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1 Nr. 3.
Gießen, den 17. Januar 1904.
11. Jahrg.
in der modernen Geschichte dastehen.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
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„Unparteilichkeit.“
Die angeblich„unpartetische“ Berliner Scherl⸗ Presse, wie Lokal⸗Anzeiger, Tag usw. hatten sich vor Weihnachten an die„wissenschaftlichen Führer der Menschheit“ gewandt mit der Bitte, ihnen zu ihrer, der Scherl⸗Presse, wirksamen Reklame ihre Ansichten über das zwanzigste Jahrhundert mitzuteilen, in das wir seit drei Jahren eingetreten sind.
Die„Unparteiischen“ hatten sich auch an den englischen Gelehrten Alfred Russell Wal⸗ lace gewendet. Dieser sandte auch einige Sei⸗ ten ein, die aber nicht veröffentlicht wurden, wiewohl der Genannte als Mitbe⸗ gründer der Entwicklungsteorie internationalen Ruf hat, als Reklame⸗Vorspann also sehr nütz⸗ lich zu verwenden ist.
Weshalb die Zurückweisung? Die Antwort giebt der Artikel Wallaces, der folgenden Wort⸗ laut hatte:
Aussichten und Hoffnungen auf die nächste Zukunft. Ich erwarte keine großen politischen Und sozialen Aenderungen vom nächsten Jahre, wohl aber hoffe und glaube ich, daß die große Bewegung unter den Arbeitern zugunsten einer bernünftigeren und gerechteren Regierungs⸗ weise und sozialen Organisation weiter wachsen wird, wie sie in den fortgeschritten eren Ländern, besonders in Deutschland und Frankreich, die Arbeiterbewegung hinreichend machtvoll werden wird, um der Reaktion Trotz zu bieten, und auch imstande zu sein, eine Gesetzgebung einzuleiten und vielleicht durchzusetzen, um die persönliche Freiheit auszudehnen und den mili⸗ tärischen Ausgaben Einhalt zu gebieten.
Ich glaube, daß dieselbe Bewegung bestimmt ist, im zwanzigsten Jahrhundert große und wohltuende Resultate zu erzielen. Die Ereig⸗ nisse der letzten Jahre mußten alle fortgeschrit⸗ tenen Denker überzeugen, daß es vergeblich ist, von den gegenwärtigen Regierungen der großen zibllistierten Länder irgendwelche Verbesserung zu erwarten;: ihre militär⸗ ischen und bureaukratischen Organisattonen sind eine Gefahr für die Freiheit, für die uationale Sittlichkeit und für allen wirklichen Fortschritt
zu einer vernünftigen sozialen Entwickelung.
Diese Organisationen sind es, die uns in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts Bei⸗ spiele von Heuchelei und Verbrechen gegen Freiheit, Menschlichkeit und Christentum boten, die fast ohnegleichen Kaum war die Tinte an den Akten der Haager Kon⸗ ferenz trocken..„ als die Unterzeichner dieser Akte sich auf die schwächeren Völker warfen, ohne jede vernünftige Ursache, und oft im Gegensatz zu ihren Verfassungen und feierlichen Versprechen ihrer Vertreter. England überzog Südafrika mit Feuer und Schwert und nahm den Republiken ihre e de die es ihnen garantiert hatte,— ein Verbrechen, das noch durch die Heuchelei erschwert wird, wo⸗ mit es begangen wurde... Die Vereinigten Staaten von Amerika haben— im Gegensatz zu ihrer Verfassung— in einem blutigen Kriege die um Unabhängigkeit ringenden Phi⸗ lippinen niedergeworfen. Ruß land, das die Haager Konferenz einberief, verfolgte unmittel⸗ bar darauf die Juden und die Duchoborzen wegen ihrer Religion und nahm den Finnen,
die an wirklicher Zivilisatton viel höher stehen als die Russen, die ihnen garantierten Frei⸗ heiten. Diese drei Regierungen, wie auch Deutschland und Frankreich, überfielen China und übten dort Barbareien und Schlächtereien aus, die sie auf ewig in der Geschichte degra⸗ dieren werden.
Dies sind die Taten der offiziellen Regierungen der Nationen, die den An⸗ spruch machen, an der Spitze der Zivilisation und Religion zu stehen! Und sie zeigen keine Spur von Besserung!
Aber zum erstenmal in der Weltge⸗ schichte haben die Arbeiter— die Quelle alles Reichtums und aller Zivilisation— die Gelegenheit, sich zu bilden und zu organisieren, um eine Stimme in der munizipalen und natio⸗ nalen Regierung zu erhalten. Sobald sie sich ihrer Macht bewußt werden und zur Einigkeit über ihre Ziele gelangen, wird der Anbruch einer neuen Aera beginnen.
Vor allem müßten sie danach trachten, durch Einigkeit in ihren Handlungen stark zu werden, dann den Militarismus zu schwächen, um ihn schließlich zu beseitigen. Das zweite Ziel sollte sein, die Bureaukraten zu be⸗ schränken und sie in Diener des Volkes zu ver⸗ wandeln. Drittens, die Vereinfachung des Rechiswesens. Viertens, das größte aller Ziele: die Organisation der Arbeit, die Beseitigung des Erbrechts und die Herstellung gleicher Arbeitsgelegenheit für alle. Die Ausführung dieser Ziele wird erst den wahren Individualis⸗ mus herstellen, der unter den gegenwärtigen Umständen unmöglich ist... Zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte sind die Arbeiter bestrebt, der internationalen Verhetzung ein Ende zu machen; die Völker aller Länder wer⸗ den Brüder und würdigen die Tugenden, die jedem von ihnen angeboren sind.
