Ausgabe 
24.7.1904
 
Einzelbild herunterladen

ate

N

Nr. 30.

Gießen, den 24. Juli 1904.

11. Jahrgang.

Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Redaktionsschlu: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

8

gs⸗Jeitung.

Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

2 Juserate 2 Die 5gespalt. Bei mindestens

Parteigenossen!

Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Bremen statt. Auf Grund der Bestim⸗ mungen der 88 7, 8 und 9 der Partei⸗Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf:

Sonntag den 18. September, Abends 7 Uhr, nach Bremen, in das LokalCasino, Auf den Häfen, ein.

Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt:

Sonntag, den 18. September, Abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Festsetzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommission,

Montag, den 19. September folgenden Tage:

1. Geschäftsbericht des Vorstandes.

Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: G. Ledebour. 4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 5. Kommunalpolitik. Berichterstatter: H. Lindemann. 6. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Berichterstatter: P. Singer.

7. Organisation,

8. Sonstige Anträge.

9. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und

des Ortes des nächsten Parteitages. 5

Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorbereitungen für den Parteitag also die Wahl von Delegierten, sowie die Stellung von Anträgen rechtzeitig zu bewirken.

Die Anträge müssen spätestens den 4. September in

den Händen des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz II der Partei⸗Organisation im Vorwärts ver⸗ öffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen.

Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstands der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Ver⸗ öffentlichung und Beratung gelangen sollen.

Die Parteigenossen, die zum Parteitage kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstande und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen zugesandt werden können.

Die Adresse des Lokalkomitees lautet:

Heinrich Schulz, Bremen, Hankenstraße 21/22.

Mandatsformulare sind durch das Parteibureau

J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstraße 30, zu beziehen.

Berlin, 17. Juli 1904.

Mit sozialdemokratischem Gruß

Der Parteivorstand.

und die

Das Erfurter Programm. III.

Ist aber damit das Erfurter Programm ad absurdum geführt, das von der Naturnot⸗ wendigkeit des Unterganges des Kleinbetriebes spricht? Mit nichten. Es handelt nur von dem Untergang jenes Kleinbetriebes,dessen Grundlage das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktions⸗ mitteln bildet.

Das gilt, wie wir gesehen haben, nicht für den neuen Kleinbetrieb, dessen wichtigste Pro⸗ duktionsmittel das Kapital besitzt. Der neue

1 Kleinbetrieb ist ein ganz proletarisches Gebilde, dessen Angehörige immer mehr alles Interesse am Privateigentum an den Produktionsmitteln verlieren, immer mehr zum gleichen Klassen⸗ gegensatz wie das lohnarbeitende Proletariat

kommen. Bildete der alte Kleinbetrieb das festeste Bollwerk des Privateigentums an den Produktionsmitteln und damit des Kapitalismus,

mit gegen das Kapital. Da die in ihm Tätigen isolierter, gedrückter, überarbeiteter sind als die Arbeiter der Großbetriebe, ihre ökonomische Stellung auch nicht so einfach und klar, wie die der eigentlichen Lohnarbeiter, sind sie weit schwerer zu organisteren und zum Bewußtsein ihrer Lage zu bringen, als diese; sie können unter Umständen als Streikbrecher und konser⸗ vative Wähler den Emanzipationskampf des Proletariats verlangsamen, aber nirgends mehr bilden sie ein Element, auf dem das Kapital seine Herrschaft dauernd begründen könnte. Früher oder später treiben sie ihre Klasseninte⸗ ressen stets an die Seite der kämpfenden Lohn⸗ arbeiterschaft.

Der alte, aus der Blütezeit des Handwerks überlieferte Kleinbetrieb bildete eine der festesten und unentbehrlichsten ökopomischen Grundlagen der Gesellschaft seiner Zeit. Der neue, prole⸗ tarisierte Kleinbetrieb bildet eines ihrer Abfalls⸗ produkte, das unter den gegebenen gesellschaft⸗ lichen Verhältnissen ebenso unvermeidlich ist wie etwa Verbrechen und Prostitution, das aber ebensowenig wie diese eine gesunde Grundlage der Gesellschaft sein kaun. Der neue Kleinbe⸗ trieb wird immer mehr ein parasitisches Ge⸗ bilde, ein Notbehelf, der die Gesellschaft nur belastet und dessen sich die von ihm Lebenden leicht und gern entledigen, so bald die Not auf⸗

Prosperitätsepoche die Kleinbetriebe in Stadt und Land scharenweise verlassen werden. Würde erst einmal das Proletariat die politische Macht und damit die Möglichkeit erwerben, die ganze Produktion seinen Interessen gemäß einzurichten, so müßte es vor allem dahin trachten, die in⸗ dustrielle Reservearmee aufzuheben. Das wurde aber zu einer raschen Verödung der Kleinbetriebe in den meisten Zweigen der Industrie, des Handels, der Landwirtschaft führen.

