Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 51.
Seite 6. wohlauf! Den Kämpfern um Wahlrecht und Schule in Preußen gewidmet.
Es geht eine Welle, es hebt sich ein Wind,
Die Segel sie knattern und schwellen,
Wohlauf denn, für Kinder und Vindeskind
Ins Ruder gelegt Euch, Gesellen!
Und drohen auch Schiffe, gewaltige, ring
Die Bahn zu versperren den Booten,
Geschaut nicht nach rechts, geschaut nichtnach links! Brecht durch! Sonst seid ihr Heloten!
Was rauschen die Wogen, was rinnt in der Cuftd Was zittert von Lande zu Lande p
Die Toten, sie graben dem Leben die Gruft, Die Sklaven, sie hüten die Bande.
Doch über die freie, lebendige Welt
Da fuhr es aus Höhen und Gründen.
Drum vorwärts, und dorthin das Steuer gestellt, Wo die Feuer der Freiheit sich zünden!
Und wollt ihr die Kinder des neuen Geschlechts Erlösen vom faulen Geflunker, Stopft Wachs in die Ohren euch vor dem Gekrächz Der Pfaffen und Jobber und Junker! Und wollt die Gestade der Sehnsucht ihr schau'n Wo die Säulen der Menschlichkeit ragen, So greift in die Ruder, mit kühnem Vertrau'n— Und die Wellen, sie werden euch tragen.
NVovemberbußtag 1905.
Karl Renckell.
5 Schillers geistige Entwicklung. Dr. R. Strecker.
(Fortsetzung.)
Sowie Schiller endlich einmal etwas Muße und Sorglosigkeit genießt, da wendet er auch sofort seine ganze Arbeitskraft an die beiden großen Lieblings interessen, Philosophie und Ge⸗ schichte. Er studiert den„Abfall der Nieder⸗ lande“, und aus Gesprächen mit Körner gehen die„Philosophischen Briefe“ hervor. Und innerhalb dieses Weltreichs seiner allgemeinen Interessen erschloß sich ihm damals auch erst der volle Reichtum derjenigen Provinz, deren unerschöpfliche Goldgrube der Schönheit ihm so vielfach Rahmen und Kleid der höchsten Ideen wurde: Er versenkte sich in die Geisteswelt und in die Phantastegebilde der Griechen und Römer. Im März 1787 erschienen die„Götter Griechen⸗ lands“, Lektüre des Homer und Euripides schloß sich an. Eine Zusammenfassung all der inneren Errungenschaften, die ihm dieser glück⸗ lichere und deshalb auch fruchtbarere Lebens- abschnitt gebracht hat, ist sein gedankenschweres Gedicht„Die Künstler“. Nach diesem gibt die Kunst, die das Gefühl des Menschen bildet, ihm auch die Freude am Guten, die mehr wert ist, als der Zwang des Gesetzes:
„Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich
ö gesträubt,
Eh' noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
Das matte Blüten langsam treibt.“ Sie gibt ihm auch die Freude an dem har⸗ monischen Zusammenwirken der Weltgesetze, die er infolgedessen immer tiefer zu erfassen sich bemüht:
„Nur durch das Morgentor des Schönen
Drangst Du in der Erkenntnis Land.“ So braucht sich die Kuust nicht mit dem ersten „Sklavenplatz“ hinter Wisseuschaft und Gesetz zu begnügen, sondern ste ist gerade die eigent⸗ liche Erzieherin, sowohl des Einzelnen, wie der Gesamtheit. Ein kühner Gedanke, der aber durchaus auch einiger praktischer Beachtung wert scheint. Die entscheidende sozial wichtige Bedeutung der Kunst für die Ausbreitung des Empfindens und damit für gegenseitiges Ver⸗ ständuis für die ethische Fortentwicklung der Menschheit tritt gerade in modernen Kunstrich⸗ tungen sowohl wie Aesthetiken(Bücher über die Wissenschaft des Schönen) immer klarer ins Licht. Und auch die Erziehung des Einzelnen darf ohne Schaden den ungeheuer wichtigen Faktor des menschlichen Fühlens nicht unbe⸗ rücksichtigt lassen, das nur durch künstliche Ein⸗ drücke entwickelt werden kann und das allein den Menschen dazu bringt, aus freiem Antriebe („aus freier Liebe“, nach einem Lessingschen Wort) das Gute zu tun und die Wahrheit zu suchen. Eine, in diesem Sinne freie Sittlichkeit
