Ausgabe 
29.5.1904
 
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eite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 22.

(Fortsetzung von Seite 5.)

dagegen reichte eine Gegenklage auf 3000 Mk. Entschädigung ein. In zwei Sitzungen des Gewerbegerichts wurde über diesen eigenartigen Fall verhandelt. Es wurde dabei sestgettelt, daß bei den Arbeitern gegen früher(wo ste im Akkord beschäftigt waren) eine Schmälerung ihres Einkommens eingetreten sei. Einer der Kläger, der zuletzt einen Wochenlohn von 46 Mark hatte, verdiente trotzdem gegen früher zirka 500 Mk. weniger. Das Urteil des Ge⸗ werbegerichts lautet: Die beklagte Firma hat an die drei Arbeiter 92, 84 und 72 Mk. Ent⸗ schädigung für entgangenen Verdienst wegen der nicht eingehaltenen 14tägigen Kündigungs⸗ 750 zu bezahlen, jedoch wurde auch nach§ 273

es bürgerlichen Gesetzbuches der Widerklage stattgegeben nnd wurden die Arbeiter zu 3000 Mk. Schadenersatz, weil die Firma andere Leute anzulernen habe, verurteilt. Das Gericht nahm nicht eineEntwendung von Geschäftsgeheimnissen an, höchstens komme eine Verletzung oder Beschädigung in Betracht, je⸗ doch habe kein Grund zu sofortiger Entlassung vorgelegen. Das Arbeitsverhältnis hätte ord⸗ nungsgemäß gekündigt werden müssen, nachdem hätte die Firma ihre Schadenersatzansprüche immer noch geltend machen können. In Ar⸗ beiterkreisen darf man auf den weiteren Aus⸗ gang dieser Sache sehr gespannt sein.

Ein Schutzmannseid.

Der Schutzmann Uhlig in Meißen hatte gegen den Tischler Schöneich und den Eisendreher Rücker in Meißen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt, weil die Genannten behauptet hatten, der Beamte habe mit einem Mädchen sträflichen Umgang gepflogen.

Vor dem Amtsgericht beschwor der Schutz

mann, daß die ihm zur Last gelegte Handlung böswillige Verleumdung sei. Auf Grund dieser Aussagen wurden die beidenBeleidiger zu 60 resp. 50 Mk. Geldstrafe verurteilt. Später bekundete das Mädchen, daß der Schutzmann sie zum geschlechtlichen Verkehr veranlaßt habe. Die den genannten Personen auferlegte Strafe war bereits rechtskräftig geworden, als am 28. Januar d. J. der Schutzmann Uhlig vom Dresdener Schwurgericht wegen zweiter Meineide zu drei Jahren Zucht⸗ haus verurteilt wurde. Diejenigen aber, die auf Grund des vom Schutzmann verübten schweren Verbrechens unschuldig verurteilt wor⸗ den waren, beantragten die Wiederaufnahme des Verfahrens. Sie wurden am 10. Mat kostenlos fretigesprochen und sämtliche Kosten auf die Staatskosten übernommen. Erfahrungsgemäß sind die Gerichte gern ge⸗ neigt, den Aussagen der Schutzleute unbedingte Glaubwürdigkeit beizumessen.

b Unterhaltungs-Ceil.

5. 2

Erwachtes Gewissen. Nach einer Skizze von Mathilde Serao.

. So lange hatte ihn Flavia, seine Ge⸗ liebte, in einer ihrer Launen gebeten und gedrängt bis er endlich, entmannt von ihren Thränen, das Versprechen gab, seinen Knaben einmal zu ihr zu bringeu.

Und er brachte ihn.

Paolo, sagte der Vater,hier ist die fremde Dame, welche dich gern sehen wollte. Und er führte den Knaben zu Flavia.

Der Knabe sah zu ihr empor und lächelte.

Sie schlug erstaunt die Hände zusamm en: eite ist er schön! Wie ist er schön! sagte sie Darauf flüsterte sie leise zu Cäsar:Frage ihn, ob er mir einen Kuß cel wil. 0

Paolo, willst Du der Dame einen Kuß geben?

Ja, antwortete der Knabe. Und mit einer niedlichen Bewegung ergriff er Flavias schöne Hand, die von Diananten strahlte, und küßte sie.