Nichts irriger als die Auffassung, sozialistische Produktion werde erst dann möglich, wenn alle Kleinbetriebe aufgesaugt seien. Sie würde dann nie möglich, weil die Konzentration des Kapitals den Kleinbetrieb nicht völlig verschwinden läßt, sondern vielfach nur einen neuen an Stelle des alten setzt. Die Aufsaugung dieser neuen, parasttisch⸗proletarischen Kleinbetriebe wird erst durch die Einführung sozialistischer Produktion ermöglicht. Letztere ist die Vorbedingung, nicht die Folge des völligen Verschwindens des Klein⸗ betriebes aus allen Wirtschaftsgebieten, auf denen er technisch überflüssig geworden ist.

Nicht das völlige Verschwinden des Kleinbetriebs auf der Betriebsstatistik, sondern seine Ausschaltung aus den das gesell⸗ schaftliche Leben beherrschenden Produktions⸗ prozessen, deren Unterwerfung unter das Kapital, das die Produktionsmittel und alle Vorteile ihrer steigenden Vervollkommnung monopolistert, das sind die Vorbedingungen des Sozialismus. Daß sie aufs rapideste wachsen, kann heute selbst

3

so bildet der neue ein Element des proletarischen Gegensatzes gegen dies Privateigentum und da⸗

hört. Heute schon sehen wir, wie während jeder

ein 0 und politisch Blinder mit den Händen greifen.

In diesem Sinne ist die in das Erfurter Programm übernommene Lehre des Marxismus von der Konzentration des Kapitals aufzufassen. So aufgefaßt, steht dieser Grundsatz nicht nur nicht im Widerspruch mit den wirklichen Tat⸗ sachen, er bietet vielmehr erst die Möglichkeit, sie völlig zu begreifen. Auch in diesem Punkte bedarf ebensowenig wie in den anderen, die der kritische Sozialismus beanstandete, der grund⸗ Nevin Teil des Erfurter Programms einer

eviston.

Es ist nicht Selbstlob, wenn ich das aus⸗ spreche, denn das Erfurter Programm ist keines⸗ wegs mein ausschließliches Werk. Wohl wurde es auf der Grundlage des von mir vorgeschla⸗ genen Programmentwurfes aufgebaut. Aber die Erfurter Programmkommission hat diesen Ent⸗ wurf wesentlich erweitert. In dem Entwurf selbst aber waren jene Sätze, die später am meisten diskutiert wurden demKapital von Marx fast wörtlich entnommen, ber allgemeine Teil des Programms selbst ist nur eine Para⸗ phrase des bekannten Absatzes überDie ge⸗ schichtliche Tendenz der kapitalistischen Accumu⸗ lation imKapital. Gerade darin sehe ich die Ursache der Kraft des Erfurter Programms und seiner Fähigkeit, den wechselnden Monden zu widerstehen. So lange es nicht gelungen ist, an Stelle desKapital eine andere theo⸗ retische Grundlegung des Sozialismus zu setzen, solange wird auch das Erfurter Programm einer Revision seiner Grundsätze nicht bedürfen.

M. Kautsky.

Die deutschen Gewerkschasts⸗ organisation im Jahre 1903. 1

Ein erfreuliches Bild des Fortschritts auf gewerkschaftlichem Gebiete gewährt uns wieder die von der Generalkommission veröffentlichte Statistik der deutschen Gewerkschaften für das Jahr 1903. Die Statistik zeigt, daß der Ein⸗ fluß, den die wechselnde wirtschaftliche Konjunktur auf die Entwicklung des Gewerkschaftslebens auszuüben vermag, von Jahr zu Jahr geringer wird. Die Mitgliederzunahme in den gewerk⸗ schaftlichen Zentralverbänden beträgt für 1903 134492 gleich 21 Proz. Das ist eine Zunahme, wie sie seit dem Jahre 1897 nicht mehr zu verzeichnen war und es ist keineswegs in allen Berufen ein besserer Geschäftsgang zu verzeichnen gewesen, als im Jahre vorher. Die Mitglieder⸗ zahlen der Zentralverbände bewegen sich seit 1894 ständig in aufsteigender Linie; nur 1901, in dem Jahre, in welchem der wirtschaft iche Rückgang sich am fühlbarsten machte, haben wir einen geringen Rückgang in der Mitglieder- zahl. Die Zunahme der Mitglieder in den einzelnen Jahren gestaltet sich folgendermaßen: 1894 Mitgliederzahl 246 494 22 694= 10,2 Proz.

1895 1 259 175 T 12681- 5,2 1896 8 329 230 70 055 27,0 1897 1 412349 83 129 25,2 1898 1 493 742 81383 19,7 1899 8 580 473 86731 17,5 1900 0 680 427 4+ 99954 17,2 1901 f F 1902 85 733 206 55696 8,2 1903 5 887 698 154 492 21,0