Ausgabe 
17.12.1905
 
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tand.

Ao. 51.

Beilage zur Mitteldeutschen Sanntags-Leitung.

Gießen, Sonntag, den 17. Dezember 1905.

12. Jahrg.

Arbeiter!

Willst Du die Lüge, oder willst Du die Wahrheit?

Willst Du in den Tagen, da der große Kampf zwischen denHöchsten und den Niedrigsten zu neuen Flammen empor lodert, täglich der Stimme der Wahrheit lauschen, oder der Stimme der Lüge?

Wer wagt es in Deutschland nach oben hin die Wahrheit zu sagen? Wer beugt sich nicht vor Unternehmern, nicht vor reichen Herren, nicht vor Ministern, nicht vor Grafen? Wer sagt den Richtern ohne Zaudern, ob sie Recht oder Unrecht ge sprochen haben? Wer schützt die Söhne des Volkes vor Mißhandlungen beim Militär?

Wer steht dem Arbeiter in jedem Lohnkampfe fest zur Seite? Wer überwacht die heimlichen Kniffe und Schliche der Spekulanten und Unternehmer? Wer stellt die Fleischverteurer, die Wohnungs⸗ wucherer, die Lebensmittelfälscher unbarm⸗ herzig an den Pranger? Wer schützt in dieser Welt des Unrechts den Schwachen vor dem Starken, den Gutmütigen vor den Hinterlistigen, den Redlichen vor dem Spitzbuben? N

Arbeiter, wir fragen Dich: Ists nicht die sozialdemokratische Zeitung, die Dir beisteht in Deinen sehweren Kämpfen?

Ernste Zeiten stehen vor der Tür! Der Kampf gegen die Verteurer des Fleisches, des Brotes, der Kampf gegen die Zinsgeier wird täglich schärfer. Kein Arbeiter darf in so ernsten Zeiten der bürgerlichen Presse seine Unterstützung geben!

Wer die Wahrheit hören will, der halte das Arbeiterblatt!

Arbeiter! Freunde! Rüttelt die Lauen auf! Weckt die Gleiech⸗ giltigen! Werbet zum Siege des Volkes über seine gewissenlosen Unterdrücker und Beherrscher, werbet für Euer wichtiges Kampfmittel, werbet für Euere Zeitung!

Revolution in Nustland.

Minister Witte, der alsRetter Ruß⸗ lands begrüßte, aber bisher erfolglose Poli- tiker der halben Maßregeln, setzt immer noch seine Hoffnung darauf, daß sich das Bürgertum gegen die Arbeiterklasse wende und so die Re⸗ volution ersticke. Nun mag es zwar dem Bürgertum, besonders dem Großbürgertum, keineswegs am Willen zur Gegenrevolutton fehlen; aber es mangelt ihm der Mut! Die Revolutionäre werden auch auf dem Posten sein und sich das bisher Erkämpfte nicht ent⸗ reißen lassen!

Der Telegraphisten⸗ und Post⸗ beamten⸗Streik in Petersburg und anderen Orten dauert noch an. Er währt schon fast 14 Tage und macht sich autzerordent⸗ lich fühlbar. Es laufen infolgedessen keine Telegramme aus Rußland ein. Nur die Kabel, die ausländischen Gesellschaften gehören, werden bedient, es kann also nur von Küstenplätzen aus telegraphiert werden.

Ueber die Meuterei der Mand⸗ schurei⸗Armee wurde aus Tolio berichtet: Die Kavallerie des Generals Madarilow drang Nachts in Charb in ein, zündete die Kaserne an und tötete etwa 300 aus dieser flüchtende

Meuterer. Schließlich wurden Madarilows Truppen von Meuterern umringt, wobet viele getötet wurden. Inzwischen breiteten sich die Flammen über die ganze Stadt aus. General Linewitsch empfiehlt die schleunige Rück⸗ berufung der Armee, da sonst Militär⸗Re⸗ volten im fernen Osten unvermeidlich seien. Der General Sacharow in Kiew wurde von dem Schlosser Woroschnikow er⸗ schossen. Dieser als Frau verkleidet, und sich taubstumm stellend, übergab dem General eine Bittschrift. wobei er vier Schüsse auf ihn abfeuerte. Man hatte den Mörder verhaftet,

doch befreiten ihn schon in der ersten Nacht

die Revolulionäre und brachten ihn über die Grenze. g

Von Nah und Fern.