aber wäre eine höhere Stufe der wenschlichen Entwicklung, als Gehorsam aus Furcht und Arbeit aus Zwang. Aus di ser Anschauung heraus ist die Mahnung gesprochen, in der Schillers ganzer Stolz auf seinen eigenen, tief⸗ empfundenen Dichterberuf wiederklingt:
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand
gegeben, Bewahret sie! f Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.“ In dieser hoheitsvollen, ernsten Auffassung von den Aufgaben seiner Kunst konnte Schiller nur bestärkt werden, wenn er sich in den fol⸗ genden Jahren in die Werke seines großen phi⸗ losophischen Zeitgenossen Kant vertiefte. Hier stehen wir an dem bedeutsamsten Abschnitt seiner geistigen Entwicklung, am Eingange in die Zeit seiner klassischen Meisterschaft, gekennzeichnet auch durch zwei äußere Ereignisse: der eine war der Eintritt in einen Beruf, dessen An⸗ forderungen ihm allerdings manchmal lästig wurden, der ihm aber wenigstens einigermaßen gesicherte materielle Existenz bot; durch Goethes Vermittlung erhielt er Ende 1788 eine Pro- fessur der Geschichte in Jena. Das andere Er⸗ eignis war der Abschluß seines glücklichen Ehe⸗ bundes mit Charlotte von Lengefeld. Beides war von segensvollster Wirkung auf sein Ge⸗ müt, wenngleich es auch jetzt an Sorgen durch⸗ aus nicht fehlte und vor allem der furchtbar traurige Kampf begann, dem er nur allzu früh erliegen sollte, der Kampf mit der Krankheit, mit der heimtückischen Lungenschwindsucht. (Schluß folgt.)
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Anterhaltungs-Ceil.
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Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
5(Fortsetzung.) 5
Nach und nach trat jedoch die Natur in ihre Rechte und die Beamtenfrau räumte der Mutter das Feld. Nachdem sie noch eine Weile über die Stellung bei Taubermanns gesprochen hatten und Werner zum fünf und zwanzigsten Male versichert hatte, daß seine Tochter ausgezeichnet untergebracht sei, nachdem auch Malvine alles aufgeboten hatte, um die Mutter mit der An⸗ gelegenheit zu versöhnen, kam der Gedanke an die Trennung wieder oben auf und wenn es auch nur geschah, um die letzten Stunden nicht zu verbittern, so ließen ste doch die Schatten⸗ seiten unberührt, um nur in der Erinnerung und in der Hoffnung auf die Zukunst zu leben.
Man vergaß nun den Hausherrn und den Bäcker, um sich der vielen merkwürdigen Tage zu erinnern, welche in der Geschichte einer jeden Familie zu finden sind. Geburts⸗ und Festtage, alte Bekanntschaften und wichtige Vorfälle, Stunden der Betrübnis und Augenblicke des Genusses passterten Revue, abwechselnd mit Bil⸗ dern der Zukunft, welche die Hoffnung färbte, deren Umrisse aber etwas unbestimmt waren. Frau Werner schwelgte in dem Gedanken, daß nun der erste Schritt zur Verbesserung der Lage getan sei und sie dachte bereits an den zweiten an die Carriere ihres Sohnes Franz, womit sie sich nun beschäftigen wollte. Malvine spiegelte sich vor, daß auch die Familie des Krämers ihr als Uebergang zu den Kreisen dienen könne, nach denen sie strebte: sie hoffte auch dort mit Männern in Berührung zu kommen, die ihr zu ihrem Zwecke behilflich sein konnten und ste sah bereits das Ende der fünf Jahre heran⸗ brechen und ein neues Leben für sie beginnen. Für Franz war die Stellung, die seine Schwe⸗ ster erhalten hatte, die Gewißheit, daß alles Suchen und Warten ein Ende hat und auch für ihn mußte— wer weiß wie rasch und un⸗ erwartet— eine Aussicht sich eröffnen. Die jüngeren Kinder waren lebhaft und aufgeregt,
