Seite 4.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 11.
volle Villa in Hilversum von einem der ersten Baumeister bauen, wobei den Arbeitern die Mindestlöhne nicht bezahlt würden und über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus arbeiten müßten.— Jeder Verständige erkennt dieses Ding als elende Lügennotiz. Trotzdem findet solcher Amtsblattschwindel seine Gläubigen. Wir wollten aber mal der Sache auf den Grund gehen und befragten uns bei unserem Freunde Ankersmit in Amsterdam, von dessen Mitteilungen wir das Folgende wiedergeben.
Der Genosse schreibt uns:
Das Zeug, was da die Germania und die sonstige deutsche Ordnungspresse bringt, ist ab⸗ gestandenener Kehricht aus der holländischen bürgerlichen Presse. Der Tintenkuli hat aber sorgfältig verschwiegen, was unsererseits darüber mitgeteilt ist. Die drei genannten Genossen, Hugenholtz, van Kol und der Gewerkschafts⸗ führer Polack sind die drei gefürchtesten Gegner der Kapitalistenklique und sind selbstverständ⸗ lich Gegenstand der gehässigsten Angriffe. Hugenholtz hat den Verkehrsminister im In⸗ teresse vieler Geschäftsreisenden ersucht, anzu⸗ ordnen, daß die(private) holländische Eisen⸗ bahngesellschaft einen Expreßzug in seinem Wohnorte Harlem halten läßt. Das nämliche Gesuch war schon öfters von Geschäftsreisenden bei der Eisenbahndirektion eingereicht worden, die verweigerte es aber immer. Hugenholtz wandte sich an den Minister und dieser berief den staatlichen Aufsichtorat über den Eisen⸗ bahnverkehr, der einstimmig seine Zustimmung erklärte. Es ist also nur einer starrköpfigen Weigerung einer Eisenbahndirektlon, sich einem allgemeinen Wunsche zu fügen, ein Ende gemacht worden. Diese gehässigen 1 rühren bon einem Organ der betreffenden Eisenbahn⸗ direktion her.— Abgeordn. van Kol reiste vor einigen Jahren nach niederländisch Indien, um Material über das holländische Kolontal⸗ wesen zu sammeln. Dabei wurde er sehr gut aufgenommen von einem indischen Radjah oder Prinzen, der sich von der holländischen Regierung ungerecht behandelt fühlte und jetzt im Krieg mit ihr verwickelt ist. Dieser bat ihn um eine Photographie und zwar in der Uniform eines Deputierten. Van Kol gab sich Mühe, dem Prinzen klar zu machen, daß er Sozialdemokrat sei und wie die Sozialdemokratie über das Gala⸗-Uniformwesen denke. Weil der Gastgeber aber auf seiner Bitte bestand, stellte sich van Kol, als er nach Holland zurückkehrte, aus seiner indischen Ingenieurs⸗Uniform und einigen Teilen des Galarockes eines liberalen Kam mer⸗ mitgliedes etwas zusammen, worin er sich für den Radjah photographieren ließ. In dessen verlassenen Palast fand man später das Porträt van Kol's! Das ist die ganze Geschichte. — Die Sache mit Polak ist glatt gelogen. Dieser läßt sich in Laren bei Amsterdam ein Häuschen von seinem Freunde, dem ausgezeichneten Baumeister Berloze, bauen. Die Zinsen des geliehenen Baukapitals werden beträchtlich niedriger sein, als die Wohnungs⸗ miete, die besser bezahlte Arbeiter in Amsterdam zahlen müssen. Der Bauunternehmer zahlt die höchsten Löhne in der ganzen Gegend, höher als die Forderungen der Gewerkschaft sind und selbstverbändlich wird die gewerkschaft⸗ lich festgesetzte Arbeitszeit inne gehalten. Soweit unser Freund. Wir haben es für angebracht gehalten, seine Antwort ausführlich wiederzu⸗ geben, um damit vor Augen zu führen, wie die unzähligen Lügen zurechtgebraut werden, die jetzt von den Reichsverbändlern und den übrigen vielfarbigen Sozialistenvernichtern ver⸗ breitet werden. Daß das Amtsblatt nach Klar⸗ stellung des Sachverhalts etwas berichtigen werd, bezweifeln wir. Die Praxis der Ordnungs⸗ blätter ist eben: lüge und verleumde darauf los, es bleibt doch etwas hängen!
