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Gießen, den 20. Mürz 1904.
Jahrg. 11.
8 Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
tags⸗ Zeitung.
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Kolonial-Segen.
Die Expedition nach dem südwestafrikanischen Schutzgebiete, welche die Niederwerfung des
Haufftändischen“ Herero⸗ Stammes bezweckt, läßt uns wieder einen Blick tun auf unsere
herrliche Kolonialpolitik, die dem deut⸗ schen Volke alljährlich Millionenopfer auferlegt. In den letzten Tagen wurden aufs neue über 3 Millionen Mark als Nachtragsetat gefordert, eine weitere Forderung von 3,71 Mill. Mark befindet sich in der zweiten Ergänzung zum Entwurf des Reichshaushaltsetats. Im gan⸗ zen werden also 7 Millionen Mark verlangt, nur für die Erhaltung der afrikanischen Sand⸗ wüste. Das ist aber noch nicht alles. In den 7 Millionen sind die Kosten für den Truppen⸗ Nachschub nach Südafrika— 800 Mann In⸗ fanterie, 2 reitende Batterien und 1200 Pferde nicht inbegriffen. Man greift sicher nicht zu hoch, wenn man die direkten Gesamt⸗Kriegs⸗ kosten auf etwa 30—40 Millionen Mark ver⸗ anschlagt, wobei natürlich die Verluste an Ma⸗ terial und Menschenleben unberücksichtigt bleiben müssen. Daß etwa die Hereros, wenn ste niedergeworfen sind, zum Ersatz dieser Verluste in Gestalt von Kriegskosten gezwungen werden könnten, daran ist doch nicht zu denken. Wo nichts ist, kann eben auch ein ganzes Armee⸗ korps nichts herauspressen.
Und so wie in dem südwestafrikanischen Kolonialgebiete, geh⸗s in den übrigen unseres ide Kolonialbesitzes. Keine der Ko⸗ lonien bringt dem Reiche auch nur einen Pfennig Gewinn, überall muß das deutsche Volk alljährlich viele Millionen Mark an direkten Zuschüssen leisten. Insgesamt betragen die⸗ selben mit dem, was drum und dran hängt, 30— 35 Millionen Mark jährlich! Dazu kommen noch die Extraaufwendungen für die Pachtung
Kiautschau und den Rachefeldzug, der weit über
300 Millionen Mark verschlang! Und es be⸗ steht auch nicht die geringste Aussicht, daß die Kolonien in fernerer Zeit einen Nutzen brächten.
Wieviel Segensreiches könnte geleistet werden, wenn diese ungeheueren Summen im Volks⸗ und Kulturinteresse verwendet würden! Nutz⸗ los werden da hunderte von Millionen ver⸗ pulvert, Menschenleben geopfert— während im Reiche das Volk im Elend lebt.
Um Stimmung für die Bewilligung dieser und der ohne Zweifel noch folgenden weiteren Millionenkredite zu machen, verbreitet die kolo⸗ nialwütige Presse jetzt emsig allerhand Schauer⸗ geschichten über die Greuel der schwarzen 2Bestien“. Daß man diese von Haus aus harmlosen und gutmütigen Schwarzen durch brutalsten Raub, durch skandalöseste Ausbeutung erst zu solchen Bluttaten getrieben, erwähnt man natürlich nicht. Ebensowenig rechnet man ihnen ihre Schonung der Missionare zu gute, die Schonung so manchen weiteren Menschen⸗ lebens, das in die Hände der Aufständischen gegeben war. Und daß schon jetzt die Zahl der im Kampfe gefallenen Hereros die Zahl der weißen Opfer des Aufstaudes weilaus übersteigt, berücksichtigt man ebensowenig. Man verlangt eine exemplarische Sühne. Man
will die blutige Niederwerfung der
„Banditen“, die völlige Expropriation und Versklavung des ganzen Herero—
stammes. Das Gefühl der Rache und des Unbeschränkten Beutemachens beherrscht unsere „Kulturpioniere“.
Es ist keine Rede davon, daß der Krieg, — wie der Motivenbericht zu den Nachtrags⸗ forderungen behauptet— unblutiger verlaufen wird durch die fortwährenden Truppennach⸗ schübe, die ein regelrechtes Kesseltreiben gegen die Kaffern ermöglichen sollen. Keinenfalls wird bei der geplanten Umklammerung mit dem Blute der Eingeborenen sparsamer umge⸗ gangen werden, denen gegenüber Menschlichkeit zu üben doch wohl Pflicht des christlichen Staates ist, der ungerufen in ihr Land einge⸗ drungen ist. Hätte man weniger auf eine „schneidige“ als auf eine durch die Humanität gebotene Beilegung des unseligen Konflikts Ge⸗ wicht gelegt, hätte man nicht um jeden Preis die Strafexpedition in einen Rachekrieg umwandeln wollen, so hätte man nicht die Pläne des Obersten Leutwein durchkreuzen dürfen, der beabsichtigte, nach den ersten erfolg⸗ reichen„Züchtigungen“ mit den Hereros in Friedensverhandlungen einzutreten. Aber das paßte den maßgebenden Berliner Kreisen nicht in den Kram; sie gestatteten„Unterhandlungen“ nur zum Zwecke treuloser Ueberlistung der gutgläubigen Schwarzen.
