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Nr. 24.

Mittzlldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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etwa 60 Zeugen waren geladen.

Reich zu erlassen, als das Mindeste dessen, was zum Schutze von Leben und Gesundheit der Bäckerei⸗Arbeiter und im Interesse der allge⸗ meinen Volkswohlfahrt getan werden muß. Die Versammlung fordert schließlich von den Gewerbe⸗Inspektoren und zuständigen Behörden schon jetzt eine scharfe Kontrolle der Bäckereien, um schon jetzt die gröblichen Mißstände aus den Bäckereien auszurotten. Von hiesigen Bäckern wurde ebenfalls über verschiedene Miß⸗ führt. in mehreren Bäckereibetrieben Klage ge⸗ rt.

In zwe Gießener Tabakfabriken, und zwar bei Schirmer und Müller, kam es am Montag zur Arbeitseinstellung. Im ersteren Betriebe waren Lohndifferenzen und schlechtes Material die Ursache, während bei Müller die Arbeiter deshalb austraten, weil mehrere ihrer Kollegen, sie! bisher in Heuchelheim. gearbeitet hatten, unn Müller eingestellt worden waren, aber auf grund der von den Fabrikanten her⸗ ausgegebenen schwarzen Listen nicht anfangen durften. Das faßten die Arbeiter als Maß⸗ regelung auf. Bei Schirmer wurde eine Ver⸗ ständigung erzielt und es dürfte eine solche auch bald in dem Müller'schen Betriebe zu erwarten sein. Auch bei Gall brachen neue Differenzen ans, weil die Firma die mit dem Vertreter des Tabakarbeiterverbandes vereinbarten Abmach⸗ ungen nicht einhielt.

Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen verhandelte in seiner ersten Sitzung am Montag gegen den 24 jährigen Taglöhner Alois Strott aus Offenbach und den Hausburschen Fleckenstein aus Weibersbrunn wegen Meuterei. Die beiden vielfach vorbestraften Angeklagten büßen im Butz bacher Zellengefängnis eine längere Strafe ab. Am 13. April wurden sie in Darm⸗ stadt als Zeugen vernommen und auf dem Rücktrans⸗ port nach Butzbach, der per Eisenbahn in einem Ge⸗ fangenenwagen geschah, überfielen sie zwischen Vilbel und Dortelweil gemeinsam den Aufseher Schauerte aus Koblenz, der den Transport begleitete. Fast wäre es ihnen ge⸗ lungen, jenen zu überwältigen, zufällig konnte er aber noch die Notbremse ziehen und so wurde die Flucht ver⸗ eltelt. Die Geschworenen bejahten die auf Meuterei lautende Schuldfrage und es wurde Strott zu drei, Fleckenstein zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und für belde Zulässigkeit der Polizeiaufficht ausgesprochen.

Am Dienstag hatten sich der Ziegeletiarbeiter Möller aus Schlitz und seine Ehefrau wegen Brandstiftung zu verantworten. Sie sind beschuldigt, im Januar einen Holzschuppen, der an das von ihnen bewohnte, Herrn Jungblut gehörige Haus angrenzte, vorsätzlich in Brand gesteckt zu haben, damit sie in's Armenhaus kämen. Es waren zahlreiche Zeugen aufgeboten, doch es endete die Verhandlung mit der Freisprechung der beiden Ange⸗ klagten, die sich seit Januar in Untersuchungshaft befinden,

Wegen Raubes stand am Mittwoch der Arbeiter Kutzscher aus Herzberg vor den Geschworenen. Er hatte einem Zechgenossen auf der Straße zwischen Fried⸗ berg und Fauerbach die Barschaft weggenommen. Die Geschworenen sprechen ihn schuldig und er bekommt 1 Jahr 1 Monat Gefänguis.

