Ausgabe 
17.7.1904
 
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Nr. 29. Gießen, den 17. Juli 1904. 11. Jahrgang. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Kaachuitlag 4 Uhr. e

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Das Erfurter Programm. II.

Die Konzentration des Kapitals führt bekanntlich nach Marxscher Anschauung nicht bloß zu einer Auflösung des überkommenen selbst⸗ ständigen, im wesentlichen ohne dauernde Lohn⸗ arbeit im Gange gehaltenen Kleinbetriebs, son⸗ dern auch zu einer Vermehrung der Reserve⸗ armee von Arbeitskräften. Sie wirft weit mehr Arbeitskräfte auf den Markt als dieser auf⸗ nehmen kaun. Jedoch nichts ist irriger, als die Anschauung, die ganze industrielle Reservearmee bestehe aus Arbeitslosen. Im Gegenteil, diese bilden nur einen Bruchteil davon, nur ihre höchsten und tiefsten Schichten hier Lumpen⸗ proletarier, Tagdiebe, die die Arbeitslosigkeit nicht scheuen, dort organisierte Arbeiteraristo⸗ kraten, deren Organisation stark genug ist, ihre Arbeitslose eine zeitlang über Wasser zu halten. Aber die große Mittelschicht derjenigen, die noch Lohnarbeit suchen und keine ihren beruflichen Fähigkeiten entsprechende finden, sind gezwungen, sich an andre Möglichkeiten der Verwertung ihrer Arbeitskraft anzuklammern. Die einzige Alternative zur Lohnarbeit bietet aber heute die Arbeit in einem eigenen Kleinbetrieb der genossenschaftliche Betrieb kommt als Massen⸗ erscheinung noch nicht in Betracht. Je rascher also die Konzentration des Kapitals vor sich geht, je rascher sie den ursprünglichen Klein⸗ betrieb ruiniert und die industrielle Reserve⸗ armee ausdehnt, desto größer der Drang unter den freigesetzten Arbeitskräften nach Begründung oder Erhaltung von Kleinbetrieben. Der Ver⸗ drängung des Kleinbetriebs hier entspricht seine Ausdehnung dort.

Die Konzentration des Kapitals beseitigt heute in Deutschland den Kleinbetrieb am ra⸗ schesten in der Industrie der Leuchtstoffe, wo von 1882 bis 1895 die Kleinbetriebe um 54 pit. abnahmen, der Industrie der Steine und Erde(Abnahme 24 pt.) Bergbau und Hüttenwesen(Abnahme 34 pzt.), Textilindustrie (Abnahme 42 pzt.)

Aber dieselbe Entwickelung vermehrte die Kleinbetriebe im Handelsgewerbe um 39 pzt., im Versicherungsgewerbe um 60 pZt., im Gewerbe der Beherbergung und Erquickung um 35 pzt. Bei der Herstellung von Tabak und Zigarren vermehrten sich die Kleinbetriebe von 5465 auf 9708, um 78 pZt., im Hausierhandel, von 202709 auf 312059, das sind 54 pt. Diesen Zahlen gegenüber sind die Zuwachszahlen der land⸗ wirtschaftlichen Betriebe unter 2 ha(5,8 pzt.) und von 2 bis 5 ha(3,5 pzt.) höchst gering⸗ fügiger Natur. Wenn man auf die bloßen Zahlen der Statistik ginge, könnte man auch für den Handel, die Schenkwirtschaft, die Tabak⸗ fabrikation und noch ein paar kleinere Indust⸗ riezweige den Grundsatz verkünden, daß für sie das Gesetz der Kapitalskonzentration nicht gelte. Und doch wissen wir ganz genau, daß es auch hier in Kraft ist.

