Ausgabe 
24.1.1904
 
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Nr. 4.

Gießen, den 24. Januar 1904.

11. Juhra.

Jonn

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

tags⸗Jeitung.

MRedaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Eine verlorene Schlacht. Der Kampf in Crim mitschau ist be⸗

det.

Am Dienstag waren Telegramme in den Zeitungen zu lesen, daß die Lohnkommission nach Rücksprache mit dem Vorstand des Textil⸗ arbeiterverbands den kämpfenden Webern durch ein Flugblatt empfohlen habe, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen.

Die Nachricht überraschte. Man wußte, daß es den Ausgesperrten nicht an Geldmitteln fehlte, die Unterstützung war noch auf viele Wochen gesichert. Aber die Fabrikanten hatten das gesamte Unternehmertum Deutschlands hin⸗ ter sich, das gewillt war, die armen ausge⸗ beuteten Weber unter allen Umständen und mit allen Mitteln niederzuzwingen. Und dazu reichte ihnen der Klassenstaat hilfreiche Hand. Wohl noch nie in einem Lohnkampfe hat sich der Staat, der alle Bürger in ihrem Rechte schützen soll, so unverhüllt auf die Seite der Ausbeuter gestellt, zu ihren Gunsten von seinen Machtmitteln gegen die Arbeiter Gebrauch gemacht. Diesen staatlichen und polizeilichen Bedrückungen gegenüber und angesichts der Tatsache, daß fremde Streikbrecher in immer größerer Zahl importiert wurden, daß es fer⸗

ner den Kämpfern nicht möglich war, sich in

Versammlungen über die Lage zu beraten, wo⸗ durch auf die Dauer der erforderliche Zusam⸗ menhalt gefährdet war, mußten sich die Aus⸗ gesperrten fragen, ob es zweckmäßig und klug wäre, den Kampf weiter fortzusetzen. Sie haben diese Frage verneint. Damit haben sie zwar das Odium einer schweren Niederlage auf sich genommen, aber sie haben damit doch im In⸗ teresse der Gesamtarbeiterschaft Deutschlands ehandelt. In dieser letzten Phase des Kampfes onnten die Crimmitschauer doch nicht mehr den Sieg erringen. Was sie aber in dem bis⸗ herigen Verlauf des Kampfes für sich und für die Gesamtarbeiterschast gewonnen hatten, dürfte ihnen genügen, um wenn auch mit schwerem Herzen die Waffen vor dem kapitalgesättigten Unternehmertum zu strecken.

Viel ist durch den Kampf in Crimmitschau gewonnen worden. Es ist eine heroische Leist⸗ ung der armen, hungrigen Weber und We⸗ berinnen gewesen, 22 Wochen mutig im Kampfe auszuharren. Dieses Beispiel wird weithin in spätere Zeiten leuchten und für zukünftige Kämpfe ein glänzendes anfeuerndes Beispiel sein. Aber nicht minder glänzend ist das Bei⸗ spiel, das die Arbeiterschaft Deutschlands ge⸗ geben hat. Ueber 7000 Menschen fast ein halbes Jahr über Wasser zu halten, ihnen eine Weih⸗ nachtsbescherung anzurichten, wie sie die armen Ausgesperrten bis dahin überhaupt noch nicht nicht gesehen hatten, bis auf die letzte Minute mit voller Anteilnahme und Begeisterung das Interesse am Kampfe m achzuhalten, das ist eine Leistung der deutschen Arbeiterschaft, die ihr so leicht nicht nachgemacht werden kann.

Und das Objekt des Streites? Dient es nicht auch in demselben Maße zur Ehrung der tapferen Kämpfer, wie es die Hartherzigkeit und Gefühlsroheit des Unternehmertums an den Pranger stellt? Die bescheidene, im Interesse der Kultur so bitter notwendige Forderung der

Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf 10

Stunden das war alles! Diese geringfügige

Verbesserung der Lebenshaltung der armen Weber wollten die reichen Fabrikanten nicht bewilligen!

Dabei handelte es sich gar nicht einmal um eine Bewilligung auf jeden Fall. Durch güt⸗ liche Einigung wären die Arbeiter zu Konzessionen bereit gewesen. Jeder Versuch einer Einigung, ob er von privater oder behördlicher Seite aus⸗ ging, hat bei den Arbeitern stets rückhaltslos Entgegenkommen gefunden, die Fabrikanten da⸗ gegen haben jeden derartigen Versuch brüsk abge⸗ schlagen. Da sie sich dabei auf ihre dicken Geldsäcke, auf Polizei und sonstige Behörden stützen konn⸗ ten, so waren sie ohne weiteres im Vorteil.

Die brutale und ausbeutungswütige Haltung des Unternehmertums regte sogar bürgerliche Kreise auf und verschiedentlich nahm man für die Arbeiter Partei. Natürlich, daß die Sold⸗ schreiber des Kapitals nunmehr ihre Jubelar⸗ tikel loslassen. Doch in den Jubel fällt man⸗ cher Wermutstropfen. Denn derSieg hat bedeutende Opfer auch auf jener Seite gefordert und die Kapitalisten werden die Wunden noch lange fühlen, die sie in diesem Kampfe em⸗

fingen.

