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Seite 6.
2 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Unterhaltungs-Ceil.
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Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.) Ein erhebendes Gefühl durchdrang ihn. Er hatte mit seinem Vater gekämpft und— ge⸗ siegt. Er hatte nichts mehr verheimlicht, ihm nichts vorgespiegelt, sondern ganz ehrlich alles gesagt, wie's war— und der Alte hatte nichts
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darauf machen können!— Sinnend stand er 3—— 2
da, plötzlich glänzte erer einem Lächeln, wie
„ein, Mensch,-der aufs angenehmste überrascht ist. Was die Bäbe von ihm verlangt und er für ganz und gar untunlich gehalten, das war ja nun doch geschehen— und ohne daß er's darauf angelegt hatte! Er hatte dem Vater esagt:„Die Sibylle mag ich nicht, ich will le Bäbe!“— Und der Vater hatte zwar ge⸗ tan, als ob er ihn fressen wollte, aber es zu⸗ letzt doch schön bleiben lassen!— Ja, die Bäbe hatte recht, die war gescheit und kannte die Menschen! Aber er hatte sich auch viel besser benommen, als er sich's zugetraut: er war denn doch der armselige Kerl nicht, für den er sich selber gehalten, 3 es steckte noch was ganz anderes in ihm!— Der An- fang war gemacht, er war auf dem rechten Wege, und nun ging's weiter ans Ziel— da war kein Zweifel mehr.
Er legte sich vergnügt zu Bette und schlief bis zum lichten Morgen.
Als er erwachte, hatte sich die Sonne, durch dünne Wolken scheinend, bereits eine ziemliche Strecke über den Hortzont erhoben. Es near indes Feiertag, er konnte sich noch im Bette dehnen, und er tat es. Seine Glieder waren von Schmerzen beinahe ganz frei, und ein Lächeln entlockte es ihm, als er zwei Mäler an seinem Oberarm, die gestern noch blau ge⸗ wesen waren, heute schon ins Grünliche über⸗ gehen sah. Er wußte aus Erfahrung, daß sie dann bald ganz verschwinden und nichts mehr übrig bleiben würde als die guten Folgen.
Während er sich anzog, kam ihm der Ge⸗ danke, ob er nicht seine günstige Stellung be⸗ nutzen und dem Alten sogleich die Einwilligung zur Heirat mit der Geliebten abnötigen solle. Es kam ihm nicht ganz unmöglich vor, daß er am Ende nachgab, wenn er sah, wieviel bei ihm die Glocke geschlagen hatte.— Mit Ent⸗ schlossenheit ging er hinunter in die Stube.
Der Alte saß allein hinter dem Ofen, und das war günstig. Tobias sagte Guten Morgen und trat näher. Wie er ihm aber in das er⸗ hobene Gesicht sah, fühlte er gleich, daß die rechte Zeit für sein Unternehmen doch nicht gekommen sei. Der Alte sah gefährlich aus. Die Schlappe, die er gestern erlitten hatte, nagte an ihm, er war in tiefen Unmut ver- sunken. Ruhig saß er da; aber es war eine Ruhe, die ein einziges schiefes Wort in den wildesten Sturm verwandeln konnte.— Nach- dem der Sohn dies erkannt, wandte er sich, stimmte sein Triumphgefühl herab und ging still mit ehrbarer Miene hin und her, indem seine Stimmung wieder eine bedrückte zu wer⸗ den begann.
Die Glocken erschollen vom Turme. Er zog seinen Tuchrock an und setzte seinen Schaufel⸗ hut auf, um in die Kirche zu gehen. Sein Inneres erfüllte sich mit resigniertem Ernste, und er war sehr geneigt, andächtig zu sein wie irgend einer der ledigen Burschen. Auf dem Wege begegnete ihm jedoch ein Bekannter, der auf seinen Gruß mit auffälliger Miene dankte. Es war ein guter Mensch, aber jetzt lächelte er fast so, als ob er ihn auslachte. — Nicht lange, so ging einer seiner frühern Widersacher an ihm vorüber. Dieser zeigte ein Gesicht, aus welchem die Schadenfreude ordent⸗ lich leuchtete, und Tobias sagte sich augenblick⸗ lich: man weiß es!
