Ausgabe 
10.6.1906
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

reich mit den britischen Behörden, der ein Zeichen der herr schenden wohlwollenden Gesinnung sei. Der deutsche Reichstagsabgeordnete Sach se be⸗ tonte in seiner Antwort die Notwendigkeit der internationalen Bewegung unter den Arbeitern. Nachdem man in die Verhandlungen eingetreten war, wurde eine von Walsh⸗England eingebrachte Resolution angenommen, die eine Verbesserung der Berggesetzgebung zum Schutze von Leben und Gesundheit der Arbeiter unter Tage ver⸗ langt. Ferner wurde ein von Bartels⸗Deutsch⸗ land und Eber⸗Oesterreich vorgeschlagener Be⸗ schluß gefaßt, nach dem zur Verhütung von Unglücksfällen, namentlich solcher wie in Cour⸗ rieres, die Arbeiter aus ihrer Mitte Inspektoren müssen wählen dürfen, die vom Staate zu be⸗ solden sind.

Aus den Gewerkschaften. Der Ver⸗ band der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter hat im Jahre 1905 einen recht erfreulichen Aufschwung genommen. Seine Mitgliederzahl betrug am Schlusse des Jahres 50 654, darunter 1207 weibliche Mitglieder. Der Verband steht heute bezüglich seiner Stärke an achter Stelle der Zentralverbände in Deutsch⸗ land. Er besitzt rund eine Viertelmillion Mark an Vermögen. Die Ausgaben des Verbandes für Arbeitslosenunterstützung stiegen von Mark 16 686,15 im Jahre 1902 auf Mark 29 221,97 im Jahre 1905. Die Ausgaben für Kranken- unterstützung haben sich im gleichen Zeitraum ebenfalls mehr als verdoppelt, desgleichen die Ausgaben für Sterbefälle, für Extraunterstützung und für Rechtsschutz.

Der Holzarbeiter⸗Verband hielt in der Woche vom 22. 27. Mai seinen sechsten Verbandstag in Köln ab, an dem 122 Dele⸗ gierte und außerdem 5 Vorstandsmitglieder und 16 Gauleiter teilnahmen. Der Verband hat sich zu einer der mächtigsten Organisattonen entwickelt, seine Mitgliederzahl ist auf 130 000 gestiegen. Nach dem Bericht des Vorstandes wurden in den Jahren 1904 und 05 im Ganzen 2300000 Mk. für Streiks und Lohnbewegungen ausgegeben. Für Unterstützungszwecke wurden ebenfalls bedeutende Summen aufgewendet. Von den Beschlüssen des Verbandstages, der am Samstag(26. Mai) zu Ende ging, sind hervorzuheben die Einführung einer Kranken⸗ unterstützung, wozu der Beitrag auf 50 Pfg. pro Woche erhöht wird. Feruer soll für Ar⸗ beitsruhe am 1. Mai eingetreten und etwa deswegen Gemaßregelte aus der Verbandskasse unterstützt werden.

von Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Meidet den Leib'schen Saal! Die Gewerkschaftsversammlung, die am Donnerstag vor den Feiertagen in Lonys Bierkeller statt⸗ fand, sollte erst im Saale des Café Leib abge⸗ halten werden. Kurz vor Beginn der Versamm⸗ lung wurde aber das Lokal vom Wirt ver⸗ weigert, jedenfalls auf das Betreiben des Herrn Schwan hin, dem der Saal gehört. Zu unserm Bedauern konnten wir in voriger Nummer wegen Raummangel nicht mehr auf diese Angelegenheit eingehen, der alle Genossen die nötige Beachtung widmen müssen. Die Arbeiterschaft Gießens und der Umgebung wird selbstverständlich die richtige Antwort auf die empörende Behandlung zu geben wissen, die ihr da von dem Saalbesttzer und Pächter zuteil geworden ist. Und diese Antwort kann uur darin bestehen, daß jeder Arbeiter es sich zur unbedingten Pflicht macht, dieses Lokal micht zu betreten, solange es unserer Partei und den Gewerkschaften für Versammlungszwecke verweigert wird. Da werden den ganzen Winter Festlichkeiten von Arbeitervereinen abgehalten, wollen sie aber den Saal zur Beratung ihrer Interessen zur Verfügung gestellt haben, so werden sie wie Hunde davon gejagt! Die Gießener Arbeiter verdienten diese Behandlung, wenn sie sie sich gefallen ließen. Bleibt daher dor: 7 wo man euch nicht haben will! Hoffentl bei, daß der Saalfrage mehr Interesse zuge⸗

trägt dieses Vorkommnis mit dazu

wendet und alle Energie zur Beseitigung dieser

Kalamität aufgewendet wird.