Die neuen Kleinbetriebe, die aus der Kon⸗ zentration des Kapitals hervorgehen Heim⸗ arbeiter, Hausierer, Zwergbauern usw., sind eben ganz anderer Natur als die durch die Konzentration des Kapitals beseitigten. Diese beruhten auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, die das freie Eigentum

ihrer Besitzer waren; der neue Kleinbetrieb er⸗ hält die wichtigsten seiner Produktionsmittel vom Kapital vorgeschossen, dem er dafür dienstpflichtig wird der Kleinbauer auf dem gepachteten oder verschuldeten Boden nicht min⸗ der als der Heimarbeiter, dem das Rohmaterial vom Verleger übergeben wird, oder der Schenk⸗ wirt, der nur der Beauftragte der Brauerei ist, ebenso wie der Hausierer oder Kleinkrämer, der die Waren, die er vertreibt, auf Kredit bezieht.

Der alte Kleinbetrieb bildete einen Mittel⸗ stand sein Besitzer, halb Kapitalist, halb Lohnarbeiter, stand zwischen beiden. Der Be⸗ sitzer des neuen Kleinbetriebs steht unter dem Lohnarbeiter; er ist viel wehrloser als dieser, seine Lebenshaltung steht oft tiefer, seine Ar⸗ beitszeit wird länger ausgedehnt, Weib und Kind viel mehr ausgebeutet. Der neue Klein⸗ betrieb bildet nicht eine Position, in die der Lohnarbeiter aufsteigt, sondern eine in die er herabsinkt neben den zu ihr herabkommenden, selbständigen Besitzern von Kleinbetrieben.

Der alte Kleinbetrieb, der durch die Kon⸗ zentration des Kapitals beseitigt wird, bildete einen Konkurrenten des letzteren; er stand dem einzelnen Kapitalisten freundlich gegenüber als Mitglied der gleichen Klasse selbständiger Pro⸗ duzenten. Der neue Kleinbetrieb bildet ein Ausbeutungsobjekt des Kapitals und als Reserve von Arbeitskräften des Großbetriebs eine Voraussetzung für dessen Gedeihen; er steht dem Kapitalisten feindlich gegenüber nicht als Mitglied der gleichen Klasse, sondern als Mit⸗ glied einer anderen, von ihm unterdrückten und ausgebeuteten Klasse des Proletariats.

Der kapitalistische Großbetrieb kann sich nicht entwickeln, wenn ihm nicht eine Reserve von Arbeitskräften zu Gebote steht, die einerseits auf den Lohn der beschäf⸗ tigten Lohnarbeiter drückt, andererseits dem Kapital gestatter, jede Konjunktur auszunützen und die Produktion zeitweise sprunghaft durch rasche Einstellung neuer Arbeitskräfte zu er⸗ weitern.

Diese Reserve bietet ihm weniger die Schar der Arbeitslosen als die neue Sorte von, man kann sagen, proletarisierten Kleinbetrieben. Nur in verhältnismäßig wenigen Arbeitszweigen ist bisher eine ausreichende längere Arbeitslosen⸗ unterstützung möglich gewesen. Die Masse der eine größere Zeitlang Arbeitslosen verkommt, entwöhnt sich der Arbeit, wird für die Aus⸗ beutung durch das Kapital unbrauchbar. Ganz anders die Arbeiter und Besitzer der proletari⸗ sierten Kleinbetriebe. Sie sind stets geneigt, der Großindustrie zuzuströmen, sobald dort lohnende Arbeit vorhanden ist, und sie kommen zu ihr mil aller der Arbeits willigkeit, Geschicklichkeit und Unterwürfigkeit, die der proletaristerte Klein⸗ betrieb erzeugt.

