Ausgabe 
28.2.1904
 
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Gießen, den 28. Februar 1904.

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Sonnt

Mitteldeutsche

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Christliche Toleranz.

Vor kurzer Zeit wurde die Bewohuerschaft eines Ortes in hiesiger Gegend in große Auf⸗ regung gesetzt durch das sonderbare Verhalten eines Pfarrers, der durch den Anblick eines roten Bändchens an einem Totenkranz der⸗ maßen erregt wurde, daß er nicht nur in ganz ungehöriger Weise die dh fab n des Kranzes veranlaßte, sondern sich selbst dann noch so wenig beherrschen konnte, daß er am offenen Grabe des Verstorbenen statt einer Trostesrede eine Strafpredigt hielt, in der er dem Toten, der als ordentlicher, braver Mann bekannt war, seine etwas große Vorliebe für das Bier

in härtester Weise zur Last legte.

Dieser Fall ist geradezu typisch für die Art und Weise, in welcher die Vertreter des Christen⸗ tums ihr Amt auffassen. Er ist ein unver⸗ hohlenes Eingeständnis, daß die Herren Geist⸗ lichen, nicht wie sie so gerne behaupten, Für⸗ sprecher der Armen und Bedrückten sind, daß sie keine Religion der Geistlichkeit und der Barmherzigkeit predigen, sondern daß sie als ihre Aufgabe betrachten, die Anwälte der be⸗ sitzenden Klassen zu spielen, indem sie den Umsturz bekämpfen und derwachsenden Un⸗ zufriedenheit im Volke zu steuern suchen. Da⸗ rum erregen sie sich über rote Schleifen, wo sie gelbe, grüne oder blaue mit Seelenruhe ge⸗ duldet hätten und halten sich für verpflichtet, einen verstorbenenUmstürzler, einen Sozial⸗ demokraten, mit den schwärzesten Farben ihrer Beredsamkeitspalette zu malen.

Das Christentum nennt sich eine Religion der Liebe, seine Vertreter aber predigen nicht Liebe, sondern Haß!

Der Geistliche soll die Hinterbliebenen eines Verstorbenen trösten, ihren Kummer mildern nicht aber, wie der erwähnte Pfarrer, Hader und Zwistigkeiten in ein Trauerhaus hinein⸗ tragen. Jener Pfarrer handelte genau wie ein Arzt, der, anstatt die Wunde seines Patienten zu verbinden, sie nur noch weiter aufreißen würde.

Wäre es da nicht tausendmal besser gewesen, man hätte nicht den Kranz mit der roten Schleife, sondern den Herrn Pfarrer selber zu⸗ rückgelassen? Lag es nicht mehr im Sinne des Verstorbenen, daß irgend einer seiner Ar⸗ beitskollegen ihm ein paar warmempfundene Abschiedsworte in's Grab nachgerufen hätte? Das würde für die Hinterbliebenen wie Bal⸗

sam gewirkt haben, während die sogenannte

Trostrede des Geistlichen wie Pfeffer und Salz in frischen Wunden brennen mußte! Denn der schlichte Arbeitsgenosse hätte wohl anderes über den Toten zu sagen gewußt, als daß er manch⸗ mal ein paar Glas Bier zu viel getrunken! Es gibt kaum eine größere Gefühlsrohheit, als am Grabe eines Toten, wo es gilt zu trösteu, aufzurichten, nichts besseres zu tun zu wissen, als über den Verstorbenen zu schimpfen! Man hört auch wohl von jungen Theologen, die in der Studienzeit ein Glas Bier oder Wein zu viel trinken. Diese selben jungen Leute werden später Pastoren. Ob ihnen auch der Amtsbruder am Grabe eine Strafrede über ihr vieles Trinken halten würde? Ich glaube wohl schwerlich aber wo bleibt dann die

bvielgepriesene Gleichheit in der Religion?

Die bösen Sozialdemokraten stehen eben auch in der heutigen Kirche auf einem ganz besonderen Brett, auch der Herr Pfarrer, der sich eigentlich doch in seinem Amtsleben über⸗ haupt nicht um Politik zu kümmern brauchte, fühlt sich in seiner Stellung als Anwalt des Kapitalismus bemüßigt, gegen die Rotte der Roten auch in kirchlichen Dingen Krieg zu führen.

Das wäre ja nun ganz verzeihlich, wenn die Sozialdemokraten keine Kirchensteuer zu bezahlen brauchten! Wäre der Geistliche für seinen Lebensunterhalt nur auf die sogenannten staatserhaltenden Parteien angewiesen, ließe sich schon eher eine Entscheidung dafür finden, wenn er sich zum Schützer und Fürsprecher eben diesen staatserhaltenden Parteien aufwirft. Nun fragt aber der Staat und die Gemeinde so viel und so gerne sie sich auch sonst um die politische Stellung ihrer einzelnen Mitglieder kümmern beim Einziehen der Steuern durch⸗ aus nicht nach politischen Ansichten, und die weniger frommen Sozialdemokraten werden genau so zur Kirchensteuer herangezogen, wie die aller⸗ konservativsten Frommen in der Gemeinde. Das ist ganz natürlich und selbstverständlich, aber ebenso natürlich und selbstverständlich wäre es dann auch, daß den Sozialdemokraten, die geistlichen Beistand wünschen, auch von seiten der Geistlichkeit die gleiche Behandlung wie politischRechtgläubigen zu Teil wurde.

