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Gießen, den 31. Januar 1904.
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Mitteldeutsche
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Vegriffsverwirrung und Klassenhaß.
Es wirft ein trauriges Licht auf den ver⸗ worrenen Geisteszustand, in dem sich immer noch eine Anzahl selbst akademischer Lehrer in Deutschland befindet, wenn man sehen muß, wie völlig verständnislos und, was beinahe noch schlimmer ist, herzlos dieselben oft den Bestrebungen der sogenannten unteren Volk. ⸗ klassen gegenüberstehen, und wie leichtfertig sich dort Urteile angemaßt werden, ohne die Grundbedingung allen und jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebenden Urteils, nämlich eines ernsten und möglich st objektiven Studiums der zu behandelnden Frage, auch nur annähernd zu erfüllen. Ganz besonders befremdend muß es aber berühren, wenn selbst ein Mann, der sich als„Ethiker“ bezeichnet, nicht davor zu⸗ rückscheut, den Rest ethischen Empfindens unter seinen Klassengenossen auch noch zu vernichten. Dr. Hermann Schwarz, Privatdozent der Philosophie an der Universität Halle, liefert uns in seinem neuesten Werk, welches den schönen Titel:„Das sittliche Leben“) führt, den Beweis, daß Unkenntnis der einfachsten sozialen Tatsachen vereint mit einem wahrhaft krassen Mangel an liebevollem Verständnis für den behandelten Gegenstand direkt wissenschafts⸗ fälschend werden kann. Schwarz beschäftigt sich eingehend mit der sozialen Frage. Dabei kommt er zu folgendem klassischen Urteil: „Unsere Arbeiterbewegung macht es den Unter⸗ nehmern schwer, Edelsiun zu üben.“(S. 193.) Daß das Unternehmertum— seien wir gerechter als Schwarz und setzen wir deshalb hinzu, in seiner Ueberzahl— es auch den Arbeitern
schwer macht,„Edelsinn zu üben“, erwähnt er
nicht. Und doch ist gerade das der springende
Punkt, zumal da— wie sich das auch Herr
Schwarz bei einigen Nachdenken hätte sagen können— der Unternehmer dem Arbeiter gegen⸗ über im Besitz unendlich überlegener materieller Macht itt. Daß Schwarz in der sozialen Frage nur eine ethische, nicht aber auch eine ökonomische Seite sieht, wollen wir ihm hier nicht einmal anrechnen. Wohl aber, daß er fortfährt:„Un⸗ sere heutigen Arbeiter in ihrem Klassenl aß und mit ihrer Begriffsverwirrung sind nur zu ge⸗ neigt, das, was sie den Unternehmern schulden, zu vergessen. Das ist, da sich niemand anders über sie erbarmt(sic!), nicht mehr und nicht weniger als ihre Existenz. Dem Unternehmer verdankt der Arbeiter, daß er überhaupt leben kann und nicht Hungers stirbt.“ So Herr Schwarz im Jahee des Heils nicht 1703, son⸗ dern 19031! Jedoch von seinen krausen wirt⸗ schaftlichen Gedanken, die den Arbeitskontrakt als ein Liebeswerk des Unternehmertums und die Arbeit nicht als Mittel zum Zweck des Unternehmer⸗Gewinnstes, sondern als eine dem hungernden Arbeiter vom Kapitalisten menschen⸗ freundlich gewährte Beschäftigung auffassen, wollen wir an diesem Ort nicht reden. Hier soll nur die Naivität hervorgehoben werden, die da von den Arbeitern Dank⸗ barkei dafür beansprucht, daß sie täglich 11 bis 14 Stunden schuften dürfen, um für ihre Arbeit noch nicht einmal ein auch nur einiger⸗ maßen sorgenfreies Leben zu gewinnen, und zugleich daran erinnert werden, daß, wenn
) Berlin, Reuther und Richard. 417 Seiten.