Zu dieser Entwicklung, die das afrikanische Abenteuer nimmt, trägt außer der Lust unver⸗ antwortlicher Personen am Kriegsspiel, das ja ein unentbehrliches Requisit einer aufs„Deko⸗ rative“ gerichteten Politik ist, auch die Raub⸗ gier der kolonialen Beutepolitiker bei. Schon bor etlichen Wochen hat die„Köln. Ztg.“ da⸗ rauf hingewiesen, daß man die Gelegenheit be⸗ nützen müsse, das bisher den Hereros gehörige Land in„Krongut“ umzuwandeln. Nackte, un⸗ verhüllte Habsucht ist also eine Haupttrieb⸗ feder des Rachefeldzuges, dessen Kosten das deutsche arbeitende Volk bezahlen muß.
Konnten für die sozialdemokratische Fraktion bei den ersten Nachrichten über die Erhebung der Hereros noch Zweifel mößlich sein, ob sie die zur Niederdrückung des Aufstandes ver⸗ langten Mittel bewilligen solle, so ist es nun⸗ mehr selbstverständlich, daß sie weiteren For⸗ derungen ein schroffes Nein! entgegensetzt. Denn inzwischen hat sich mit zweifelloser Klarheit ergeben, daß es sich nicht um die Rettung von gefährteten Menschenleben, nicht um notwendige Schutzmaßregeln, sondern um einen Beute⸗ und Rachekrieg handelt.
Mit der ganzen Kolonialpolitik hat man nur dem Volke ungeheuere Lasten auferlegt, einzel⸗ nen Kapitalisten riestge Profite zugeschanzt und dem Ansehen Deutschlands geschadet. Darum muß die Losung nicht nur aller Sozialdemo⸗ kraten, sondern aller a Bürger sein: Fort mit dieser Kolonialpolitik!
politische Rundschau.
Gießen, den 17. März 1904.
Was geht vor?
Unser Zentralorgan brachte am Freitag eine Aufsehen erregende Notiz. Es wies hin auf die Art, wie gegenwärtig bei den Reichs⸗ tagsverhandlungen und sonstigen Gelegenheiten die Sozialdemokratie bekämpft wird. In un⸗
motivierter und provokatorischer Weise würde sowohl vom Regierungstische wie seitens der verschiedenen bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie zu Felde gezogen in Tönen, wie wir sie nur in der Zeit vor und während des Sozialistengesetzes zu hören Gelegenheit hätten. Andererseits wird in auffälliger Weise das Zentrum mit Liebenswürdigkeiten und Entgegenkommen überschüttet,— meint der Vorwärts weiter— obgleich gerade die Halt⸗ ung des Zentrums in der gegenwärtigen Sesston weniger als früher dazu Veranlassung zu geben
scheint.
„Alles dieses zusammen betrachtet, läßt uns eine aus guter Quelle uns zugehende Nach⸗ richt als höchst wahrscheinlich erscheinen, wonach man in den Kreisen der Reichsregier⸗ ung sich mit dem Gedanken einer Auflösung des Reichstags trägt, den man, wenn irgend angängig, schon in diesem Frühjahr verwirklichen möchte. Man hofft alsdann, wenn dabei die Parole ausgegeben würde: Gegen die Sozialdemokratie! auch einen festeren Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien zu erzielen, wofür die Verhandlungen der laufen⸗ den Reichstagssession alle Symptome ergeben haben.“
Die Regierungs- und„Ordnungs“presse verhöhnt den Vorwärts, ber sich„wieder ein⸗ mal habe hereinlegen lassen“. Und der Reichs⸗ kanzler habe geäußert: Diese Nachricht sei„zu dumm für ein Regierungsdementi“. Nun, es sind oft genug Dinge als unsinnig, als„aus den Fingern gesogen“ bezeichnet worden, die sich hinterher als durchaus richtig erwiesen. Das gilt ganz besonders für Mllitär⸗ und Marineforderungen. Und die Geschichte der letzten Jahre ist so reich an unglaublichen Vor⸗ kommnissen, daß man unmöglich mehr sagen kann, wir glauben eine Geschichte nicht, weil sie zu unstnnig ist, wir halten diese oder jene Handlung für unmöglich, weil für sie alle ver⸗ nünftigen Gründe fehlen. Dem tollen Gelächter der bürgerlichen Blätter gegenüber hält der „Vorwärts“ mit Bestimmtheit an seinen Mit⸗ teilungen fest und erklärt: 185
„Es versteht sich, daß unsere Mitteilungen über den Auflösungsplan keineswegs auf bloßen Kombinationen beruhen. Die Tatsachen, die uns bekannt geworden find, haben uns ver⸗ pflichtet, der Oeffentlichkeit Kenntnis zu geben und die Trommel zu rühren.“ f
Mag der Plan nun bestehen oder nicht, Tatsache ist jedenfalls, daß gegenwärtig in einer Weise gegen die Sozialdemokratie von allen Seiten gehetzt wird, wie dies noch kaum jemals der Fall war. Hält man damit das ewige Scharfmacher⸗Geschrei nach Wahlrechts⸗ Aenderung sowie das Entgegenkommen gegen das Zentrum und die Diäten⸗Versprechungen zusammen, so wird man geneigt sein, Verdacht zu schöpfen. Jedenfalls muß die Soztaldemo⸗ kratie stets auf der Hut sein, und sie wir d es auch.
Jesuiten herein!
Dieser Schreckensruf gellt in den Ohren der Kulturkämpfer und Protestantenvereinler. Der Bundesrat hat nämlich der Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesetzes zugestimmt und damit hat Graf Bülow sein dem Reichs-


