Ausgabe 
13.5.1906
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Xr. 19.

San Franzisko.

Im Jahre 1776 wurde an der Stelle, wo heute San Franzisko liegt, von Franziskaner⸗ mönchen eine Niederlassung begründet, die sich bis heute noch erhalten hat. Diese Niederlassung zog allerlei Abenteurer an, die mit den Mönchen ihre Geschäfte machten, und im Jahre 1848 zählte der Ort etwa 1000 Einwohner. Dieses Jahr brachte auch für diesen Ort, der nach den Franziskanern benannt wurde, eine Revolution. Damals wurde dort zum erstenmal Gold ge⸗ funden und ein Strom von Menschen ergoß sich nun in jene Gegend. Nach vier Jahren wohnten dort bereits 35000 Menschen und immer rascher blühte die Stadt, die bedeutendste des kalifornischen Goldlandes, eine der schönsten des amerikanischen Kontinents, auf. 1890 hatte San Franzisko bereits 300000 Einwohner, heute zählt es deren mehr als 400 000. Dar- unter sind mehr als ein Drittel Ausländer, gegen 40 000 Deutsche, viele Tausende Italiener, Franzosen, Schweden, auch 2000 Oesterreicher und 30000 Chinesen.

Die Stadt, die der wichtigste Handelsplatz an der Westküste Amerikas ist, liegt auf einer 48 Kilometer langen und 10 Kilometer breiten Landzunge, die die San Franzisko Bai vom Stillen Ozean trennt. Sie steigt vom Meer an die hügelige Landschaft empor etwa 110 Meter hoch und fällt dann wieder gegen die Bucht ab. Die Betriebsamkeit der Amerikaner hat die Unebenheit zwischen den einzelnen Hügeln meist ausgeglichen. Die Stadt wird durch die Marketstreet in zwei gleiche Teile geschnitten. Sie hat breite geradlinige Straßen, die einander rechtwinkelig schneiden. Im Süden der Stadt liegt der große Golden Gate⸗Park. Im Mittel- punkt der Stadt ist das Chinesen⸗Viertel, aus großen Miethäusern mit ganz engen Gassen bestehend, das mehrere Theater, buddhistische Tempel und natürlich auch zahlreiche Opium⸗ kneipen enthält. Die Chinesen sind fast durchgehends Männer. Die Marketstreet ist jene Straße, die vom Erdbeben ganz besonders heimgesucht wurde. Nordwestlich von ihr liegt das Geschäftsviertel. In San Franzisko kom⸗ nen Erdbeben sehr häufig vor. Seit dem letzten großen Erdbeben, das großen Schaden ange⸗ richtet hat, werden die Privathäuser meist aus Holz hergestellt. Dagegen hat man für die öffentlichen Gebäude eine ganz besondere Art der Herstellung erfunden. Diese Häuser werden auf eine tiefe Betonschicht aufgebaut, die die Wirkung des Erdbebens verringern soll. Die Mauern sind dann aus solidester Arbeit, aus gutem Stein hergestellt. So ist das Rathaus erbaut, eines der schönsten Gebäude, mit hohen Türmen und korinthischen Säulen, bei dem die Betonschicht allein fast 12 Millionen Dollars gekostet hat, ebenso auch die große Oper, die Warenhäuser, die großen Hotels, unter denen das Palace⸗Hotel, das drei Millionen Dollars gekostet hat, das bedeutendste ist, dann die Banken in der Californtastreet, die Paläste der Eisenbahnkönige aufNob Hill, die Börse, der Palast der Zeitung Chronicle, die Kirchen, die Universität und viele andere. Aber alle dieseerdbebensicheren Gebäude haben diesmal dem Erdbeben keinen Widerstand entgegenzusetzen vermocht. Ein Kunstwerk ist die Wasser⸗ lettung, die 32 Kilometer lang ist und das Wasser aus dem südlich gelegenen Pllarcitostal herbeischafft. Auch sie wurde zerstört.

San Franzisko hat sowohl einen bedeutenden Handel, als auch eine hervorragende Industrie. Es sind dort an 50000 Arbeiter beschäftigt, und zwar in Eisengießereien, Schiffswerften, Gerbereien, Großschlächtereien, Konserben⸗ fabriken, Mühlen, Schuhfabriken. Die Handels⸗ flotte, die in San Franzisko liegt, zählte 1898 549 Segel⸗ und 258 Dampfschiffe.