— Mit einem„Fall Bernhardt“ be⸗ schäftigte fich das Gießener Amtsblatt in mehreren Nummern. Es will daran die„Intoleranz“ der Sozialdemokratie„beweisen“ und behauptet, Bernhardt solle wegen Mißliebigkeit aus der Partet entfernt werden. Tatsache ist, daß
Bernhardt von einem Berliner Wahlkreise wegen restterender Beiträge ausgeschlossen worden war. B. wies aber nach, daß er aus diesem Kreise
abgedruckten ganz harmlosen No fehler“ erfolgte.
verzogen war und seine Beiträge in einem anderen Wahlkreise entrichtet hatte und somit ist die Sache erledigt.— Bernhardts Name wurde aber vorher noch in einer anderen Sache genannt. In seiner Zeitschrift„Plutus“ hatte er ungefähr geschrieben, daß ebenso, wie die Arbeiter sich zusammenschließen, um Verbesse⸗ rungen ihrer Lage herbeizuführen, man das gleiche Recht auch dem Bunde der Landwirte zugestehen müsse. Dem trat der„Vorwärts“ mit Recht entgegen. Es ist jedenfalls etwas anderes, wenn sich arme Teufel“ mit ihrer Organisation ein menschenwürdiges Dasein zu erkämpfen suchen, als wenn sich Großagrarier oder Kohlenkönige— reiche Leute— verbinden, um das Volk in unerhörter Weise zu schröpfen. Die von Bernhardt ausgesprochene Meinung würde allerdings noch kein Grund sein, ihn etwa aus der Partei auszuschließen. Dagegen ist das selbstverständlich, wenn sich ein Partei⸗ mitglied mit den Grundprinzipien der Partei in Widerspruch setzt. Das müßte selbst das Amtsblatt als ganz richtig anerkennen. Bei der Drehscheiben⸗Partei zieht allerdings einer nach rechts und der andere nach links, das geht bei uns nicht. Seine„geistreichen“ Bemerkungen konnte sich der„Anzeiger“ sparen.
— Die Wahlvereinsversammlung am Samstag war gut besucht. Sie nahm zu⸗ nächst einen Vortrag über Heinrich Heine ent⸗ gegen. Dem Vortragenden gelang es auf's Beste, die Bedeutung des Dichters, dessen lite⸗ rarischer Einfluß noch bis in die heutige Zeit reicht und den noch heute der eine schmäht, während ihn der andere glühend verehrt, den Versammelten in objektiver Weise darzulegen. Seine Familienverhältnisse, sowie die politischen Zustände, die auf die Entwickelung des Dichters einwirkten und die Wandlungen in seinen An⸗ schanungen hervorbrachten, schilderte der Vor⸗ tragende in klarer und verständlicher Weise. Am Schluß bemerkte er zusammenfassend, daß wir Heinrich Heine nicht nur als einen unserer bedeutendsten Dichter, sondern auch, trotz mancher abfälligen Bemerkungen über Kommuntsmus, als Sozialisten zu verehren das Recht hätten. Mit lebhaftem Beifall wurde der Vortrag auf⸗ genommen.
Es wurde dann noch beschlosseu, die Mär z⸗ feier am Sonntag, nachmittags 4 Uhr, im Saale des„Gambrinus“ in Wieseck abzu⸗ halten.— Im Anschluß daran teilen wir noch mit, daß zu der Fefer Genosse Dr. Michel s⸗ Marburg über die„48er Revolution und die heutigen Wahlrechtskämpfe“ sprechen wird. Die Gießener und Wiesecker Genossen werden ersucht, sich recht zahlreich zu beteiligen, ebenso wollen die Mitglieder des Gesangvereins„Eintracht“ vollzählig erscheinen.
— Ein hochnotpeinliches Ver⸗ fahren ist gegen unser Blatt eingeleitet, das sich einer schweren Sünde schuldig gemacht haben soll. Wir erhielten am Dienstag den bei uns glücklicherweise(mit Bezug auf ihr Amt gemeint) seltenen Besuch der Kriminalpolizei. Wir fragten natürlich in“ Bewußtsein unserer schnee⸗ weißen Unschuld die uns bekannten und sonst ehr angenehmen Herren nach ihren Wünschen.
erblüfft hörten wir, daß die letzte Nummer
unserer unschuldigen und sittenreinen Zeitung beschlagnahmt werden sollte! Unser Er⸗
stannen wuchs aber noch, als wir hörten, daß die Maßnahme wegen der unter„Humoristisches“
15„Böser Druck⸗ Wir haben soviel Vertrauen zur hessischen Justiz, daß ste sich nicht mit Ver⸗ folgung dieser unsagbar harmlosen Sache blos⸗ stellen wird.