wie Kinder es immer sind, wenn etwas be⸗ sonderes vorfällt. Freude war es freilich nicht, denn Malvine war ihnen eine zweite Mutter und der Gedanke, daß sie fortging zu Fremden, sollte sie noch manche Träne vergleßen lassen, namentlich wenn es später wurde und sie müde
und schläfrig waren. Selbst Werner verlor etwas von seiner Maschinenhaftigkeit, aber trotz alledem stand er endlich auf, um wieder nach seinem Bureau zu gehen, wobei er in die Tasche faßte, in welcher er seine Zigarren zu bewahren pflegte, aber die Zigarren waren schon längst zu den Sonntagsvergnügungen gezählt worden. An diesem Tag erlaubte er sich allerdings den uußergewöhnlichen Genuß einer Zigarre und die Kinder durften Malvine zu Ehren am Abend etwas länger aufbleiben, wobei Frau Werner sie mit warmer Milch traktierte. Und als die Familie nun so in stiller, obgleich durchaus nicht ungemischter Freude um den altmodischen Tisch saß und die altmodische Lampe ihren dämmrigen Schein auf die acht Gesichter warf, auf denen wohl Sorge und Müdigkeit, aber nicht Kummer und Krankheit zu lesen waren, und als dann Franz mit seiner Milch einen Toast ausbrachte und der alte grämliche Werner seiner Frau einen Kuß gab, daß die Jungen darüber in die Hände klatschten— da fühlte sich die Familie keineswegs unglücklich. Was an ihren Glücke fehlte war Geld; aber für alles Geld der Welt konnten tausend andere das nicht kaufen, was die Familie Werner be⸗ saß. Der alte Beamte war an diesem Abend ein reicher Mann und die Kinder erinnerten sich noch lange Zeit an die vergnügten Stunden, auf welche eine ruhige Nacht folgte, die den Glücklichen und Unglücklichen ihre Träume schenkte, aber auch wieder einem Tage weichen mußte, dessen Wirklichkeit die Träume Lügen straft und Glück und Unglück mit neuer Kraft empfinden läßt.
Zweites Kapitel.
Die vierhundert vier und vierzig blauen Steine des Hofes, nach welchem Werners Bureau hinauslag, glühten in der Julihitze; das Unkraut, das zwischen ihren Fugen auf⸗ schoß, hing welk zur Seite; die Wände glänzten in blendendem Weiß, alle Fensterläden waren hermetisch geschlossen und das Wasser in den Karaffen war überall lau. Herr Morsen hatte ein glänzendes gelbes Sommerjäckchen an, dessen Falten anzeigten, daß es ganz neu war; Wer⸗ ner hatte seinen zerrissenen Bureaurock ausge⸗ zogen, aber ihn so gelegt, daß er ihn beim ersten Zeichen vom Eintreten irgend eines anderen wieder anziehen konnte. Beide Herren hatten ihre entsprechenden Plätze eingenommen und saßen vor ihren Schriftstücken, deren Zu⸗ fluß selbst nicht durch die Julihitze gehemmt wurde, aber weder Werner noch Morsen be⸗ eilten sich besonders mit ihren Erledigungen.
„Ah, dieses dritte Quartal,“ sagte Morsen, indem er seine Feder niederlegte,„dieses dritte Quartal müßte der Hitze wegen doppelt bezahlt werden.“ f
„Ja, ja,“ brummte Werner,„es gehört 1 dazu, vom ersten Quartal bis zum etzten.“
Morsen entgegnete nur durch einen Laut, der eben so gut für Zustimmung, als Ab- wehrung gelten konnte, denn Morsen legte Ge⸗ wicht darauf, selbst in den Augen seines Zimmer- genossen ein vornehmer Mann zu sein.
„Sie haben keine Kinder,“ sagte Werner, „darum—“
„Glücklicherweise!“ entgegnete Morsen; aber gleich darauf summte er auf gar nicht fröh⸗ liche Weise den Anfang eines Liedchens, als wollte er dadurch einen aufsteigenden Gedanken vertreiben.
Werner seufzte und glättete mit seinem Nagel das grüne Band an einer Mappe.
1 kosten Geld, Herr Morsen, schreck⸗ viel.“
Morsen blickte nach den 444 blauen Steinen. Er fühlte, daß er kein Sachverständiger war, aber er konnte doch von einigen Erfahrungen sprechen. Jahre lang war er in mehreren Familien der Freund des Hauses gewesen und hatte dort Kinder groß werden sehen. Als er
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