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Mitteldentsche Sonufags⸗ Zeitung.
2 Nr. 6.
Obst, zweimal soviel Eier, die Hälfte Kartoffeln, und ein Sechstel der Brotmenge, die der deutsche Arbeiter verzehrt.
In der letzten Zeit sind verschiedentlich Arbeiterhaushaltungs Budgets veröffentlicht worden, aus denen allgemein ersichtlich war, wie wenig der deutsche Arbeiter für Fleisch⸗ nahrung aufwenden kann. Die Frkf. Volks⸗ stimme brachte kürzlich die Aufzeichnungen eines Arbeiters in Euskirchen. Danach hatte dessen siebenköpfige Familie 1905 u. a. 52 ½ Kilo⸗ gramm Fleisch, 191 Liter Milch und 69 Stück Eier verbraucht, das war auf den Tag noch nicht 150 Gramm Fleisch, etwa ein halbes Liter Milch und alle fünf Tage ein ganzes Ei— für steben Personen.
Der Kampf gegen die Lebensmittel verteuerer ist eine Hauptaufgabe der deutschen Arbeiter. Ein paar Pfennige Lohnerhöhung werden sofort aufgewogen durch Steigerung der Lebensmittelpreise. Der Kampf gegen die Lebensmittelvertenerer heißt Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien, die mehr oder weniger diese schlimmen Zustände mit ver⸗ schuldet haben. Er heißt Unterstützung der sozialdemokratischen Arbeiterpresse und Anschluß aller Arbeiter an jene Partei, die allein den Kampf für billiges Brot energ sch führt, an die Sozialdemokratie!
Dazu wird noch berichtet, daß im Vogels⸗ berg die Fleischpreise im rapiden Steigen be⸗ griffen sind, es ist also zu erwarten, daß die Fleischnot noch lange nicht ihr Ende erreicht. Auch aus Köln und anderen Orten wird gleiches berichtet. Und da wagen die Bauernbunds⸗ agitatoren und die bündlerisch⸗antisemttische Presse von einem„Fleischnotrummel“ zu sprechen!
— Gewerbegerichtswahl. Die am Samstag erfolgte Wahl der Beisitzer zum Ge⸗ werbegericht bedeutet einen schönen Erfolg der Freien Gewerkschaften. Sie brachten 200 Stim⸗ men mehr auf, als bei der Wahl vor 3 Jahren, obwohl gegenwärtig bedeutend weniger Bauar⸗ beiter als zu anderer Jahreszeit in Gießen be⸗ schäftigt sind. Die Beteiligung war im allge⸗ meinen stärker. Auf der Arbeiterseite wurden 1071 Stimmen abgegeben, gegen 832 bei der vorhergehenden Wahl. Die Liste der Freien Gewerkschaften erhielt davon 962 gegen 763 im Jahre 1903. Die„nationalen“ Arbeiter brachten bei außerordentlicher Anstrengung 109 Stimmen auf, 40 mehr als 1903. Sie erhalten also wiederum 1 Beisitzer, den ste übrigens auch schon mil 50 60 Stimmen bekommen hätten.— Für die Arbeitgeberliste wurden 115 Stimmen abgegeben, wovon 15 für die Liste des Gewerk⸗ schaftskartells. Von letzterer sind also wieder zwei Kandidaten gewählt; die ganze Besetzung des Gerichts bleibt also wie bisher.
— Ein Volksunterhaltungs⸗ abend wird am Sonntag im Saale des Turn⸗ vereins am Oswaldsgarten abgehalten. Nach einem kurzen einleitenden Vortrag des Herrn Dr. Strecker⸗Bad⸗Nauheim über Hans Sachs und Wilh. Busch werden von Mitgliedern des Dürer⸗Bundes zwei sehr lustige Fastnachtspiele von Hans Sachs aufgeführt, worauf einiges aus Busch's Werken in Lichtbildern gezeigt wird.
