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Nr. 12.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
erklarte, daß unbedingt etner von ihnen einen wissent lichen Meineld leiste und ihnen reichlich Bedenkzeit ließ, beharrten Beide auf ihren sich direkt widersprechen⸗ den Aussagen und beschworen sie. Möglicherweise zieht die Sache noch weitere Folgen nach sich. Von Interesse ist es noch, daß Seyd seinem früheren Klient n Drauth eine Hypothek von 60 000 Mark beschaffte, wofür er nicht weniger als 537 Mark Kosten verrechnete! Diese Praktiken riefen in dem meist von Juristen besetzten Zuhörerraume bedenkliches Kopsschütteln hervor.
Aus dem Odenwald.
2. Märzfeier in Erbach i. Q. In der am Samstog im Lokale zur Sonne stattgefundenen Partei⸗ versammlung wurde beschlossen, eine Märzfeier am Sonntag, den 19. März, von abends 8 Uhr ab im gleichen Lokale abzuhalten. Dazu hat Genosse Sparr⸗ Darmstadt das Referat übernommen, das er„Gedenket der Märzgefallenen“ betitelt hat. Der Arbeitergesang⸗ verein„Vorwärts“ hat sich bereit erklärt, die Feler durch Gesangsvorträge verschönern zu helfen. Wir er⸗ suchen die Parteigenossen von Erbach und Umgegend für einen recht guten Besuch der Feier zu wirken.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Versammlung in Gleiberg. Wir machen nochmals auf die am Sonntag im Saale des Herrn Feußer in Gleiberg stattfindende Volksversammlung aufmerksam und ersuchen die Parteifreunde, recht zahl⸗ reich zu erscheinen. Das gilt besonders auch für die Wetzlarer. Die Versammlung ist als Märzfeier gedacht, Dittmann⸗Frankfurt wird über:„Revolutionen einst und jetzt“ sprechen. Im Weiteren soll aber in dieser Versammlung endlich die Gründung einer Partei⸗ organisation für unsern Wahlkreis kommen. Die ist bekanntlich schon sehr lange in Vorbereitung, nun ist aber alles soweit geregelt, daß es nur noch eines Be⸗ schlusses über die Statuten, die vorliegen, bedarf.
h. Ein„städtischer Wahl verein“ hat sich in Wetzlar gebildet. Nach den Statuten will er sich be⸗ sonders mit den städtischen Angelegenheiten und Wahlen befassen. Weiter heißt es in 8 1:„Die Erörterung allgemeiner politischer Fragen bleibt ausgeschlossen, unter der Maßgabe jedoch, daß der Verein sich von vornherein auf den Boden der bestehenden Staats- und Gesell⸗ schaftsordnung stellt.“ Mit andern Worten heißt das: politisch find wir nicht, aber reaktionär— genau wie die„unparleiischen“ Blätter. So fest gedenkt man an der heutigen Staatsordnung zu halten, daß sogar bei Aufstellung der Stadtverordneten⸗Kandidaten in der Versammlung die einzelnen Klassen gesondert abstimmen sollen, damit die geheiligten Klassenunterschiede hübsch gewahrt bleiben. Vom Zahlen scheinen die Herren vom provisorischen Vorstand auch keine Freunde zu sein, denn sie haben den jährlichen Beitrag auf ganze 50 Pfennig festgesetzt.
Westerwasd und AUnterlahn.