DerGießener Anzeiger erzählt in seiner Montagsnummer, daß sich unser Ge⸗ nosse Bernstein im Reichstage bei der Debatte über die Breslauer Polizeibrutalitäten damit unsterblich blamiert habe, daß er eine unab⸗ geschosseue Patrone auf den Tisch des Hauses niedergelegt und daran einegraustge Geschichte geknüpft habe. Die Sache sei aber von der ganzen sozialdemokratischen Presse unterdrückt worden. Das Amtsblatt faselt da dummes und unwahres Zeug. Diejenigen sozialdemo⸗

kratischen Blätter, die ausführlichere Reichstags⸗

berichte bringen, haben auch die Ansführungen über die Patrone gebracht, sowohl Bernsteins, wie die des Grafen Posadowsky. Was sollte denn für eine Veranlassung vorliegen, die Sache zu unterdrücken? Bernstein sollte sich damit blamiert haben, daß er eine Patrone von einer abgeschossenen Kugel nicht habe unter⸗ scheiden können. Fehlten Bernstein wirklich diese pyrotechnischen Kenntnisse, so wäre das kein Unglück, sondern beweist höchstens, daß er sich in seinem Leben mit nützlicheren Dingen, als Schießprügeln, abgegeben hat. Es gibt noch viele einfachere und bekanntere Dinge, von denen sogenannteGebildete aber keine Ahnung haben. Bernstein hat gesagt, daß mit solchen Kugeln(wie er ste vorzeigte) geschossen worden ist, Graf Posadowsky machte sich dann den Spaß, dem Reichstage zu erklären, daß mit dieser Kugel nicht geschossen worden sei. Das ist diegrausige Geschichte. Weiter benutzt das Amtsblatt die Haltung unserer Genossen im badischen Landtage zum Vermögenssteuer⸗ gesetze, gegen das sie gestimmt haben sollen, dazu, unserer Partet eins anzuhängen, indem es eine törichte Anrempelung der Nationallibe⸗ ralen Korrespondenz nachdruckt. Unsere badi⸗ schen Landtagsabgeordneten werden schon sehr genau wissen, was sie im Interesse des Volkes zu tun haben, und es wird auch von ihrer Tätigkeit Rechenschaft gefordert. Die besitzenden Klassen aber, deren Vertreter die Nationallibe⸗ ralen sind, haben stets verstanden, sich von den Steuern zu drücken. Mögen sie nur eine wirksame Vermögenssteuer vorschlagen, die Sozialdemokraten werden ihr gewiß zustimmen!

Bei Schaffstaedt war, wie in der letzten Nr. mitgeteilt, 38 Metallarbeitern auf den Pfingstsamstag gekündigt worden. Die⸗ selben erhielten am Samstag einen Zettel fol genden Inhalts:Nachdem die streikenden Gießereiarbeiter ihre Forderungen zurückgezogen haben, beschloß der Vorstand der Metall⸗Indu⸗ striellen, daß die Aussperrung nicht zur Aus⸗ führung kommen soll und ich nehme die Kündi⸗ gung hiermit zurück. Wir haben oben schon bemerkt, daß die Metallindustriellen ihren Rückzug zu bemänteln suchen. Tatsächlich ist den For⸗ mern gar nicht eingefallen, ihre Forderungen zurückzuziehen. Worin nachgegeben wurde, das hatte der Metallarbeiterverband gar nicht zur Prinzipienfrage gemacht. Doch wir wollen dies weiter nicht erörtern; wir begrüßen es vielmehr, daß die Aussperrung verhütet wurde, wenn wir auch überzeugt sind, daß der Metallarbeiterver⸗ band seinen Mann in diesem Kampfe gestellt hätte. Soviel stand fest, daß alle Schaff⸗ staedt'schen Metallarbeiter sich mit ihren aus⸗ gesperrten Kollegen solidarisch erklärt hätten und kein Mann stehen geblieben wäre. Ihrenwohl⸗ wollenden Arbeitgeber haben sie bei dieser Ge⸗ legenheit ja zur Genüge kennen gelernt. Zum Danke für außergewöhnliche Anstrengung, dafür, daß ste wochenlang Ueberarbeit leisteten, wurden die Arbeiter hinausgeworfen! Sie werden stch das merken und gelernt haben, daß sie den öffentlichen Vorgängen Beachtung schenken, poli⸗ tisch sich als Sozialdemokraten organisteren und die Arbeiterpresse unterstützen müssen.

In der Ga il'schen Tabakfabrik ist es mit den Zigarrenmachern zu einer Einigung gekommen und haben diese die Arbeit wieder aufgenommen. Bezüglich der Spinner fanden ebenfalls Verhandlungen statt, die jedoch bisher ohne Resultat blieben.