Die Brandstiftungsaffaire Carlé kam am Donnerstag zur Verhandlung. Zu dieser Sensation hatte sich recht zahlreiches Publikum eingefunden: auch Am 24. Februar entstand in dem Lumpenmagazin der Wtw. Rothenberger ein Brand, der aber bald entdeckt und gelöscht wurde. Der Verdacht, diesen Brand vorsätzlich veranlaßt zu haben, fiel auf den Bauunternehmer und Dachdecker⸗ meister Och. Carlé. Nur dieser hatte Interesse daran, daß das Rothenberger'sche Lumpenlager beseitigt würde; er brauchte den Platz zur Durchführung seiner Bau⸗ pläne und hatte auch versucht, das Haus zu erwerben, doch war ihm von Frau R. geforderte Preis von 45000 Mk. zu hoch. Am Tatorte wurde Papier, Couverts ꝛc. gefunden, Gegenstände, die aus Carlés Besitz stammten.

Aus dem Rreise gießen.

Zum Kreisfeste! Diesen Sonutag begehen die Parteigenossen des Kreises Gießen zum vierten Male ihr Parteifest. Es findet in Hausen statt und jedenfalls wird auch in diesem Jahre wie in den früheren eine zahlreiche Beteiligung zu verzeichnen sein, nicht bloß aus dem Gießener, sondern auch aus den Nachbar⸗ kreisen Wetzlar und Marburg. Dorther kamen ja immer viele Genossen zu unserer Veranstaltung, hoffentlich können wir sie auch diesmal zahlreich begrüßen. Alle aber werden sich nicht abhalten lassen, wenn auch das Wetter weniger freundlich sein sollte.

uns auf unser bekanntes Glück! Unsere Feste sollen nicht nur dem Vergnügungszwecke dienen, sondern sie haben agitatorische Bedeutung. Die Genossen sollen in gemütlicher Unterhaltung mit einander bekannt werden, ihre Meinungen austauschen, ihre Ansichten klären und sich so zum Kampfe für unsere große Sache anregen und begeistern. Nebenbei ist das, was zur Unterhaltung für Groß und Klein geboten wird, gewiß nicht zu verachten. Darum auf nach Hausen! Seid alle herzlichst gegrüßt zum frohen Feste!

Wir bemerken noch, daß der Extrazug Punkt 1 Uhr von Gießen abgeht. Die Rück⸗ fahrt findet 8. statt.

Lollar. Die Lollarer Parteifreunde und Arbeiter werden ersucht, sich am Sountag recht zahlreich zum Kreisfest in Hausen einzu⸗ finden. Abfahrt 11 Uhr.

Aus dem Rreise Jriedberg⸗Pü dingen.

In der Strafanstalt Butzbach ereignete sich am Mo ntag ein schwerer Unglücksfall. Dort wird ein Erweiterungsbau aufgeführt und das Aus⸗ graben der Fundamente dazu besorgen Gefangene Um die Arbeiten mehr zu fördern, hatte man das Erdreich unterhöhlt und es geschah, was man bei solch' unvor⸗ schriftsmäßiger Arbeitsweise voraus sehen mußte: durch herabstürzende Erdmassen wurde der Gefangene Zulaut verschüttet und trug schwere innere und äußere Ver⸗ letzungen davon, an denen er nach mehreren Stunden starb. Die Arbeiten, die mit großer Hast betrieben werden, leitet der Direktor der Anstalt unter Assistenz eines Werkmeisters; als der Vorfall sich ereignete, war ersterer selbst zugegen. Man darf hier wohl fragen: warum werden diese Arbeiten nicht von sachverständiger Seite ausgeführt? Das gehört doch sicher nicht zu den Funktionen der Strafanstaltsdirektion! Hinzugefügt sei noch, daß der Verunglückte nur eine Strafe von 4 Mo⸗ naten wegen Bedrohung abdzubüßen hatte und nicht vor⸗ bestraft sein soll. Er war 60 Jahre alt. Hoffentlich wird der Fall genau untersucht.