V. Eine Parteikonferenz für den 4. nass. Wahlkreis fand am Sonntag in Niedershausen statt. Auf der Tagesordnung stand der Kassen- und Situationsbericht vom letzten Jahre. Der Kassenbericht veczeichnete an Einnahme 276.25 Mark, Ausgabe 224.63 Mark und Kassenbestand 51.62 Mark. Genosse Noin berichtet über die allgemeine Bewegung. Im Wanzen fanden 11 von uns veranstaltete öffentliche Versammlungen statt; leider standen uns dazu nur im Amt Weilburg passende Lokale zur Verfügung. In dem übrigen, dem größten Teile des Wahlkreises, konnte die Agitation nur durch Verbreitung von Schriften betrieben werden. In der Diskussion wurden die Verhöltnisse in den ländlichen Gemeindevertretungen und anderen öffent⸗ lichen Körperschaften besonders scharf aufs Korn ge⸗ nommen, und die Genossen ernstlich ermahnt, von ihren öffentlichen Rechten den weitgehendsten Gebrauch zu machen.— Zur nächsten Provinzialkonferenz wurden die Genossen Zimmermann⸗Niedershausen und Noin⸗ Odersbach als Delegierte gewählt. Dann wurde noch beschlossen, im Monat Mai eine Schillerfeier zu ver⸗ anstalten.
* Die Beleidigungsklage des Herrn Direktor Vahlensieck von der Grube „Constanze“ bei Langenaubach gegen den Genossen Vetter s⸗Gießen als verantwort⸗ lichen Redakteur der„Mittel deutschen Sonntags- Zeitung“ wurde am Freitag vor dem Schöffen ⸗ gerichte in Gießen verhandelt. Die Klage richtet sich gegen mehrere in der Mitteld. Sonntags⸗ Zeitung(Nr. 52 1904, Nr. 1, 2 und 4 1905) veröffentlichte Artikel, die sich mit den Zuständen auf der Grube beschäftigen. Nach längerer Verhandlung schlossen die Parteien folgenden Vergleich:
„Der Angellagte erklärt: daß es nicht in seiner Ab⸗ sicht gelegen habe, den Privatkläger zu beleidigen und
daß, nach der in der heutigen Verhandlung gegebenen
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Auftlarung er zu der Meinung gelangt ist, daß den Arbeitern für Dynamit in der Tat nur der Einkaufs. preis vom Privatkläger in Rechnung gesetzt worden ist, demnach keine Rede davon sein kann, daß dieselben durch Mehrberechnung an ihrem Lohn geprellt worden seien und ferner, daß nach der von dem Herrn Bürgermeister von Langenaubach im heutigen Termin(10. März 1905) abgegebenen Erklärung der bestandene Verdacht der Ge⸗ meinde, es seien ihr unrichtige Gewichtsangaben gemacht worden, sich als nicht begründet erwiesen habe.
Der Angeklagte erklärt ferner, daß die vorerwähnt gebrachten Angaben auf unrichtigen Informationen seines Gewährsmannes beruhten und daß er bedauert, infolge dieser unrichtigen Informationen die unrichtigen Angaben veröffentlicht zu haben.
Der Angeklagte verpflichtet sich, die vorstehende Er⸗ klärung in der nächsten Nummer der Mitteldeutschen SonntagsZeitung an geeigneter Stelle bekannt zu machen.
Angeklagter übernimmt die Kosten des Verfahrens, einschließlich der dem Privatkläger erwachsenen notwen⸗ digen Auslagen.
Vorgelesen und genehmigt.
gez. Gebhardt, Geh. Justizrat. Für die Abschrift: Bühner, Aktuar.
Dazu möchten wir kurz bemerken, daß wir den Vorwurf des Betrugs nicht erhoben haben und nicht erheben wollten. Unsere tat⸗ sächlichen Behauptungen haben sich als richtig herausgestellt. Uebrigens wollen wir selbstverständlich niemand beleidigen, sondern find nur bestrebt, durch unsere Krittk bestehende Mißstände beseitigen zu helfen.
Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.
