ie der
ine et.
u⸗ oK 05
ek. a5
3*
N el
. en
1j.
Fr
1
JI 1
*
Nr. 6.
Gießen, den 5. Februar 1905.
12. Jahrgang.
Nedaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
———
Sonnt
Mitteldeutsche
Nedaftionsschlu 32 Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
—
Ugs⸗Zeitung.
Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung
kostet durch unser Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträg
Bestellung en
1 Juserate 2
e nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung er entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33söĩ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Bei mindestens
Die Wucherzölle nahen.
Am vorigen Samstag sind von der Regie⸗ rung die neuen Handelsverträge, die sie mit Italien, Belgien, Rußland, Rumänien, der Schweiz, Serbien und Oesterreich⸗Ungarn ab⸗ geschlossen hat, veröffentlicht und bereits am Mittwoch dem Reichstage vorgelegt worden, wo sie der Reichskanzler mit einer großen Rede begründete. Die Verträge treten spätestens mit dem 1. Juli 1906 in Kraft und haben bis zum 31. Dezember 1917 Geltung. Sie find vereinbart auf Grund jenes Hungertarifs, den die Regierung im Bunde mit der zöllneri⸗ schen Reichstagsmehrheit vor zwei Jahren unter Bruch der Reichstags⸗Geschäftsordnung durch⸗ drückte. Sie bringen dem arbeitenden Volke keine Erleichterung, wie die vor etwa zehn Jahren von dem damaligen Reichskanzler Caprivi eingebrachten, sondern bedeuten im Gegenteil eine weitere und schlimmere Aus⸗ beutung der Arbeiterklasse, eine Verteuerung ihrer Lebenshaltung und damit Verschlechterung ihrer Ernährung. Diese Verträge bedrohen aber auch in höchstem Grade die fernere Ent⸗ wicklung der deutschen Industrie. Erhalten sie die Genehmigung des Reichstags— woran kaum zu zweifeln ist— dann tritt in viel höherem Grade, als Optimisten geahnt hätten, die Gefahr ein, vor der die Sozial demokratie unaufhörlich gewarnt hat. Bei steigenden Lebens⸗ mittelpreisen, die eine Erhöhung der Arbeits⸗ löhne notwendig machen, wird die deutsche Industrie ein Absatzgebiet nach dem andern verlieren. Die industrielle Ent⸗ wicklung des Auslands wird durch erhöhten Industrie⸗Zollschutz treibhausartig fortschreiten, die Gefahr künftiger Krisen in sich bergend, während die deutsche Volkswirtschaft durch die künstliche Aufpäppelung der Konkurrenz als erste in die Krise hineingetrieben wird.
Verschtedene agrarische Blätter jammern heuchlerisch über Benachteiligung der Landwirt⸗ schaft, doch das sind nur Scheinmanöver, andere begrüßen die einzelnen Bestimmungen mit einem wahren Freudengeheul. Warum auch nicht? Sie haben alle Ursache dazu. Denn in der Einleitung sagt die Regierung selbst:
Bei den Verhandlungen mit den fremden Staaten ist das oberste Prinzip, die möglichste Steigerung des Schutzes der land⸗ wirtschaftlichen Produkte ohne Schwanken festgehalten. Die Erneuerung der Tarifverträge gelang in einer Form, die unter sehr wesenklicher Besserstellung der landwirtschaftlichen Produktion es auch unserer Industrie ermöglichen wird, sich in befriedi⸗ gender Weise einzurichten.
Wie und ob es der Industrie möglich sein wird, sich in„befriedigender Weise einzurichten“, wird die Zeit lehren. Diese Frage ist in ihren Nachwirkungen von sehr großem Interesse für die deutsche Arbetterklasse. In erster Linie sind die Arbeit er jedoch an der„sehr wefent⸗ lichen Besserstellung der land wirtschaftlichen
Produktion“ interesstert, was deutlicher ausge⸗
drückt nichts anderes heißt, als daß sich die deutschen Arbeiter den Hungerriemen enger schnallen sollen und müssen, um die Grund⸗ rente des Junkertums zu steigern.
