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N. 21.
Gießen, den 22. Mai 1904. II. Jahrg. Redaktion: M i t t˖ el d e u ·˖ f. ch 9. NRebaktionsschluß:
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Wieder geht der Geist der Pfingsten Jugendkräftig durch die Welt; Wieder sind es die Geringsten,
Denen er sich zugesellt.
Zu des Reichtums stolzen Hallen
Lenkt er zögernd nur den Fuß; Nach den Hütten, halbzerfallen,
Bringt er eilend seinen Gruß.
Cehrt die Jugend Mut und Treue Für des Volkes ewig Recht,
Kräft' gen Glauben an das Neue: Niemands Nerr und niemands Knecht.
Auf die Herzen, auf die Pforten! Streut ihm Sweige, frisch und grün! Daß aus seinen Götterworten Mut und Hoffnung euch erblühn!
Mut, den schweren Kampf zu wagen In der Menschheit letzten Krieg, Mut, die Opfer zu ertragen, Frohe Hoffnung auf den Sieg! F. A. E. im„Wahren Jakob“.
Pfingstgedankeu.
Die Frommen im Lande mögen uns Heiden schelten, weil wir die Frühlingsfeier nicht in biblischem Sinne begehen. Sei's drum; der Frühling kommt zu allen Menschen, wie auch ihre religiösen Anschauungen sein mögen, und die Gläubigen der verschiedenen alleinselig⸗ machenden Kirchen haben kein besonderes An⸗ recht auf ihn. Unsere tapferen Altvordern haben das Maffest gefeiert, auch bevor die Sendboten des Christentums zu ihnen drangen. Heute sind die kirchlichen Organisatlonen verquickt mit der Klassenherrschaft, die wir mit allen Kräften bekämpfen. Da haben wir allen Grund, den Frühling zu begrüßen abseits von den oberen Zehntausend und ihren kirchlichen und politischen Anhängseln.
Aber wenn nach der christlichen Auffassung das Pfingstfest den Tag bezeichnet, an dem sich der heilige Geist über die Jünger des Naza⸗ reners ergoß, so daß sie die christliche Kirche stifteten, daß sie vor Begeisterung in allen Zungen redeten, und daß sie auszogen in alle Welt, um den Völkern die neue Heilslehre zu bringen, so dürfen wir bei dem Rückblick auf die dazwischen liegenden zwei Jahrtausende die ungeheuern Veränderungen nicht übersehen, die inzwischen mit der christlichen Kirche vor sich gegangen sind. Wohl hat sich die christliche Lehre über die ganze Erde verbreitet— aber was ist aus den einfachen Sätzen geworden, die des Zimmermanns von Nazareth Sohn aufgestellt hat? Die Entwicklung, wie sie ge⸗ kommen, hätte er sicherlich nicht gewollt. Er
at viel gepredigt gegen den Reichtum und die edrückung, die derselbe für den Besttzlosen mit sich bringt. Und der Kapitalismus seiner Zeit war nicht das vieltausendköpfige, mit Dampfmaschinen und Elektrizität arbeitende Ungeheuer, wie sich der heutige darstellt. Jene Zeit war einfacher, und um so mehr muß man
hat. Es mag sein, daß auch heute noch die christlichen Priester hier und da einen Ausfall gegen die Reichen und ihren Uebermut unter⸗ nehmen. Aber da bleibt es bei den Worten. Man betrachtet heute die Religionen als einen Zügel der„Begehrlichkeit“ der Armen; ste sollen einen Wall bilden gegen jene Bewegungen, die auf Abschaffung der Privilegien der Reichen gerichtet sind. Diese einfache Tatsache genügt, um zu zeigen, wie weit sich die christlichen Kirchen heute von den Auffassungen des Stifters ihrer Lehre entfernt haben.
Heute ziehen um Pfingsten keine begeisterten Apostel des Christentums mehr aus; es predigen wohlbestallte Priester in großen und kleinen Tempeln den wohlorganisierten Gemeinden, welche zusammenzuhalten schon mancher äußer⸗ liche Zwang erforderlich ist. Die christliche Be⸗ wegung mag in den„wilden“ Ländern, wo die Missionare arbeiten, noch einigermaßen im Vor⸗ wärtsdringen sein; in den alten Kulturländern ist sie eine absteigende, weil das Christentum notwendigerweise in scharfe und unlösbare Widersprüche geraten muß mit dem ganzen Geiste der neuen Zeit und mit ihren materiellen Ansprüchen. Seine Rolle vermindert sich täglich an Bedeutung zwischen den Maschinen und Verkehrsmitteln des zwanzigsten Jahrhunderts.
Unsere herrschenden Klassen fühlen es ganz wohl, daß die historische Rolle des Christen⸗ tums im Schwinden ist. Aber sie sind weit entfernt von jenen schönen und edlen Ideen, die an Stelle der dürftigen Brosamen christ⸗ licher Barmherzigkeit gleiche Rechte für Alle erstreben. Der neue Heiland der Bourgeoisie ist Friedrich Nietzsche, der das Christentum be⸗ kämpft, aber den„Uebermenschen“ proklamiert. Das bedeutet nur eine Verewigung der Klassenherrschaft, ein trostloses Joch für Alle, die mühselg und beladen sind. Gegenüber der Brutalität der„Uebermenschen“— derselbe ist ja keine neue Erfindung, sondern die Ge⸗ schichte ist überreich an solchen Erscheinungen— ist die christliche Barmherzigkeit immer noch vorzuziehen, wo sie im Ernste geübt wird. Sie muß aber Angesichts des unermeßlichen Elends der Menschen immer ein Tropfen auf einem heißen Stein bleiben.