Blamierter Ober ⸗Polizist.

Unser Mainzer Parteiblatt erzählte neu⸗ lich folgendes niedliche Stückchen. Im Bahn⸗ hofshotel in Mainz fand sich ein Pärchen ein, das den Bedürfnissen des Weinhandels bereits sich sehr entgegenkommend gezeigt hatte. Nach einigem Aufenthalt begehrte der Herr, der Unt⸗ form trug, für sich und seine Frau ein Zimmer, wohin sich die Beiden verfügten. Dem Hotelier kamen später Bedenken, ob die Beiden es je mit einem Standesbeamten zu tun hatten. Er ging an die Zimmertür und ersuchte das Paar sein Hotel zu verlassen. Natürlich sollten sie nun auch ihre Rechnung bezahlen. Ob der Ausweisung machte der Herr großen Spektakel, aber zum Rechnungzahlen hatte er kein Geld. Der Hotelier war kurz angebunden, er schloß den Mann ins Zimmer und holte zwei Schutz⸗ leute. Unterdessen bezahlte das Frauenzimmer die Rechnung. Die Schutzleute kamen; es machte ihnen jedenfalls innerlich Vergnügen, in Ausübung ihres Amtes zwei Mitmenschen eine Freude zu berauben, die das Schicksal ihnen zselbst so kärglich zumißt. Doch, was war das? Als die beiden Sicherheitswächter den unsformierten Herrn erblickten, vergaßen sie ihren Auftrag, sie legten grüßend die Hand an ihren Helm und zogen sich diskret zurück. Der Mann war ihr eigener Vorgesetzter, der neue Bezirks⸗ kommissär Schneider vom sechsten Pollzeibezirk....! Von hier ging der Kommissär mit seinerFrau in ein Nachbar⸗ hotel, wo er sich alsOfftzier aus Göttingen bezeichnete, während er im Bahnhofhotel ein Polizeikommissär aus Darmstadt gewesen war. Im Hotelzimmer scheinen im aber doch Bedenken gekommen zu sein, denn er kam wieder heruter und erklärte, seineNichte am anderen Morgen abholen zu wollen. Jetzt war es schon nicht mehr seine Frau. Dieser unüber⸗ treffliche Sittenhüter wurde neueren Nachrichten zufolge seines Amtes enthoben.

Verurteilter Konsumverelns⸗Geschäftslelter. Vor dem Schwurgerichte in Leipzig

wurde 10 Tage lang gegen den Geschäftsführer des Konsum vereins Leipzig⸗Conne⸗ witz, Bock, verhandelt, welcher der Untreue, des betrügerischen Bankrotts und der Bilanz verschleierung an eklagt war. Wie seinerzeit auch in unserem Blatte mitgeteilt wurde, mußte der genannte Konsumverein liquidieren, weil die Metzgerei mit bedeutenden Verlusten ge⸗ arbeitet hatte. Diesen Umstaud hatte Bock durch Manipulationen bei Aufstellung der Bilanz zu verdecken gesucht. Schließlich am aber die Sache an den Tag und es stellte sich heraus, das eigentlich das Geschäft gar keine lleberschüsse machte, obwohl den Mitgliedern 9 Prozent Dividende ausgezahlt worden waren. Der Plagwitzer Konsumverein griff ein, um den vollständigen Zusammenbruch aufzuhalten und so wurden die Mitglieder vor größerem Schaden bewahrt. Von Seiten des Aufsichts⸗

rates war auch nicht die nötige Kontrolle aus⸗ geübt worden. Bock wurde unter Zubilligung mildernder Umstände zu einem Jahre zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Jeder Arbeiter⸗Konsumverein sollte sich die Conne⸗ witzer Vorkommnisse zur Lehre dienen lassen, stets für gründliche Kontrolle sorgen und auch nur solchen Leuten die leitenden Stellen über⸗ tragen, welche nicht bloß über die nötigen Kenntnisse verfügen, sondern auch in jeder Beziehung gewissenhaft sind. Natürlich schlachtet die bürgerliche Presse den Fall gehörig aus; und auch dieFrankfurter Zeitung durchsetzte ihren Bericht mit gehässigen Bemerk⸗ ungen, die sich gegen die von Arbeitern geleiteten Unternehmungen im Allgemeinen richten. Gewiß ist dieser Fall höchst bedauerlich, aber er steht unter den Hunderten von Arbeiter⸗ Konsumvereinen vereinzelt da. In bürgerlichen Betrieben kommen solche und noch schlimmere Dinge viel häufiger vor; die Kasseler Treber⸗ trocknung, die Sandenbanken ꝛc. sind Beispiele. Uebrigens erkannte das Gericht, daß Bock nicht aus unlauteren Motiven gehandelt habe.