Das Fa der Provinz Oberhessen tritt nächsten Montag, den 11. Juni,

95 Sitzungsperiode des zweiten Quartale zu⸗ ammen. Unter den dafür ausgelosten Ge⸗ schworenen befindet sich wiederum nicht ein einziger Arbeiter; die zahlreichste Klasse der Bevölkerung ist also von der Rechtsprechung ausgeschlossen. Aus andern Bundesstaaten, z. B. Bayern, Württemberg und sogar Sachsen wurden bereits wiederholt Arbeiter als Ge⸗ schworene ausgelost. Bei uns in Hessen scheint man sich dazu noch nicht aufschwingen zu können. Zur Verhandlung kommen folgende Fälle: Montag: Fleckenstein aus Weibersbruun und Strott aus Offenbach wegen Meuterei; Dienstag: Möller Eheleute ans Schlitz wegen Brandstiftung; Mittwoch: Kutscher aus Herzberg wegen Raub; Donnerstag: Carle aus Gießen wegen Brand⸗ stiftungsversuch; Montag: Franken aus Köln wegen Meineid. g

Das Waldfest am zweiten Pfingst⸗ tage war durch die unfreundliche Witterung stark beeinträchtigt, doch es regnete wenigstens nicht und so war der Ansenthalt im Walde noch erträglich. Das Fest nahm den besten Verlauf.

Aus dem Rreise gießen.

Zum Kreisfest, das nächsten Sonntag (17. Juni) in Hausen stattfindet, wird wieder ein Extrazug bis Station Schiffenberg fahren. Derselbe geht punkt 1 Uhr mittags ab Gießen. Die Rückfahrt muß abends aber schon, um die Anschlüsse zu erreichen, 8.34 ab Schiffenberg erfolgen. Der Preis der Rückfahrtkarte beträgt 35 Pfg., Kinder frei.

In Leihgestern stürzte am vorigen Donnerstag Abend bei dem Gewittersturm die Kirche ein. Offenbar hatte ein Blitzstrahl die Verbindung des Daches mit dem Turm gelöst, worauf der Sturm das Dach zur Seite warf. Leider wurde dabei auch ein Mädchen verletzt. Dem Herrn Pastor kam der Sturm und Ein⸗ sturz sehr gelegen; er wollte schon lange eine neue Kirche haben, die aber die politische Gemeinde bezahlen soll.

Kommunales aus Alten⸗Buseck. Die kürzlich in derMitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung gemachten, sehr berechtigten Bemer⸗ kungen über verschiedene Miß⸗ und Zustände in unserer Gemeinde, haben merkwürdigerweise bei mehreren unserer Gemeindevertreter keine Sympathie gefunden. Im Gegenteil gaben sie in der letzten Sitzung ihrem Mißfallen Ausdruck; während einer der Herren meinte, das Blatt wolle doch auch was bringen, murmelte ein anderer etwas von Leut durcheinander machen. Genosse Seuling entgegnete darauf, daß Miß⸗ stände, wie sie hier vorliegen, an die Oeffent⸗ lichkeit gebracht werden müßten, wenn anders ihre Abstellung nicht erreicht werden könnte. Der Herr Bürgermeister glaubte nun den Ein⸗ sender entdeckt zu haben und bemerkte: does härre se besser gelosse. Wir geben ja gerne zu, daß es immer irgend jemandem nicht ge. fallen wird, wenn an einer Sache Kritik geübt wird; wenn aber die Gemeinderäte ihr Amt von höherem Gesichtspunkte aus auffassen und in erster Linie das Gesamt⸗Interesse im Auge behalten, werden ste die Berechtigung und den Wert solcher Kritik anerkennen. Wir gestatten uns, gleich noch eine andere Sache anzuführen. Der Gemeindebulle sollte nach Beschluß durch Ausschreibung seil geboten werden. Am andern Tage erstand der hiesige Metzger Wallenstein den Bullen das Pfund Lebendgewicht zu 36 Pfg., während doch 3941 Pfg. der durchschnittliche Preis ist. Das macht bei 20 Zentner einen erheblichen Mehrbetrag, welcher der Gemeinde zu gute kommen könnte.

Aus dem Nreise griedherg⸗Büdingen.

EinTrachten- und Heimatpflegefest⸗ wird vom 17. Juni ab 8 Tage lang in Butz bach abgehalten. Es soll in Festumzügen, Theatervorstellungen, Austellung ꝛc. bestehen. Ein Freund unseres Blattes hat für diese Veranstaltung nicht viel übrig und hat wohl auch nicht ganz unrecht, wenn er uns dazu schreibt: Trachtenfest! Nun, die fraglichen Trachten sind ia

zum Teil wirklich schön; aber aus gesundheitlichen und

anderen Gründen sind sie zu verwerfen. Und in der

Tat verschwinden sie auch mehr und mehr, wie alles verschwindet, sobald es sich überlebt hat(wie Kniehose,