Es wird noch oft Gelegenheit geben, auf
die Einzelheiten der Verträge einzugehen. Vor⸗ läufig sei nur Folgendes hervorgehoben.
Der Zoll auf Roggen wird für je 100 Kilogramm um 1.50 Mark höher als bisher, auf Weizen un 2 Mark, auf Hafer um 2.20 Mark, auf Mehl um 2.90 Mark, auf Malz um 2.15 Mark, auf Hopfen um 6 Mark, auf Schlachtochsen um 3.75 Mark(fast ver⸗ doppelt), auf Schlachtkühe um 5.75 Mark (fast vervierfacht), auf Jungvieh um 6 Mark(vervierfacht), auf Schweine um 5.67 Mark(fast verdreifacht), auf Fleisch um 10 und 12 Mark, auf Butter um 4 Mark, auf Margarine um 4 Mark.
Das sind fast ausschließlich wichtige Nah⸗ rungsmittel, deren Bedarf durch reiche Zufuhren aus dem Auslande gedeckt werden muß. An Getreide, Mehl, Malz, Hopfen allein braucht Deutschland jährlich eine ausländische Zufuhr im Werte von mehr als 600 Millionen Mark. Für weitere 125 Millionen Mark mußte im Jahre 1903 Schlachtvieh nach Deutschland ein⸗ geführt werden. Es ist also für alle ange⸗ führten Lebensmittel, Brod, Butter, Fleisch, Bier, eine bedeutende Preissteigeru ng zu erwarten, die im günstigsten Falle etwas hinter den Zollerhöhungen zurückbleibt, in ungünstigem Falle, nämlich bei Steigen des Weltmarkts⸗ preises, diese Zollerhöhungen noch übertrifft. Genauere Berechnungen des Schadens, den der Arbeiterhaushalt durch diese Preiserhöhungen erleidet, werden gewiß noch versucht werden, wenn auch kein Berechnungsmodus die Gewähr absoluter Zuverlässigkeit bietet. Für heute mag die Feststellung genügen, die nach den ange⸗ führten Zahlen jeder Arbeiter und vielleicht besser noch jede Arbeiterfrau treffen kann, daß es nämlich über ihren Speiseschrank hergeht, daß im Haushaltsbudget die bloße Nahrung einen noch breiteren Raum einnehmen wird als bisher, daß für alles Uebrige, Kleidung, Wohnung, Kulturbedürfnisse aller Art noch weniger als bisher übrig bleibt.
Die Erlaubnis, dem eigenen Volke sein Brod verteuern zu dürfen, hat sich aber das Deutsche Reich nur dadurch erkaufen können, daß es hin⸗ wiederum dem Auslande erlaubte, der deutschen Industriebevölkerung ihre Erwerbsmöglichkeiten zu verringern. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung eine Tabelle, die der Vorwärts aufstellt und welche die Erhöhung einiger wichtiger russischer Industriezölle betrifft. Die deutsche Ausfuhr von Eisen⸗ und sonstigen Metallfabrikaten im Werte von 200 Millionen Mark(im Jahre 1903) wird durch neue Zoll⸗ erhöhungen eingeengt, wo nicht unterbunden.