Sobald eine länger dauernde Aera der Prosperität sich fühlbar macht, verlassen zahl⸗ reiche Arbeiter von ländlichen und städtischen Kleinbetrieben ihre bisherige Arbeitsgelegenheit, um sich dem Großbetrieb zuzuwenden. Der Besitzer des Kleinbetriebs selbst ist, namentlich in der Landwirtschaft, meist zu sehr an ihn ge⸗ fesselt, um ebenfalls ohne weiteres seine Arbeits⸗ kraft dem Großbetrieb zuwenden zu können. Aber er sendet ihm die energischsten und intellt⸗ gentesten seiner Familienmitglieder zu, so daß der Kleinbetrieb öft nur noch von Greisen und

Kindern betrieben wird, so am deutlichsten seine neue Funktion in der kapitalistischen Aera be⸗ zeugend, die als Produktionsstätte von neuen Arbeitern und Depot für überflüssig gewordene Arbeiter zu dienen.

Nicht blos der industrielle, auch der land⸗ wirtschaftliche Großbetrieb bedarf immer mehr dieser vom Kleinbetrieb gelieferten Reserve⸗ armee; ja der landwirtschaftliche Großbetrieb noch mehr als der industrielle. Denn einer der Umstände, die ihn im Gegensatz zum letzteren bedrängen, rührt daher, daß die neue Technik, namentlich die Arbeitsteilung und das Maschinen⸗ wesen, die Landwirtschaft dort, wo sie kapita⸗ listisch betrieben wird, immer mehr zu einem

Saisongewerbe machen, das zeitweise großer

Arbeitermassen, in der Zwischenzeit aber nur weniger Arbeitskräfte bedarf. Daher die Ar⸗ beiternot der Großgrundbesitzer, die noch viel ärger wäre, ohne die Reserve des Kleinbauern⸗ tums, namentlich im Osten Deutschlands und jenseits seiner Grenzen, die jahraus jahrein als Wanderarbeiter den Großbetrieben die sehnlichst erwarteten Arbeitskräfte liefern. Ohne diesen von den kleinen Bauern gelieferten Ueberschuß an Arbeitskräften wäre der landwirtschaftliche Großbetrieb in Deutschland in noch viel größerer Bedrängnis als er ist. Insofern ist also bei der heutigen Organisation der Produktion der Kleinbetrieb für den Fortgang der Landwirt⸗ schaft unentbehrlich; nicht als technisch über⸗ legener Konkurrent des Großbetriebs, sondern als der sicherste und ausgiebigste Lieferant von Proletariern für den Großgrundbesitz. Dieser sucht denn auch selbst Kleinbetriebe künstlich zu schaffen, um mehr Proletarier geliefert zu be⸗ kommen.

So sehen wir, daß die Konzentration des Kapitals selbst wieder ein Bedürfnis nach einer sprba von Kleinbetrieben erzeugt und ste ördert.

Um das Wahlrecht.

Nun hat die Zweite Kammer in nur zwei Tagen den Rest der Wahlrechts vorlage erledigt. In der letzten Lesung kam es auch über die schwierigste und am meisten umstrittene Frage der Wahlkreiseinteilung zu einer Verständigung, für welche die Aussichten sehr gering geworden waren. Wir wissen wohl, daß die Wahlkreiseinteilung keinesweg eine gerechte genannt werden kann einzelne Kreise sind an Bevölkerung doppelt so stark als andere doch muß man sich doch einstweilen damit zu⸗ frieden geben. Die Hauptsache ist, daß wir in Hessen das direkte Wahlrecht haben, wenn diese Vorlage Gesetz wird und außerdem noch eine Reihe vernünftiger und volkstümlicher Wahleiurichtungen. Das bedeutet zweifellos einen Fortschritt, gegen welchen die Ungleichheit der Wahlkreise weniger ins Gewicht fällt. Die Freude an dem Fortschritt kann höchstens die noch rückständige Bestimmung der dreijährige n Staatsangehörigkeit als Vorbedingung für das Stimmrecht beeinträchtigen.

Die Regierung hat sich ihre Entschließung zu den Kammerbeschlüssen vorbehalten. Obwohl sie sich früher entschieden gegen die Aufhebung des besonderen Wahlrechts der Städte Alsfeld, Friedberg und Bingen aussprach, so darf trotz⸗ dem erwartet werden, daß sie der neuen Wahl⸗