für den ersten Feiertag ein
Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 52.
welche durch die Verbindung des Notariats mit der Rechtsanwaltschaft verbunden sind, lassen hoffen, daß die Anwaltskammer sich baldigst mit der Frage beschäftigt und Mittel und Wege sindet, um eine Trennung herbeizu⸗ führen. Die übrigen Artikel werden angenommen.
Am Samstag wurde zunächst das Gerichts⸗ kostengesetz mit den von dem Gesetzgebungs⸗ ausschuß vorgeschlagenen Aenderungen angenom⸗ men.— Dann wird über eine Anfrage der Abgg. Schlenger und Reinhardt betr. die Verun⸗ reinigung der Flüs se verhandelt. Abg. Schlenger (Str weist in längeren Ausführungen auf die großen Nachteile und Schäden hin, die die Flußverunreinigung infolge der Fäkalien Einleitung erfolgen. Von Seiten der Regierung wird erklärt, daß die Gefahr nicht so groß sei, jedenfalls werde die Staatsregierun ihre Schuldigkeit tun. Nach weiterer kurzer Debatte wird der Gegenstand für erledigt erklärt und die Kammer vertagt sich bis nach Neujahr. Wegen der Kriegsbriefe des Generals Kretschmann wollten die hesst⸗ schen Offiziere, die sich durch die Angaben des verstorbenen Generals von Kretschmann über die„Plünderung“ von Sens durch hessische Truppen im Jahre 1870 beleidigt gefühlt haben, eine Privatklage gegen die Herausgeberin Frau Lily Braun pee, Jetzt erläßt Oberst⸗ leutnant a. D. Balser eine Erklärung, daß man von einer Klage Abstand nehmen wolle. Das Strafverfahren gegen die Mainzer Volks⸗ zeitung habe nach der Anschauung der maß⸗ gebenden Instanzen klar und unverrückbar fest⸗ gestellt,„daß die Anklagen des Generals von Kretschmann gegen das Verhalten der hessischen Truppen in Sens völlig unrichtig seien“; da⸗ mit wäre der Oeffentlichkeit, sowie dem Inter⸗ esse der beteiligten Offtztere Genüge geschehen, zumal in den späteren Ausgaben der Kriegs⸗ briefe die beleidigenden Stellen der ersten Auf⸗ lage weggelassen seien.
— Efnen erfreulichen Erfolg er⸗ rangen unsere Genossen bei der Gemeinderats⸗ wahl in Pfungstadt am vorigen Freitag. Bekanntlich war die letzte Wahl dort für un⸗ gültig erklärt worden und die Nachwahl vollzog sich unter außerordentlich starker Beteiligung. Von 1200 Wahlberechtigten stimmten 1081 ab. Drei unserer Genossen wurden gewählt und zwar Raab mit 574, Gilbert mit 518 und Weigel mit 495 Stimmen. Außerdem wurden zwei Liberale gewählt.
Gießener Angelegenheiten.
— Glückliche Weihnachtstage! Allen unsern Leseru, allen Freunden und Genossen wünschen wir von Herzen ein frohes Weih⸗ nachtsfest! Mögen sie alle, trotz der Sorgen und Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens, die besonders schwer auf der arbeitenden Klasse lasten, ein paar Tage ungetrübter Festesfreude genießen! Glückliche Tage sind bei dem arbeitenden Volke wirklich selten genug. Die Arbeiterfamilie muß froh sein, wenn sie sich das allernotwendigste leisten kann, außergewöhn⸗ liche Aufwendungen können nicht gemacht werden. Die herrschende Ordnung sorgt dafür, daß die Arbeiter nicht zu üppig werden und gerade in der letzten Zeit sind die Lebensmittel und not⸗ wendigsten Gebrauchsartikel infolge der Zoll⸗ politik erheblich im Preise gestiegen, so daß dem Arbeiter die Lebenshaltung immer mehr verteuert wird, während die Löhne eher fallen als steigen. Darum müssen wir durch gemeinsame Arbeit Besserung herbeizuführen suchen und diese Arbeit auch während der Feiertage nicht versäumen!
Von festlicher Veranstaltung t st Familienabend des Gesangvereins„Eintracht“ im Lokale von Orbig vorgesehen, während die Freie Turner⸗ schaft einen solchen am zweiten von 8 Uhr abends ab im„Gambrinus“ bei Albold abhält.