2% gorhorgen
Darauf war er nicht vorbereitet. Sein Herz fing an zu pochen, Schamröte übergoß ihn. Wenn es die zwei wußten, dann wußte es das ganze Dorf— und dann war Spott und Schande nicht zu vermeiden.— Es half nichts, daß er sich die Möglichkeit vorhtelt, seine Vermutung könnte doch irrig sein. Ein drittes Gesicht von einem ältern Verwandten sprach viel zu deutlich. Er täuschte sich nicht. Es war ausgekommen— Gott weiß wie!— Die Leute wußten, daß er Schläge bekommen und warum, so sahen sie aus!—
Mit Gefühlen, die wenig Kirchliches hatten, trat er in das Gotteshaus ein und ging auf die„Vorkirche“(Emporkirche) an seinen Platz unter den Ledigen. Er fürchtete, aller Augen würden sich auf ihn richten, sah daher grad vor sich hin und gab sich die größte Mühe, seine Verlegenheit hinter einer feierlichen Miene
u verbergen. Mit dieser seiner Furcht ging er indes zu weit; denn so wichtig erschien er im gegenwärtigen Augenblick der Gemeinde doch nicht, daß sie nur Augen für ihn haben sollte. Einige mitleidige Blicke von seiten junger Burschen— das war alles, was er erreichte; und das dauerte nur einen Moment. Als das Lied begann, dachte niemand mehr an den Schneider.
Er fing an, sich zu gewöhnen, und sang kräftig mit. Plötzlich traf ihn ein anderer Ge⸗ danke. Wenn der Pfarrer selbst etwas wußte und von der Kanzel her seinen Blick auf ihn richtete— oder gar in der Predigt eine An⸗ spielung auf ihn machte, wie das schon vorge⸗ kommen war? Und wenn dann erst recht alles auf ihn sah und er dastand wie ein Gerichteter? — Aengstlich und bekümmert folgte er dem Gange des Gottesdienst. Bei Lesung des Textes ging ihm ein Stich durchs Herz: es war die Parabel vom verlorenen Schafe! Wie leicht war da eine Hindeutung auf ihn!— Er bebte merkbar, und nur mit der größten Anstrengung Pewag es ihm, die Empfindungen, die ihn in
ewegung setzten, nicht ganz deutlich werden zu lassen.— Die zweite Sorge war indessen noch unnützer als die erste. Ler Pfarrer hielt eine warme herzliche Rede, die sich durchaus im allgemeinen bewegte, und Tobias fig an zu begreifen, daß, wenn seiner darin gedacht worden wäre, dies für ihn wur ehrenvoll hätte sein können.
Viel ruhiger, als er sie betecteu, verließ er die Kirche. Auf dem Heimweg sah er zwar noch einige lächelnde Gesichien, aber die Heiter keit derselben schien ihn doch viel weniger boshaft zu sein, und er en peaud sie denn auch wieder weniger peinlich. J; einer mittleren Stimmung kam er nach Hause und behauptete dieselbe während des Mittagessens. Später lockte ihn das schöne Welter in den Garten. Er ging hin und her, setzte sich auf eine Bank unter den dicksten Baum, und in der frischen
Luft, unter dem freundlichen Himmel wurde
er ruhiger und heiterer. Die Geschichte konnte auch leichter vorübergehen, als er sich dachte; ja, sie konnte sogar zu seinem Nutzen aus⸗ schlagen— wer wußte das!—
Eine geraume Zeit verging. Als es vier Uhr schlug, erhob sich in ihm die Frage, ob er ganz zu Hause bleiben oder noch unter die Leute gehen sollte. Das erste war gefahrlos, aber auf die Dauer langweilig; das zweite gewagt, aber ehrenvoller und so oder so unter⸗ haltender. Nach kurzem Besinnen rief er: „Was da!— ich geh' ins Wirtshaus!“
In dunkelblauer Juppe, die Pelzkappe ein wenig auf rechte Ohr gesetzt, ging er mutig die Gasse hinab. Er suchte munter auszusehen und grüßte ein paar Mädchen, die am Wege standen, lustig, so daß sie ihm verwundert dankten. Als er das Wirtshaus erblickte, wurde er ernster. Die Gefahr, der er ent⸗ gegenging, kam ihm zum Bewußtsein, und er waffnete sich darauf.
Im Tennen traf er das Wirtsmädchen. Diese sah ihn gutmütig an und sagte:„Die ledigen„Burscht“ find im Garten.“
Tobias überlegte einen Moment, ob er nicht lieber in die Stube gehen sollte; aber der Mut siegte, und er ging durch die Hintertür zu seinesgleichen.
