Ausgabe 
28.2.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

8 Nr. 62 1

Von Nah und Lern.

Die beleidigten Hessen.

Kürzlich teilten wir mit, daß gegen unser Mainzer Parteiorgan Anklage erhoben worden ist wegen Veröffentlichung der Kriegs⸗ briefe des Generals v. Kretschmann, worin unter anderm gesagt war, daß die Hessen in Sens geplündert hätten. Dieser Tage erließ nun der Mainzer Untersuchungsrichter eine Bekanntmachung, wonach die ehemaligen hess. Jäger, die das Städtchen Sens besetzten, ersucht werden, dem Untersuchungscichter ihren Wohn⸗ ort mitzuteilen. Man beabsichtigt demnach, die Angelegenheit zu einem Sen sationsprozesse auszugestalten, auf dessen Ausgang man ge⸗ spannt sein darf.

Bildchen aus der kapitalistischen Ordnung.

Der bisherige Vorstand der Gesellschaft für Fabrikation photographischer Apparate, vorm. R. Hüttich u. Sohn in Dresden, Karl Richard Hüttich, wurde wegen bedeutender Unterschlag⸗ ungen zum Schaden der Gesellschaft Freitag vormittag verhaftet. Direktor Hüttichs Verbind⸗ lichkeiten werden auf zirka 700000 Mk. taxiert. Direktor Zabel von der Monopol⸗Kontroll⸗ Rechen⸗Maschinenfabrik, der dem Aufsichtsrat der Hüttich⸗Gesellschaft angehörte, verübte Selbst⸗ mord. Die Monopol-⸗Gesellschaft wird zum Konkurse gezwungen sein. Auch in Bremen sind mehrere schwere Bankrotts vorgekommen. Herr Senator Lürmann geruhte ohne Abschied zu nehmen zu verreisen, eine Schuldenlast von vielen Tausenden zurücklassend. Ferner stellte die dortige Getreidefirma Meyer die Zahl⸗ ungen ein.

Flucht vor dem Bilde.

In Schlettwein bei Pößneck in Meiningen haben die Mitglieder der Gemeindevertretung den Beschluß gefaßt, keine Gemeinderatssitzung mehr im Ronnebergschen Restaurant abzuhalten, weil weil weil uns schaudert die Haut, es niederzuschreiben weil das i Gruppen⸗ bild der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion im Nebenzimmer des Arbeitervereins aufgehangen ist. Schrecklich! Sachsen ist übertrumpft und der Staat, besonders die Gemeinde Schlettwein, ist gerettet!

Dienstbotenernährung.

Eine ergötzliche Szeue, die so recht die Wertschätzung der Dienstboten bei manchen Herrschaften illustriert, spielte sich, wie unser Karlsruher Bruderblatt schreibt, dort kürzlich in einem Metzgerladen in der Scheffelstraße ab. In den Laden trat eine Dame, herablassend einen guten Abend wünschend. Höflich grüßt der Metzger und erkundigt sich nach den Wün⸗ schen der Dame, indem er sagt:

Womit kann ich dienen?

Dame:Ich möchte für fünf Pfennige Schwartenmagen.

Der Metzger traut seinen Ohren nicht recht und starrt die Dame mit großen Augen an.

Die Dame sagt:Ach, es braucht kein frischer zu sein; es können ältere Stückchen sein, es ist für das Dienstmädchen!

Metzger:Ich habe dort schönen, mageren Schinken, soll ich Ihnen nicht davon für drei Pfennig geben?

Die Dame eilt der Türe zu, unter der ste zurückruft:Unverschämt!

DieDame fand den Metzger, der sie mit verdientem Spott behandelte, unverschämt, findet aber ganz in der Ordnung, daß sie ihr Dienst⸗ mädchen mitälteren Stückchen füttert. Manche Dame, die ihr Hausbudget mit einem Dienst⸗ mädchen belastet, täte besser, Schrupper und Besen selbst in die Hand zu nehmen, anstatt dernoblen Krämpfe wegen Hunger zu leiden und andere Hunger leiden zu lassen. Die Dame könnte sich selbst dann vielleicht für 10 Pfennige frischen Schwartenmagen kaufen und brauchte nicht um 5 Pfennigeältere Stückchen fürs 5 oderfür den Hund einkaufen gehen.

