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Mitteldentsche Sonutaas⸗Zeitung.
Nr. 12.
von Nah und Lern. Durch einen Gerüsteinsturz
am Neubau des Landeshauses in Wies baden wurden am Freitag zwei Männer getötet, die zu derselben Zeit vorüber gingen. Die Erschlagenen sind der Rentner Petz und Post⸗ sekretär Chelius a. D. Zum Glück wurde auf dem offenbar schlecht gebauten Gerüst nicht gearbeitet, soust wäre das Unglück noch viel größer.
Gebrochene Ordnungsstützen.
Die Strafkammer in Memmingen Gayern) verurteilte den früheren katholischen Pfarrer Küble von Illereichen wegen eines Sittlichkeitsverbrechens an einer Minderjährigen, eines Amtsverbrechens, eines Betrugs und einer Unterschlagung zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust. Küble hat mehrere Tausend Mark Kirchenstiftungsgelder veruntreut. — In Glatz wurde der frühere Amtsanwalt und Rittmeister der Landwehr Ernst Müller aus Charlottenburg wegen Betrugs, verübt im vergangenen Sommer im Badeort Kudowa, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.— Rechts⸗ anwalt Carthaus, der vor kurzem von Duis⸗ burg nach Münster verzog, wurde auf Veran⸗ lassung der Duisburger Staatsanwaltschaft wegen großer Unterschlagungen von Mündelgeldern verhaftet.
Ueber das falsche Schamgefühl.
Eine zeitgemäße Betrachtung, zugleich ein Mahnwort an die Arbeiter und deren Familien.
(Fortsetzung aus voriger Nr.)
Geschichtlich steht diesbezüglich Folgendes fest: Bekanntlich betrachteten die Völker des Altertums: die Aegypter, Juden, Phoenicler, vor allem die Griechen und Römer, die Ge⸗ schlechtsorgane des Menschen als eine ganz natürliche und höchstwichtige Einrichtung im Bau des menschlichen Körpers. Erst das aske⸗ tische Christentum führte darin eine plötzliche Aenderung herbei: die Fleischeslust nicht nur, sondern der gesamte Körper des Menschen wurde als etwas Sündhaftes angesehen im Gegensatz zu Geist und Seele; diese beiden, so wurde gelehrt, werden nur dann der höchsten Gnade Gottes teilhaftig, wenn sie alle Fesseln der körperlichen Lebensbetät'gung von sich abgestreift haben. Im Wandel der Jahrhunderte hat sich diese Auffassung zwar erheblich geändert, aber gerade auf dem geschlechtlichen Gebiete findet sie auch heute noch zahlreiche Anhänger. Der spezielle Beweggrund dafür ist der,„daß der Mißbrauch der geschlechtlichen Werkzeuge und ihrer Betätigung(Ausschweifungen und dadurch Krankheiten) mit ihrer ursprünglichen Be⸗ stimmung(Fortpflanzung lebensfrischer Generationen) verwechselt wird. Und diese unnatürliche und deshalb widerliche Anschauung kommt, wie schon zwei Jahrtausende zuvor, daher, daß wir noch nicht gelernt haben, uns liebevoll in die Natur, d. h. in das Wahre der Dinge zu verfenken, weil sie uns schon frühzeitig verdeckt wird! Wie barbarisch, aber auch wie lächerlich! Denn, um wieder zu unserem engeren Beispiel zurückzukehren, die Geschlechtsteile sind nun einmal keineswegs bloße Dekorationsstücke am und im menschlichen Körper; sie sind im Gegenteil höchst lebens⸗ wichtige Organe, deren ungeheure Bedeutung in der Schaffung neuer Lebewesen liegt. Und dieser große Wert wird schon dem gewöhn⸗ lichsten Menschen deutlich, wenn jene Teile entweder selbst erkranken oder indirekt unter anderen Krankheiten zu leiden haben. Schon frühzeitig ändern sie mächtig die gesamte körper⸗ liche und geistige Beschaffenheit des Einzelnen; sie sind es, mit deren Veränderung im Entwickelungsalter eine enorme Steigerung der gesamten Lebens⸗ betätigung Platz greift. Und diese wichtigen Organe der Kinder verbirgt man ängstlich vor den Augen der anderen Kleinen!
