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Mr. 42. Gießen, den 16. Oktober 1904.
Mitteldeutsche
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11. Jahrgang.
nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Nedaktion: Mirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Volksschule und Religion.
Wir haben dieses ungeheuer wichtige Thema vor kurzem schon einmal behandelt. Wir möchten heute noch einiges Charakteristische hinzufügen“).
Unser Programm fordert für die Volks⸗ schule:„Trennung der Schule von der Kirche, Einheitsschule für alle Kinder, Unentgeltlichkett des Unterrichts und der Lehrmittel, Uebernahme der Kosten durch den Staat, Vermehrung und Besserstellung der Lehrer.“ Da ist ein Punkt notwendig mit dem anderen verknüpft unter dem einzigen großen Gesichtspunkt der„Ge⸗
l. rechtigkeit“, der ja überhaupt der Grundgedanke fach; und die Seele aller sozialdemokratischen For⸗ ten derungen ist. Zunächst soll allen Kindern die
gleiche Möglichkett zur geistigen Ausbildung ge⸗ geben werden und nur die Leistungen und Fahtg⸗
keiten eines jeden, nicht der Geldbeutel und die eber Stellung des Vaters sollen entscheiden, wie hoch reit einer in der Gesellschaft steigt. Dazu gehört fort natürlich die Unentgeltlichkeit von Unterricht 5 und Lehrmitteln, die man an manchen Orten 15 ja auch schon mit Erfolg eingeführt hat. Die bet Stellung des Lehrers würde ferner ganz von ver selbst eine bessere, wenn er nicht nur die Kinder
der unteren Volksschichten zu erziehen hätte. nen Auch die höheren Gesellschaftsklassen würden sich
um sein Wohl und Wehe ganz anders kümmern 10 müssen, wenn sie ihm die eignen Kinder an⸗
zuvertrauen genötigt wären. Und wie sehr
würde die Arbeit des Lehrers angenehmer sein, upft wenn dte Schülerzahl kleiner, die Zahl der 175 Vehrer dementsprechend größer wäre. Diese a Gedanken sind so einfach und gerecht, daß man sie überhaupt kaum näher auszuführen braucht lh und nur ihre Feinde müssen tausende von kleinen
Gründen dagegen zusammensuchen, weil sie keinen einzigen entscheidenden echten Grund haben. Da scheint ihnen nun der erste Punkt, Trennung von Schule und Kirche, am bequemsten, um unsere Forderungen zu bekämpfen. Denn da lassen sich so viel schöne Phrasen von Religion und Sittlichkeit ine Feld ren und mau weiß dabei doch gewiß, vaß die Vol sschale, je mehr ste unter dem Druck es giments ge⸗ bracht werden kann, um get zu freierer geistiger und materieller wiclung kommen wird. Hier setzt deshalb bie praktische Arbeit unserer Feinde ein— und auf diese Stelle müssen wir deshalb auch zunächst unsere ganze Kraft zur Verteidigung zusammenziehen. In dieser Forderung dürfte sich kein vernünftiger Mensch, der es wirklich ehrlich mit dem Volk und seiner Schule meint, auch nur das ge⸗ ringste abhandeln lassen. Leider haben aber in den Schulkämpfen gerade alle bürgerlichen Parteien bisher noch versagt. Auch Eugen Rcchter und andere Freisinnige haben wieder⸗ bolt erklärt, daß ste sich die Volksschule ohne Religionsunterricht nicht denken könnten. Und selbst Pfarrer Naumann kaun sich nicht für die Trennung der Schule von der Kirche entscheiden,
* In dem Artikel in Nr. 39 hatten sich einige Fehler eingeschlichen. Daß es in der 3. Spalte, zweite Seite, Zeile 7 von oben Kunst statt„Faust“ heißen muß, haben wir in Nr. 40 bereits berichtigt. Ferner mußte der vorletzte Absatz vor den viertletzten, der mit den Worten beginnt:„Und nun zum Schluß ꝛc.“ gestellt