Kalifornien liegt unter dem 37. Grad 48 Minuten nördlicher Breite, also etwa auf der Höhe von Sizilien. Das Klima ist sehr mild, aber auch im Sommer nie drückend heiß. Schnee ist nur sehr selten. Die Zeit von San Franzisko ist gegenüber der mitteleuropäischen Zeit ungefähr um 9 Stunden zurück, so daß, wenn hier schon Mitternacht ist, dort erst 3 Ahr nachmittags ist.

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Anterhaltungs-CTeil.

Nationalitäat.

Volkstum und Sprache ist das Jugendland, Darin die Völker wacksen und gedeihen,

Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind auf fremdem Strand.

Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Kette, um den Hals der Freien, Dann treiben längst Erwachs'ne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand.

Hier trenne sich der langvereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube! Der andre breche sich ein neues Bette!

Denn einen Pontifex nur faßt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette.

Gottfried Keller.

Der Keeigeist. Erzählt von C. A ristides.

(Schluß.)

Kaum hatte Ernst neben seiner Partnerin am Mittagstisch Platz genommen, als die Stiche⸗ leien über den Freigeist wieder losgingen.

Doch er fand sehr schnell das rechte Mittel, sich für den ganzen Tag Ruhe zu verschaffen. Als man sogar über den Pfarrer herfiel na⸗ türlich nicht ohne sich vorher zu überzeugen, daß derselbe noch nicht im Anzuge sei weil dieser in seiner Predigt dem verstockten Sünder nicht die Feuerhölle in sichere Ausicht gestellt, da er⸗ hob sich plötzlich Ernst zu folgender Rede es war seine erste:

Was wollt Ihr von mir? Was habe ich getan, daß Ihr glaubt berechtigt zu sein, mich zu verdammen? Ich habe ein Abzeichen nicht an meinen Rock geheftet, das einen hübschen Blumen⸗ stock seine besten Zweige gekostet hat. Wird das dem Kind, für dessen Erziehung zu sorgen wir soeben eine gewisse moralische Verpflichtung übernommen haben, etwas schaden? Lächerlich, wer das behaupten wollte. Ich soll unchristlich gehandelt und der Pfarrer seine Pflicht nicht getan haben? Macht sich das wahre Christen⸗ tum in solchen Aeußerlichkeiten geltend? Hat der Stifter der christlichen Religion auch Sträuße, Bänder und Federn getragen? Nein, wohl aber eine Dornenkrone. Und warum hat man ihn gemartert, gepeinigt und gekreuzigt? Weil er sich widersetzt hat den damals geltenden gesell⸗ schaftlichen Einrichtungen und Gebräuchen, weil er diejenigen, die nicht auf ihn hörten und sich mit ihrer Frömmigkeit brüsteten, Pharisäer und Heuchler nannte, kurz weil er für seine Ueber⸗ zeugungen einzutreten Mut genug hatte. Meine Ehre finde ich darin, wahr zu sein und so zu handeln, wie ich denke und nicht darin, daß ich einen toten Strauß auf die Brust heftete. Einen Sinn für Euere alten Bräuche wißt Ihr. selbst nicht, Ihr macht sie mit, weil es so Mode ist. Ich aber habe keine Lust, Werke zu thun, die ich für unsinnig erklären muß. Ich hoffe, das jetzt Jeder sich um sich selbst bekümmern wird und mich in Ruhe läßt.

Ernst hate geendet. Atemlos, voller Staunen und Aerger hatte man ihm zugehört, der nun selbst sich wunderte, wie er an all diese Worte gekommen. In diesem Augenblicke trat der Pfarrer ein. Stumm grüßend er⸗ hoben sich die Verlegenen.

Nun lieben Freunde, was geht denn hier vor, unterbrach er die lautlose Stille.

Es war Louise, welche die verdutzten Bauern aus ihrer Verwirrung riß.Ach, der Ernst hat uns gesagt, daß man von dem Nebenmenschen nicht immer gleich das Schlimmste denken, sondern sich um den Balken im eigenen Auge kümmern soll, wie ja auch der Herr Pfarrer heute Morgen so hübsch gepredigt hat.

So, so meine Tochter, behalte nur immer so hübsch meine Predigten, und der Herr wird

Dich segnen, mit diesen Worten wich der Pfarrer in ebenso salbungsvoller als geschickter Weise der heiklen Sache aus.