k. Ueber die Aerzteverhältnisse auf dem Lande ist schon oft Klage geführt worden. Ein junger Maurer in Langenbergheim machte vor Kurzem auch recht trübe Erfahrungen. Er verunglückte in Oberrad, wo er arbeitete und zog sich einen Armbruch zu. Mit einem Notver⸗ band angetan begab er sich nach Hause und ließ natürlich den Arzt Herrn Dr. Mathes in Alkenstadt telephonisch rufen, der Kassenarzt des Hamburger Maurerkrankenkasse ist. Der Arzt erschien aber erst nächsten Mittwoch 12 Uhr und als die Eltern des Verunglückten ihm deshalb Vorhalt machten, meinte der Herr Doktor, der Verunglückte hätte zu ihm kommen können; übrigens wäre es ihm(dem Arzt) fatal genug, wegen eines Laus buben hierher zu kommen! Der alsLausbub betitelte junge Mann ist 22 Jahre alt! Wir meinen, die Menschenfreundlichkeit des Arztes läßt nichts zu wünschen übrig.

Bürgerliche Lichtfeinde. In Vilbel hatte der Gemeinderat Ende August v. J. beschlossen, ein Gaswerk zu errichten, nachdem durch Umfrage eine genügende Beteiligung und auch durch bewährte Fach⸗ leute die Rentabilität festgestellt worden war. Den⸗ jenigen, die sich auf die erste Umfrage zum Anschluß an das prosektierte Gasnetz melden würden, bot man an so lautete der Gemeinderatsbeschluß die Leitung vom Hauptrohr bis 3 Meter innerhalb ihrer Eigentumsgrenze unentgeltlich herzustellen. Diesen Passus benützten eine Anzahl Bürger unter Führung des K. Fr. Hinkel(der Bürgerverein) zu einer Beschwerde gegen den Gemeinderatsbeschluß betr. Errichtung des Gaswerks. Die Beschwerdefüß rer behaupteten eine Verminderung des Gemeindevermögens und Schädigung ihrer privaten In⸗ teressen. Denn die kostenfrelen Anschlüsse bedeuteten eine Schenkung von zirka 40 000 Mark an die Erstan⸗ schließer; außerdem würde sich das Gaswerk überhaupt nicht rentieren, höhere Steuern würden nötig sein und somit die erwähnten Nachteile entstehen. Der Kreis⸗ ausschuß wies die Beschwerde als unzulässig ab. In der Begründung wurde u. a. gesagt, das Recht der Be⸗ schwerde finde seine Grenze an den allgemeinen Interessen. Doch sah der Kreisausschuß in der unentgeltlichen Her⸗ stellung der Hausanschlüsse eine Schenkung, für dle die Genehmigung des Kreisrats eingeholt werden müsse.

Verlassen wir

f Deshalb wurde der Gemeinderat angewlesen, die Listen zur Einzeichnung nochmals aufzulegen. Gegen diesen ö Beschluß verfolgten die Hinkel und Konsorten Rekurs, über den am 7. Juni der Provinzialausschuß verhandelte. Ihr Vertreter, Justlzrat Hirschhorn, beantragte, die Un⸗ zulässigkeitserklärung aufzuheben und die Sache an den

Kreisausschuß zurückzuverweisen mit der Aufgabe, in eine materielle Prüfung der Beschwerde einzutreten. Zur Begründung führte er aus, daß hier, wo die öffentlichen Interessen mit den privaten konkurrieren, eine Rekurs⸗ möglichkeit gegeben sein müsse. Das Eigeninteresse seiner Klienten werde hier verletzt, denn diese seien die bedeu⸗ tendsten Steuerzahler. Justizrat Gutfleisch als Vertreter der Gemeinde bestritt, daß in der Herstellung der Haus⸗ anschlüsse, die übrigens höchstens 45000 Mark kosten würden, eine Schenkung liege. Das sei vielmehr nur ein Ausgleich für das Risiko, das die ersten Abnehmer eingingen; sie müßten in der Regel teuerere Preise sür den Anschluß als die späteren zahlen. Diese Tendenz schließe die Schenkung aus. Nicht jeder Gemeinderats⸗ beschluß sei angriffsfähig, es müsse ein spezielles privates Interesse vorliegen. Das sei hier nicht der Fall, die Interessen der Kläger seien nicht verletzt. Die Leute bildeten eine Art Nebenreglerung, dünkten sich gescheiter als der Gemeinderat und glaubten jeden Be⸗ schluß beanstanden zu können. Das Urteil des Provinzial⸗ ausschusses lautete auf Verwerfung des Rekurses. U*

