Ausgabe 
13.11.1904
 
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Seite 6.

Mittetentsche Sonntagf-NAeltung:

Nr. 46.

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Unterhaltungs--Teil. 7

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Vor Christi Richterstuhl. Eine Phantasie von K. Wbr. (Schluß.)

Da fiel ihm plötzlich der andere wieder ein, der mit ihm vor den Richterstuhl getreten war. Und siehe, da stand der Mann noch. Der Theologe lauschte. Mußte man nicht neu⸗ ierig sein, wie es diesem Hetzapostel da ging? Womöglich wurde er noch zu Gnaden ange⸗ nommen vor diesem wunderlichen Richterstuhl, denn wo man eben so Unerwartetes, Ungeheuer⸗ liches erlebt hatte, was konnte da nicht alles geschehen! Die Worte klangen herüber wie aus weiter Ferne, aber deutlich, wie von einem ab⸗ sichtsvollen Windhauch herüber getragen.Auch ich war einst, was die Menschen fromm nennen, hörte er eben den Sozialdemokraten sprechen, war die Freude meiner Religionslehrer und wurde sogar selbst Pfarrer. Aber ich fand so wenig tiefe Herzen und so enge Geister, unter deren Regiment ich meine Ueberzeugungen und mein Wirken beugen sollte, daß es nicht ging. Ich wurde Sozialdemokrat. Und wieder ein⸗ mal tat Christus eine Zwischenfrage, so eine wunderliche, als ob er unserer Zeit ebenso lebendig und nahe wäre, wie er es efnst bei den Juden war: Er fragte nach dem Ge⸗ halt!Nun, als Pfarrer hätte ich mich wohl erheblich besser gestanden und weniger aufrei⸗ bende Tätigkeit gehabt, als in der politischen Kampfarbeit.Also hast du der Sache ein grozes Opfer gebracht?Ja, äußerlich be⸗ trachtet, freilich. Doch will ich mich nicht rühmen. Ich bin so in der Freiheit des Redens und des Wirkens doch glücklicher gewesen als in den besser bezahlten Fesseln. Und dann fuhr er fort, seine Lebensschicksale und sein Wirken zu schildern. Auch er hatte eine Rolle

gespielt in dem großen Streil, die führende so⸗

gar, da es galt, den Frauen den 10 stündigen Arbeitstag und auch sonst, wenn möglich, kör⸗ perlich wie moralisch gesündere Existenzbe⸗ dingungen zu erkämpfen. Der Kampf und all seine Opfer waren vergeblich gewesen. Der Führer selbst hatte sich noch eine besondere Strafe zugezogen. In einer erregten Versamm⸗ lung während des Streiks hatte man ihm das bekannte Wort zugerufen:Sie mästen sich ja doch nur vom Arbeitergroschen! Er hatte mit dem TitelStreikbrecher geant⸗ wortet und dafür wurde er mit 3 Wochen Gefängnis bestraft.Der andere aber, fragte Christus dazwischen.Was sollte dem ge⸗ schehen? Es dachte niemand daran, ihm etwas zu tun.Und wurdest du nicht auch noch wegen Ungebühr vor Gericht besonders bestraft? Wozu hast du dich hinreißen lassen?Freilich, auch das noch. 20 Mark mußte ich bezahlen. Ich hatte gesagt, ich arbeite für mein Geld genau so gut, wie der Herr Staatsanwalt. Unerhörte Frechheit, murmelte der Theologe vor sich hin.

Und jetzt fiel gar das Wort:Gottesläste⸗ rung. Das versprach erst recht interessant zu werden. Der Sozialdemokrat war auch ihret⸗ wegen längere Zeit im Gefängnis gewesen. Was dieser Christus wohl dazu sagte? Sieh, er blickte nachdenklich vor sich hin, wie als ob er mit eigenen Erinnerungen sich beschäftigte und dann kommen wie halb im Traum aus lang vergangener Zeit die Worte über seine LippenEr lästert Gott! Der Sozialdemokrat aber begann zu erklären, wie er zu jener Strafe gekommen. Sieh, Herr, ich lebte in einer bösen Zeit. Mir selbst freilich erging es ja so übel nicht. Ich war gesund, hatte das schöne Bewußtsein, wertvolle Arbeit im Dienst der Menschheit zu leisten, hatte Frau und Kind, ein traulich Heim und litt keinen Hunger. Aber die Welt um mich her war doch voller Not und Elend, voller Blut und Tränen.