Das war recht, Paolo! Wie ein höflicher kleiner Kavalier, lächelte stolz der Vater, während Flavia fortfuhr, den Knaben zu be⸗ trachten.

Willst Du bei der fremden Dame bleiben, mein kleiner Freund, während ich in der Nähe was besorge?

Kommst Du bald zurück, Vater?

Ich komme bald, mein Sohn!

Während das Kind anwesend war, wagten sie nicht, sich die Hände zu reichen, sondern wechselten nur einen hastigen Blick. J

Flavia beugte sich herab, nahm Paolo bei der Hand und führte ihn in die Wohnstube zu einem offenen Fenster, gleichsam um ihn besser betrachten zu können. i

Er stand vor ihr in seinem kleinen grünen Sammtanzug und hielt seine Mütze mit beiden Händen fest.

Du hast ganz Deines Vaters Augen! flüsterte Flavia und ergriff seine Hand, welche sie streichelte.

Ja, aber mein Mund gleicht dem meiner Mutter! erwiderte der Knabe mit Stolz.

Willst Du nicht gern Deinem Vater ähneln? Und ihre Stimme war nicht ganz sicher.

Vater ist schön, aber Mutter ist noch schöner. Sie hat langes, langes Haar und ganz kleine Hände. Kennen Sie Mutter nicht?

Nein!

Weshalb kennen Sie sie nicht?

Ich weiß nicht! sagte sie und beugte das Haupt, während sich ihre Augen mit Thränen füllten. a

Paolo sah sie erstaunt an und schwieg.

Sie erhob sich und ging fort, um ihm einige Leckereien zu holen. Er erklärte, daß sie sich nicht bemühen sollte, aber sie verstand doch, daß die Weigerung mehr aus Wohlerzogenheit als aus Mangel an Lust erfolgte.

Weshalb willst Du nichts?

Er schüttelte den Kopf.

Wenn es Dir gefällt, so nimm es nur, Paolo! Hast Du das in der Schule gelernt?

Nein, das hat mich Mutter gelehrt. Ich gehe nicht zur Schule.

Wer unterrichtet Dich dann?

Mutter. Sie kann nur von morgens bis drei Uhr mittags allein sein, deshalb unterrichtet sie mich bis zwölf Uhr.

Und um zwölf Uhr? 5

Speisen wir Frühstück, Mutter und ich.

Ganz allein?

Vater ist nie beim Frühstück zu Hause. Er hat viel zu viel zu tun. Er hat viele, viele Geschäfte.

Ein kurzes Schweigen.

Nimm doch Konfekt, Paolo!

Das ist viel zu viel, kam es als ein letzter Versuch, der Verlockung zu widerstehen.

Da kannst es ja mit Deinen kleinen Freun⸗ den teilen!

Ich habe keine Freunde!

Mit wem spielst Du?

Mit Mutter, wenn sie Lust hat.

Hat ste nicht immer Lust?

Nein!

Weshalb? 805

Das Kind sah sie an und schwieg. Ein un⸗ erklärlicher, blitzartiger Ausdruck von Entsetzen glitt über Flavias Antlitz. Aber der Knabe antwortete nicht. Er hatte diese Frage wohl nicht verstanden.

Auf diese Weise hast Du also nicht viel Amüsement?

Ja, Mutter stickt und spielt Klavier, und ich besehe mir Bilderbücher oder spiele mit Holzklötzen und baue damit Hänser. Oefter sehe ich auch auf die Straße hinab und auf die Leute, die vorbeigehen.

Seit Ihr stets allein?

Ja, Vater hat so viele, viele Geschäfte!

Wer hat Dir von den Geschäften erzählt?

Das hat Mutter!

77 h, so!

Sie erzählt mir auch Abenteuer, wenn ich mich langweile. Aber das sind stets so traurige

Abenteuer, daß ich darüber weinen muß; kennen Sie keine drolligen Abenteuer?

Nein, liebes Kind. erzählt sie Dir die Abenteuer?

