt, um dem Publikum das Bier zu erheblich teureren Preisen als bisher zu verkaufen, als Vorwand deshalb, weil die neue Steuer die kleineren Brauereien überhaupt nicht höher belastet, die mittleren nur in ver⸗ schwindendem Maße und nur die Großbrauereien mit etwa/ Pfennig für das Liter trifft. Auch in Stuhm ist anscheinend seitens einzelner Bier verleger der Zeitpunkt für günstig erachtet worden, um dem Publikum ohne gerechtfertigten Grund das Bier erheblich zu verteuern. Es geschieht dies in der Weise, daß die Flasche Bier, die für 10 Pfg. verkauft wird, nicht mehr dreiachtel Liter Inhalt hat, sondern nur noch dreizehntel Liter. Die Steigerung des Bier⸗ preises beträgt also das etwa Achtfache der höchsten Steuer. Die bestehende Gewerbeord⸗ nung läßt es ausgeschlossen erscheinen, daß von seiten der Behörden gegen die Bierverleger, die durch ihre ungerechtfertigte Preissteigerung einen erhöhten Schnaps verbrauch veranlassen werden, eingeschritten werden kann, es muß vielmehr der Einsicht und der Entschlossenheit des Publi⸗ kums überlassen bleiben, sich gegen diese Aus⸗ beutung zu wehren. Im Interesse eines ange⸗ messenen Bierprelses empfehle ich, von dem Mittel der Selbsthilfe alsbald energischen Ge⸗ brauch zu machen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen! Der Landrat Anwers hat sicher nicht gedacht, daß er mit seinen Bemühungen, im Kreise Stuhm einen angemessenen Bierpreis zu erzielen, die Grundlagen der bestehenden Ge⸗ sellschaftsordnung erschüttern würde. Und dennoch ist es so. Denn was dieser Landrat den Bierverlegern seines Kreises zum Vorwurf macht, bas ist nichts anderes, als daß ste die Grundsätze der kapttalistischen Gesellschaftsord⸗ nung auf ihr Geschäft anwenden. Herr Dr. Anwers scheint mit seinen Gedanken schon in einer sozialistischen Gesellschaft zu leben; er weiß nicht, das Plus macherei heutzutage eine bürgerliche Tugend ist. Was der Stuhmer Landrat an den Bierverlegern seines Kreises zu tadeln hat, kann er fast genau mit denselben Worten allen übrigen Stützen des

Staates nachsagen: den agrarischen Brot- wucherern, den Bäckern, den Fleischern, den Grundstücksspekulanten, den Hausbesitzern, dem Kohlensyndikat, den Kohlenhändlern, den Panzer⸗ plattenfabriken und den Kolontallieferanten. Jede Gelegenheit benützen, um die Preise beim Einkauf vor allem die Preise der wichtigsten Ware: Arbeitskraft zu drücken sie aber beim Verkauf möglichst hinaufzu⸗ schrauben, daran erkennt man in unserer Zeit den tüchtigen Geschäftsmann, damit bringt man es zu Orden, Ehren, Würden, Titeln und vor allem, was ja die Hauptsache ist, zu Mitteln, bis man schließlich sogar den Königen Geld auf Zinsen leihen kann. Man denke nur, ein kapitalistisches Unternehmen erfaßte irgend eine gule Gelegenheit beim Schopf, um die Löhne der Arbeiter zu reduzieren, ihre Arbeits- bedingungen zu verschlechtern. Dann müßte Herr Dr. Anwers, wenn er sich selber treu bleiben will, in seinem Kreisblatt doch gewiß erklären:

Es muß der Einsicht und der Entschlossen⸗ heit der Arb eiter überlassen bleiben, sich gegen diese Ausbeutung zu wehren. Im Interesse der Erhaltung eines angemessenen Arbeits lohnes empfehle ich, von dem Mittel der Selbsthilfe alsbald energischen Gebrauch zu machen.

Daß er sich aber zu einem derartigen Auf⸗ ruf verstehen würde, ist schwerlich zu glauben! ä

Politische Rundschau.

Gießen, den 21. Juni 1906. Neue Millionen⸗Opfer für die Flotten Politik!