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Eine frische, heitere Szene bot sich ihm dar. 70 Rechterhand vor einem Kegelplatz standen junge ns n Leute und versuchten auf der unbedeckten, von 95 den Wirtsleuten stiefmütterlich behandelten„ Bahn mehr ihr Glück als ihre Kunst, voll? pumt führten aber dabei nur einen um so fröhlicheren da Lärm. Links an einer Tafel saßen ältere algen Bursche, die sich mehr ans Trinken des Gere Taba braunen Bieres und an ergötzlichem Gespräch che hielten. Die Sonne war über die zarten Wol⸗ Puazui ken, die ste vormittags schleierartig umzogen 90 hatten, völlig Herr geworden, der Garten stand Fuba im herrlichsten Frühsommerglanz, Laub und h Gras leuchteten, in den warmen Strahlen er- T0 lustigten sich Käfer und Fliegen, oben in den gil er Luft weißbauchige Schwalben, die zwitschernd uo in der Luft hin und her flogen und auf und Ab ab tauchten wie in einem Bade. Die Natur du war glücklich und die Menschen so vergnügt, f 15 es Bauern am Sonntag nur irgend sein 0 17 können. 6% In der Unterhaltung der Trinker war eine 1 kleine Ebbe eingetreten; aber im Schweigen dc saßen die tüchtigen Bursche so behaglich da Ind wie vorher im Diskurs. Als sie des Tobias g diuge ansichtig wurden, belebten sich die braunen 0 Gesichter plötzlich, und mehrere Stimmen riefen 91 wie aus einem Munde:„Ah, der Schneider!“ r.
— Es war eine eigene Mischung von Bosheit und Wohlwollen gegen den, der ihrer Bosheit als Opfer entgegenkam! 1 Als Tobias die Mienen sah, erkannte er sein Schicksal und lenkte seinen Schritt gegen die Kegelbahn. Da öffnete ein breitköpfiger, ur⸗ 1 gesunder, grundvergnügter Kerl an der Schmal⸗ 1 0
U seite der Tafel eine Art Wolfsrachen und rief die so gutmütig als möglich:„Schneider, Bruder? Mich herz! Da komm her und setz dich zu uns 4 nnen
Tobias zauderte, denn der Bursch, namens vue „Leard“(Leonhard), war ein bekannter„Uzer“? übe de aber dieser fuhr fort:„Laß die Buben kegeln 1 de be und setz dich zu deinen Kameraden. Komm, da Vladin neben mir ist noch Platz!“ et
Tobias, in Ermangelung einer Ausrede A1 folgte willenlos und setzte sich. 12 5
. 1 wandten sich nun auf Tobias 15 und Leard..
Dieser hatte dem Schneider mit seinem 1 1155 Kruge aufgewartet und sah, während er trank, 4 sihung vor sich hin. Dann begann er:„Nun sag mir, dere Schneider, wie geht's allweil? Ich hab' dich lang nicht gesehen!“ Und indem er ihn betrach- tete, fuhr er teilnehmend fort:„Du bist ein wenig bleicher als sonst— ist dir vielleicht etwas zugestoßen?“ 111
Tobias, der allerdings etwas bleicher war 0 als sonst, aber nur, weil er merkte, was der 1 Leard mit ihm vorhatte, versetzte trotzig:„Bah. mc was sollt mir zugestoßen sein? Ich wüßt'“ f 3 nicht was!“
Dieser Antwort folgte ein Ausbruch von f. 0 Heiterkeit, der den Humor des Burschen nicht 1 0 heben konnte. 10
Leard dersetzte:„Nun, nun, zustoßen kann 0 D. einem immer etwas— für Unglück kann kein un g
Mensch. Man kann verschreckt werden, mann ten;
kann hinfallen, gefährlich hinfallen—“ 1 5 0
„Besonders bei der Nacht,“ warf ein feinen 0 junger Bursch ein,„wann's finster ist.“ 1 0
„Ja wohl“, fuhr Leard fort;„bei der N 6 en Nacht ist viel möglich, da hat der Teufel sein. 170 Spiel, nam ntlich wenn man auf 1 2 geht, ue die man noch nicht recht gewohnt ist.“ Und 5 den Tobias betrachtend, der nun in der Tat 8 wie ein armer Sünder dasaß, rief er plötzlich: „Schneider, Schneider, ich hab's getroffen; Die fan
ist etwas passiert, und das was recht wider⸗ 0 e Sag's, Tobias! Sag's deinen Kame-
raden!“ d 9 Diese Aufforderung war mit aller Teil- 1 nahme eines echten Freundes gesprochen, und i Tobias, der vergebens nach einer passenden en; Entgegnung suchte, fühlte sich in der unbehagn⸗ a
lichsten Lage. Da es mit seinem Humor gän lc lich vorbei war, legte er sich auf den Aerge ben; und rief:„Was habt ihr denn aber heut? Ich ii weiß ja gar nicht, was ihr wollt! Laßt mich bf gehen— oder ich geh'!“ b J
„Ah,“ entgegnete Leard mit vorwurfsvoller A Miene,„Das wirst du uns doch nicht tun? i al
Fortgehen von deinen besten Kameraden 2“ Und


