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Gießen, den 13. November 1904.
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11. Jahrgang.
Redaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
Sonntags-
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
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Der Weg nach vorwärts. Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge
sich einmal so weit entwickelten, daß ein großer
Teil der Beteiligten und Interessterten von Un⸗ zufriedenheit und Mißstimmung gegen das Be⸗ stehende und von Sehnsucht nach besseren Zu⸗ ständen erfüllt ist, so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können, was auch immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zu⸗ nächst nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem tatsächlichen Zustand der Verhält; nisse seine Begründung und seine Berechtigung findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel, durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, instink⸗ tiv stets richtig, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mund⸗ stück und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen und nach Lage
der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten
Jeder großen Umgestaltung in der Gesell⸗ schaft geht zunächst eine Periode der Gährung voraus, die, je nach dem Stande der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der beteiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht widerstrebender Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert, ehe die Be⸗ wegung zum Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend einer Form, das wieder von dem mathe⸗ matischen Kraftverhältnis der gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine Bewegung über ihr Ziel hinaus, d. h. er⸗ reicht sie mehr, als sie, in sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwer⸗ punkt bilden, um den alles gravitiert, erreichen soll und, setzen wir hinzu, erreichen darf, so folgen die Rückschläge, mit anderen Worten, eine ihrem iuneren Wesen nach selbst wieder auf die Klassenherrschaft abzielende Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der maßgebenden Interessierten findet.
Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in Wahrheit wurde die Be⸗ wegung stets auf ihren natürlichen Schwer⸗ und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinausging. Dieser Zustand ist aber stets, auch weun er durch eine gegen die weiter vor⸗ wärts drängenden Elemente gerichtete gewalt⸗ same Reaktion herbeigeführt wurde, dem Zu⸗ stande, der vor der Bewegung bestano, weit voraus. Man hört z. B. so häufig die Be⸗ merkung machen, daß die bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. Die Bewegung hat er⸗ reicht, was sie nach ihrem wahren innern Gehalt erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkett des Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vorn⸗ herein war ein großer Teil der anfangs revo⸗ luttonären Kräfte, die das behäbige Bürgertum
umfaßten, entschlossen, über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkte an⸗ gekommen, trennten sich die Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch ver⸗ lor die Bewegung einen Teil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in Deutschland hauste, das, was tatsächlich jetzt bestand, ging weit über das hinaus, was vor 1849 bestanden hatte. Die neuen Ideen hätten trotz alledem gestegt, und alles, was seit dem in Deutschland geschah, ist nur durch diesen Sieg im„tollen
Jahr“ geworden. **
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In der bürgerlichen Welt sind nur bürger⸗ lich handelnde Menschen denkbar, der einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchens an einem ungeheuren Treibwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit ihren Zähnen und in gesetz⸗ mäßiger Ordnung in einandergreifen. Die Wirkung des einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich.
Wer als einzelner dem ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den alle gebannt sind, wirklich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein besonderes soziales Himmel⸗ reich begründen zu können, der wird, durch die harten Tatsachen rasch eines anderen belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen
Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten ausgestorben oder im Aus⸗ sterben begriffen sino. In der Masse finden sie niemals Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der einfachste Arbeiter fühlt, daß stch künstlich nichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sich entwickeln muß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isoliert von ihm.
Es handelt sich darum, der Entwickelung freie Bahn zu schaffen, alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu erleichtern, und diesem Zweck die kritische Sonde überall einzutreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten. Aus der Erkenntnis der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von selbst.
Aus Bebels Werk:„Cheules Fourier.“
Volitische Aundschau. Gießen, den 10. November 1904.
Wie sich die Zeiten ändern.
Am Samstag vor acht Tagen hat zum ersten Male unser Genosse Greulich in Zürich, von dessen Wahl zum Prästdenten des Großen Stadtrats wir neulich Mitteilung machten, als solcher amtiert. Dieses Ereignis ruft eine Er⸗ innerung wach, die drastisch zeigt, wie sich im Laufe der letzten 30 Jahre auch in der Schweiz die Dinge und die Anschauungen geändert haben.
