Ausgabe 
29.5.1904
 
Einzelbild herunterladen

wiesen, sonst würde er elend zu Grunde gehen,

eee e

e

den Lebensgenuß durch die Pflichten verdient hat.

7

Beilage eur Mlitteldeutschen Sonntags- Leitung.

Nr. 22.

Gießen, Honntag, den 29. Mai 1904.

10. Jahrg.

Etwas über Sozialismus

Eure Theorie ist ganz hübsch, aber nicht durchführbar, solange die Menschen keine Engel sind.Was ihr wollt, das würde die mensch⸗ liche Gesellschaft zu einem Zuchthausstaat machen. Also lauten die gauptsächlichsten Gründe, die man unsern Bestrebungen entgegensetzt. Es verlohnt sich, einmal diese Gründe näher zu untersuchen.

Wir stützen unsere Hauptforderungen darauf, daß alle Menschen von Natur gleichgeboren sind, ale Kinder nur durch die Arbeit anderer und als Erwachsene wiederum durch vereinte Tätig⸗ keit aller sich am Leben erhalten können, und schließlich einer wie der andere der Natur den Tribut des Gewordenen in Form des Todes leisten müssen. Da gibt es keine Ausnahme. Ob Mann oder Weib, Fürst oder Bettler, Geistlicher oder Ungläubiger, Europäer oder Hottentot, alle unterliegen einem und demselben Naturgesetz und sind von einander gleichermaßen abhängig, um leben zu können. Ist dem aber so, wie konnten die Menschen zu der krassen Verschiedenheit ihrer Auffassung über ihren gegenseitigen Wert kommen?

Wir wissen, daß das Menschengeschlecht nicht fix und fertig so, wie es heute beschaffen ist, auf die Welt gekommen ist, sondern daß es sich aus dem Tierreich Schritt für Schritt entwickelt hat. Davon wollen zwar die Geist⸗ lichen aller Religionen nichts wissen, aber das ändert nichts an der wissenschaftlichen Tat⸗ sache, daß die Natur keine Sprünge macht, auch nicht zugunsten des Menschengeschlechts, sondern daß alles, was existiert, sich aus un⸗ scheinbaren Anfängen zu dem entwickelt hat, was es ist.

In der Natur gilt freilich nur das Recht des Stärkern. Die Stärke kann im einzelnen liegen, dann herrscht er, sie kann in dem Zu⸗ sammenwirken mehrerer oder vieler liegen, daun herrschen sie. Das aus einem Tiere zum Menschen gewordene Wesen hat sich, daran kann nicht gezweifelt werden, aber nur durch gemeinsames Leben mit mehreren seines⸗

gleichen im Kampfe gegen die Ungeheuer der

Vorzeit behaupten können, denn dem Menschen hat, wie seinem Verwandten, dem Affen, die Natur nicht die Waffen gegeben, die nötig waren, um alle in den Kampf mit den großen Raubtieren mit Erfolg bestehen zu können. Was der einzelne Mensch nicht konnte, das vermochte aber die Menschen her de.

Hätte in der Urzeit der Mensch vereinzelt gelebt, dann würde heute noch wenigstens bei einem der sogenannten wilden Völker ein solches Einzelleben der Paare zu bemerken sein. Das ist aber nicht der Fall. Alle Völker ausnahms⸗

los leben in weniger mehr oder minder großen

Gemeinden, und bei allen wird innerhalb der ursprünglichen Gemeinschaft, der Verwandt⸗ schaft, in letzter Richtung in dem Zusammen⸗ leben zwischen Nater, Mutter und Kind, noch ein gewisses Maß von gleichem Recht auf den Lebensgenuß aufrechterhalten, ohne daß man so sehr peinlich, wie sonst darnach fragt, ob denn auch jedes Glied der Gemeinschaft Erfüllung der

Ansere kommunistischen Forderungen können sich also nicht nur auf das Naturrecht, sondern

auch auf die kulturgeschichtliche Ent⸗

wicklung des Menschengeschlechts stützen. Im Gegensatz zu vielen Tieren ist jeder Mensch Zeit seines Lebens auf andere Menschen ange⸗

heute noch, trotz aller seiner Kenntnisse. Hängt nun jeder Mensch vom andern ab, ist es dann nicht eigentlich Unsinn, an Standes⸗ und Klassenunterschieden festzuhalten, die die Menschen in Arme und Reiche, Beherrschte und Unterdrückte scheiden, dem Fürst z. B. erlauben, sich über alles und jedes ganz nach Belieben straflos zu äußern, den Nichtfürsten aber zum

Kerker verdammen, wenn er über Fürsten ab⸗ sprechend urteilt?