Darum: Ehrfurcht vor der Nacktheit, denn der menschliche Körper, nicht sein
Kleid, ist das vollkommenste Gebilde im ge⸗ samten Tierreiche.
Wie aber gewinnen wir diese Ehrfurcht? Dann, wenn die Eltern selbst durchdrungen sind von der hohen Bestimmung des menschlichen Körpers, wenn sie diesen als ein herrliches Werk im weiten Reiche der Natur betrachten“); erst dann werden sie reinen Sinnes auch die Betrachtung der Geschlechtsgegend ihren Kindern nicht mehr vorenthalten. 8
Sodann muß auf diesem wichtigen Gebiete die Schule so früh wie möglich eingreifen: der modernen Gesundheitslehre(Hygiene) ist ein breiter Raum im Unterricht zu gewähren, eine schon längst von Vielen aufgestellte Forde⸗ rung. Innerhalb dieser Disziplin(Unterrichts⸗ gegenstand) hat die Jugend, wie sich aus dem Vorhergehenden ergibt, durchaus ein Recht auf völlige Aufklärung, besonders auch in geschlechtlicher Beziehung. Mit Zweifeln und Kopfschütteln ist da nichts zu machen; Schaden kann eine richtige Aufklärung der schon im Elternhause darauf hin vor⸗ bereiteten Jugend nie und nimmer bringen. Mucker und Heuchler nehmen natürlich Anstoß daran, denn sie sind schon stttlich(und oft genug auch körperlich) ange⸗ fault, sonst könnte ja die einfache Betrachtung der edelsten Teile des menschlichen Körpers nicht schon ihr Mißfallen und ihren Zorn erregen!
„Wahrheit schon den Kindern früh⸗ zeitig bringen“, so muß endlich einmal die Devise lauten! Das schließt selbstverständlich eine durchaus getreue Naturbeschreibung im Unterricht in sich. Denn mit Natur⸗ wissenschaft kann man die jungen Kinder noch nicht beschweren. Wohl aber ist man im Stande, die Geschlechtsteile und ihre Bedeutung ohne die viel gefürchtete„Unstttlichkeit“ sehr bequem den Kindern dadurch deutlich zu machen, daß man sie, wie andere Dinge, dem Verständnis der Kleinen entsprechend, betrachten lehrt: Tiere, Pflanzen, Wald, Feld, Luft und Wasser und tausend andere Dinge der Natur bieten zahlreiche Beispiele gerade für dieses so sehr mit schlüpfrigem Behagen gefürchtete Gebiet.
Hand in Hand mit den Lehrern müssen die Eltern der Kinder gehen; sie überliefern dem Lehrer nur dann ein recht brauchbares Menschen material, wenn sie ihre Sprößlinge vor falscher Fragestellung an die Natur be⸗ wahren; mit beiden Augen hell hineinschauen in deren Wunderwerk, das allein schafft gesunde Kraft. Hierbei ist die Gewöhnung alles; gerade sie läßt irgend eine sinnliche Neigung beim einfachen Betrachten des nackten Körpers gar nicht erst aufkommen. Darum: Ar⸗ beiter, Frauen und Kinder! Schämt Euch nicht 179 0 Körpers, denn ihr habt keinen Grund azu.