Das Volk ist immer besser als seine Regie⸗ rungen. Aber diese haben die Macht, den Relch⸗ tum, die Tradition und die unersättliche Gier nach Eroberung und Beherrschung andrer Men⸗ schen gegen deren Willen. Es bleibt also nur das Volk, von dem die Zukunft der Menschheit abhängt.——
Dies der Artikel mit Weglassung einiger Sätze. Sein Verfasser stellte sich die Unparteilichkeit der deutschen sogen.„unparteiischen“ Presse jeden⸗ falls etwas anders vor, als sie in Wirklichkeit ist. Eine solche freie und entschiedene Sprache können jene Preßorgane, die nur den Zweck haben, ihren Besitzern die Taschen zu füllen, nicht gebrauchen. Dazu gehört vielmehr, daß man in den oberen Regionen, bei den Regie⸗ rungsleuten und ihren Auftraggebern, der Ka⸗ pitalistenklasse, nicht anstoßt, was durch Ver⸗ öffentlichung des Artikels zweifellos geschehen wäre. Deshalb lehnte ihn der„Unparteiische“ Scherl ab. Der Gelehrte stellte das Manu⸗ skript nun der englischen Wochenschrift„Clarion“ zur Verfügung, die es abdruckte und dabei, wie ein Parteiblatt hinzufügt, Bemerkungen über die deutsche bürgerliche Presse machte, die sich unter der deutschen Preßfreiheit nicht wie⸗ der geben lassen. So ist dem Inseratengeschäft kein Schaden zugefügt worden.
Dieses Vorkommnis zeigt neben vielen an⸗ dern Beispielen wieder einmal, wie die berühmte „Unparteilichkeit“ dieser Sorte Presse aussieht.
Politische Rundschau.
Gießen, den 14. Januar 1904.
Der Reichstag
hat am Dienstag seine Arbeiten wieder auf⸗ genommen und zunächst Rechnungssachen, die in großer Fülle vorlagen, erledigt. Dabei kam es zu einigen Plänkeleien; die Zentrumsleute Bachem und Das bach stellten sich so, als ob sie gewillt seien, die großen Etatüberschreitungen, wie sie besonders beim Kolonialetat in Mode sind, künftig nicht mehr stillschweigend zu ver⸗ schlucken. Von den vorliegenden Interpellationen kann zunächst diejenige unserer Fraktion wegen der Wurmkrankheit zur Verhandlung. Sie wurde von dem Genossen Sachse in eiuer äußerst trefflichen Rede begründet und von dem Grafen Posadowsky und dem Handelsminister Möller beantwortet. Graf Posadowsky be⸗ schränkte sich darauf, die Maßregeln mitzuteilen, die in den außerpreußischen Staaten, in Bayern, Sachsen und Elsaß⸗Lothringen, zur Bekämpfung der Seuche ergriffen worden sind. Sein Kol⸗ lege Möller mußte zugeben, daß die Wirkung der angeordneten ärztlichen Untersuchung und die Uebertragung der Kosten auf die Arbeiter tatsächlich auf eine gewisse Beschränkung der Freizügigkeit hinausläuft. Im übrigen war seine Rede für dis Haus und die Tribünen beinahe unverständlich, so leise flüsterte er ste vor sich hin. Herr Möller erkannte übrigens an, daß die„Bergarbeiterzeitung“ bei der Be⸗ kämpfung der Krankheit gute Dteenste geleistet habe. Um so unverständlicher bleibt es, daß da den Bergarbeitern die Säle abgetrieben werden, wenn sie für die Aufklärung der in⸗ differenten Kollegen sorgen wollen.
Am Mittwoch wurde die Debatte über die⸗ sen Gegenstand fortgesetzt. Nach dem Zentrums⸗ mann Stötzel hielt Genosse Hué, der Abge⸗ ordnete für Bochum, eine längere Rede, in der er große Sachkenntnis entwickelte und ener⸗ gischere Maßregeln zur Bekämpfung der für die Bergarbeiter so gefährlichen Krankheit for⸗ derte. Besonders verlangte er Anstellung von Arbeiterkontrolleuren und Einführung des Achtstundentages. Minister Möller suchte die Regierung zu verteidigen.
Danach sprachen noch eine Anzahl Aerzte aus den bürgerlichen Parteien, aber nur Dr. Mug⸗ dan von der freisinnigen Volkspartei unter⸗ stützte die von sozialdemokratischer Seite er⸗ hobene Forderung staatlicher Zuschüsse zur endlichen Beseitigung der Wurmkrankheit. Bei dieser Gelegenheit hielt auch der Abgeord— nete Becker von Offenbach seine Jungfern⸗ rede. Der Erwählte des Offenbacher Kuddel⸗ muddels brachte aber allerhand konfuses Zeug und plumpe Angriffe gegen die Sozialdemo⸗ kratie vor. Seine rednerischen Purzelbäume erregten bei unsern Genossen stürmische Heiter⸗ keit; Nationalliberale und andere der rechten Seite spendeten Beifall, um damit ihr geistiges Niveau zu dokumentieren.
Donnerstag wird zuerst ein Antrag unserer Genossen auf Einstellung des Strafverfahrens gegen den Abg. Thiele(Halle) verhandelt. Dieser wurde nämlich am 5. Januar unter Verletzung der Abgeordneten-Immunität wegen einer als Redakteur des„Volksblattes“ in