Und da, ich fühlte eben stark mit meinen Mit⸗ menschen, da wäre es mir roh vorgekommen, für mein bißchen Zufriedenheit einem Gotte zu danken, der so entsetzliche Grausamkeiten gegen andere duldete. Wäre es nicht eine abscheuliche Eingebildetheit gewesen, in meinen besseren Schicksalen mehr zu sehen als einen Zufall, wenn es so ungezählten andern schlechter ging als mir? Mir mein Glück als Verdienst an⸗ rechnen, andern ihr Unglück als Schuld, das konnte ich nimmermehr. Wenn man aber in den Lebensschickungen Schuld und Verdienst keine Rolle spielen sieht, wie sollte man dann die Hand einer ewigen Gerechtigkeit in ihnen erkennen? Freilich sie könnte ja da sein, trotz allem. Aber ist ste so einfach erkennbar, daß man jeden Zweifel an ihr wirklich zur Sünde stempeln darf? Es war in den letzten Jahren, da brach auf der amerikanischen Vulkaninsel der Mont Pelèee aus. Tausende von Menschen wurden unter seiner Asche begraben. Ein anderes: Eine Schaar fröhlicher Kinder machte einen Ausflug auf einem Dampfer, es war noch eine christliche Sonntagsschule obendrein,Ge⸗ neral Slokum hieß das Schiff. Es verbrannte. Ich las von den Szenen der Verzweiflung und konnte meine Tränen nicht halten. Ein Dampfer mit armen Auswanderern,Norge, hieß er, lief nördlich von England auf eine unterseeische Bank und sank. Hunderte kommen in den Fluten um. Die Not hatte sie aus ihrer Heimat vertrieben, das Dasein hatte ihnen noch wenig Sonnenschein geboten, nun hatten sie mühsam ihre letzte Kraft, ihr letztes Hab und Gut zu⸗ sammengerafft, um sich jenseits des großen Wassers eine große Existenz zu gründen, all ihre bescheidenen Hoffnungen hatten sie auf diese eine letzte Karte gesetzt und verloren. Un⸗ gehört verhalten ihre wilden Angstrufe auf der weiten kalten See, die sie verschlang! Ich wünschte, ich hätte weniger Phantasie, ich hätte nicht so lebendig alles mitgefühlt. Es war eine Qual. Und dann die Kriege. Schon die Schilderungen aus dem Lande der Buren klangen grauenhaft. Wie ungeheuerlich wurde da mit allem gespielt, was dem Menschen sonst wert und teuer ist. Gattenliebe, Elternliebe, die heiligsten Bande zerrissen, Ströme der blutigsten Tränen flossen aber alles galt nichts vor der herrschenden Politik unserer Zeit, alles, die edelsten Reich⸗ tümer des menschlichen Herzens, sie galten ge⸗ ringer als die greifbaren Reichtümer, die aus den Diamantgruben zutage gefördert werden. Nicht Menschen machen die Weltgeschichte, son⸗ dern Aktionäre. Man schauderte und doch, das alles war ja nur erst eine Art Vor⸗ spiel zu dem unsagbaren gräßlichen Trauerspiel in Ostasien. Tausende und Abertausende von Toten und Verwundeten! Wie leicht sich die Zahlen sprechen! Und an den Biertischen wurde diskutiert, wer wohl am Ende den Sieg be⸗ halten könnte, wer das meiste Geld hätte, die besten Waffen, wer am längsten aushielte, aber Herzen, die von einem Echo des grenzen⸗ losen Jammers erfüllt gewesen wären, wirklich erfüllt, nicht nur zu einemNa ja undaller- dings bereit, Leute, die über die sittliche Not⸗ wendigkeit des ewigen Friedens wenigstens ein. mal ernst geredet hätten, deren gibt es noch viel, viel zu wenige. Und da hörte ich ein paar, die sich Christen nennen, über die Bestrebungen der Friedensfreunde sogar lachen und spotten. Ihnen geschähe es recht, daß sie wieder einmal sähen, wie es immer wieder Krieg geben müßte. Diefromme Bertha mit ihrer Ueberspanntheit und dgl. Redensarten mehr klangen mir in die Ohren. Da, Herr, da ist mir die Seele über⸗ gekocht, da bin ich von meinem Platz aufge⸗ sprungen, mir war, als brannten mir die Tränen der Tausende von verlassenen Bräuten, Frauen und Kindern auf der Seele, als spürte ich in den eigenen Gliedern etwas von den wahn⸗ sinnigen Schmerzen der Verwundeten, Zer⸗ rissenen, Sterbenden, mir fiel die Notiz ein von jenem Gefallenen, dessen weißes Tuch man hülfeflehend noch acht Tage nach dem Kampfe auf dem Totenfelde winken sah. Und keiner konnte sich für ihn regen. Da lag er hungernd und dürstend, von Fiebern und Schmerzen gequält, die Luft um ihn herum verpestet vom eigenen Unrat und von verwesenden

