Ausgabe 
16.7.1905
 
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Nr. 29.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zemung.

Seite 7.

r Theoretiker, und sein bewegtes Leben zissefert den Beweis, daß streng wissenschaftliche Arbeit nicht nur in der Stille einer staubigen Gelehrten⸗ stube erstehen kann, sondern daß auch im Drang und Sturm heftiger politischer Kämpfe bedeutende Forscherarbeit geleistet zu werden vermag, wenn die nötige Energie vorhanden ist. Reclus, am 15. März 1830 zu St. Foy⸗la⸗Grande im Departement Gironde geboren, wurde früh von seinem Vater, einem protestantischen Pfarrer, zum Geistlichen bestimmt und zur Erziehung zu den Herrenhutern nach Neuwied geschickt. Dann studierte er an der theologischen Fakultät der Reformierten zu Montauban. Eine Studien⸗ reise, die er nach Berlin machte, entschied jedoch anders über seine Zukunft. Er lernte in Berlin den Geographen Karl Ritter kennen und wurde von diesem für die Erdkunde gewonnen, deren Studium er sich mit Eifer hingab. Nach der Erklärung Frankreichs zur Republik ging er als Demokrat nach Paris und beteiligte sich an den: dortigen politischen Leben, mußte aber nach dem napoleonischen Staatsstreich im Dezember 1851 Frankreich verlassen und unter⸗ nahm nun längere geographische Forschungs⸗ reisen, namentlich in Nord⸗ und Südamerika. Nach Frankreich zurückgekehrt, veröffentlichte er dort mehrere geographische Werke, unter denen vornehmlichLa terre eine größere Aufmerk⸗ samkeit erregte und auch alsbald ins Deutsche übersetzt wurde. Nebenbei beschäftigte sich Elisée Reclus mit sozialpolitischen Studien und ent⸗ wickelte sich immer mehr zum revolutionären Sozialisten. Als 1871 sich in Paris die Kommune konstituierte, schloß er sich dieser an, trat in die Kampfesreihe der Kommunekämpfer ein und veröffentlichte imCrit du Peuple einen offenen kritischen Brief gegen die Regierung. Von den Versaillern gefangen genommen, wurde er zur Deportation verurteilt, auf Verwendung einer Anzahl von Gelehrten aber von Thiers zu lebenslänglicher Verbannung aus Frankreich begnadet. Er ging nach Lugano, dann nach Clarens am Genfer See, wo er sich außer mit geographischen Arbeiten mit Sozialphilosophie und anarchistischen Studien beschäftigte, die ihn zum Anarchismus führten, dessen theoretischer Begründung und Ausbreitung er einen großen Teil seiner Zeit widmete. Im Jahre 1894 wurde er als Lehrer an die Neue freie Uni⸗ versttät nach Brüssel berufen, an der er beson⸗ ders das mit ihr verbundeneInstitut géogra⸗ phique leitete.

Als Geograph erfreute sich Eliséee Reclus eines Weltrufs. Er hat mehrere bedeutende Werke hinterlassen, unter denen seine 19 bändige Nouvelle geographie universelle das be⸗ deutendste ist. Sein anarchisch⸗theoretisches Glaubensbekenntnis hat er in seinem Werk L'evolution, la révolution et P'ideal anarchi- que(Entwickelung, Revolution und das anar⸗ chistische Ideal) niedergelegt.

E Die Hasen.

Die kleine naive Träumerin an meiner Seite wiederholte unter schwärmerischen Seufzern, in⸗ dem ste den entzückten Blick über die Gegend schweifen ließ:Ach, wie schön ist es hier! Beim Anblick der malerischen Schloßraine, deren Schönheit ich ihr erklärte, verfiel ste nach und nach in jenen halbwachen Zustand romantischer Schwärmerei, in den die jungen Mädchen bei der Lektüre eines rührenden Heldenromans auf historischem Grunde zu geraten pflegen. Aus ihren schwärmerischen Blicken und abgerissenen Bemerkungen trat immer deutlicher jene flache, sentimentale und kritiklose Verehrung für das Gewesene hervor, für alle verstorbenen Großen und alle falschen Helden der für die Jugend bearbeiteten Ge⸗ schichtssagen. Es war die Begeisterung, die genährt wird durch tendenziöse, populäre Hand⸗

bücher und patriotische Komödianten, die ihre chauvinistische Melodie herunterletern wie der Leiermann den Leierkasten.