1. In der letzten Sitzung der Stadtver⸗ ordneten wünschten einige Herren, daß die Sitzungen abends 6 Uhr beginnen möchten und alle 14 Tage eine abgehalten werden sollte. Dies wurde jedoch ab⸗ gelehnt und es bleibt bei dem bisherigen Sitzungsbeginn 5 Uhr nachmittags. Ein späterer Beginn wäre insofern für die Arbeiter besser gewesen, als sie dann hier und da die Möglichkeit gehabt hätten, der Sitzung als Zu⸗ hörer beizuwohnen. Dies war wohl auch ein Grund mit für die Ablehnung.— Im weiteren Verlaufe der Sitzung wird eine Mitteilung des Landratsamts zur Kenntnis gebracht, in welcher die Anlage eines Bürger⸗ steigs zwischen der Schützenpfuhlbrücke und dem Süd⸗ bahnhofe verlangt wird, mit Rücksicht auf die bevor⸗ stehende Eröffnung der Bahn Marburg ⸗Dreihausen. Der Sache stellen sich Schwlerigkeiten entgegen, weil ver⸗ schiedene Anlieger sich weigern, das nötige Gelände her⸗ zugeben. Die Sache wird deshalb an die Baukommisston zurückverwiesen. Schade wäre es, wenn die vielen Bäume beseitigt würden, die der Straße einen besonderen Reiz geben.— Die Löhne der Holzmacher in den städtischen Waldungen müssen so niedrig sein, daß sich kein Holzmacher mehr findet. Es wurde daher beschlossen, etwas zuzulegen.— Des Weiteren hatte der Minister verfügt, daß die überfüllten Klassen der gewerblichen Fortbildungsschule geteilt werden sollten. Einer dem⸗ entsprechenden Vorlage wurde zugestimmt.
r. Vom Fortbildungsverein. Ein Mitglied des Marburger Fortbildungsverein teilt uns folgendes mit der Bitte um Veröffentlichung mit: Eine auffällige Erscheinung in den letzten Jahren im Fortbildungs verein ist die, daß sich die Marburger Arbeiterschaft fast gar⸗ nicht um den Verein kümwert. Erkundigt man sich nach dem Grunde, so erhält man regelmäßig zur Antwort, daß der Verein ein Fortbildungsverein im wahren Sinne nicht mehr set. Bei allen möglichen patriotischen Kund⸗ gebungen wirke er mit, auf seinen Festen geht's nicht ohne verschiedene Kaiserhochs ab, um die„gute Gesinnung“ zu bekunden. Dadurch drückt er sich den Stempel einer bestimmten politischen Richtung auf, was für einen solchen Verein stets nachteilig wirkt, weil es immer einen Teil der Mitglieder abstoßen wird. Deshalb bleiben auch die Arbeiter dem Verein fern, obwohl sie seine Einrichtungen zu schätzen wissen. Ohne Zweifel würden sie sofort bereit sein, den Verein durch zahlreichen Beitritt zu unterstützen, wenn eine Aenderung im Sinne der hier geübten Kritik eintreten würde.
. Auf die Parteiversammlung(März⸗ feler) im Jesberg'schen Lokale, Samstag, den 18. März, set nochmals aufmerksam gemacht. Zahlreicher Besuch wird erwartet.
r. Der Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ in Marburg begeht diesen Sonntag, den 19. März, sein Fastnachtskränzchen im Restaurant Hildemann, wozu Gäste willkommen sind. Für gute Unterhaltung ist gesorgt. Anfang abends 8 Uhr.
r. Vorsicht muß gegenüber Arbeitsangeboten empfohlen werden, die von Seiten des Arbeitgebervereins in Altena(Westphalen) im Inseratenteile hiesiger Zeitungen gemacht werden. Für dortige Fabriken werden männliche, weibliche und jugendliche Arbeiter gesucht. Wie auf Anfrage von dort mitgeteilt wird, sind die
Verhaltnisse so wenig verlockend, daß den Arbeitern nicht geraten werden kann auf jene Angebote einzugehen.
Aus dem Gerichtssaale.