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0 Unterhaltungs- Cril. 1

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Die Internationale.

Wortlaut dem Französischen des Eugen Pottier nach⸗ gebildet von Franz Diederich.

Nun reckt empor des Elends Stirnen,

Ihr Angeschmiedeten der Not!

Aus Tiefen grollt des Rechtes Sürnen.

Der Tag bricht an, der Glutball loht.

Vermorschtes sinkt in Gruft und Grauen.

Was sinkt, wir stoßen es hinein!

Wir wollen neu die Welt erbauen.

Sind nichts wir, laßt uns alles sein. Schon jubeln des Siegs Signale! Empor! Der Tag dringt ein. Die Internationale Wird die Menschheit sein.

Der ist ein Tor, wer seinen Ketten Der Hoffnung Blick nach oben stellt! Wir schaffen, um uns selbst zu retten, Und unsere Rettung gilt der Welt. Die Hände weg von unsrer Scheuer! Dem SGeist die Fesseln ab! So sei's! Wir heizen selber unsre Feuer.

Schlagt auf das Eisen! es ist heiß. Schon jubeln des Siegs Signale! Empor! der Tag dringt ein. Die Internationale Wird die Menschheit sein.

In Trug und Druck sind wir geschlagen, Das Blut der Adern preßt der Raub. Den Reichen drückt kein Pflichtentragen, Des Armen Becht ist arm und taub. Nun soll sich Swang und Schmachten heben: Gleich sei der Zukunft Glücksgeschlecht! Kein Recht, dem keine Pflicht gegeben Und keine Pflicht, die ohne Recht! Schon jubeln des Siegs Signale! Empor! Der Tag dringt ein. Die Internationale Wird die Menschheit sein.

Die Macht, die ohne Maß und Ende Uns niederzwingt in Not und Fron, Sie nahm das Schaffen unsrer Hände Und baute ihrer Herrschsucht Thron. Wo Räder sausen, Gefen lodern, Ragt, was wir darbend aufgeführt, Nun kommen wir, es heimzufordern, Und fordern nur, was uns gebührt.

Schon jubeln des Siegs Signale!

Empor! Der Tag dringt ein!

Die Internationale

Wird die Menschheit sein. Du Volk verbrüdeter Millionen, Du Arbeitsbund der ganzen Welt! Nur den, der schafft, soll Glück belohnen, Der Müßiggang verliert das Feld. Hinweg, die uns am Fleische hangen! Schon scheucht die Angst sie weit und breit: Sie flattern auf in Todesbangen O steig empor, du Sonnenzeit!

Schon jubeln des Siegs Signale:

Empor! Der Tag dringt ein.

Die Internationale

Wird die Menschheit sein.

Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 22.(Fortsetzung.)

Mit einem bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Grimme und einem Rachegefühl, das sich nur durch Vertilgung genügen konnte, sah er sich um und hieb mit der Schere in den Spiegel an der Wand, daß er in tausend Trümmer zersprang. Heiser schrie er:Alles muß hin sein! ging über das benachbarte Kanten⸗ brett her, und die Scherben von Krügen, Tellern und Schüsseln flogen klirrend auf den Boden. Er war förmlich rasend geworden. In einer Erregtheit, als ob alle Furien in ihm tobten, Schaum auf den Lippen, die Augen rollend, fuchtelte er mit seinem Instrument, schlug blind um sich, schlug die Hand in einen Splttter, daß das Blut heruntertroff, schimpfte und

fluchte. Die Maßlosigkeit des Gebarens, der giftige Blick, das Schäumen des Mundes und das Zucken der Glieder machte förmlich

den Eindruck des Gräßlichen. 10 6

Der Alte hatte während der Rede nichts agen einzuwenden gefunden er war von der finde Wahrheit, die in den Vorwürfen lag, getroffen. fin f Als Tobias immer leidenschaftlicher wurde 15 1 und endlich um ich schlug wie ein Besessener, ue erschrak er zum Tode er hielt ihn für wirk⸗

lich verrückt und ging, kein Auge von ihm ver⸗ al wendend, rückwärts und rückwärts. Der Bursche drang nach und fuchtelte wild der Alte due sprang hinter den Ofen, ergriff einen Stuhl ich und hielt ihn als Schild vor. d So hatte sich denn das Blatt unerwartet,