In freundschaftlicher Art spottete ich ihrer einfältigen Ideale, und mit der Rücksichtslostgkeit eines Entnüchterten, für den es außer den Ueberresten der Kunst und dem Martyrium der Namenlosen nichts Achtungswertes in der viel gerühmten Vergangenheit gibt, suchte ich sie über jene Jahrhunderte der Finsternis, Gewalt und Niederträchtigkeit aufzuklären und die romantische Hülle, welche ihre naive Phantaste über das gewesene Raubschloß und dessen einstige Besitzer geworfen hatte, gewaltsam abzureißen.

Sagtest Du doch selbst, wie schön das sei, unterbrach sie mich in vorwurfsvollem Tone, indem sie auf die Ruinen hinwies. if 2 Mauern? oder was darin geschehen

Eigentlich hätte ich wieder von vorn an⸗ fangen müssen, aber wir wurden durch einen Bauer mit Erdbeeren von unserm Gespräch abgelenkt. Wir kauften ihm seinen Vorrat ab, setzten uns auf den Schloßabhang und begannen die schmackhaften Beeren zu verzehren, zuerst einzeln, dann zu zweien, dann gleich die ganze Hand voll, bis wir schließlich zu unserm großen Bedauern die letzten verschluckt hatten.

Als ich mich nach dem Bauer umdrehte, ob er nicht noch mehr Erdbeeren hätte, frappierte mich der Anblick seiner Jammergestalt mit dem bleichen eingefallenen Gesicht, dem abgerissenen Gewand und jenem namenlos traurigen Gepräge der Armut, des Druckes und der Verkrüppelung, das den polnischen Bauern und ihren Gäulen so eigen ist.

Diese Gegend ist wohl sehr arm? fragte ich.

Er bestätigte es wie etwas, das für ihn nicht mehr neu war, worüber man schon un⸗ zählige Male erfolglos geklagt hatte. Doch all⸗ mählig taute er auf.Das Dorf, sagte er, zählt dreihundert Hütten, deren arme Bewoher kein eigenes Grundstück haben, sondern die vom Grafen gemieteten kleinen Grundstücke bebauen. Derlei gibt's nicht viele, auch sind sie zersplittert, zerstreut und taugen wenig. Regen, Wind und Hagel tun das ihrige, um die Früchte der Arbeit zu zerstören, und da man davon nicht zu leben vermag, herrschen im Dorfe nur Hunger, Krankheit und Not.

Warum wendet ihr Euch nicht an den Grafen um Hilfe?... Der hat ja viele Qua⸗ dratmeilen Erde, Wiesen und Wälder, dem kann es nicht schwer fallen, etwas für Euch zu tun.

Mohl sind manche zu ihm gegangen, aber erfolglos, sie sind noch wegen Aufwiegelei be⸗ straft worden. Er ließ seine Augen über die Hügel und Felder schweifen, wo er im vergeb⸗ lichen Kampfe mit seiner sklavischen Existenz Kraft und Leben einsetzte, seufzte schwer auf, und während sich sein Antlitz noch mehr ver⸗ finsterte, fügte er grollend hinzu:All dies ließe sich noch ertragen, wenn nur nicht diese Hasen

Was für Hasen?

Die Hasen des Grafen, dessen Güter sich durch prächtige Jagdgründe auszeichnen. Die Gegend ist besonders an Hasen reich, die hier zu Tausenden von des Banern Arbeit leben. So ist es in der Tat, die Bauern müssen die herrschaftlichen Hasen füttern, die aus den an⸗ grenzenden Wäldern in unsere Felder kommen und hier ungestört weiden, als wüßten sie, daß den Bauern die strengste Strafe treffen würde, wenn er sie tötete. Er muß es ruhig geschehen lassen, damit die hohen Herrschaften etwas zu schießen haben.

Wie?... gibts keine Abhilfe dagegen?

Keine, höchstens eine Hasenseuche.

Kann es etwas ungerechteres geben? Ein elendes Stück Erde wird dem Bauer teuer ver⸗ pachtet, von ihm im Schweiße seines Angesichts bearbeitet und dann dem schädlichen Tiere, dem Hasen, zur Vernichtung ausgesetzt. Was des Aermsten einzige Kuh nicht auf meilenweiten herrschaftlichen Wiesen tun darf, das ist Tau⸗ senden von Hasen auf einem halben Morgen Bauernacker gestattet!

So wehrt Euch doch! Führet Klage!

Suchet Gerechtigkeit! Der Bauer machte eine verzweifelte Hand⸗

bewegung. Wie käme er dazu, mit den gräf⸗ lichen Hasen Krieg zu führen?

Wie findest Du das? fragte ich das junge Mädchen an meiner Seite.