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Obstruktion der Stadtväter. Gegen⸗ wärtig befindet sich Herr Bürgermeist er v. Zengen auf Urlaub und in seiner Vertretungregiert Beigeordneter Hlepe. Dieser berief auf Montag eine Stadverordneten⸗ Sitzung ein, obwohl gar nichts von Wichtigteit und besonderer Eile vorlag. Deshalb blieben dann auch eine große Anzahl Stadtverordnete fern, sodaß die Ver⸗ sammlung beschlußunfähig war. Sofort berief Herr Hiepe eine neue Sitzung auf Mittwoch. Herr Hiepe sollte energische Maßregeln ergreifen, um seiner Autorität als stellvertretender Bürgermeister Geltung zu verschaffen und die bockbeinigen Stadtväter gehörig zur Raison bringen!

h. Das Bürgerrechtsgeld zahlen! Wir machen nochmals alle diejenigen, die die 3 Mk. Bürgerrechtsgeld noch nicht entrichtet haben, darauf aufmerksam, dies un⸗ gesäumt zu tun. Wer bis zum 30. ds. Mts. das Vürgerrechtsgeld nicht bezahlt hat, kommt nicht in die Wählerliste, mit deren Aufstellung am 1. Juli begonnen wird. Deshalb komme jeder, dem etwas daran gelegen ist, sich seine Rechte als Wähler zur Stadtvertretung zu wahren, dieser Verpflichtung nach.

h. Die Aktionäre der Buderus⸗ Werke haben in der Generalversammlung am Samstag beschlossen, 60 fürstliche Solms'sche Erzgruben aufzukaufen und zu diesem Zwecke das Grundkapital auf Million Mk. zu er⸗ höhen. Wir sehen hier wieder ein Bild der Entwickelung des Kapitalismus! Den armen Bergarbeitern kann dieser Besitzübergang ziem⸗ lich gleichgültig sein; die Arbeitsverhältnisse können kaum schlechter werden, als sie unter bisherigen fürstlichen Regie waren.

Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhain.

Ein Bild des Elends konnte man am Montag am Hirschberg sehen. Dort wurde eine Arbeiter⸗ familie wegen rückständiger Miete gerichtlich aus der Wohnung ausgesetzt. Mitten auf die Straße, gegenüber der Aula, wurden die paar Habseligleiten einer Arbeiter⸗ familie geworfen zur Entrüstung aller Passanten. Das ganze Mobiliar bestand aus einem Bett, zwei Stühlen, einem Tisch, einer alten Uhr und einem Kinderwagen nebst wenigem Geschirr. Ob die Behörde wirklich loyal gehandelt hatte, sei dahin gestellt. Wenigstens hätte sie dafür sorgen sollen, daß die Sachen nicht auf der Straße liegen blieben.

*Die Schreinerinnung ließ in den Zei⸗ tungen eine lange Erklärung los, worin zunächst gesagt wird, daß die Forderungen der Arbeiteragitatorische seien, gestellt, um die Arbeiter in steter Unruhe und Unzufriedenheit zu erhalten. Natürlich, so heißt's ja immer, wenn die Arbeiter etwas verlangen. Jedenfalls werden Lamentationen die Arbeiter nicht veranlassen können, von ihren durchaus berechtigten wahrlich auch bescheidenen Forderungen abzustehen. 8

X Ein schwerer Unglücksfall ereig⸗ nete sich am Montag am neuen Amtsgerichts⸗ gebäude. Dort wollte ein hiesiger Installateur einen Blitzableiter anbringen. Dabei stuͤrzte er vom Dache und wurde sehr schwer verletzt in die Klinik gebracht. Offenbar haben auch hier die nötigen Sicherheitsvorkehrungen gefehlt.

* Wieder eine Fischbergiftung. In Frankfurt erkrankten am Sonntag 26 junge Kaufleute, die in einer Pension am Freitag Mittag Fisch gegessen hatten, unter Symplomen von Fischvergiftung.

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