Der von mir angeführte Fall steht durch⸗ aus nicht vereinzelt da, ihm ließen sich viele ähnliche Vorkommnisse an die Seite stellen, und sie alle zusammen sind geistig auf das Innigste verwandt mit dem berüchtigten Ver⸗ bot der Weihnachtsfeier in Crimmitschau. Das heutige Christentum ist eben durchaus zu einer Religion im Dienste der herrschenden Klassen geworden. Und dann wundern sich die Herren darüber, daß das religiöse Gefühl im Volke immer mehr verloren geht! Wie kann das Volk Vertrauen zu einer Religion behalten, die sich so offenkundig auf Seiten seiner Gegner

und Ausbeuter stellt, und deren Vertreter jedem

Gefühl für Nächstenliebe, ja, selbst jedem ein⸗

fachsten Anstandsgefühl in's Gesicht schlagen!

Nicht, wie es täglich wohl einige Dutzend

mal behauptet wird, die Sozialdemokratie

zerstört die Religion im Volke, das besorgen die berufenen Vertreter der Religion selber! Gisela Michels⸗Lindner.

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Politische Rundschau.

Gießen, den 25. Februar 1904.

Zollplackereien.

Der ungeheuerliche Zolltarif, den die Junker und ihre Knechte dem deutschen Volke im vorigen Jahre aufhalsten, weist neben der Wirkung, daß er dem Volke die Lebensmittel unerhört verteuert und Tausenden von Arbeitern die Arbeitsgelegenheit beeinträchtigt, noch die Schönheit auf, daß er für alle, die mit dem ausländischen Warenverkehr zu tun haben, ganz unerhörte Scherereien mit sich bringt. Unser Offenbacher Parteiorgan war in der Lage den bisher geheim gehaltenen Entwurf des Waren⸗ verzeichnisses zum Zolltarif zum Teil zu ver⸗

öffentlichen. Darin sind die Vorschriften für

die

zollamtliche Behandlung der einzelnen Waren niedergelegt. Fast unglaubliche Dinge sind da am grünen Tisch ausgeheckt worden, Vorschriften, die einfach undurchführbar sind. Tritt der Zolltarif in Kraft, dann wird ein Heer von Zollbeamten nötig sein, die das Volk bezahlen muß.

Keine Hunnentaten

und keine Plünderungen sollen sich die nach Südwestafrika zur Unterdrückung des Herero⸗ Aufstandes geschickten Truppen zu schulden kommen lassen. Offenbar ist der Regierung die Errinnerung an die chinesischen Hunnenbriefe recht unangenehm und sie hat deshalb den Nabe folgende Verhaltungsmaßregeln ge⸗ geben:

Es ist den Leuten zur strengsten Pflicht gemacht worden, sich gegen die Eingeborenen keinerlei Roheiten schuldig zu machea, da jeder einzelne Fall mit der größten Strenge des Gesetzes geahndet würde. Vor der Rückkehr nach Deutschland unterliegt das gesamte Gepäck der Expedition, auch das der Offiziere, einer genauen Kontrolle, damit kein fremdes Eigentum widerrechtlich entführt wird. Im übrigen ist der Mannschaft anempfohlen worden, sich in Briefen an die Angehörigen der strengsten Wahrheit zu befleißigen und keine übertriebenen und aufgebauschten Schilderungen zu geben; derartigeBeunruhigungen seien strafbar und würden ohne Ansehen der Person geahndet werden.

Diese Ermahnungen und Maßregeln kann man gutheißen; sie sind ein Erfolg der sozial⸗ demokratischen Kritik, die sich an das Vorgehen deutscher Soldaten in China knüpfte. Damals war allerdings den Soldaten gesagt worden: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Führt eure Waffe so, daß noch nach 1000 Jahren kein Chinese es wagt, einen Deutschen nur scheel anzusehen! Wird nun in Afrika christlicher und kultivierter vorge⸗ gangen, so ist nicht zum kleinsten Teil ein Verdienst der Sozialdemokratie, die sich auch wei wieder als kulturförderndes Element er weist.

Wahlen.

Wie vorauszusehen war, sind bei den 6 Stichwahlen zur Hamburger Bürgerschaft unsere Kandidaten unterlegen. Unser bei der Hauptwahl erfochtene glänzende Sieg kanu dadurch nicht weiter beeinträchtigt werden.

Im sächsischen Wahlkreise Zschopau-Marien⸗ berg, wo an Stelle unseres verstorbenen Ge⸗ nossen Rosenow eine Neuwahl stattfinden muß, ist diese bereits auf den 28. März festgesetzt. Der Kreis ist uns ziemlich sicher; bei der letzten Wahl wurden 13616 soztaldemokratische Stim⸗ men abgegeben gegen 9876 gegnerische. Als sozialdemokratischer Kandidat ist bon einer Par⸗ teiversammlung, die am Sonntag in Gelenau stattgefunden hat und von fast allen Orten des Wahlkreises besucht war, der Genosse Göhre mit 600 gegen etwa 100 Stimmen aufgestellt worden. Gegen die Aufstellung Göhres, der bekanntlich im Juni im Wahlkreise Mittweida gewählt war, infolge der Auseinandersetzungen auf dem Parteitage sein Mandat aber nieder legte, machte sich heftiger Widerspruch bemerk