Wir können den Besuch dieser Veranstaltung
nur empfehlen. Eintritt kostet an der Kasse 30 Pfg. Für Gewerkschaftsmitglieder sind Karten für 10 Pfg. bei den Vorständen zu haben. lichen Preisen.
— Das Gewerkschaftsfest am Samstag war sehr stark besucht und nahm den besten Verlauf. Die Festrede des Gen. Göller⸗ Frankfurt wurde mit starkem Beifall aufge⸗ nommen und ebenso die zur Unterhaltung vor⸗ getragenen Stöcke. Zur Verlosung waren eine ziemliche Anzahl nützlicher Gegenstände gestiftet worden, es gab also viel mehr glückliche Ge⸗ winner als neulich bei der Freien Turnerschaft. So werden gewiß alle das Fest befriedigt ver⸗ lassen haben. Doch halt, nuch t alle, denn wir erhielten folgende Zuschrift:
Bei Arbeiterfestlichkeiten sollte doch mehr Rücksicht auf die Damen genommen werden. Viele Männer tanzen nicht, weshalb öfters Frauen mit einander tanzen und warum sollen sie auf die Gnade und Barmherzigkeit der Männer warten? Auf dem Gewerk⸗
Anfang ½6 Uhr. Bier zu gewöhn⸗
schaftsfest kam es aber vor, daß, wenn zwei Frauen zusammen tanzten, diese recht unsanft von den Ordnern
aus den Reihen der Tanzenden hinaus befördert wurden.
Dabei hatte der Festredner kurz vorher aufgefordert, die Frauen aufzuklären, weil sie heute vielfach noch die Männer verhinderten, ihre Pflichten in Bezug auf die Arbeiterbewegung zu erfüllen, während sie doch dieselben in ihren Kämpfen unterstützen sollten. Gewiß, das ist ganz richtig; aber dann sollten auch gerade die in der Bewegung stehenden Männer, den Frauen das gleiche Recht zubilligen! Aber man behandelt uns immer als willenlose Geschöpfe! Es handelt sich ja hier nur um eine Bagatelle. Aber wie hier, so auf andern Gebieten. Darum sollten wir auch hier in Gießen und Umgebung uns endlich eine Frauen⸗Organisation schaffen, wie solche in andern Orten Deutschlands längst bestehen, um uns aufzuklären und wirksam in den Kampf für Menschenrechte und gegen Unterdrückung eingreifen zu können! Frau E. Wir können dem nur vollkommen zustimmen.
Aus dem Rreise gießen.
— Weitere Protest⸗Versamm⸗ lungen gegen die Tabaksteuer und die in⸗ direkten Steuern überhaupt wurden noch von Sonntag bis Mittwoch in Großenlinden, in Krofdorf, in Steinberg und in Staufenberg abgehalten. Alle diese Ver⸗ sammlungen waren recht gut besucht, Gauleiter Franz Schnell sprach über die ungeheure Belastung der Tabakindustrie, die ihr durch die Tabaksteuer⸗ Erhöhung droht. Zwar hat die Reichstagskommission die Steuer abgelehnt, doch ist die Gefahr noch keineswegs vorüber; man weiß noch nicht, ob das Zentrum bis zuletzt standhalten wird. Weiter wurde über den Tabakarbeiter⸗Kongreß in Berlin be⸗ richtet, mit dessen Haltung sich die Versamm⸗ lungen einverstanden erklärten. Die Resolution des Kongresses finden unsere Leser auf der ersten Seste abgedruckt.
