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Nr. 38
Gießen, den 18. September 1904.
II. Jahrgang.
Redaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse. N
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Sonnt
Mitteldeutsche
5-37
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itung.
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Bremen.
In der nächsten Woche wird sich das öffent⸗ liche Interesse vorwiegend den Beratungen zu⸗ wenden, welche die Delegierten der Dreimillionen⸗ Partei in der alten Hansestadt Bremen ab⸗ halten. Wir können ohne jede Ueberhebung sagen, daß unsere Parteitage weit mehr als diejenigen aller andern Parteien die allgemeine Oeffenklichkeit beschäftigen, trotzdem sie es noch niemals versuchten, durch irgendwelche Aeußer⸗ lichkeiten, durch eitles Schaugepränge, wie es bei den Zusammenkünften der Zentrumspartei üblich ist, die öffentliche klufmerksamkeit auf sich zu lenken. Schon darin zeigt sich ihre nicht hinweg zu leugnende Bedeutung. Wie oft haben schon gegnerische Organe die Parole ausgegeben, den sozialdemokratischen Parteitag totzuschweigen, sie können es so wenig als die Sonne verhängen. Mögen sie dabei auch schimpfen, herunterreißen, höhnen— mit Still⸗ schwe gen übergehen können sie ihm nicht. Dem⸗
egenüber wird der dieser Tage in Dresden fta den antisemitische„Parteitag“ kaum erwähnt, und dies ist ein Zeichen des gänzlichen Verfalls dieser Partei⸗Ruine.
Von der seihnigen Regsamkeit in der Partei legen die 117 Anträge Zeugnis ab, die jetzt schon vorliegen und die sich auf alle möglichen Partei- und politische Fragen beziehen. Mehrere Anträge drücken den Wunsch aus, daß so heftige und erbitterte Auseinandersetzungen, wie wir ste in Dresden erlebten, vermieden werden möchten. Das ist wohl der Wunsch aller Parteigenossen. So sehr auf freie und rück⸗ haltslose Aussprache gehalten werden muß und so wenig eine Vertuschung vorhandener Gegen⸗ sätze stattfinden darf, müffen doch Debatten wie die Dresdener verhütet werden. Dazu wird wohl jeder Delegierte sein Möglichstes tun.
Die vom Parteivorstand vorgeschlagene Tagesordnung weist leine Gegenstände auf, bei denen besonders heftige Debatten zu er⸗ warten sind. Bei den Berichten des Partei⸗ vorstandes bietet sich dazu 99 05 Anlaß, hier werden höchstens einige kritische Spähne fallen, wie immer bei diesem Punkte, wo die Tätigkeit der Parteiorgane sowie alle die internen Partei⸗ angelegenheiten zur Erörterung stehen. Möglich ist allerdings, daß in dem Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der„Fall Schippel“
zur Sprache kommt, der vielleicht eine lang⸗
wierige zoll⸗ und handelspolitische Debatte her⸗ vorruft, wobei es kaum ohne scharfe Angriffe gegen Schippels Stellungnahme abgehen dürfte.
Von großer Wichtigkeit ist der Pankt Ko m⸗ munalpolitik. Hierzu liegt eine umfangreiche Resolution des Referenten, Genossen Linde⸗ mann, vor, in der unsere Hauptforderungen auf diesem Gebiete niedergelegt und für unsere Genossen in den Gemeindevertretungen Rich⸗ tungslinien gegeben sin! Die Verhandlungen über diesen Gegensta ben bereits vor zwei Jahren auf den Parteitage begonnen
und sollen nde geführt werden. Hier hande. g um eminent wichtige und auch soc gen, doch läßt sich eine glatte Erle! een erwarten.
Eine wi ie Parteiangelegenheit
93frage, zu der eben⸗
ist die Orgen 1 55 borliegen. Die Bres⸗
falls zahlreig
lauer Parteigenossen haben sogar ein neues vollständiges Organisationsstatut vorgelegt, das einen Zentralverband für das ganze Reich vor⸗ sieht. Darüber und über die vielen andern Vorschläge zur Organisation wird es voraus⸗ sichtlich zu einer weitläufigen und gründlichen Erörterung kommen, ob sie aber zu einer ent⸗ giltigen Entscheidung führen wird, muß stark bezweifelt werden. In den einzelnen Teilen des Reiches haben sich, vielfach durch die einzel⸗ staatliche Gesetzgebung veranlaßt, gewisse Orga⸗ nisationsformen herausgebildet, mit denen die Genossen vertraut und berwachsen sind und die ohne Weiteres zu beseitigen, seine Schwierig⸗ keiten haben wird. Daß unsere jetzige Organi⸗ sation verbesserungsbedürftig— wenn auch unser Finanzminister nach den Ergebnissen des letzten Jahres über ihre finanzielle Leistungs⸗ fähigkeit nicht zu klagen hat— eine gute schlag⸗ fertige Organisation aber eine Notwendigkeit ist, darüber herrscht überall Klarheit, nur über das„Wie“ bestehen Meinungsverschiedenheiten. Und falls in Bremen noch keine Uebereinstim⸗ mung zu erzielen ist, wird sicher der nächste fügten. diese Frage ihrer Lösung entgegen. ühren.