Unabweisliche Pflicht jedes Sozialdemokraten ist es, unsern Reihen stets neue Kämpfer zu⸗ zuführen und damit uuserer Bewegung immer weitere Ausbreitung und damit größere Macht und mehr Einfluß zu verschaffen. Wer sich zur Sozialdemokratie bekennt, darf es nicht damit
die durch
genug sein lassen, Mitglied der Parteiorgani⸗ sation zu werden und unsere Presse zu lesen, sondern er erfüllt seine Pflicht erst, wenn er soviel in seinen Kräften steht für Ausbreit ung der sozialdemokratischen Ideale und Grund sätze arbeitet. Bei den letzten Wahlen musterten wir die stattliche Zahl von drei Millionen Wählern. Gewiß fein gewaltiges Heer! Aber im Ver⸗ hältnis zu den vielen Millionen der zur arbeiten den und besitzlosen Klasse Zählenden noch viel zu wenig. Es sind erst eln, Viertel der Wahl- berechtigten! Gewinnt in den fünf Jahren bis zur nächsten Wahl aber jeder nur einen ein⸗ igen unserer Sache, so verfügen wir über sechs Millionen Wähler! Und das ist nicht so schwer. Vor allen Dingen muß jeder Ge⸗ nosse für Verbreitung unserer Presse sorgen. Welche Bedeutung diese für unsere Bewegung hat, ist schon so oft dargelegt worden, daß wir uns weitere Worte darüber sparen können. Es ist mit einem Wort unsere schärfste Waffe im Kampfe. ö Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung beschließt mit dieser Nummer ihren elften Jahrgang. Sie darf wohl sagen, daß sie jeder⸗ zeit auf dem Posten war, die Interessen der Besitzlosen und Unterdrückten stets wahr⸗ genommen und zur Aufklärung beigetragen hat. Trotzdem müßte noch mehr geschehen. Helfe jeder Genosse mit zur Ausgestaltung unserer Preßverhältnisse! Das könnt ihr, wenn ihr zum neuen Jahre für euer Blatt, die„Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung“ z ahlreiche neue Abonnenten werbt. während der Feiertage ja nicht. Wenn ihr das tut, so arbeitet ihr nicht für einen Kapi- talisten, der eine Zeitung des Geschäfts wegen herausgibt, um sich dadurch seine Taschen zu füllen, dabei euch, eure Sache und eure Vorkämpfer tagtäglich verhöhnt und beschimpft, sondern ihr arbeitet für euch und eure Ange⸗ hörigen!
Darum au die Arbeit, Genossen!
— Auf Konsumvereine ist der„Gieß. Anz.“ durchaus nicht gut zu sprechen, besonders nicht auf sogenannte„sozialdemokratische“. Solche gibt es zwar nicht, einmal, weil jede politische Betätigung den Genossenschaften gesetzlich untersagt ist(die Konsumvereine würden sich übrigens selbst schwer schädigen, wenn sie Politik trieben) und zweitens haben die; Sozial⸗ demokratie und die Konsumvereine über ihre Stellung zu einander nie einen Zweifel gelassen. Oft genug und klipp und klar hat unsere Partei erklärt, daß sie als solche mit den Konsum⸗ vereinen nicht das Geringste zu tun hat und von diesen ist ebenso oft das Bleiche festgestellt worden. Jeder mit dem Konsumvereinswesen einigermaßen Vertraute weiß auch, daß es sich in Wirklichkeit so verhält. Alles das hält natürlich das ehrenwerte Gießener Amtsblatt nicht ab, von sozialdemokratischen Konsumver⸗ einen zu reden, um bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit unsere Partei und die Konsumvereine zu verdächtigen. Für seine Stellungnahme gegen die Konsumvereine werden ihm allerdings nicht bloß prinzipielle, sondern auch materielle Gründe maßgebend sein. Würde es sich den Konsumvereinen freundlich gegenüberstellen, so dürfte sich seine Inseraten⸗ Plantage sehr bald weniger ergiebig zeigen.— In der Dienstagsnummer wußte das Blatt wieder sehr schlimme Dinge von einem„sozial⸗ demokratischen“ Konsumvereine zu erzählen. Nach dem„Berl. Tagebl.“ berichtet es, daß der Konsumverein in Sorau seinem Lager⸗ halter einen Wochenlohn von nur 13 Mark gezahlt habe, trotzdem 10% Prozent Dividende verteilt wurden, keine Mangogelder gab und ihn schließlich wegen eines Manlos von 158 Mk. auf die Straße gesetzt habe. Wenn sich die Sache in Wirklichkeit so verhält, so trifft die Leitung des genannten Vereins ein schwerer Vorwurf und jeder Parteigenosse wird mit uns diese Dinge verurteilen. Gerade dort, wo die Arbeiter etwas drein zu reden haben, müssen anständige Arbeitsverhältnisse herrschen. Wir sind überzeugt, daß unsere dortigen Genossen die Mißstände sofort beseitigen werden, nachdem sie ja, wie der Anzeiger selbst zugibt, von dem
Versäumt diese Pflicht recht überflüssiger
leute der Feuerwehren betrachten erst dann ihre
dortigen sozialdemokrotischen Organ an das Tageslicht gefördert worden find.— Wenn doch das Amtsblatt auch sonst so eifrig wäre, schlimme Zustände in Bezug auf Arbeitsver- hältnisse an die Oeffentlichkeit zu bringen! Wie viele Privatunternehmer und Aktiengesellschaften gibt es, die schwere Gewinne einstecken und doch ihre Arbeiter mit Hungerlöhnen abspeisen! Da weiß es aber nichts zu sagen, im Gegenteil, es schimpft noch auf die Arbeiter, wie voriges Jahr beim Crimmitschauer Streik.