Als zugleich mit der nusmehr bewilligten neuen Flottenvorlage das Gerücht auftauchte, der Bau größerer Schlachtschiffe werde. die Verbreiterung des Nordostseekanals u wendig machen, wurde diese Nachricht von Aofstziöser Seite entschieden bestritten. Wollte man einen Ausbruch allgemeiner Mißstimmung verhindern, der es dem Zentrum am Ende doch unmöglich gemacht hätte, die neuen Hundertmillionenopfer auf den Altar des Vaterlandes zu legen, so mußte man die Kosten der neuen Vorlage so ering wie möglich angeben, und die kostspleligen Ausgaben, die durch die Bewilligung der Vor⸗ lage weiter entstehen mußten, tunlichst verheim⸗ lichen. Nun aber berichteten die Scherlblätter, eine Kommission von 30 höheren Regierungs⸗ beamten habe kürzlich die Strecke des Kanals bereist, um ein umfassendes Projekt für die Verbreiterung des Wasserweges auf seine Durch⸗ führbarkeit zu prüfen. Die Kosten des Projekts werden vorläufig auf 200 Millionen Mark veranschlagt. Es kann vielleicht also schon im nächsten Winter eine Schlachtflotten⸗Kanalvor⸗ lage vor den Reichstag kommen. Diese abzu⸗ lehnen wird dann umsomehr Pflicht des Reichs⸗ tags sein, als eine gewisse Perfidie, die bei der Einführung dieser Vorlage geübt worden ist, 0 von naiven Gemütern nicht verkannt werden ann!

Mit derNot der Landwirtschaft

ist's wirklich nicht 1 schlimm, als die agrarischen Agitatoren den Leuten weiß machen wollen.

Tatsache ist vielmehr, daß heute die Landwirt⸗ schaft erhebliche Gewinne abwirft, Groß⸗ und Mittelbauern sich in recht günstiger Lage befinden. Auch die kleineren Landwirte wir meinen nicht diejenigen Kleinbauern, die nebenbei noch in der Industrie Beschäftigung suchen müssen stehen sich nicht schlecht, jedenfalls bedeutend

besser wie selbst gut bezahlte Arbeiter, die alle

Nahrungsmittel kaufen und teuer bezahlen müssen. Die Richtigkeit des hier Gesagten be⸗ stätigt auch ein Land⸗Lehrer in der Thüringer Lehrerzeitung. In einem ArtikelLehrer und Landwirt stellt er zunächst fest, daß aus Bauern⸗ familien jetzt nicht mehr, wie früher, Söhne zum Lehrerberufe kämen, weil sie sich eben in der Landwirtschaft besser stünden. Der Artikel⸗ schreiber sagt dann weiter:Ich entstamme einem Bauernhause, behielt von meinem Ver⸗ mögen Mk. 4000 übrig und nahm mir eine echte und rechte Bauerntochter, die auch ihr gut Teil Vermögen besaß. Jetzt, nach mehr als 20 Jahren, wo die Kinder Geld kosten, will es nicht mehr zureichen; der eiserne Bestand schwindet. Was sind auch heute Mk. 2200 Besoldung! Ich habe mehrere Brüder, von denen jeder ein Gütchen im Werte von Mk. 5060000 besitzt. Sie sind in der Wahl ihrer Schwiegereltern auch nicht vorsichtiger Kale 18 1 7 8 aber 50 85 ährend ockor zukaufen können enne 5 Landwirte mit za. 18 e n 1555 hat der eine in 1 ahren Mk. 5500 gut gemacht] also in einem Jahre Mk. 2750! Derselbe ist mit Mk. 1800 eingeschätzt und gibt für Arbeitskräfte gar nichts aus. Wie hoch ist wohl der Lebensunterhalt seiner sechs⸗ köpfigen Familie zu veranschlagen? Müßte er nicht mit mehr als Mk. 4000 eingeschätzt werden? Was geht daburch doch dem Staate an Steuern verloren? Was macht nun der Bauer mit dem Geld? Er läßt es nicht in der Lade liegen, sondern tut es auf die Sparkasse. Leider vergißt er immer die Anmeldung bet der Steuerkommisston. Darum geht dem Staate die Steuer verloren! Die Sparkassen wissen oft nicht, wohin mit dem Gelde. Mir sagte einmal ein Kassierer:Sie glauben nicht, was die Bauersleute jetzt für Summen einzahlen; es ist ganz enorm.

Mag das hier Gesagte auch nicht überall zutreffen, es bestätigt aber, was seit Jahren bekannt ist, daß von einer Notlage unter den Agrariern gar keine Rede sein kann.

Schauergeschichten

über einen angeblichen sozialdemokratischenGe⸗ heimbund setzte das berüchtigste und ver⸗ logenste aller Kapitalistenblätter,die Post, in die Welt. Es fabelte seinen Lesern vor, daß ein Postbeamter in Berlin wegen Unter⸗ schlagung amtlicher Papiere in Untersuchungs⸗ haft genommen worden sei. Dieser wäre So⸗ zialdemokrat und Mitglied desGeheimbundes und habe demVorwärts amtliche Postsachen ausgeliefert. So sei der Vorwärts vor einigen Monaten in der 12 gewesen, allerlei Mittei⸗ lungen über die Entlarvung eines Berliner Polizeibeamten durch Sozialdemokraten in Brüsfel zu veröffentlichen. Die Berichte des Polizeibeamten, die das sozialdemokratische Blatt publizierte, seien nicht, wie derVorwärts angegeben, von dem Beamten in Brüssel in

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