Welche Möglichkeit gibt es nun, solchen Zuständen entgegenzuwirken? Soll der Raub, den die Junkersippe an dem arbeitenden Volke zu vollziehen im Begriffe ist, in irgend einer Weise wieder zurückgeholt werden, so gibt es nur ein Mittel dazu. Die Zunahme der Ar⸗ beitslosigkeit in den Städten wird zwar bis zu einem gewissen Grade den landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt verschlechtern, auf der anderen Seite aber wächst für die landwirtschaftlichen Arbeitgeber durch die Preiserhöhung ihrer Produkte auch die Möglichkeit ihre Arbeitskräfte besser zu bezahlen. Die ländliche Arbeiterschaft zum Kampfe um eine Verbesserung ihre Lebens⸗ lage anzutreiben und sie in diesem Kampfe mit
allen Mitteln zu unterstützen, muß darum die nächste wirtschaftspolitische Aufgabe der gesamten deutschen Arbeiterklasse sein. Die zerstreuten Massen auf dem flachen Lande so bald als mög⸗ lich in Bewegung zu setzen, ist ein Lebens⸗ interesse des ganzen deutschen Proletariats! Wenn das Brod schon teurer wird, so sollen die den Nutzen davon haben, die es erzeugen!
In demselben Maße, wie sich in der neuen Aera die Klassengegensätze verschärfen, muß sich also auch die Solidarität des Proletariats ver⸗ schärfen. Besserer Lohn, bessere Lebensbedin⸗ gungen, Freiheit der Landarbeiter— das ist die Antwort, die wir der Junkersippe auf ihre Wucherverträge schuldig sind!
Die Bewegung in Rußland.
Die revolutionäre Bewegung hat seit dem Blutsonntag in Petersburg in ganz Rußland weitere Kreise gezogen. In einer Reihe Städte traten die Arbeiter in den Ausstand, der meist noch andauert. Vielfach kam es zu Zusammen⸗ stößen mit dem Militär, so in Warschan, Lodz und in anderen Industriestädten. Be⸗ lagerungszustand ist in vielen Orten verhängt, Massenverhaftungen werden vorgenommen. In Petersburg und Moskau ist äußerlich alles ruhig; aus den Nachrichten aus den Provinzen ist die Ausbreitung der Bewegung zu erkennen. Dabei ist noch zu beachten, daß die russtsche Zensur Nachrichten über die Vor⸗ fälle zu unterdrücken und zurückzuhalten sucht. Aus Warschau wurde vom 1. Febr. berichtet: „Die Straßenunruhen dauern fort. Die Revolutionäre griffen die Truppen und Polizisten auf offener Straße mit Revolvern und Dolchen an und versuchten, ein Regierungsdepot in Brand zu stecken, waren auch bereits beschäftigt, Petroleumfässer aufzuschlagen und zu entzünden, als Truppen anlangten, die sie vertrieben. Die Unruhen nehmen noch zu, der Aufstand erstreckt sich bis in das Dongeblet. Im ganzen sollen 100000 Arbeiter feiern.“— Und eine Meldung aus Lodz vom gleichen Tage besagt:„Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen. Die großen Schaufenster der Geschäfte sind mit Brettern verdeckt, die Stadt gleicht einer belagerten Festung. Alle Geschäfte sind geschlossen. Pa⸗ tronillen von 50 Mann durchziehen die Stadt. Vor den Bäckereien warten Hunderte von Menschen auf Brot.“
Sogar in Mukden drohe nach einer Mitteilung aus Shanghai Aufruhr der dortigen Garnison. Wie vorauszusehen gewesen, hatten es die Japaner verstanden, den russischen Truppen die Nachrichten über das Blutbad in Petersburg und die sich anschließenden Unruhen in der fernen Heimat beizubringen.
Der Zar soll sich in einem traumartigen Zustande befinden. Er soll nach den Aussagen eines nach Krakau zurückgekehrten Kaufmanns, an dem Feste der Wasserweihe an der Newa, wo von einer der Salut schießenden Batterien ein scharfer Kartätschenschuß abgegeben wurde, von einem Geschoßsplitter getroffen worden sein. Dem Großfürsten Wladimir wäre in der Haupt⸗ sache die Schuld an den Untaten am 22. Januar zuzuschreiben.
Der Dichter Maxim Gorki befindet si! mit den übrigen verhafteten Liberalen und