Und wenn Euch die Natur recht vertraut und teuer geworden ist, dann werdet auch Ihr nicht mehr achtlos an den erhabenen künstleri⸗
schen Nachbildungen des nackten Menschenleibes vorübergehen; dann werdet Ihr mit Inbrunst empfinden, daß die griechischen Künstler wie Rafael Sanzio, Lionardo da Vinzi, Tizian, Rubens, Böcklin und viele
die neueren:
Andere Ewiges geleistet haben, denn die griechischen Künstler bildeten als erste in un⸗ übertroffener Meisterschaft den menschlichen Körper in allen seinen Formen nach, und bei den späteren Künstlern brachte erst die Dar⸗ 91755 des Nackten ihre Phantasie zu höchster üte. And eine noch weitere Perspektive eröffnet sich dem aufmerksamen Betrachter; ste ist die gedankliche Fortsetzung zu dem anfangs Gesagten. Denn während ich dort behauptete, geistige, sittliche und künstlerische Angelegenheiten hätten an sich keinerlei Beziehung zu dem Streben nach höherer sozialer Stellung, nach besserem wirtschaftlichen Fortkommen, erweitere ich diesen Satz jetzt dahin: Gerade die innige Bekannt⸗ schaft mit der Allmutter Natur gibt unserem Leben, gibt unserer Arbeit einen steten Ansporn ) Dazu gehört, daß sie sich tief und liebevoll auch in die Natur ihrer eigenen Kinder versenken und sie zu verstehen suchen.
zur Vervollkommnung; um diese zu erreichen,
dazu bedarf es aber einer immer stärkeren Ausbreitung wahrhaft freiheitlicher Ein⸗ richtungen; denn der alte Satz bewahrheitet sich auch hier: Eine gesteigerte, geistig⸗ künstlerische Produktivität ist nur auf dem Wege besserer, soztaler Lebensstellung der Gesamtheit erreichbar.
Möge deshalb der vorliegende Aufsatz ein
Weckruf für alle diejenigen sein, die noch im Banne des falschen Schamgefühls befangen, die Zeichen der neuen Zeit geistig⸗ sittlichen Edeltums nicht kennen. Hier ist der Platz, auf welchem die Arbeiterschaft von innen her⸗ aus sich selbst aller elenden Geistesfesseln ent⸗ ledigen kann; hier kann sie erfolgreich, ein leuchtendes Beispiel gebend, mit aufrichten helfen die schönen, leider noch gar zu geringen Ban⸗ steine zum Tempel einer tapfer fortschreitenden, freiheitlichen Kultur.
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Im März. Und wieder ließ zerfließen Die Sonne Eis und Schnee Im Hauch des Märzen sprießen Nun wieder Gras und Klee. Die warmen Winde wehen Nun wärmend durch die Flur Su frohem Auferstehen Geweckt ist die Natur. Den Sieg schon im Gefilde Der Stürmer März gewann, Verjagt nun ist der Wilde, Der Winter, der Tyrann.
Frei ziehen nun die Quellen, Frei sproßt nun Feld und Wald, Es regt an allen Stellen
Sich Leben mannigfalt.
And wieder schwellt ein Schlagen Voll Wut des Volkes Herz, 6 Ein Hauch ans fernen Tagen,
Ein Hauch vom großen März. Von jenem Märzgebraufe,
Das neue Seit verhieß
Und aus so manchem Hause Stickluft und Moder blies.—
Des Volkes Kinder wallen Su stillen Gräbern hin: Die einst im März gefallen Ehrt dankbar Volkessinn. Sehntausende für einen, Der damals sank im Tod! Die Streiter nun sich einen Um ihres Banners Rot.
Der März mit frischem Kranze
Schmückt treu der Hügel Grün,
Und rings im Sonnenglanze,
Welch Sprießen, welch ein Blühn! Alfred Riedel.
Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 15 Seinen
Als Rosalie sechzehn Lenze zählte, hielt Meister Adersen mit seinem Gespons eines Abends eine vertrauliche Zwiesprach in der ehelichen Schlafkammer. Er wollte nicht, daß das Kind noch länger die Kunden in dem Laden bediente. Es kämen seit einiger Zeit allerhand Leute in den Laden, die wohl nach etwas Anderem Verlangen trügen als nach seinen Kuchen.
„Freilich, ein hübsches Mädel ist ste geworden,“ gab Frau Karoline mit heimlichem Stolze zu. „Aber ich bin ja immer dabei oder passe von der Stube aus durch das Fenster auf.“
„Du
„Eben darum,“ orakelte der Gatte. solltest Dir jetzt auch mehr Ruh' gönnen, Alte;
wir haben's ja bazu. Wir stellen vom Ersten
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