Ausgabe 
23.9.1906
 
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des

Nr. 38.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

wenn er zugrunde geht, durch einen anderen ersetzt wird, ohne daß der Unternehmer dabei zu Schaden kommt. Was ist da weiter dabei?

Finster vor sich hinblickend, begab er sich nach dem Saal, wo der Reißwolf und die Krempeln standen. Inzwischen war Stark zu seinem Dare zurückgekehrt, der sich die Zeit damit vertrieb, die Arbeiterinnen zu mustern, welche an dem Fenster sichtbar wurden. Denn auf 0 55 Gebiet war er ein Kenner wie alle seinesgleichen. Und es war ihm wirklich un⸗ angenehm, daß der Schwager schon wieder zu 15 2 und ihn somit in seiner Beschäftigung

rte.

Der Wolfsaal, ein düsterer, übelriechender Raum, lag im älteren Teil der Fabrik. Lange mochte es her sein, daß die abgerußten, mit schmutzigem Wollstaub bedeckten Wände das letzte Mal getüncht worden waren. Es herrschte eine unheimliche Ruhe, als der Feuermann eintrat.

Auf einem Wollhaufen lag eine regungs⸗ lose Gestalt und vor ihr knieten einige Frauen, welche damit beschäftigt waren, der Verun⸗ glückten einen Notverband anzulegen. Da, man hörte Schritte und über die Schwelle trat Stark in Begleitung seines Schwagers. Sie machten vor der Gruppe Halt und Herr Stark wandte sich an den Spinnmeister:Ich kann gar nicht begreifen, daß so etwas noch immer passtert, trotzdem ich so oft warne, vorstchtig zu sein. Nun kann ich mich wieder in all diesen Schmutzblättern herumziehen lassen, die uns Unternehmer für jedes Unglück verantwortlich machen. Es war doch alles in Ordnung, was?

Freilich war alles in Ordnung bis auf die Schutzvorrichtung, welche der Fabrikinspektor wohl angeordnet hatte, seinen Anordnungen war aber noch nicht nachgekommen.

Schon gut, schon gut, unterbrach Stark den Spinnmeister, als dieser die erwähnte Tat⸗ sache seststellen wollte.

Aergerlich kehrte er dem Meister den Rücken, um sich seinem Schwager zuzuwenden, der fich mit den Worten:Schade um das hübsche Kind! dem Ausgang zuwandte.

Inzwischen kam der Krankenwagen aus dem Krankenhause; man hatte den Wagen tele⸗ phonisch herbeigerufen. Der Feuermann sah dem Transport mitleidig nach und wischte sich

mit der Hand über die 1 99 8 Er sagte für sich:Ja, nun wird auch die Schutzvorrichtung angebracht. Ja, jetzt!

Die große Wanduhr, welche in der Stube der Frau Merkel hing, hatte soeben elf Uhr Dean Die noch rüstige 2 8 welche vor em Spulrad saß, schob dieses beiseite, um das Mittagsmahl für sich und ihre feu P urecht zu machen. Bevor sie sich dieser Be⸗ schästigung zuwandte, versah sie erst die Blumen⸗ stöcke, die am weit geöffneten Feuster standen, mit Wasser. Dann nahm sie einen schönen Myrtenstock vom Sims und stellte ihn auf den Nähtisch, welcher in dem kleinen, aber netten Zimmer stand. Kaum hatte ste sich dem Ofen genähert, als an die Tür geklopft wurde. Her⸗ ein trat ein alter Mann, der in der Fabrik Laufdienst verrichtete.

Frau Merkel kannte ihn gut, weil sie in das Geschäft spulte, wo ihre Tochter als Wolferin beschäftigt war. Offenbar fiel es dem Alten schwer, sich seines traurigen Auftrages zu er⸗ ledigen. Es wurde ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Ganz langsam begann er:

Frau Merkel, ich bin im Auftrag meines Chefs geschickt, Ihnen mitzuteilen, daß Ihrer Tochter ein Unfall passtert ist, und man sie ins Krankenhaus geschafft habe, weil, nun weil Sie ja doch nicht die nötigen Räumlichkeiten dazu hätten, um eine Kranke zu beherbergen.

Ruhig wurde es in der Stube, von der Straße herauf drang das Lärmen spielender Kinder. Kein Wort brachte der Alte mehr über die Lippen, er sah bloß uoch, wie die Mutter in lautlosem Jammer in die Knie ge⸗ sunken war. Dann zog er die Türe hinter sich zu und verlteß 8 15 das Haus.

Lange saß Frau Merkel, und Bild auf Bild ließ sie an ihrem Geiste vorüberziehen. Ihre ganze freudenlose Jugend, dann viele Monate des Glücks, wie es Menschen bloß ge⸗ nießen können, die sich wirklich lieben. Und dann das Schrecklichste von allem, als sie vor seiner Leiche kniete draußen im Maschinenhaus des Bahnhofes, wo er beim Rangieren zwischen die Puffer gekommen war. Sie hatte nicht geglaubt, es überleben zu können, aber ste hatte weiter gelebt. Gelebt für ihr Kind und nun womöglich ist auch sie tot und ste haben es mir nicht gesagt. a

Langsam richtete sich die Frau auf, sie

mußte Gewißheit haben, wie es um ihr Kind stand. Nein, es kann nicht sein, schrie es in ihr auf, daß ich auch noch das letzte Liebste verloren habe. Vielleicht lebt meine Helene. Wenn ste nicht mehr zur Fabrik gehen kann, dann werd' ich wieder wie früher, als sie noch klein war, bei Tag und die halben Nächle spulen, oder auch selbst zur Fabrik gehen; wenn mir bloß mein Kind erhalten bleibt. (Schluß folgt.)

Splitter.

Die arme Zukunft! Durch das Uebermaß von Hoffnungen, die die Menschen auf sie setzen, verliert sie fast ihren ganzen Reiz, sobald ste zur Gegenwart wird.

Maxim Gorki.

2 ** Durchschweife frei das Weltgebiet, Willst Da die Heimat recht verstehn, Wer niemals außer sich geriet, Wird niemals glücklich in sich gehn. Wanderspruch von Paul Heyse.

**

*

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Seßhaftigkeit. 1. Fabrikant: Was wollen Sie denn eigentlich mit ihren Arbeiterwohnungen? Die undankbaren Kerle sehen die Wohltat ja doch nicht ein! 2. Fabrikant: Ich will die Arbeiter seßhaft machen! 1. Fabrikant: O, das besorgt eine schnei⸗ dige Polizei viel besser. Die steckt die Kerle alle in's

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