Außer den erwähnten Fragen dürfte uns die Bremer Tagung noch eine Debatte über den„Generalstreik“ und die„Maifeier“ bringen, über welche Gegenstände, die Ansichten innerhalb der Genossenkreise auseinandergehen. Besonders über den Generalstreik, für den in letzter Zeit der Stadtverordnete Dr. Friede⸗ berg in Berlin eintrat. Ob viel praktischer Nutzen hierbei herausspringen wird, erscheint uns zweifelhaft, es genügt jedoch, wenn die Dis⸗ kussion zur Klärung der Geister in dieser Frage beiträgt. 5
Vor dem Parteitag tritt in Bremen eine Konferenz der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands zusammen, die sich hauptsächlich mit der Frauen⸗Agitation, dann mit dem Kinderschutz, Zehnstundentag und Volksschule beschäftigen wird.
Gerade auf dem Gebiete der Frauenagitation muß noch eine Riesenarbeit geleistet werden, die uns aber bedeutende Erfolge versprtcht. Es muß anerkannt werden, daß in der soztal⸗ demokratischen Frauenbewegung durch die wenigen, aber ungemein eifrigen agitatorischen Kräfte bedeutende Fortschritte zu verzeichnen sind. So wird auch diese, wie die vorher⸗ gegangenen Frauenkonferenzen, Anregungen zu neuer, intensiver Arbeit geben.
Hoffen wir, daß die Arbeiten des Bremer Parteitags wiederum zur Förderung unserer Sache und zur Weiterentwickelung unserer Be⸗ wegung beitragen werden. Gegenüber den fort⸗ währenden Augriffen, denen unsere geringfügigen Volksrechte, besonders das Reichstagswahl⸗ recht, von reaktionärer Seite ausgesetzt sind, gilt es, unsere Reihen fest zur Abwehr zu schließen. Bei keiner anderen Partei finden die Rechte des Volkes und die Interessen der Besitzlosen zuverlässigen Schutz! Möge unser Parteitag, den wir zu seinen Arbeiten herzlich beglückwünschen, sich die Worte Klaars im „Postillon“ als Richtschnur dienen lassen: Dem Feinde zeigt des Schwertes scharfe Schneide, Das ist's allein, was sicher vorwärts bringt.
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Wit in den Kreis- und Amtsblättern die„öffentliche Meinung“ gemacht wird.
Neulich hat einer, den das Schicksal dazu verurteilte, Kreisblatt⸗Redakteur in einem westdeutschen Städtchen spielen zu müssen, seine Erfahrungen als solcher in der„Frkftr. Ztg.“ mitgeteilt. Und was der arme Tinten⸗ kult da ausplaudert, läßt uns einen Blick tun in die Geisteswerkstatt jener edlen Organe für Sitte und Ordnung, die tagtäglich im Brust⸗ tone der Ueberzeugung ihre Stimme erheben für die heilige, gottgewollte Ordnung, für Königstreue, Religion, Zufriedenheit und andere schönen Dinge, dagegen dröhnend donnern gegen die verruchte, umstürzlerische Sozialdemokratie. Der Leser kann danach den Wert dessen beur⸗ teilen, was Blätter vom Schlage des Gießener Anzeigers, des Wetzlarer Kreisblattes, des biederen Marburger Oberhessen und ihrer sämt⸗ lichen anderen größeren und kleineren„amtlichen“ Kollegen ihren Lesepublikum vorsetzen. Doch lassen wir den Mann selber reden! Unter andern erzählt er darüber, dem ein junkerlicher Landrat ihm vorschrieb, was er als öffentliche Meinung von sich geben sollte, folgendes:
„Es war die Zeit der Reichstags⸗ wahlen, die Sozialdemokratie hatte einen Erfolg errungen, der die reichs⸗ und bibeltreuen Thron- und Altarstützen aus allen Himmeln fallen ließ. Während alle Welt betonte, wie trefflich das herrschende Regierungssystem an dem Erfolge der Roten mitgearbeitet, gingen die„Stützen“ vor der Oeffentlichkeit mit hohler Phrasendrescherei über den Reinfall hinweg. Innerlich jedoch wurmte es die Herren furcht⸗ bar. Schließlich kam man auf den Gedanken, daß doch irgend jemand an dem betrübenden Ergebnis Schuld tragen müsse. Endlich hatte man den Prügelknaben gefunden. Er nannte sich das„Amtliche Kreisblatt“. Daraufhin erhielt ich die übliche Einladung zu einer Besprechung mit dem Herrn Landrat und wurde von diesem ziemlich ungnädig empfangen. „Ich muß Sie wirklich bitten, Herr Redakteur, fester auf die Sozialdemokraten ein⸗ zuhauen. In der jüngsten Reichstagswahl haben diese gegen früher allein in unserem Kreise über 300 Stimmen gewonnen. Sie müssen das Volk mehr bearbeiten. Vor allen Dingen bitte ich mir aus, daß Sie nichts bringen, was geeignet sein könnte, Majestät und Regierung in ein schiefes Licht zu stellen.“ Als ich eine Erwiderung stammelte, hieß es: „Wenn Sie das nicht wollen oder können, müssen wir uns eben den geeigneten Mann dafür suchen.“ Damit konnte ich den heimischen Penaten zusteuern. Das Schreckgespenst der Stellenlosigkeit und die bevorstehende Vergröße⸗ rung meiner Familie lehrten mich die bittere Pille schlucken, und ich parterte.“
Weiter hören wir über den Terrorismus, der da von„oben“ herunter ausgeübt wird:
„Der politische Horizont, dessen erleuchtende Strahlen täglich auf meine bedauerns werte Leserschar scheinen sollten, ward mir in Form der Schweinburgschen„Neuen Reichskorre⸗ spondenz“, die mir täglich gratis auf den Re⸗ daktionstisch flatterte, vorgezeichnet. Diese manchmal mehr als alberne Zurechtstutzung


