Ausgabe 
27.3.1904
 
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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

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Anterhaltungs-Ceil.

90 Frühlingsanfang. Deine Krone nimm vom Haupt, Stolzer Berg, die Seit ist wieder, Wo man nicht mehr daran glaubt, Nur an Blumen noch und TCieder.

Und was will uns da dein Glanz Noch von Winterschatten sagen d Schau ins Tal, dort einen Kranz Siehst du schon den Frühling tragen. Fürchte seine große Macht,

Schon will er den Berg erklimmen, Und er kommt in Festestracht,

Dich zum Guten umzustimmen. Bringt dir fröhlich seinen Gruß, Auch dir will er Schönheit geben, Sprossen unter seinem Fuß

Läßt er blütenvolles Ceben.

Und du magst noch starr und kalt Eisgekrönt zur Tiefe sehen d Uebergieb die Krone bald,

Mit Gewalt sonst wird's geschehen. Schickt der Lenz den Feuerbrand Seiner Sonne auf zum Throne, Nasch erkämpft er da dein Land, Und zu Wasser wird die Krone!

Deine Urone nimm vom Haupt, Stolzer Berg, die Seit ist wieder, Wo daran kein Mensch mehr glaubt, Jeder singt des Lenzes Lieder.

Frida Pritzlaff.

Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchlor Meyr.

26.(Schluß.)

Wenn der Erzähler ein Liebespaar im Ries zur Hochzeit befördert und auf einem Bauerngut oder einem Söldgut untergebracht hat, dann kann er mit gutem Gewissen schließen. Für das Wohlsein der Geprüften ist gesorgt und ihr Leben, sofern nicht außerordentliche Zufälle eintreten, nimmt den gewöhnlichen dorfmäßigen Verlauf, den sich Teilnehmende beltebig ausmalen können. Ist aber ein Paar in dem Fall, sein äußeres Glück, das unter Umständen zu dem innern so wesentlich gehört, in fernem Lande erst suchen zu müssen, dann hat die Erzählung kein Ende, wenn nicht gezeigt wird, daß sie es auch gefunden, wenigstens den Grund dazu gelegt haben.

Schreiber dieses ist glücklicherweise in dem Fall, seiner Geschichte, nachdem seit der letzten Szene im Pfarrhaus Jahre verflossen sind, durch den Hinweis auf Tatsachen das erforder liche Ende geben zu können.

Tobias und die Bäbe machten sobald als möglich Hochzeit, verlebten die Honigwochen unter Zurüstungen auf die große Wanderung und traten diese, versehen mit Geld und Se genswünschen, noch im Laufe des Sommers an. Ohne besondere Erlebnisse in der neuen Heimat angekommen, suchten sie die Verwandten der Bäbe in Wisconsin auf, trafen glücklich dort ein und nahmen Dienst bei einer englischen Familie. Dies meldete Tobias dem Vater, indem er allerlei Tröstliches und Hoffnungs⸗ reiches beifügte, ohne indes, ähnlich dem Andres, in Lobeserhebungen über das neue Land aus zubrechen. Nach dem ersten Schreiben kam lange kein zweites und der Vater mußte den Freun⸗ den und Dorsgenossen, die sich nach dem Paare erkundigten, besorgte Antworten geben. Endlich langte ein großer Brief an von der Bäbe. Er enthielt Aufklärung und Nachrichten, die den alten Schneider um so mehr erfreuten, als die Schwiegertochter noch während ihres Hierseins durch ihr liebenswürdiges Benehmen ihn ganz einzunehmen gewußt und er sie förmlich in sein Herz geschlossen hatte. Die Hauptstellen sind folgende:Ich hab' Euch beim Abschied ver⸗

sprochen, keine Lüge zu melden, und so dachte ich, ich wollte mit dem Schreiben warten, bis es uns besser hier gefiele. Mir hat es im An⸗ fange sehr and getan, und meinem Mann auch. Es ist hart für eins, wenn es gleich zu englischen Leuten kommt und versteht ihre Sprache nicht; wenn man aber sprechen kann mit ihnen, dann hat man es gut, und als wir dieses lernten, befanden wir uns gleich viel besser. Jetzt brauch' ich niemand mehr zu fragen, was das Englische bedeutet; ich kann so gut englisch wie eins von den Deutschen hier, und jetzt gefällt es mir und meinem Manne ganz gut, und es geht uns auch ganz gut, besser als wir denken konnten.