„Klassenhaß und Begriffsverwirrung“ bei den deutschen Arbeitern bestehen sollte, dieselben Eigenschaften offenbar, wie das Exempel lehrt, auch bei Universttätsgelehrten anzutreffen sind. Ueber die Begriffe„Arbeit“,„Erbarmen“,„Exi⸗ stenz» usw. herrscht bei Schwarz eine solche Verwirrung, daß es nicht glaublich erscheint, jemand könne noch stärker verwirrt sein, und die Wissenschaft im wenn auch unbewußten Dienste des Unternehmertums mit der dazu gehörigen Glorifizierung des Kapitals und Ver⸗ achtung der arbeitenden Klassen, das ist eine um so schlimmere Probe von„Klassenhaß“, als der Gebildete eigentlich doch die Fähigkeit haben müßte, ruhiger und gerechter zu empfinden als der brotlose Unbemittelte, bei welchem das Elend und die Unbildung schiefe und lieblose Urteile über die andere Klasse, wenn sie wirk⸗ lich einmal vorkommen, entschuldbarer scheinen lassen. Ob, wenn Herr Dr. Schwarz vielleicht keine Aussicht auf eine Professur haben sollte, sich die Crimmitschauer Fabrikanten nicht seiner annehmen? Dr. Robert ichels.
Von der russischen Sozial⸗ demokratie.
Von einer politischen Bewegung in Rußland hört man im Allgemeinen so gut wie nichts. Wer im Lande selbst es unternimmt, sich um politische Fragen zu kümmern und etwa ver⸗ sucht, offentlich im freiheitlichen Sinne zu wir⸗ ken, riskiert seine Existenz; bei der ersten besten Gelegenheit wird er nach Sibirien in die Verbannung geschleppt, und sieht in den meisten
Fällen seine Heimat mie wieder. Endlose, gräß⸗
liche Qualen erwarten den, der sich bemüht, bessere Zustände in dem korrupten, auf Willkürherr⸗ schaft aufgerichteten Staatswesen herbeizuführen. Wir haben in der vorigen Nummer schon kurz auf die Schändlichkeiten des Zarismus hinge⸗ wiesen. Trotz der barbarischen Unterbrückungs⸗ maßregeln macht aber auch dort die Sozial⸗ demokratie Fortschritte und die öfteren, gegen Angehörige der Partei geführten Prozesse wirken agitatorisch. Bei einem derartigen, vor Kurzem in Odessa— natürlich hinter ver⸗ schlossenen Türen— stattgefundenen Prozesse hielt der Hauptangeklagte, Leon Goldmann zwei Reden, in denen er gewissermaßen das Pro⸗ gramm der russischen Sozialdemokratie dar⸗ legte und die auf die Richter starken Eindruck machten, natürlich ohne seine Verurteilung zur Verbannung nach Sibirien zu verhindern. Wer geben diese Rede nach einer Uebersetzung aus dem in Genf erscheinenden russischen Partei⸗ organ„Js kra“ wieder. Aus den Darlegungen des russischen Genossen geht unter anderm mit aller Deutlichkeit hervor, datz es durchaus falsch ist, die russischen Freiheitskämpfer als Anarchisten zu bezeichnen, wie das kürzlich bei Gelegenheit der sozialdemokratischen Interpellation wegen der russischen Spitzeleien von deutsch⸗offtzieller Seite geschah. Leon Goldmann führte aus: Richter und Geschworene!
Ich gestehe zu, mich an der Einrichtung und d m Betrieb einer geheimen sozialdemokratischen Druckerei beteiligt zu haben. Es wundert mich aber, daß mich die Anklage einer Aufreizung zu Gewalttätigkeiten beschuldigt. Dies muß ich entschieden bestreiten, denn ich gehöre zur russischen sozialdemokratischen Partei.
Diese, als sozialistische Parte, erstrebt die Be⸗ freiung der arbeitenden Klasse von dem Joche der⸗ Aus beutung. Die heutigen ökonomischen Verhältnisse will sie in sozialistische umgestalten.
Grundsatz des Sozialismus ist, das Eigentum an Grund und Boden und Arbeitsmitteln zu vergesell⸗ schaften und damit Zustände zu schaffen, in denen sich der Mensch allseltig frei und harmonisch entwickeln kann. Ausgehend von der Ueberzeugung, daß die Be⸗ freiung der Arbeiterklasse nur durch sie selbst geschehen kann, sucht die sozialdemokratische Partei das Klassen⸗ bewußtsein der Arbeiter zu wecken, sie zu klassen⸗ bewußten Arbeitern zu erziehen. Sie zeigt und erklärt die Gegensätze zwischen Kapitalisten und Grundbesitzern gegenüber den besitzlosen Arbeitern, organisiert die letzteren für den Kampf mit dem Ausbeutertum und bereitet sie auf die historische Rolle vor, die sie in der Geschichte der Menschheit zu spielen berufen sind.