Sieh' da!... Wanda hatte Tränen in den Augen, leichte, wie Tau vergänglich, aber den⸗ noch Tränen der Entrüstung und des Mitleids. Sie hatte also das schreckliche herausgefühlt. Jetzt war der Augenblick gekommen, dachte ich mir, wo an ihrer Seele, die für so Vieles ver⸗ schlossen war, gepocht werden müsse, wo der Strahl des Denkens hineindringen und Alles darin erwecken könne, was über den Instinkt des Weibchens und die Träume eines Kindes geht.

Ich zog sie mit mir in den Wald und be⸗ gann voll Eifer:Siehst Du, siehst Du, was man aus dem Bauer gemacht hat? Was man aus dem Menschen gemacht hat? Das Schloß ist längst zusammengestürzt, ringsum aber stirbt der Bauer wie ehedem Hungers und ist das ge⸗ duldete Lasttier des Magnaten. Während von der einen Seite des Waldes sich das luxurtöse Leben der großen Herren abspielt, fressen deren Hasen von der andern Seite all das auf, was ihm Frost, Dürre, Hagel, Regen, Wind, Mäuse, Käfer und die Füße der Vorübergehenden nicht zu zerstören vermocht haben. Der Bauer muß auf seine Kosten all das erhalten, was in der Welt böse und unnütz ist, angefangen vom fremden Luxus bis zur eigenen Not und Finstern is. Mit diesem Fluche ist er zur Welt gekommen. Für diese riesige und komplizierte Pumpe, welche die gesellschaftliche Ordnung genannt wird, die menschliche Niedertracht ersonnen und eingerichtet hat, muß der Bauer Säfte zuführen, ebenso wie er im Märchen dem Drachen Blut zugeführt hat. Und schließlich geht dieses arme, schwache, dumme Geschöpf, das in Fäulnis wohnt, Ab⸗ fälle ißt und sogar dem Hasen weichen muß, und opfert sein Blut auf dem Schachbrett blu⸗ tiger Kombinationen, wo..

Hier unterbrach mich Wanda, indem sie mir erschrocken zuflüsterte:Pst!... Mir war's, als ob jemand käme!

Nun, was ist dann?

Wenn man Dich hören würde...

Nun, was weiter?.. fragte ich erstaunt.

Man könnte Dich noch für einen Sozialisten halten und Du hättest Unannehmlichkeiten... Rentiert sich das?... Ist es denn wert, sich mit Andern zu beschäftigen, wenn man ihnen nicht helfen kann?... Wie, es einmal ist, so ist es immer gewesen, und so muß es eben sein. Alle können es nicht gut haben, das ist un⸗ möglich... Uebrigens können sie sich allein helfen: Du trägst teine Schuld daran, also was geht es Dich an?! Wozu mit solchen Dingen den Ausflug verderben?

Armes Tierchen! Sie hat mich vollständig entwaffnet. Nicht sie also ist schwärmerisch veranlagt, sondern ich bin es. Nicht sie ist schuld daran, daß sie so ist, wie sie ist, sondern ich, der ich mich zuweilen Tänschungen über ste hingebe! Denn eigentlich ist sie uicht böse. Sie hat sagar unzweifelhaft Vorzüge, z. B. einen sehr graziösen Fuß, ein äußerst wohl⸗ klingendes Organ, große, saufte Augen und einen üppigen Haarwuchs... Dabei ist sie so jung, so frisch, so uneigennützig, liebt mich von ganzer Seele... Aber sie hat einen verhängnis⸗ vollen Fehler: sie hat dieselben Anschauungen wie ihre Mutter, ihr Valer und der Herr Pfarrer, dessen Mund sie als Quelle der Weis⸗ heit betrachtet, und eben dieser Mund ist es, der von Unsinn überströmt.

Humoristisches.

Streng vertraulich.Ich will Ihnen zum Troste sagen, Herr von Nelidow, in Berlin ist man an maßgebendster Stelle der Ansicht, daß ihr Russen den Krieg theoretisch nicht verloren habt. Nur praktisch. Besten Dank, Herr Kamerad, und teilen Sie dafür der maßgebendsten Stelle in Berlin mii daß die praktischen Kavallerie⸗Attacken ganz merkwürdig anders ausfallen.(Simpl.)

Gemütliche Gegend.Sagen Sie mal, Herr Wirt sechs Tische haben Sie da stehen, und an jedem sitzt ein Gast!... Sind denn das alles fremde Bauern!Nein, das find schon hiesige! Ja, warum setzen sie sich denn nicht zusammen?Die prozessieren alle miteinander!