Wir sind nämlich jetzt nicht mehr in Diensten, sondern haben eine Farm angenommen. Wir haben uns Vich angeschafft und Samen⸗ korn, auch einen Wagen um fünfzig Dollars, und unser Herr, der kein Kind und zusammen über dreihundert Acker Land hat, läßt uns machen, was wir wollen; er nimmt nur einen Teil, und zwei Teile von allem, was wir bauen, gehören uns.

Es ist noch nicht lange her, da überfiel den Herrn plötzlich eine Krankheit; der Tobias mußte einen Arzt holen und ich war allein bei ihm; ich machte ihm warmes Wasser für seine Füße und pflegte ihn, und er wurde besser. Nun sagt er, ich hätt' ihm sein Leben gerettet und er habe mich in seinem Testament bedacht mit eintausend Dollars, macht nach bayrischem Gelde zweitausendfünfhundert Gulden; das be⸗ komm ich, wenn er stirbt.

Aber nun muß ich Euch das Beste schreiben; Ich bin vor einem halben Jahre niedergekommen mit einem Buben, der dem Tobtas gleichsteht, aber nach meiner Ansichtstockhafter wird. Nach seinem Großvater hab' ich ihn Balthasar taufen lassen. Mein Mann hat eine außer⸗ ordentliche Freude an ihm, und seit wir das Kind haben, ist es uns erst, als ob wir hier daheim wären. Wir sind jetzt vollkommen zu⸗ frieden. Tobias ist gut gegen mich und ich gegen ihn, und wenn man gesund ist und ein gesundes Kind hat und vorwärts kommt, was kann man sonst noch verlangen? Unser Herrgott ist gnädig gegen uns 1 das müssen wir anerkennen, und wir tun's auch. Wir haben jetzt ein paar Ochsen, drei Kühe, ein Joch Stiere, ein Kalb und ein Pferd. Wir werden aber noch mehr bekommen. Unser alter Herr mag noch lange leben, wir erwerben uns jetzt schon selber immer mehr mehr.

Wenn Ihr Euern Tobtas jetzt sehen würdet, tätet Ihr Euch gewiß verwundern. Er hat seinen Bart stehen lassen und sein Kopf ist röter uud runder als sonst. Gedanken macht er sich nicht mehr soviel wie sonst, und die Schneiderei treibt er nur, soviel wir's für uns nötig haben, er geht seinen Gang fort und ist ein ganzer Bauer geworden. Zuweilen, des Abends oder auch des Nachts, reden wir von den alten Zelten und freuen uns über dle närrischen Sachen, die uns begegnet sind, und lachen laut miteinander.

Wenn ich manchmal wünsche, noch einmal nach Deutschland zu kommen, ist's nur, weil ich Euch nochmal sehen möchte, lieber Schwäher. Ihr habt mich so gut leiden können in der letzten Zeit und habt mich so freundlich behandelt, wie wir's beide nicht geglaubt hätten nach dem ersten Diskurs, den wir miteinander gehabt haben in Eurem Garten wißt Ihr's noch? Es ist alles viel besser gegangen, als wir gedacht haben! Nun lebet wohl und gebt uns Nach- richt von Euch und grüßet unsere ganze Freund schaft von uns und auch den Herrn Pfarrer und die Frau Pfarrerin. Sie sind doch recht gut gewesen gegen mich, und ich werd' es ihnen mein Lebtag nicht vergessen.

Daß diese Meldungen dem alten Eber in der Seele wohltaten, kann man sich vorstelleg. Aber es kam noch besser. Der letzte Brief, von Tobias geschrieben, berichtet, daß der alte Herr gleichwohl gestorben, daß sie das Ausgemachte bekommen haben, daß er Eigentümer des Gutes und überdies Vater eines Mädchens geworden sel,so schön, wie er noch kein Kind gesehen habe! Nach diesen ausgezeichneten Neuigkeiten folgt das Geständnis, daß er sich

uerst freilich über die Maßen nach Deutschland 1 und weiß nicht was darum gegel

hätte, wenn er nur eine Stunde bei den den oder im Wirtshause bei seinen Kameraden hatte

zubringen können! Denn es sel ihm in Amerkta

eben gar nicht heimlich vorgekommen, und wenn er die Bäbe nicht gehabt hätte, wäre er ver⸗ zweifelt. Nun sei's aber grad umgekehrt und