Selbst unsere Gegner werden zugeben müssen, daß in dieser Frage eine gewisse Berechtigung liegt und daß es viel besser wäre, wenn die Standes- und Klassenunterschiede nicht bestünden und alle Menschen wie Brüder und Schwestern leben würden.

Dennoch hält man an den Klassenvorrechten fest. Warum? Zum Teile sind es Dünkel und Selbstsucht, zum größten Teile vielleicht ist es aber der Irrtum, daß die menschliche Gesell⸗ schaft unter einer kommunistischen Verfassung nicht werde bestehen können. Sie könnte unsrer Meinung nach aber sehr gut bestehen.

Nehmen wir ein Beispiel an, worüber jeder unserer Leser und Leserinnen ein Urteil hat.

Die Einwohner eines bestimmten Ortes brauchen gewisse Lebensmittel in einer Menge, die sich fast ganz genau ausrechnen läßt. Jeder braucht Brot, Milch, Butter, Fleisch und Kartoffeln, grüne und trockene Ge⸗ müse ꝛc. Die zum Leben in unserm Klima unbedingt nötigen Lebensmittel müssen be⸗ schufft werden, und sie werden beschafft, ganz gleich, ob der, der sie verzehrt, Geld hat oder nicht. Kann er sie nicht kaufen, so versorgt man jetzt ihn bis zu einem gewissen Grade im Armenhaus oder im Gefängnis.

Ebenso braucht jedermann Bekleidung, und die Menge der Kleidungsstücke läßt sich ebenfalls fast genau berechnen. f

Drittens braucht jeder eine Wohnung, was bei der Berechnung am allerwenigsten Schwierigkeiten macht.

Nicht genau läßt sich berechnen der Luxus, den die Einwohnerschaft eines Ortes treibt. Der Luxus ist es denn auch, bei dem es am wenigsten eilt, ihn zu kommunisieren. Da kann wirklich der Privattätigkeit noch Spielraum zur Entfaltung gelassen werden.

Aber warum soll die Beschaffung des not⸗ wendigsten Lebensunterhalts nicht nach kommunistischen Grundsätzen erfolgen können? Wie man heute schon die Versorgung mit Wasser durch die Gemeinden eingeführt hat, so müßte es doch auch möglich sein, jedem von Gemeinde wegen die notwendigsten Lebensmittel, die notwendigste Bekleidung und eine für seine Verhältnisse ausreichende Wohnung zu beschaffen, ohne daß er dafür im Augenblick Geld zu entrichten hat. Die Sache ließe sich doch auch so machen, daß die Kosten im Wege der Steuern aufgebracht würden, wie das jetzt schon bei der Versorgung mit Wasser geschieht.

(Schluß nächste Nr.)

Ueber die sittliche Erziehung.

Eine Fastenpredigt von Abraham a Santa Clara ll. Andächtige Leser!

In dem christlichkatholischen Parlamente zu München haben drei Abgeordnete von der ultramontanen Partei gegen denSimplizissi⸗ mus geredet.

Sie Alle sind berufene Richter über das deutsche Schriftwesen. Der Eine ist Jurist und kann also überall mitreden; außerdem hat er sich in der Lateinschule so gründliche Kennt⸗ nisse in der Literatur erworben, daß er später nichts mehr dazu lernen mußte. Der Zweite war viele Jahre Kooperator und der Dritte ist noch heute Abonnent derAugsburger Post⸗ zeitung.

Ihr seht also, daß alle Drei sich anstrengen, und daß man sich über ihre Bildung ganz und gar klar sein kann.

* Vor einigen Monaten wurde die gegen das Zen⸗ trum gerichtete Nummer des Münchener Witzblattes Simplizissimus wegen dieses Artikels von Dr. Thoma gerichtlich beschlagnahmt. Bei der kürzlich stattgefundenen Gerichtsverhandlung erfolgte die Aufhebung der Be⸗ schlagnahme. Wir hielten es für angezeigt, diesen Ar⸗ tikel, der dem Pfaff ntum gründlich die Wahrheit jagt, in unserm Blatte abzudrucken.