— Söhnchen der„Gebildeten“. Unter hiesigen Schülern höherer Lehranstalten wurden verschiedene„Ver⸗ bindungen“ entdeckt, welche nicht nur die studentischen Korpsfaxen nachäfften, sondern auch noch Dinge trieben, mit denen sich jedenfalls die Staatsanwaltschaft noch weiter bef assen wird.„
— Mit der Polizeiverordnung be⸗ treffend das Aus m elken des auf den hiesigen Viehmarkt aufgetriebenen Mel kviehes hatte sich am Dienstag das Oberlandsgericht zu be⸗ schäftigen. Die Viehhändler hakten gerichtliche Entscheidung angerufen, das Oborlandsgericht erkannte dahin, daß die Polizeiverordnung zu Recht bestehe. Wegen dieser Verordnung hatten bekanntlich die Händler über den hiesigen Vieh⸗ markt den Boykott verhängt und deuselben erst wieder aufgehoben, als ihnen die behördliche Zusicherung gegeben worden war, daß die Ver⸗ ordnung nicht so streng gehandhabt werden solle.
— Feuer. Dienstag Nacht brannte eine Scheuer am Rodberg nieder. Es soll Brand⸗ stiftung vorliegen. Bei solchen Gelegenheiten wird bei uns in Gießen ein unseres Erachtens Lärm gemacht. Die Signal⸗
Aufgabe als gelöst, wenn sie durch stundenlanges Trommeln und Blasen die ganze Stadt in Aufregung gebracht haben. Warum verursacht man hunderten schlaflose Nächte, wenn ein Strohhaufen brennt?
Aus dem Rreise gießen.
— Sylvesterfeier in Wieseck. Samstag, den 31. Dezember hält der Wahlverein im Verein mit dem Arbeiter⸗Gesangverein„Sängerkranz“ im Saale zum„Gambrinus“ eine Sylvesterfeier, bestehend in Theater, Gesangsvorträgen und Ball ab. Eintritt kostet 20 Pfg., eine Dame ist frei. Eine Geschenkverlosung ist mit der Feier verbunden. Unsere Wiesecker Partei⸗ freunde werden um recht zahlreiche Beteiligung ersucht.
ch. Die Arztverhältnisse auf dem Lande 1 liegen bekanntlich in sehr vielen Orten außerordentlich mißlich. Vielfach wohnt der Arzt in einem stunden⸗ weit entfernten Orte, welcher Umstand bei plötzlichen Erkrankungen oder Unglücksfällen für die Betroffenen sehr verhängnisvoll werden kann. Man kann ja nicht verlangen, daß in jedem Orte ein Arzt angestellt wird, immerhin müßten Einrichtungen getroffen werden, daß ärztliche Hilfe so schnell als möglich zur Stelle ist. Dazu mahnt ein in Wieseck vorgekommener Fall. In der Nacht zum Sonntag starb die erst 23 Jahre alte Frau unseres Genossen Weller an Verblutung im Wochen⸗ bett. Wei“ der Wiesecker Arzt nicht zu Hause war, mußte erst ein solcher aus Gießen gerufen werden, der leider zu spät eintraf. Bei sofortiger ärztlicher Hilfe wäre bas Leben der Frau erhalten worden,— Dem schwer betroffenen Parteifreund sei hiermit unser herz⸗ lichstes Beileid ausgesprochen.,
Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.
* Landtagsabgeordneter Weidner ist am Mittwoch Abend plötzlich gestorben. Er war von seinem Heimatsorte Herchenhain nach Grebenhain gefahren 1 und als der Wagen abends von dort zurückkehrte, saß 1 Weidner tot darin, unterwegs war er einem Schlag⸗ 1 anfall erlegen.— Im Landtage vertrat er den 11. 1 oberhessischen Kreis Laubach⸗Schotten⸗Nidda und zählte 1 sich zuletzt zu den Bauernbündlern, früher zu den Libe⸗ 1 ralen. Lange Jahre war er Bürgermeister in Herchen⸗ ö hain, bei der letzten Wahl erhielt er aber als solcher nicht eine einzige Stimme. 1
* 1
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Ju der letzten Stadtverordnetensitzung wurde u. a. mitgeteilt, daß das Gas⸗ und Wasserwerk glänzende finanzielle Resultate zu verzeichnen habe, wäh⸗ rend doch im Vorjahre Dr. Herz noch ausführte, daß die Bilar z nicht richtig aufgestellt sei und in Wirklich! keit das Werk mit Defizit arbeite. Das wurde uns früher auch von anderer Seite bestätigt. Woher mag
jetzt auf einmal der günstige Stand kommen? Aller⸗ 1 dings, für den Zentner bezahlen, statt früher nur
Kooks muß man jetzt 90 Pfg. 75, also müssen auch die