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Partei-Kachrichten.

Das neue Organisationsstatut nebst dem Parteiprogramm ist mit der vorigen Nummer allen Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung zuge⸗ stellt worden. Wir empfehlen unsern Lesern, sich dasselbe gut aufzubewahren. Wer etwa noch keins bekommen haben sollte, wolle Nachlieferung bei dem Spediteur oder der Expedition verlangen.

Eine Revolutionszeitung. Zun Jahres⸗ wechsel erschelnt im Vorwärts⸗Verlage eine reich illu⸗ strierte Zeitung unter dem Titel 1649 1789 1905, die im Anschluß au die welterschütternden Ereignisse in Rußland die größten Revolutionen behandelt, welche die Weltgeschichte gesehen hat. Das sind die englische Revolution des Jahres 1649 und die französische des Jahres 1789. So wesentlich auch die Revolutionen dieser früheren Jahrhunderte in ihren Ursachen und in ihren Zielen abweichen von der des Jahres 1905, so ist die russische Revolution doch erst ermöglicht worden durch ihre blutigen Vorgänger. Auch heute noch ist die Zahl derjenigen groß, die in den Revolutionen die Re⸗ sultate der Agitation einzelner böswilliger Persouen sehen, während sie tatsächlich überall da eintreten, wo ein gesellschaftliches Bedürfnis sie zur zwingenden Not⸗ wenigkeit macht. Die illustrierte Zeitung soll die Er⸗ kenntnis der Ursachen und den Verlauf der gesellschaft⸗ lichen Erschütterunzen durch Wort und Bild verbreiten helfen. Die Ausstattung wird sehr reichhaltig. Illu⸗ strationen aus der Zeit jener Kämpfe werden deu Text beleben und vecanschaulichen. Die Zeitung wird 16 Seiten stark, der Preis beträgt 20 Pfg. für die Nummer. Bestellungen werden an unsere Expedition erbeten.

Nahrung und Ernährung. Unter diesem

Titel erschien soeben im Verlage der Buchhandlung Vor⸗

wärts das 8. Heft der Arbeiter-⸗Gesundheits⸗Bibliothek. Es handelt von Essen und Trinken, also von einem für Arbeiter sehr wichtigen Kapitel. Bei ungenügendem Er⸗ satz des durch die Arbeit verbrauchten Körpermaterials geht der Ernährungszustand und damit die Arbeitskraft zurück. Ist es daher schon in normalen Zelten für den Arbeiter von der größten Wichtigkeit, über den Nähr⸗ wert einzelner Nahrungsmittel, ihre Zusammensetzung und zweckmäßige Zubereitung, über die Gesetze der Ernährung und des Stoffwechsels, über den Ausgabe- und Ein⸗ nahme⸗Etat, denHaushalt des Körpers aufgeklärt zu werden, so wird dieses Erkenntnis unabweisbar in der Zeit der Fleischnot und der allgemeinen Preissteigerung aller Lebensmittel. Mit dem allzu knapp bemessenen Lohn gilt es nach Möglichkeit auszukommen, sich selbst und die Familie noch allenfalls ausrelchend zu ernähren. Da muß man wissen, in welchem Verhältnis sich die einzelnen Nahrungsstoffe und Nahrungsmittel einander vertreten und ersetzen können. Diese Kenntnis und Ein⸗ führung zu vermitteln, ist die Aufgabe der vorliegenden Broschüre, welche durch eine farbige Tafel über den Nährwert der wichtigsten Nahrungs⸗ mittel uoch einen besonderen Wert erhält. Die Broschüre, in allen Partei⸗Buchhandlungen echältlich, kostet 20 Pfg.

8 5 Bemüht Parteifreunde! cu ez nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!