Ja, des Abends. Ich möchte gern ins Theater gehen. Einmal nahm mich Vater mit, als er mit Mutter hinging. Aber nun kann Vater nicht mehr mit uns gehen, deshalb gehen wir früh zu Bette. Er kommt des abends sehr spät heim und geht ganz leise in die andere Stube, um uns nicht zu wecken. Aber Mutter ist stets wach und hört ihn kommen. Aber zu⸗ weilen bin ich auch wach.Das ist Vater! flüstert ste. Und wenn Vater hineinkommt, mich zu küssen, tun wir, als ob wir schliefen.

Und dann küßt Dein Vater Dich?

Ja, und dann geht er wieder hinaus auf den Zehenspitzen, gerade so, wie er ankommt. Küßt er nicht Deine Mutter?

Nein, sagte der Knabe und sah gedanken⸗ voll aus.

Du schläfst also drinnen bei Deiner Mutter?

Ja, früher tat ich das nicht, aber dann

welche recht bange war, allein zu sein, ließ ein Bett in ihr Schlafzimmer stellen, und eitdem blieb ich da.

Flavia warf sich in einen Lehnstuhl zurück, als wollte sie in Ohnmacht fallen. Der Knabe sah sie mit seinen guten, erstaunten Augen an. Sie sprach nicht und rührte sich nicht, so daß Paolo vor der fremden Dame, die leichenblaß geworden war, Angst bekam. Er stand und zerdrückte seine Mütze mechanisch zwischen den Fingern und wünschte, daß sein Vater käme und ihn fortführe. Kurz darauf erhob Flavia das Haupt, und ein so tiefer Schmerz malte sich in ihren Zügen, daß ihr der Knabe die Arme, wie seiner Mutter, entgegenstreckte und sie fragte, was ihr fehle.

Sie brach in starkes Schluchzen aus, wäh⸗ rend sie den zärtlichen, kleinen Knaben, der ganz überrascht vor dem Ausbruch war, küßte, Gal Thränen netzten sein Antlitz und seinen

als.

Du darfst nicht weinen, Du darffst nicht weinen, sagte er,das geht vorüber! Er schlang die Arme um ihren Hals und küßte ste.

Leb' wohl, Paolo! Bleib' einen Augenblick hier, dann kommt Dein Vater und holt Dich, ich muß nun gehen!

Darf ich Mutter sagen, daß ich hier ge⸗ wesen bin?

Weshalb?

Weil Vater sagte, daß ich ihr das nicht erzählen dürfe!

Sie dachte einen Augenblick nach, aber darauf sagte sie, als ob sie den letzten Zweifel fort⸗ würfe:Sag' Deiner Mutter, daß Du bei Flavia gewesen bist!

Einen Augenblick weile ihre Hand segnend auf des Kindes Lockenhaupt.

a 3 Cäsar und Flavia trafen sich nie wieder.

1 Humoristisches

Witwenschmerz. Witwe(vor einer Vogel⸗ scheuche):So oft ich da vorbeikomm', muß ich an mein' lieben, sel'gen Mann denken; g'rad' so hat er immer ausg'schaut, wenn er auf d' Nacht z' Haus kommen is der Haderlump!(Fl. Bl.)

Seltsame Jagdbeute. Frau: Nun, Männ⸗ chen schon zurück von der Jagd? Was hast du denn getroffen?

Er! Aeh den Schneider hab ich unterwegs getroffen, dem ich noch den Anzug schuldig bin und da bin ich lieber gleich wieder umgekehrt. 5

Ein⸗ und Aufschneider. Bürger: Sind doch wirklich tapfere Kerle, diese japanischen Offtziere! Ehe sie in die Gefangenschaft der Russen fallen, schneiden sie sich lieber den Bauch auf!

Leutnant: Aeh wenn weiter nichts ist! Auf⸗ schneiden tun deutsche Offtziere auch wenn auch nicht gerade Bauch!

Bäterliche Mahnung. Pfarrer: Geh, Kathl! Wirst doch unsrer Kirch nit die Schand antun, daß d' an Ketzer heirat'st?'s gibt unter die Kathol'schen noch allweil Männer gnua. Un wenn d' koan kriagst,

wirst halt Pfarresköchin! Da hast oalles, woas d' brauchst un woas d' in d'r Eh' hast sogar Kinder

mit oan Mann rumz' ärgern.(Südd. Postill.)

Abends, nicht wahr,

reiste Vater für einen Monat fort, und Mutter,

kannst hab'n, wannst magst nun brauchst di nit

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