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zwei reinliche Möglichkeiten: entweder der Staat läßt allen Kindern ohne Ausnahme eine Staats⸗ religton beibringen oder verzichtet auf jeden Religionsunterricht.“ So ist die einzige in dieser Frage klare und zuverlässige Partei die Sozialdemokratie. Unsere Forderung wird nun natürlich von unseren Feinden vielfach(mit oder ohne böse Absicht) mißdeutet, als„materia⸗ listisch“, als„religionsfeindlich“ u. s. w. Wir müssen deshalb zur Klarstellung immer wieder betonen: Wir gönnen der Kirche ihren Religionsunterricht nach wie vor. Nur soll dieser von der Schule getrennt werden, es soll also niemand gezwungen werden können, an ihm teilzunehmen. Man soll jeder Welt⸗ anschauung ihr Recht geben, nicht bloß den paar obrigkeitlich abgestempelten Konfesstonen. Wir haben sicherlich nichts dagegen, wenn an der Schule auch christliche Lehrer wirken. Wir wissen, daß es auch unter ihnen sehr menschen⸗ freundliche Herzen und abgeklärte Geister gibt. Aber man soll auch jeden anderen bei der Schule zulassen, wenn er die nötigen geistigen und sittlichen Fähigkeiten zu dem Beruf hat. Unter den freien Denkern aber sind viele, die hundertmal mehr Erzieherberuf haben, als mancher bornterte engherzige Konfessionsfana⸗ tiker, der heute vom Staate vorgezogen wird. Durch die Herrschaft der Kirche über die Schule erreicht man nur, daß gute Köpfe und treue Herzen entweder dem für ste passenden Beruf fernbleiben, oder daß sie mit mehr oder weniger (wenn auch verzeihlicher) Heuchelei sich in das enge harte Joch fügen. Jeder Gewissenszwang erzteht eben zur Heuchelei; ist auch im höchsten Grade uxsittlich und auch unreligiös. Das könnten Pfaffen und Pfaffenfreunde wahrhaftig endlich aus der Geschichte einmal gelernt haben. Wir erinnern an das schöne Wort Schillers:
Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst.— Und warum keine? Aus Veligton!
Die größten Sünden der Menschheit sind aus der Glaubenstyrannei hervorgegangen. Erst haben die christlichen Märtyrer darunter ge⸗ litten, dann aber hat das stegreiche Christen⸗ tum, oder sagen wir besser die Kirche hundert⸗ mal mehr von sich aus gesündigt und ver⸗ brochen. Und der Gewissenszwang, der unsern Beamten, Lehrern, Offizieren u. s. w. auferlegt wird, ist eine durchaus würdige nur wenig modernisterte Fortsetzung jener mittelalterlichen Ketzerverbrennungen und Glaubenskriege. In der Reformationszeit beschloß man den lächer⸗ lichen Satz:„Wem das Land gehört, der darf auch die Religion bestimmen“. Also: wie der Fürst glaubte, so mußte auch der Untertan glauben. Da haben in manchem armen Länd⸗ chen die Leute nach Laune oder Aenderung bei der Regierung ihren Glauben wechseln müssen wie die Hemden. Aber ist's bei uns so viel anders? Wie der Wind an den Höfen weht, so weht er bald durch die ganze Beamtenschaft. Ist das Zufall? Sind's etwa wirklich immer nur innere Gründe der Ueberzeugung, die das bewirken? Was muß man denn tun, um gute Karriere zu machen? Um etwa den Hofbank⸗ titel oder einen blanken Orden zu bekommen? Gar viele Mittel und Wege weiß diese Glaubens tyrannet, um die„Gemüter“ zu gewinnen, manche harmlose aber leider auch nur zu viel direkt unmoralische. Und wie ein gewaltiger Druck