„Zum goldenen Engel“ in Fried⸗ berg. Der Wirt dieses Gasthauses mit dem schönen Namen hatte sich am Freitag vor der Gießener Strafkammer zu verantworten. Er hatte Frankfurter„Damen“ Aufnahme gewährt, die in seinem Gasthause ihr horizontales Ge⸗ werbe frei ausübten. Davon wollte der Wirt nichts gewußt haben, doch glaubt das Gericht seiner Angabe nicht und verurteilt ihn wegen Kuppelei zu vier Monaten Gefängnis.— Aus Haß hatte die 24jährige Arbeiterin Reuß von Erbach i. O. gegen eine Mit⸗ arbeiterin ausgesagt und beschworen, die Mit⸗ arbeiterin habe eine dritte Arbeiterin mit einem Topf auf den Kopf geschlagen, obwohl sie von dem Vorfall gar nichts gesehen hatte. Vor dem Schwurgericht in Darmstadt gestand sie die falsche Zeugenaussage ein und wurde zur Mindeststrafe von 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. — Dasselbe Gericht verurteilte den Fabrik⸗ arbeiter Vehmeter zu sechs Jahren Zucht⸗ haus, weil er eine polnische Arbeiterin, die seine Liebeswerbungen abgelehnt hatte, über⸗ fallen und mit Messerstichen furchtbar zugerichtet hatte, daß sie in Lebens gesahr schwebte.
Versammlungskalender.
Samstag, den 18. März.
Gießen. Holzarbeiter. Nachmittags 6 ⅛ Uhr öffentliche Versammlung bet Löb(Wiener Hof). — Metallarbeiter. Abends 8 Uhr Ver⸗ sammlung bet Orbig. g Steinberg. Wahlvezein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokale zur„Stadt Gießen“. T.⸗O.: 1. Der 18. März; 2. Verschiedenes. Die Genossen von Watzenborn sind eingeladen. Zahlreich er⸗ scheinen! Montag, den 20. März. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 21. März. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Abends 9 Uhr
Für die streikenden Bergarbeiter
gingen noch folgende Beträge ein:
Bei dem Gewerkschaftskartell: Buchdrucker(2. Rate) Mk. 24,10; Liste 31(Glaser) 8,60; L.—,50; L. 54 , 40; L. 56 6,60; L. 69 2,50; L. 80—,80; L. 98—,30.
Bel A. Fauth in Wetzlar; Liste 0778 Mk, 4,20 (R.); L. 1612 14,90(F.), darunter Extrabeitrug von den organisierten Schneidern 7,20.
Dem Inhaber der Liste Nr. 0758 ist diese angeblich verloren gegangen, ohne daß etwas darauf gezeichnet war. Er wird hiermit aufgefordert, dies mit Namens⸗ unterschrift zu beschelnigen, andernfalls müssen wir seinen Namen in der M. S.⸗Ztg. veröffentlichen.
Briefkasten. r.⸗Stog. Wir müssen die Aufnahme der Einsen⸗ dung ablehnen. Sie ist zu persönlich gehalten und durchaus nicht von allgemeinem Interesse. Der Maun würde sich ja wer weiß was einbilden, wenn wir ihm solche Beachtung schenkten. Lassen Sie das räudige Schaaf laufen.
Geschäftliches.
Das Erscheinen neuer Kartoffeln auf dem Familien⸗ tisch oder der Gasthofslafel ist jedesmal ein Ereignis, dem entsprechende Würdigung entgegen gebracht wird. — Sie findet ihren Ausdruck in der während der Monate Junt und Juli oft gehörten Frage:„Haben Sie schon neue Kartoffeln gegessen?“— Daher halten Landwirte und Feldbesitzer, denen es um den schönen, durch Frühkartoffeln zu erzielenden Gewinn zu tun ist, schon jetzt Umschau nach einer Saatkartoffel, die neben großer Ertragsfähigkeit, lieblichem Geschmack und guter Bekömmlichkeit auch Garantie für baldige Reife bietet. Alle diese Eigenschaften vereinigen sich in hervorragendem Maße in der von der Firma Rudolf Büchner in Erfurt angebotenen Frühkartoffel„Erstling“ „Erstling“ ist sehr widerstandsfähig gegen Nässe, gelb⸗ fleischig, mehlig und liefert schon vor Mitte Juni schöne große Knollen von seltenem Wohlgeschmack bei außerordentlich hohem Quantum. Der Versand von „Erstling“ hat begonnen. Die Bestellungen werden der Reihenfolge der Eingänge nach effektuiert.
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