Acht Tage später hatte Ernst Hüttenberge den Rücken gekehrt. Sein Vater, der selbst Handwerksbursche gewesen, wußte sehr wohl, daß der Junge zur weiteren Ausbildung in die Fremde mußte und dazu hielt er den jetzigen Zeitpunkt gerade für geeignet.

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Fünfzehn Jahre sind ins Land gegangen. Die heiße Augustsonne senkt ihre brennenden Strahlen nieder auf Menschen, Vieh und Feld. Auf einem an die Landstraße grenzenden Felde, nahe an Hüttenberge, mahnt der Besitzer die Mitarbeitenden seine Frau, die Magd und eine Taglöhnerin wiederholt: Sputet euch, damit wir noch vor Mittag das Stück fertig kriegen. Alle sind in Schweiß gebadet und Niemand hat den Herrn bemerkt, der, gemäch⸗ lich auf einem Fahrrad über die Landstraße gleitet. Doch was ist das? Auf dem Felde entsteht große Aufregung. Alle drängen sich um die Frau des Bauern, welche plötzlich taumelnd zusammengesunken. Der Bauer be⸗ mühte sich, sie aufzurichten, während die andern rathlos die Hände rangen. Der Fremde auf der Straße ahnte sofort, um was es sich handelte; er stand plötzlich an der Seite des Bauern und als er die Krämpfe sah, in welchen sich die Kranke wand, fand er seine Ahnung bestätigt: die Frau war vom Hitzschlag befallen. Ohne seine Umgebung zu fragen, öffnete er der Kranken die oberen Kleider, schob ihr seinen Rock, den er auszog, unter den Kopf, befahl schleunigst Wasser zu holen und hielt der Kranken ein stark riechendes Fläschchen unter die Nase. Die Kranke begann tief Athem zu holen, da kam die Magd mit einer Tasse voll Wasser, das sie an einer Quelle aufgefangen hatte. Benetzungen wurden vorgenommen und der Kranken unter Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen eine Zeit lang Ruhe gewährt, während auf Anordnung des Fremden das Fuhrwerk eines anderen Bauern requiriert wurde, auf welchem man die Kranke bettete und nach Hause fuhr. Der Fremde gab nähere Anweisungen, wie die Kranke zu Hause bis zur Ankunft des Arztes zu behandeln sei, er selbst aber schwang sich auf sein Zweirad und sauste nach der zwei Stunden entfernten Stadt, um die ärztliche Hülfe zu holen.

Der Bauer hatte sprachlos den Anordnungen des Fremden Folge geleistet, er glaubte, einen Arzt vor sich zu haben und wurde erst aus dessen letzten Maßnahmen von seinem Irrtum überzeugt.

Schon nach reichlich einer Stunde kam der Fremde zurück und kehrte in das Haus des Bauern ein, zu dessen größten Erstaunen, denn er, der Bauer, hatte in der Aufregung vergessen, Namen und Wohnung anzugeben. Der Arzl habe, so sagt der Fremde, sofort auspannen lassen; dann teilte er noch die vorläufigen An⸗ ordnungen des Arztes mit. Auch jetzt folgte der Bauer blindlings, jedoch nicht, ohne dem Fremden, der sich nun schnell verabschiedete, einen vielsageuden, dankbaren Blick zuzuwerfen.

Bald darauf erschten der Arzt. Er unter⸗ suchte die Kranke, ließ sich den Hergang der Sache noch einmal schildern und erklärte daun mit dumpfer Stimme:Sie haben dem fremden Manne das Leben Ihrr Frau zu danken. Ohne die schnelle und sachgemäßige Hülfe wäre sie jetzt nicht mehr unter den Lebenden. Bald darauf lag die Kranke in einem erquickenden Schlaf.

Wißt Ihr auch, wer der fremde Mann ist? fragte nun die Magd den Bauern.Es ist Ernst Kampf!Recht Louise, ich habe ihn vorhin auch erkannt. Wer hätte das ge⸗ dacht. Doch Gott sei Dank, meine Frau ist ge⸗ rettet.Gewiß sei Gott gedankt, aber Ihr habt gehört, wie der Doktor sagte, daß Ernst Kampf sie gerettet habe.Ja, ja, ge⸗ wiß, gewiß, aber den hat uns der liebe Gott doch nein nun, wir wollen auf ein andermal darüber sprechen; ich habe jetzt keine Zelt.

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