1 es gefalle ihm jeden Tag besser eine eigene

Notiz in dem Briefe war: daß der Andres bei ihnen sei und 1 67 als Knecht diene! 1 Diesem scheint die Gestnnung, die ihn in dem Schreiben an die Seinigen in Amerika unbedingt erheben und Deutschland heruntersetzen ließ, in Amerika selber Schwierigkeiten bereltet zu haben. Er wechselte mehrmals die Herren, ohne sich zu verbessern, ersparte nichts und it 1 jetzt froh, bei seinem Schulkameraden ein Unter⸗ kommen gefunden zu haben. Tobias, in dank⸗ barer Erinnerung an die Anregung, die er. durch seinen Brief empfangen, hält ihn wle einen Freund, gibt sich Mühe, ihm sein pran⸗ gendes, mehr aufs Wort, als auf die Tat ge⸗ richtetes Wesen abzugewöhnen, undhofft noch einen rechten Mann aus ihm machen zu können! Ja, lieber Vater, heißt es zum Schluß, ich tausche jetzt nicht mit dem reichsten Bauer im Ries. Vergessen kann ich die Heimat und die guten Leute darin freilich nicht. Wir reden hier oft miteinander davon, und wenn wir ver. gnügt sind, sagen wir zueinander: wenn jetzt nur der und der auch dabei wär! Ich hab' auch einen Garten angelegt mit einer Laube, Ban wie der unsere; und wenn auch die äume noch nicht so groß sind, so it's doch n der Laube schon recht plaͤsierlich. In Amerika ist einmal jetzt meine Heimat, und daß ich wieder nach Deutschland komme, daran ist vor⸗ derhand nicht zu denken. Nun will ich Euch defto mehr im Gedächtnis behalten, von Zeit u Zeit Nachricht hinüberschicken und mich hier 0 betragen, daß die Leute in Amerika Respekt kriegen vor den Riesern.

Die Bewegung des Sonnensystems durch den Weltraum.

Eine wichtige Untersuchung über die Rich⸗ tung, nach welcher sich die Sonne samt der Erde und allen übrigen Planeten durch den Weltraum bewegt, und über die Geschwindigkeit dieser Bewegung, hat G. C. Comstock ausgeführt. Er gründet sie auf die scheinbaren Bewegungen von 67 lichtschwachen Sternen 9. bis 12. Größe, die während 50 Jahren auf verschiedenen Stern⸗ warten genau beobachtet worden sind. Es ergab sich, daß die Sonne sich im Weltraum nach einer Richtung bewegt, die in der Richtung des Sternbildes des Fuchses liegt, was mit den früheren Ermittlungen, die auf die gemein⸗ same Grenze der Sternbilder Fuchs, Leier und Herkules hinweisen, gut übereinstimmt. Für die Geschwindigkeit der Sonnenbewegung fand sich die Größe von 23 Kilometer in der Sekunde, so daß also die Sonne Jahr für Jahr mehr als 700 Millionen Kilometer im Weltraume durchläuft, ohne daß da⸗ durch selbst nach Jahrtausenden der Anblick des 5 gestirnten Himmels fur das bloße Auge sich merklich verändert hat. Dies ist natürlich

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lediglich eine Folge der ungeheuren Entfernung der Fixsterne. Aus der in Rede stehenden Untersuchung ergab sich übereinstimmend derne das die durchschuittliche Entfernung der 6 lichtschwachen Sterne von uns keinesfalls wesent⸗ lich geringer als 800000 Milliarden Meilen ist, eine Entfernung, die der Lichtstrahl erst in 650 Jahren dur hmessen kann. 5

Splitter.

Die Seele ist der einzige Artikel, den man verkaufen und doch behalten kann. Darum verkaufen sie auch so viele. 0

Friedrich Hebbel. *

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* Kindlein liebt euch, und wenn das nicht gehen will, laßt wenigstens einander 1 ö oethe.

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Spaten Naht Stachel Aasenn Stehle

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