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auf der Brust, daß er noch wie in einer Zwangs⸗ jacke mühsam atmet. Kein Wunder, wenn auf der andern Seite, da, wo der Staatszwang nicht hinreicht, umso üppiger nur direkter Re⸗ ligionshaß emporschießt. Denn Gedanken und Gefühle lassen sich schließlich doch nicht in eine Form pressen, so wenig wie kochendes Wasser. Wenn das Gefäß zu eng wird für das in ihm drängende Leben, so muß es überlaufen, oder springen. Und die Kirche ist ein solches Gefäß, umso enger, desto strenggläubiger sie auftritt. Wenn sie aber nun wirklich das ganze reichr schwellende Leben der Schularbeit noch immet in ihren harten engen Rahmen festschraubeo will, ja es noch mehr tun will, als bisher, su ist das lächerlich und empörend zugleich. Wenn sie eine so furchtbar einfache Wahrheit, wd diese, daß„Religion“ sich nicht mit Liedern unn Sprüchen beibringen läßt, immer noch nicht einsieht, wenn sie der Weltgeschichte zum Trotze allen unseren großen Denkern und Dichtere, zum Trotz immer noch die Religion in deu Kinderschuhen der Konfession gehen lassen will, so zeigt sie schon damit allein ihr völliges Un⸗ verständnis für Fragen der Erziehung und geistigen Ausbildung. Wie unglaublich weit dieses Unverständnis stellenweise noch im 19. Jahrhundert gehen konnte, dafür zeugen ein paar Bestimmungen des preußischen Kultus⸗ ministers von Raumer, der 1850 sein Amt an⸗ trat. Da heißt es:„Sorgfältige Beobach⸗ tungen und Untersuchungen haben ergeben, daß Unterricht in der allgemeinen Weltgeschichte nicht mit dem erwarteten Erfolg in den Se⸗ minarien(also in den Bildungsanstalten für die Lehrer!!)) betrieben werden kann, vielmehr Uẽ⸗ klarheit und Verbildung erzeugt.“ Und noch toller ist der Satz:„Ausgeschlossen von der Privatlektüre muß die sogenannte klas⸗ sische Literatur bleiben.(Also Göthe, Schiller ꝛc. Wenn man freilich Aussprüche von Schiller liest, wie den oben angeführten, so ist diese Bestimmung wohl erklärlich!) Da⸗ gegen findet Aufnahme, was nach Inhalt und Tendenz kirchliches Leben, christliche Sitte, Patriotismus, und sinnige Betrachtung der Natur zu fördern geeignet ist.“ Was der Schule unter solchem Regiment für Schaden getan worden ist, ist unermeßlich. Volle 18 Jahre lang haben diese blödsinnigen Bestim⸗ mungen in Geltung gestanden. Auch der Nach⸗ folger Raumers, von Mühler, der 10 Jahre lang zum schwersten Schaden der Schule seines Amtes waltete, behielt sie bei. Erst 1872 wurden sie beseitigt, als mit dem Ministerium Falk bessere Zeiten zu kommen schienen. Er begünstigte die Simultanschule, in der die Kon⸗ fesstonen nebeneinander unterrichtet werden. Aber sofort wendet sich natürlich auch gegen ihn die ganze Meute der beschränkten Kon⸗ fesstonsfanatiker. Am schönsten war dabei der Versuch, sogar die Schuld an Hödels Atttentat dem Minister wegen seiner zu freien Schul⸗ verfassung anzuhängen. Falk antwortete darauf im Landtag:„Als ich gehört hatte, daß dieser Mensch gegenüber dem Stadtgerichtsprästdenten sich gerühmt hatte, 100 Lieder auswendig zu können, habe ich den Geheimrat Schneider zu dem Präsidenten geschickt. Er hat gefunden, daß das religtöse Wissen(man denke an unseren vorigen Artikel!) in Bezug auf Kate⸗