Vor 30 Jahren hatte der schweizerische Arbeiterbund, der Vorläufer der heutigen sozial⸗ demokratischen Partei, beschlossen, seinen Kongreß in Zürich abzuhalten. Der Regierungsrat, in
dem damals noch wirkliche Demokraten saßen, hatte zu diesem Zwecke dem Arbeiterbund den Rathaussaal zur Verfügung gestellt. Als dies ruchbar wurde, erhob sich bei den Patrioten ein Sturm der Entrüstung. Es wurde, um die Schmach von Zürich abzuwenden, eine Petition in Umlauf gesetzt, in der der Kantonsrat aufgefordert wurde, den Beschluß des Regierungsrates zu annullieren. In dieser Petition, die sich in wenigen Tagen schon mit rund 10,000 Unter⸗ schriften bedeckte, hieß es unter anderem:„bis⸗ her war das zürcherische Rathaus der Ort, wo seit Jahrhunderten die edelsten und weisesten Männer aus unserem Volke die Wohl⸗ fahrt unseres Gemeinwesens berieten und sich bemühten, die gegenwärtige staatliche Ordnung aufrecht zu erhalten und gesetzgeberisch auszu⸗ bilden. Deshalb würde es uns schmerzen, wenn die ehrwürdige Stätte durch den Zu⸗ sammentritt und die Verhandlungen eines Ver⸗ eins entweiht werden sollte, der von seinem Entstehen an die Revolution, das heißt die Auf⸗ lösung aller Staats⸗ und Familienbande, die Abschaffung des Eigentumsrechtes, die Unter⸗ drückung der Regierungsgewalt, mit einem Worte den Umsturz aller bisher bestandenen Grundgesetze gepredigt und mit allen Mitteln ins Werk zu setzen versucht hat.“
Für die Staatsgefährlichkeit des Arbeiter⸗ bundes führte der Verteidiger der Petition da⸗ mals den folgenden bündigen Beweis:„Der Ar⸗ beiterbund hat die von dem Buchbinder Greulich redigierte„Tagwacht“ als sein Organ bezeichnet, ein Blatt, das systematisch die Ver⸗ hetzung der Klassen betreibt“. Nach langer Diskussion wurde ber Antrag Meister, die Petition gutzuhetßen, mit— allerdings nur schwacher— Mehrheit angenommen und damit der Regierung zugemutet, ihr dem Arbeiterbund gegebenes Versprechen zu widerrufen. Unter diesen Um⸗ ständen sah sich der Arbeiterbund genötigt, auf die Abhaltung des Kongresses in Zürich zu verzichten, und man wählte Chur als Kongreß⸗ ort. Das war vor 30 Jahren.
Und heute? Heute sitzt derselbe Greulich in demselben Saale, der damals durch seine Gegen⸗ wart„entweiht“ worden wäre, auf dem Präsi⸗ dentenstuhle und die„edelsten und weisesten Männer“, die sich noch immer bemühen, die gegenwärtig staatliche Ordnung aufrecht zu er⸗ halten, müssen sich von ihm das Wort erbitten. Ein Sozialdemokrat führt das Protokoll, Sozial⸗ demokraten zählen die Stimmen und Sozial⸗ demokraten füllen bald die Hälfte des Saales, in dem einst die Bourgeoisie so ungestört und erfolgreich ihre eigenen Geschäfte besorgte, oder, um mit der famosen Petition zu reden,„die Wohlfahrt des Gemeinwesens beriet.“...
Millionen für Kolonien.
Zur weiteren Deckung der bisherigen Kosten für den Feldzug in Südwestafrika werden, wie offiziös mitgeteilt wird, zunächst 86 Millionen vom Reichstag verlangt werden. Wohlgemerkt„zunächst“. Da sich nach ziemlich sicheren Schätzungen die bisherigen Kosten schon auf rund 200 Milltonen belaufen, die Truppen⸗ transporte fortdauern, der Aufstand durch die Empörung der Hottentotten an Umfang zuge⸗ nommen hat und ein Ende des südwestafri⸗ kanischen Feldzugs noch gar nicht abzusehen ist, kann man sich auf weitere gepfefferte Kosten⸗
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