Selbstverständlich wird die arbeiterfeindliche Presse den Ausgang des Kampfes in Crim⸗ mitschau als eineNiederlage der Sozial⸗ demokratie registieren und in ihrem Sinne anszubeuten suchen. Auch die Amtsblätter unseres Bezirks plappern den Blödsinn der Berliner Scharfmacherpresse nach und versuchen den Glauben zu erwecken, als habe die Sozial⸗ demokratie den Streik angezettelt. Für unsere Leser und für jeden, der die Arbeiterbewegung nur einigermaßen kennt, liegt das Verlogene solcher Behauptungen auf der Hand, wir brauchen zu ihrer Widerlegung keine Worte zu verlieren. Dagegen sei anerkennend erwähnt, was der Abg. für Marburg, v. Gerlach in einem Artikel derHess. Landesztg. sagt:

Nicht die Sozialdemokratie hat den Schaden von diesem Ausgang. Sie hat den Streik nicht hervorge⸗ räfen, wie oft es auch scharfmacherische Verleumder be⸗ hauptet haben. Sie hat allerdings später sich der Aus⸗ gesperrten mit aller Kraft angenommen. Aber kein Arbeiter wird sie dafür antwortlich machen, daß der ihr aufgezwungene Kampf verloren gegangen ist. Man wird es ihr im Gegenteil Dank wissen, daß sie schon zu Zeiten mit der Tat den Arbeitern beigesprungen ist, wo man sich im bürgerlichen Lager noch fast aus⸗ nahmslos passiv verhielt.

Ganz richtig. Für jeden denkenden Arbeiter geht aber aus diesem Kampfe eins mit aller Deutlichkeit hervor: Innerhalb der heutigen Ordnung, in dem heutigen Klassenstaat ist es dem Arbeiter nicht möglich, eine men⸗ schenwürdige Lebenshaltung zu erringen. Er ist verurteilt, sich bis zur Erschöpfung aus⸗ saugen zu lassen. Auch die kleinste, bescheidenste Besserung seiner Lage wird ihm verweigert! In harter, endloser Fron muß er sich abrackern für seine Ausbenter, die dadurch in der Lage sind, ein üppiges Leben zu führen und alle Genüsse der Erde sich bieten zu können.

Darum muß der Klassenstaat besei⸗ tigt werden! Erst mit dem Siege des Sozia⸗ lismus wird Gerechtigkeit und Wohl⸗ fahrt allen Menschen zuteil werden!

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Aus dem Reichstage.

Die Zwangs versicherung der Hand⸗ wer ker, mit der sich der Reichstag amDonners⸗ tag in einer langen Sitzung infolge einer na⸗ tionalliberalen Interpellation beschäftigte, stellt eine alte sozialdemokratische Forderung dar, die unsere Genossen bereits im Jahre 1882 erhoben haben. Durch die Interpellation wollte sich die Fraktion Drehscheibe wohl bei den Handwerkern in empfehlende Erinnerung bringen. Sie schmückte sich deshalb mit sozialdemokra⸗ tischen Federn und betraute ihre neugewonnene Kraft, den in Offenbach gewählten Dr. Becker mit der Aufgabe, eine Interpellation zu begrün⸗ den, die die Einbeziehung der Handwerker in die Alters⸗ und Invaliditätsversicherung for⸗ derte, während die ebenso wichtige Unterstellung der Handwerker unter die Krankenversicherung beim eiligen Abschreiben unserer alten Anreg⸗ ungen offenbar vergessen worden war. Herr Dr. Becker hatte am Mittwoch schon ein Bei⸗ spiel von der Art gegeben, wie er den Wahl⸗ kampf gegen die Sozialdemokratie geführt hatte mit törichten Unterstellungen, Verdrehungen und wirren, konfusen Behauptungen. Donnerstag vervollständigte er das Bild seiner Persönlich⸗ keit durch die überaus große Unwissenheit, die er in seiner Rede hervortreten ließ. Dieser offizielle Fraktionsredner einer Partei, die sich gerne selber als die von Besitz und Bildung bezeichnet, weiß in unserer sozialen Versicher⸗ ungsgesetzgebung durchaus nicht Bescheid. So ist er der Meinung, daß den Gesellen, wenn sie sich selbständig machen, ihre Versicherungs⸗ beiträge herausbezahlt werden! Die Antwort, die Graf Posadowsky gab, klang sehr ableh⸗ nend. Prinzipiell ist ihm der Gedanke sehr un⸗ sympathisch, die Wohltaten der staatlichen Für⸗ sorge fur das Alter und die Invalidität nicht nur dem Arbeiter, sondern auch dem selbstän⸗ digen Handwerker zuteil werden zu lassen. Er wittert dahinter Sozialismus, und die armen Nationalliberalen mußten sich den Vorwurf ge⸗ fallen lassen, daß sie mit ihrer Interpellation demStaate des Herra Bebel vorarbeiteten.

Im Laufe seiner Ausführungen teilte der Staatssekretär mit, daß für die berühmten Witwen⸗ und Waisenversorgung, mit der das Zentrum seinen Arbeiterwählern den Zolltarif schmackhaft zu machen suchte, so gut wie nichts übrig bleiben wird. Eine solche Versicherung sei nur möglich, wenn Arbeiter und Unternehmer zu Beiträgen herangezogen würden. Herr Trimborn nahm diese Mit⸗ teilung, die den hohlen Redensarten des Zen⸗ trums über den Segen der von ihm angebahn⸗ ten Witwenversorgung den Boden entzog, mit philosophischer Ruhe auf. Dieser Drahtzieher hat von vornherein gewußt, was es mit dem Schaugericht auf sich hat, das den katholischen Arbeitern aufgetischt worden ist. Im übrigen stellte sich Herr Trimborn ganz au die Seite des Grafen Posadowsky und wies den Ge⸗ danken einer Ausdehnung der Versicherungs⸗ pflicht auf die Handwerker als noch nicht aus⸗ gereift zurück. Um die Handwerker zu trösten, hat er eine andere Attrappe für sie in Bereit⸗ schaft: er stellt den Innungsmeistern das aus⸗ schließliche Recht der Lehrlingsausbeutung in Aussicht. Gen. Molkenbuhr ging mit