Aber für die Mühseligen und Beladenen ist eine neue Hoffnung in die Welt ge⸗ kommen, jene große Bewegung, die darauf ge⸗ richtet ist, ein Gemeinwesen mit gleichen Rechten und Pflichten zu begründen. Was in der ursprünglichen christlichen Lehre nur unbestimmt aufdämmerte, die Erkenntnis, daß die Ansammlung von Reichtümern in den Händen Einzelner und die Enterbung und Ent⸗ eignung der Massen Unheil und Elend in die Welt bringt— das hat im modernen So⸗ ztialismus seine wissenschaftliche Begründung gefunden. Die herrschenden Klassen und mit ihnen die Kirche erklären die heutigen Zustände im Allgemeinen für„ewig“; der Gegensatz zwischen Arm und Reich, sagen sie, lasse sich nicht aus der Welt schaffen, und die Kirche hat dem Armen für diese„irdische“ Welt nur den Trost der Entsagung zu geben. Der So⸗ ztalis mus mit seiner historischen Entwicklungs⸗ lehre beweist, daß die gegenwärtigen Zustände
die Schärfe empfinden, mit welcher der Naza⸗
so wenig„ewig“ sein können, wie die früheren
rener gegen den Uebermut der Reichen gepredigt Jes waren. Indem er den Gang der Dinge,
die historischen Notwendigkeiten begreift und sich so der Wirklichkeit anpaßt, allen über⸗ irdischen Träumereien entsagt, steht er mit festen Füßen auf festem Grund.
Und schwärmen heute nicht Hunderte, Tau⸗ sende von Aposteln aus, um die neue Lehre zu verkünden? Tagtäglich wird in allen Zungen den Völkern gelehrt, was sie zu tun haben, um die Befreiung von der alten Klassenherrschaft vorzubereiten. In alle Weltteile ist die neue Botschaft gedrungen und ungezählte Scharen stürmen unaufhörlich herbei, um die Masse der Kämpfer für einen Zustand, wo Gerechtigkeit ilch zu verstärken. Die a te Romantik ist reilich vorüber. Weun vor einem halben Jahr⸗ hundert noch der Dichter sagen konnte:
„Aber kommen wird ein Pfingsten,
Donnernd über Euer Haupt,
Und ein Festtag der Geringsten,
Der des Hochmuts Stamm entlaubt“, so wissen wir heute, daß nicht über Nacht ein tausendjähriges Reich kommen und plötzlich eine Aera allgemeiner Glückseligkeit begründen kann. Unsere Pfingstgedanken sind frei von aller mystischen Schwärmerei und wir halten uns an die Wirklichkeit; wir sehen, wie die Eutwicklung unsrer Zustande selbst die neuen
Formen vorbereitet, nach denen sich die Völker
seyhnen. Der Sozialismus durchdringt sein gan⸗ zes Zeitalter und erobert sich die Welt mit seinen geistigen Waffen. Dies zu sehen ist das Tröstliche in diesem an Elend so reichen Ge⸗ schichtsabschnitt.
So möge keiner der Genossen erlahmen in dem großen Klassenkampf unsrer Zeit, der die Klassen abschaffen und damit endlich die Freiheit bringen wird, die sich bisher„der be⸗ drängten Welt“ noch nie gezeigt und ihren Reigen„nur am Himmelszelt“ geführt hat. Der Sozialismus wird sie zur Erde geleiten.
Das sind die Pfingstgedanken, zmit denen wir den Lenz begrüßen.
Zur Gemeindesteuer-Reform
in Hessen.
Mit der Umwandlung der seitherigen Grund⸗ steuer, die auf ein vor 80 Jahren fixiertes Ertragsschema aufgebaut war, in eine Besteuer⸗ ung nach dem jeweiligen Vermögens⸗ wert, ist auch die Möglichkeit geboten, die Wertsteigerung städtischer Bau⸗ grundstücke steuerlich zu erfassen.
Nach der heutigen Grundsteuer sind unge⸗ nutzte Bauplätze, mögen sie noch so wertvoll sein, so gut wie garnicht besteuert, da sie, so⸗ lange sie unbebaut bleiben, nur nach dem lan d⸗ wirtschaftlichen Ertragsschema einge⸗ schätzt werden. Ebensowenig werden die be⸗ bauten Grundstücke ihrem eigentlichen Werte nach, die sie z. B. als Geschäftshäuser in bester Lage haben, besteuert. Die Gebäudesteuer, die zu der geringen Bodenbesteuerung tritt, wird nämlich nach dem einstmaligen Neubauwert, also nach dem Materialwert des Hauses berechnet. Das unzulängliche dieser veralteten Besteuerung wird in einem lesenswerten Schrift⸗ chen des Darmstädter Bodenreformvereins“ an mehreren Beispielen überzeugend nachgewiesen.
*„Die Reform der Gemeindesteuern im Großherzogtum Hessen“, Darn stadt 1904. Verlag von Eduard Roether, Darmstadt 40 Pfg.