Leichen, wer weiß, wie ihn daheim zärtliche i

Eltern gepflegt hätten, wie eine treue Braut sich nach ihm sehnte an das alles dachte ich im Augenblick, als jene rohen Aeußerungen fielen, und was ich saget ich weiß es nicht mehr genau, nur noch einiger Göthescher Zeilen entsinne ich mich, die mir damals so oft in den Mund kamen:

Ich dich ehren? Wofür 9

Hast du die Schmerzen gelindert

Jedes Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Jedes Geängsteten? Und dann packte mich die Wut über die Aeußer⸗ lichkeit und Oberflächlichkeit so vielen offiziellen Kirchentums, Wut über die beamteten. Jünger Christi, die uns so oft, so oft bei unserem Kampf um sozialen Fortschritt, um Hebung der Mensch⸗ heit, um Ausbreitung ihrer Kulturgüter im Wege gestanden haben, die so gleichgültig und untätig das ganze soziale Elend, Kinderarbeit und Hungerlöhne, mit angesehen, oder besser gesagt, gar nicht gesehen haben, an die der Weckruf zu durchgreifenden Reformen erst von außen herankommen mußte, und wie schwer⸗ hörig sind sie auch heute noch zum großen Teil, wie billig die Mittel, die sie für andere übrig haben, wie beschämend die Almosen, mit denen sie ihr Gewissen beruhigen! Wie gefügig sind sie nach oben, wie herzlos streng so oft nach unten! Ach, leider, leider habe ich sie nur zu sehr von nahe kennen gelernt und wenn ich da⸗ ran denke, dann bin ich meiner Bitterkeit nicht immer mehr ganz Herr. So kam die Strafe über mich. Eine Weile schwieg er, tief erregt. Erst als er sich wieder etwas gesammelt hatte, fuhr er ruhiger fort:Es reut mich nicht. Es mag nun eine göttliche Vorsehung geben oder nicht, ich wünschte es gäbe eine! Mein Leben habe ich, so viel ich konnte, in den Dienst meiner Mitmenschen gestellt. Richte mich denn du und der, den sie deinen Vater nennen. Mein Herz und meine Werke liegen euch offen.

Wieder war es eine Zeit lang still. Der Geistliche schaute und lauschte so gespannt, daß ihm das Herz klopfte. Jetzt, jetzt bewegte Christus die Lippen, jetzt mußte das Urteil kommen:Wir richten nach den Werken und dem Herzen! Und dann sah er den Sozial⸗ demokraten davongehen, aber das Ziel konnte er nicht mehr erkennen.

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Splitter.

Wes Ofen geheizt ist, der meint es sei überall Sommer.

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Du mußt bedenken, daß eine Lüge dich nicht bloß eine Wahrheit kostet, sondern die Wahrheit überhaupt.

1 Hebbel.

* Ohne Begeisterung schlafen die besten Kräfte

unseres Gemüts. Es ist ein Zunder in uns,

der Funken will. Schopenhauer.

Humoristisches

Rechenerempel. Zu Blankenburg im Harz hat eine schlichte Frau aus dem Volke 10 Mark Geldstrafe gekriegt, weil sie bei einem Erntedankfest ein dreifaches Hoch auf den lieben Herrgott ausbrachte. Wieviel Strafe muß da ein Herrscher kriegen, der Gottes Beistand für einen Krieg anruft?

Aus Kalau. Sie: Ich habe es ja gleich ge⸗ ahnt, daß unsere Ehe keine besonders glückliche werden würde!

Er: Also auchAhnfrau! Weißt du da kannst du dich in Lippe melden! Vielleicht wirst du als eben⸗ bürtig anerkannt.(Südd. Postill.)

Das Gegenteil. Unteroffizier: Meier, wie heißt der neue Oberst? Meier: Schulze, Herr Unter⸗ offizier. Unteroffizier: Jawohl, Sie Schafskopf, das gerade Gegenteil Müller heißt er.

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5 Bemüht Parteifreunde! cg le nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!