— Der erste musikalische Volks⸗ unterhaltungs⸗-Abend fand am Sonntag im Saale von Steins Garten statt. Von ge⸗ schätzter Seite wird uns darüber geschrieb en: Der Ausschuß für Volksvorlesungen ist zu dem Zwecke gegründet worden, dem Arbeiter und seinen Angehörigen die besten Schätze unserer Kultur, sowohl auf dem Gebiete geistiger, sitt⸗ licher ꝛc. Errungeanschaften, als auch auf dem⸗ jenigen künstlerischer, sozialer und volkswirt⸗ schaftlicher Arbeit darzubieten, und zwar um⸗ sonst oder nur für ein kaum die Selbstkosten deckendes Entgelt. Und es set, mit Bezug auf
den Volks⸗Unterhaltungsabend, sogleich gefagt: Glänzend wurden die Erwartungen erat, die die Leiter dieses wahrhaft volkstümlichen Unternehmens gehegt hatten. Ein prächtiges Quartett des genialen Beethoven für Klavier (Pianist J. Hahn), Violine(Mustklehrer Franz Bauer), Viola(Mustkdirektor Krauße) und Violoncell(Einjährig⸗Freiwilliger E. Krauß e) leitete den Abend ein. Wundervoll wurde hier alles bis in's Kleinste dem andächtig lauschenden Publikum zu Gehör gebracht und lauten Bei⸗ fall zollte man dem weihevollen Spiel der Künstler. Es folgten drei Lieder für Sopran, vorgetragen von Frl. Paula Buß aus Wetzlar. Die Stimmmittel der Sängerin sind sehr aus⸗ giebig, namentlich in der Höhenlage. Am Besten gefiel uns„Ungeduld“(von Schubert) und„Herzeleid“(von Lützel). Leider wirkte sehr störend die ziemlich leblose Art des Vor⸗ trags: die Dame hielt während des Gesanges die Hände beständig auf dem Rücken und blickte meistens nach der Decke des Saales. Viel wärmer und in der Haltung natürlicher wurde Frl. Buß in den zwei folgenden Stücken, doch störten auch hier die steife Haltung und der nach oben gerichtete Blick die Stimmung. An⸗ dererseits verdient aber ihr sehr sympathischer Sopran, der auch in der Höhenlage nichts an Reinheit einbüßte, sowie ihre musterhafte Aus⸗ sprache, alle Anerkennung.— Prächtig klangen darnach die schmeichelnden Töne des Violon⸗ cells durch den Saal. Der Künstler(Herr Krauße jun.) erntete mit Recht reichen Beifall. Zwar bieten die vorgetragenen Stücke dem tiefer musikalisch Empfindenden wenig Anregung für Phantaste und Herz; aber mit Recht wählte ste der Künstler, um die Ausdrucksfähigkeit des Cellos lebhaft vor Augen zu führen. An weiteren Volksunterhaltungsabenden können unseres Er⸗ achtens ja reifere Werke für Cello geboten werden.— Ueber alles Lob erhaben klangen sodann die Chöre à capella, zumeist Volkslieder. Mit glockenreiner Stimme und überaus feiner Schattierung, dem Texte sich anpassend, trug der Gießener Lehrer⸗Sängerchor diese Lieder vor. Reicher Beifall wurde ihm für den künst⸗ lerischen Genuß zu teil. Herr Piantist J. Hahn spielte mit virtuoser Technik drei Solostücke für Klavier. Der große Beifall zwang ihn zu einer Zugabe. Herr Lehrer J. Marx sang als Solist drei Lieder, in denen er seinen prächtigen Baß zur Geltung brachte. In dem herrlichen Loewe'schen Lied:„Tom der Reimer“ fiel des Sängers kräftiger, reiner Baß und eine außer- ordentlich deutliche Aussprache auf; nur hätte Herr Marx an vielen Stellen des Liedes etwas mehr Temperament entwickeln sollen; das ber⸗ langt der Text und erst recht die Musik hier besonders. Dagegen trug Herr Marx prächtig den Sang„Allerseelen“ vor, und mit dem Kinderlied:„Wenn es schlummert auf der Welt erntete der Herr Vortragende solchen Beifall, daß er es wiederholen mußte.
Alles in Allem: es war ein wohlgelungener Abend. Aber gerade, weil wir dem verdienst⸗ vollen Unternehmen so sehr sympathisch gegen. überstehen, glaubten wir im Vorstehenden mit unserer Kritik nicht zurückhalten zu dürfen, denn Kritik, d.. sachliche Beurteilung, ist
erade für Volks unterhaltungsabende nötig, enn hier muß das Beste gerade gut genug sein. Wenn also nicht alles im Einzelnen böllig gelang, so ist das durchaus kein Vorwurf, denn erstens fand hier zum ersten Male ein volks · tümlicher Uuterhaltungsabend statt, sodann aber hielten sich die meisten Darbietungen auf künst⸗ lerisch recht bedentender Höhe, und das beweist für den ersten Volksunterhaltungsabend einen vollen Erfolg. Entsprechend war der ho Saal bis zum Schlusse vollständig beset. Glückauf zu weiterem Streben! A. n. Eine Hol zarbelterdersammfung ndet nächsten Montag,(19. März) in 1 15 ierkeller statt. Kollege Seifert⸗Köln wird über:„Die Kämpfe des deutschen Holzarbelter⸗ Verbandes unter besonderer Berücksichtigung des Kölner Schreinerstreiks“ sprechen. 5 schmachvolle Verhalten der„Christlichen wir von dem Redner, der den bedeutungsvolh Kampf selbst mit durchgefochten hat, in 0 gebührende Beleuchtung gerückt werden. Na