— Die Landwirts bündler betreiben während der Wintermonate die Agitation nachdrücklich. Zahlreiche Wanderredner ziehen im Lande herum und suchen auf allen Dörfern Mitglieder für den Junkerbund zu werben. Von ihrer Seite wird bereits stark auf die kommende Reichstagswahl hingearbeitet und man hofft besonders den Kreis Gießen wieder zu erobern. Am Dienstag war ein Bündler⸗Agitator in Alten⸗Buseck, der eine auswendig gelernte Rede herunterschnurrte, die mit Auf⸗ forderung zum Beitritt in den Bund der Landwirte und zur Wahl von Bündlern in den Reichstag schloß. Der anwesende Genosse Vetters beleuchtete darauf die Tätig⸗ keit und die Politik jenes Bundes, die eine verderbliche für das ganze Volk und auch für den Kleinbauern sel. Niemand aus der gut besuchten Versammlung meldete sich zum Beitritt.
— Der Bürgermeister in Ober⸗ Oh men will sich auch an dem Kampfe gegen die vermaledeite Sozialdemokratie beteiligen. Er wendet aber dabei sehr unschöne Mittel an und scheint es nicht einmal für nötig zu halten, ein gegebenes Versprechen einzulösen. Am Sonn⸗ tag vor acht Tagen sollte dort eine öffentliche Versammlung stattfinden, für welche der Rathaus⸗ saal vom Bürgermeister zugesagt worden war. Als aber die Vorbereitungen getroffen waren und der Redner erschien, lehnte der Bürger⸗ meister die Hergabe des Lokales ab. Daß sein Verhalten nicht recht und auch nicht schön set, mußte er selber zugeben; er versuchte sich damit herauszureden, daß er behauptet, es müsse des⸗ wegen erst bei dem Kreisamt angefragt werden, daß man es von„oben“ nicht gern sehe ꝛc. Aber auch der Bürgermeister von Ober⸗Ohmen wird so wenig wie viele andere mächtigere Leute in der Lage sein den Fortschritt unserer Bewe⸗ gung aufzuhalten. Gerade solche Schwierig ⸗ keiten müssen die Arbeiter anfeuern sich zu⸗ sammenzuschließen und sick ihr Recht zu er⸗ kämpfen. Sie sollen sich üher ihre Lage und die politischen und wirtschaftlichen Fragen aufzu⸗ klären suchen. Das kann zweckmäßig nur in öffentlichen Versammlungen geschehen; daher müssen diejenigen, denen es mit der Sache ernst ist, solche zu ermöglichen suchen. Vor allem nur bei den Wirten verkehren, die ihre Lokali⸗ täten auch zu Versammlungen hergeben!
Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.
* Ueber die Wahl des Kreisrats Wallau liegt jetzt der Bericht der Wahl⸗ prüfungskommission des Reichstags vor. Be⸗
kanntlich haben die bei der Wahl unterlegenen Antisemiten Protest gegen Wallaus Wahl er⸗ hoben und zwar mit Recht. Aber dieselbe Kommisston, die ohne weiteres Kassation der Mandate der Sozialdemokraten Braun und Buchwald vorschlug, obwohl die Wahlbeein⸗ flussung der Behörden zu ihren Ungunsten ausgeübt worden war, nimmt die zu Gunsten Wallaus vorgekommenen Beeinflussungen ziem⸗ lich leicht. Eine ganze Reihe erheblicher Protest⸗ punkte erklärte die Kommisston für unbeachtlich. So z. B. die folgenden:
Kreisamtmann Werner habe in seiner amt⸗ lichen Eigenschaft Bürgermeister, Förster, Lehrer beeinflußt, für Wallau zu stimmen und zu wirken, wofür der Protest eine ganze Anzahl Zeugen nennt; der Forstwart Boos von Metzloos⸗Gehag habe geäußert:„Es erhält Nie⸗ mand mehr Streulaub, der den Kreisrat nicht wählt“; in Rebgeshain habe der Flur⸗ schütz Stimmzettel verteilt mit dem Bemerken: „Wenn ihr den Stimmzettel für Dr. Wallau nicht hintragt, dann werdet Ihr die Flur⸗ strafen nimmer los“. Für belanglos wird ferner erllärt, daß in Udenheim der Bürger⸗ meister sagte:„Wenn die Gemeinde nicht für Wallau stimmt, gibt es keinen staatlichen Zu⸗ schuß von 1000 Mk. für den Brückenbau.“ Verschiedene Aeußerungen von Gendarmen dc. und sogar die amtliche Beeinflussung zur Saalverweigerung wird, obgleich mit Zeugen belegt, als„nicht genügend sub⸗ stanzstert, für unbeachtet erklärt.“
Für unzulässige amtliche Wahl⸗ beeinflussung wird folgendes erklärt: daß Kreisamtmann Werner dem Krieger⸗ verein zu Langenhain eröffnete, die Ueber⸗ lieferung der vom Kaiser gestifteten Fahnen⸗ schleife könne nur erfolgen, wenn der Krieger⸗ verein Wallau wähle; daß der Kreis schul⸗ inspektor des Kreises Lauterbach, Herr Andres, die Lehrer seines Kreises versammelte und sie ermahnte, für Wallau zu stimmen; daß Kreisrat Schönfeld aus Schotten im Kreise Schotten für seinen Kollegen öffentlich agitierte; endlich: daß ein Flugblatt verbreitet wurde, das die Bürgermeister von 34 Ortschaften mit ihrem Namen unterzeichneten. Sowohl die Agitation des Kreisrats Schönfeld als das Bürgermeister⸗Flugblatt wären geeignet, ohne weiteres zur Kassation des Wallauschen Mandats zu führen, es soll aber Beweis er⸗ hoben werden, in welcher Weise Kreisrat Schönfeld agitiert hat und in welchem Umfange hessischen Bürgermeistern Polizeigewalt zusteht. Einstweilen verkriechen nämlich die Wallauschen Ordnungsbrüder sich hinter die Ausrede, die hesstschen Bürgermeister hätten ja so gut wie keine Polizeigewalt. Auf alle Fälle erreichen die Herrschaften, daß, wenn auch das Wal⸗ lausche Mandat schließlich kasstiert wird, doch der Kreisrat Wallau jahrelang das Mandat ausgeübt hat.
Alsfeld. Das erste Stiftungsfest der Freien Turnerschaft fand am Samstag im Hotel Deutsches Haus statt, die Beteiligung war eine starke. Sämtliche turnerischen wie theatralischen Darbietungen ernteten stür⸗ mischen Beifall. Der Freien Turnerschaft von Gleßen für ihr Telegramm noch nachträglich unseren verbind⸗ lichsten Dank. Die Nachfeier fand im Vereinslokal statt. Auch hier war jeder Platz besetzt. Durch heitere sowle 1 ernste Deklamationen unterhielt man sich bis spät in die Nacht hinein. In allen Teilen kann die Freie Turner? schaft auf ihr erstes Stiftungsfest mit Stolz zurückblicken. (Man soll nur in Alsfeld der Partei⸗ und Gewerkschafts⸗ bewegung mindestens das gleiche Interesse entgegen bringen! D. R.)
Aus dem Rreise Wetzlar. 75
— Polizeiliche Nadelstiche. Größere Ver sammlungen kann unsere Partei in Wetzlar wegen Lolal⸗ mangel nicht abhalten. Und daß die Partel keinen Saal bekommt, das liegt an Einflüssen von oben. Dem Besitzer von Göths Garten wurde auferlegt, noch einen fünften Ausgang zu den vorhandenen vier herstelen zu lassen. Dabei sind aber in diesem Saale große 0 Feste, Maskenbälle ꝛc. abgehalten! Meint man, die Soztaldemskraten mit solchen kleinlichen Dingen ver⸗ nichten zu können?
h.„Fürstliche“ Löhne. Wie die Löhne der Eisensteinberzleute im Wetzlarer Bezirke stehen, darüber macht die Bergarbeiter⸗Zeitung einige zahlenmäßige Mit⸗ tetlungen. Das Blatt gibt einen Auszug von über