Sie sind aber nicht bloß berufene, sondern auch strenge Richter.

Denn, andächtige Leser, ich kann Euch nach⸗ weisen, daß niemals in Deutschland ein gutes Buch geschrieben worden ist, über welches diese Drei nicht ein vernichtendes Urteil abgeben.

Und abgesehen von diesen Dreien, kann ich Euch nachweisen, daß jeder dumme Bauern⸗ lümmel o verzeihet mir in dem Augen⸗ blicke, wo er das geistliche Gewand anzieht, 115 Lessing, Goethe und Schiller verächtlich abtut.

Ja, ich habe es selber gelesen, daß ein so schwarz lackierter Heiliger sein ungewaschenes Maul über die Unsittlichkeit unseres Johann Wolfgang Goethe aufgerissen hat.

Wenn sie sich sogar an die Großen wagen, deren Namen allen Deutschen ehrwürdig sind, warum sollen die Rompilger nicht über ein Blatt schimpfen, das mitten im Streite steht?

Meint Einer, weil das Rindvieh doch sonst gerne am Salz leckt, sollen die Ultramontanen den Witz lieben?

Andächtige Leser, dem ist nicht so.

Und Ihr dürft Euch nicht wundern darüber; diesen Leuten tut ein Witz weh. Weil sich die armen Menschen nicht helfen können.

Denn schaut, wenn Ihr ein edles Tier ver⸗ wundet, das setzt sich zur Wehr und schlägt zurück, aber wenn Ihr einem Schaf einen Tritt gebt, das stellt sich hin und blöckt:Bäh, bäh! Ist niemand da, der mir hilft?

And gerade so stellen sich die Kerle hin und jammern:Wo ist die Polizei? Bäh?

Wären ihre Herzen auch so schafsmäßig ausgebildet, dann könnte Einen das Mitleid überkommen und man ließe sie in Ruhe. Aber das ist ein anderes. Kein reißendes Tier ist so tückisch, und kein Wurm so giftig, und keins 1000 mehr Schaden an wie so ein heiliger

erl.

Aber nie offen, immer heimlich, von hinten herum. Da macht er die Menschen unglücklich und freut sich an ihrem Elend, wenn sie ihm nicht dienstbar und willig sind.

Deswegen, andächtige Leser, greifen wir zuweilen die heiligen Lügenväter an und wun⸗ dern uns nicht, wenn ihnen die Milch sauer wird. Glaubt Einer, daß ihr Schimpken uns ängstlich macht?

So ein Abgeordneter, der die Literatur in derPostzeitung und die Weltgeschichte im Monika⸗Kalender studiert, kann wohl im Mün⸗ chener Parlament ein Ansehen genießen, aber sonst wohl nirgends in der ganzen Welt. Sein Geschrei jagt höchstens einem bayer⸗ ischen Minister Schrecken ein⸗

Und wenn ich das Gerede der drei Abge ordneten zum Gegenstande meiner heutigen Fastenpredigt mache, so geschieht es bloß, weil ste wieder einmal die Sittlichkeit durch die Gendarmerie eskortieren lassen wollen. Daß es der Jurist will, ist natürlich. Der ist in der Luft aufgewachsen; aber an den hochwürdigen Geistlichen muß ich ein paar Fragen richten.

Wenn die europätsche Sittlichkeit alle Augen⸗ blicke aus dem Leim zu gehen droht, wie Ihr sagt, wo bleibt da die segensreiche Tätigkeit Eurer Kirche? Gut tausend Jahre seid Ihr am Ruder gewesen und habt das Heft in den Händen gehabt, und jetzt muß Euch der Gen darm helfen?

Wenn der Mensch in die Welt kommt, wenn er in die Schule geht und weich wie Wachs ist, kriegt er durch Euch den Unterricht, wenn er heiratet, müßt Ihr ihn kopulieren, wenn er tot ist, steht Ihr an seinem Grabe, und das alles, die ungeheure Macht über die Herzen, die tausendjährige Herrschaft, hat Euch nicht befähigt, den Menschen eine feste Sittlich⸗ 1 1 geben? Ihr braucht den Gendarm

In allen Häusern habt Ihr Eingang, in allen Ständen habt Ihr Einfluß, die ganze Menschheit in Europa hat einmal fest und steif geglaubt, daß sie die Seligkeit bloß durch Euch