Als eine demokratische Partei sucht die Sozial⸗ demokratie den größtmöglichsten Einfluß auf das poli⸗ tische Leben und die politische Entwicklung des Staates zu erringen. Sie erkämpft die politischen Rechte im allgemeinen für das ganze Volk und für die arbeitenden Klassen insbesoudere.
Auf dem Wege zur sozialdemokratischen Ordnung der Dinge stößt das Proletariat Rußlands auf ein großes Hindernis: den absolutistischen Staat, jenen Staat, der noch als scheußliches Ueberbleibsel aus der Zeit der Leibeigenschaft in unsere Zeit hineinragt. Dieses Hindernis muß das Proletariat unbedingt beseitigen. Deshalb ist nächste Aufgabe der russischen sozlaldemokratischen Partei Befrelung von der Willkür⸗ herrschaft des Zarentums, und Herstellung einer freieren, demokratischen und konstitutlonellen Regierung. Die So zialdemokratie bietet alle Kräfte auf, um die Arbeiter⸗ klasse zur Erkenntnis ihrer schrecklichen Lage zu bringen, und die Notwendigkeit politischer Freiheit vor Augen zu führen Und wünklich, was kann schrecklicher sein als die Lage der Arbeiterklasse in Rußland? Hun⸗ derte und Tausende russischer Arbeiter rafft die Hungers⸗ uot dahin, alle aber fristen ein elendes, menschenun⸗ würdiges Dasein. Sie leiden unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, der lange Arbeitstag ist mit schwerer, qualvoller Arbeits last ausgefüllt und dabei erhalten sie einen elenden Lohn, der noch nicht für Brot für die Familie ausreicht— so ist die ökonomische Lage der Fabrik⸗ und gewerblichen Arbeiter.
Noch schlimmer ist die Lage der Bauern. Sie verfügen nur über kleine, ärmliche Schollen Land; seit
zwei Jahrzehnten hört die Hungersnot unter ihnen nicht
auf. In öffentlich⸗rechtlicher Beziehung sind sie, ebenso wie die Arbeiter, rechtlose Sklaven. Sie seufzen unter dem Joche der Großgrundbesitzer und der Semski- Natschalnikow;(Landes⸗Vorsteher, etwa dem preußt⸗ schen Landrat entsprechend) mit dem schmachvollen Mittel der Prügelstrafe in Botmäßigkeit und Unterwürfigkeit gehalten, zwingt man sie, vor jedem„Herrn“ den Hut zu ziehen. Jeder, der eine Kokarde trägt, sieht Arbeiter und Bauern als untergeordnete Wesen, als rechtlose Menschen an; jeder Polizist kann den Arbeiter straflos schlagen und schimpfen.
Wir Sozialdemokraten entwickeln in den geknechteten N
Arbeitern das Gefühl des Selbstbewußtseins, suchen ihnen Selbstvertrauen anzuerziehen, und ihnen den Weg zur Selbsthilfe zu zeigen. Wir stählen sie zum Kampfe für bessere Lebensbedingungen, flößen ihnen Interesse für das öffentliche Leben ein, entwickeln in ihnen bessere und höhere Kulturtriebe und ziehen ihn in das poli⸗ tische Leben unserer Heimat hinein. Unsere ganze Tätig⸗ keit inmitten der Arbeiterklasse bringt eminenten Nutzen für unser Vaterland; da wir die Arbeiter sklaven zu gleichberechtigten Arbeiter bürgern umwandeln.
Die Anklage sagt von uns, daß wir in Kischinew eine geheime Druckerei errichtet haben zur Herstellung von Schriften, die zu Ungehorsam und Gewalttätigkeiten gegen die Obrigkeit aufzureizen bestimmt waren und wir hätten damit die Absicht bekundet, Staat und Re⸗