aber begreiflich, gewendet. In dem entsetzten In Alten waren Stolz und Zorn so ganz und itt. gar der Angst gewichen, daß er nicht dazu kam, gain den Sohn in seinem Vertilgungswerke zu stören, 00 obwohl der dadurch angerichtete Schaden ihm u et sehr empfindlich sein mußte. Nur als Tobias 1 1

endlich auch die in der Nähe des Ofens auf⸗ gestellten Milchscherben(Töpfe) zerschlug, daß die gestockte Milch in der ganzen Stube herum⸗ 0 flog, da rief er dringend, ja flehentlich?um(le Gottes willen, Tobias! Hör' auf! Bist dn 0 850 d rasend? Hör' doch auf! Ich bitte

Dieser Zuruf brachte den Fürchterlichen ichen wieder zu einiger Besinnung. Durch die letzten Taten gekühlt, mit gestilltem Vernichtungsdurst, hielt er inne. Die Zornwogen sanken, und weill Vernunft kehrte wieder in sein Haupt zurück. Als er nun ober umherschauend die Splitter i und die Milchflocken auf dem Boden und den ahne

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Vater seinen Stuhl vorhaltend hinter dem uh Ofen erblickte, da empfand er nicht Scham dle g und Reue, vielleicht gar Schreck über das ver- aun übte Werk, nein, Stolz, höchsten Stolz und deu die Süßigkeit der vollgesättigten Rache. Endlich del hatte er seine Rede wahr gemacht und seinen daß e Willen behauptet, nicht wie ein Esel, der sich 9 nd b schlagen ließ, sondern wie ein Löwe, der auf 1 Ver seine Gegner losgeht und alles in die Flucht Uuben jagt! Ein Gefühl durchdrang ihn, so herrlich daaug wie niemals in seinem Leben die Seligkeit Juen eines durch Mut und Schlagkraft errungenen Leer vollständigen Sieges! Und in dem Bewußtsein der des Geleisteten erhellte ein Genius seinen GeistHol' und gab ihm die Fähigkeit, den Sieg auch zu* benutzen. Hatte die Springflut des Zornes ihm wegle⸗ vorhin den Sitz des Verstandes überschwemmt,(Lache weggeflößt hatte sie diesen nicht; und als die md e Wellen sich verliefen, erhob er sich, wie von mi; dem Bade gestärkt, mit erneuter Kraft, um 0 das, was er seit Jahren versäumt, mit einem ght Schlage wieder gut zu machen. Feelschl

Auf den nochmaligen Zuruf des AltenHör 90 auf, ich bitte dich! trat er, die Schere in der 0

blutenden Rechten, zum Ofen und versetzte: unf

ch will aufhären wel du mich drum i bittest! Aber die Bäbe muß ich heiraten dürfen! 2 Mein Geld muß ich herauskriegen was ich geln von der Mutter hab' und was mir von dir nun gehört! Und tun muß ich dürfen, was ich will, Wille

nicht, was andere Leut' wollen! Kreuz Herr⸗ bun gott! jun Der Alte, der ihn bei diesen Worten aufs ub neue die Augen verdrehen sah und immer noch

nicht sicher war, daß er's nicht mit einem wirk⸗ N n lich Tollen zu tun hatte, entgegnete:Alles, Bonn alles! Heirat, wen du mul nimm, was dir 15 gehört, und tu, was du willst! bes Schwörst du mir's? rief Tobias. 1 155 Ich schwör' dir's, erwiderte der Alte. 1 1100 Nun, dann ist's gut, versetzte der Bursch! und ließ den Arm mit der Schere niedersinken. 2

Mit Stolz fügte er hinzu:Ich bin alt genug, Al

um selber einen Mann zu machen; ich hab' 3 meinen Verstand(Haß Gott erbarm'! dachte lic der Alte) und werde dir beweisen, was ich fürn Nun ein Kerl geworden bin! Indem er ihn lat dabei ansah, fuhr er lächelnd fort:So, geh) und!

jetzt nur wieder vor ich tu' dir nichts! dltw Der Alte, der den Stuhl in die Ecke ges licht

setzt, ging langsam vor, indem er ihn scharf 1

im Auge behielt; denn die Veränderung an

dem Burschen war so vollständig, daß er noch uin 0

falle. nicht wußte, was er von ihm denken ö

ollte. a