Ausgabe 
11.12.1904
 
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* Nr. 350.

Gießen, den 11. Dezember 1904.

11. Jahrgang.

Redaktion: Müirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Heilige Ordnungen.

Heilige Ordnungen nennt der Militär- Oberpfarrer Falke in einem neuenTag Artikel Familie und Staat.

Dürften wir vielleicht uns bescheidentlich

erkundigen, wann und wo denn der liebe Gott

dieseheiligen Ordnungen den Menschen scheukte? Wir sind leider bei unsern Geschichts⸗ studien noch nicht weiter gekommen, als bis zu der Ansicht, daß diese beiden Ordnungen nur Menschenwerk seien, und, was zumal den Staat anlangt, z. T. sogar recht unvollkommenes Werk. Uns kam es bisher immer so vor, als sei die Ausarbeitung von Verfassungen, das Streben nach möglichst gerechter Einrichtung der Menschengesellschaft zu gemeinsamer Arbeit, zu gemeinsamem Kampf gegen die Uebel der Welt, zum gemeinsamen edeln Lebensgenuß, als sei das eine Aufgabe, an der sich all die Jahrtausende hindurch bis auf unsere Tage die Menschen in bitterm Suchen und Ringen abge⸗ müht hätten, ohne daß ein Gott ihnen die Arbeit erleichtert oder sie von recht großen Dummheiten und Verirrungen bewahrt hätte. Und der Staat, den wir heute haben, mit seinem indirekten Steuersystem und seinen in⸗ direkten Landtagswahlrechten, mit seinem Bau⸗ spekulantenwesen und Fabrikabsolutismus, mit seiner Fideikommiswirtschaft und Volksschul⸗ politik, ist der nun wirklich schon eine so voll⸗ kommene Lösung der großen ewigen Aufgabe, daß wir ihn gleichheilig sprechen können? Ich möchte die genannten und noch einige andere recht derbe Schönheitsfehler doch nicht gerade dem lieben Gott in die Schuhe schieben. Oder steckt Gottes Walten vielleicht nur in den guten und vernünftigen Einrichtungen? Und vielleicht auch noch in den Bestrebungen,

ute und vernünftige Verbesserungen an den Heultgen Einrichtungen durchzusetzen? Ja, ja, das leuchtete mir ein! Denn da lebt gewiß Gott auch in uns Sozialdemokraten. Und das hab ich mir schon manchmal so gedacht.

Einige andere Sätze des Artikels regten mich noch zu ein paar Aumerkungen an, die ich auch ungern für mich behielte.

Da wird die Todesstrafe verteidigt mit der christlichen Pflicht, den gerechten Willen Gottes zu vollziehen. Kennen Sie, Herr Pfarrer, diesen gerechten Willen Gottes so sehr piel genauer, als die Bekämpfer dieser Strafart? Haben nicht mit genau denselben Worten auch die Inquisttionsgerichte einmal alle ihre Grausamkeiten entschuldigt? Aber das ist der Vorteil des Frommen. Er kann seine Ueberzeugungen zwar nicht immer gründlich beweisen, aber dafür stellt er sie stets als den Willen e e Damit ist jede Diskussion natürlich zu Ende. a 5

Wir len ferner:Es ist eine berechtigte Hoffnung, daß das Christentum im Laufe der Zeit die Macht haben wird, auf dem Erdball den Frieden unter den Völkern immer fester zu begründen. Gern schließen wir uns dieser schönen Hoffnung an und wollen, auch ohne Christen zu heißen, vielleicht sogar ohne großen Dank dleserseits, aus besten Kräften für das hohe Kulturziel mitarbeiten. Freilich ge⸗ stehen wir offen, datz wir dabei mehr auf die

der Völker und dem jenseitslosen Sozialismus bauen, als auf die Kirche. Aber das werden Sie uns ja nicht übelnehmen, nicht wahr?

Daß Sie trotzdem den Krieg entschuldigen, ist eigentlich nicht ganz nach meinem Geschmack. Aber freilich, Ihr Grund ist äußerst brauchbar: Und doch ist Krieg und Christentum sehr wohl vereinbar. Zunächst ist im Neuen Testament nirgends der Krieg direkt verboten.. Wenn ich nicht irre, hat man mit demselben Grunde auch die Bigamte(Doppelehe) Philipps des Großmütigen von Hessen verteidigt. Wir wollen uns die Logik merken. Die ist gewiß noch auf viele andere auch uns angehende Fälle an⸗ wendbar.

Der dann folgende Grund scheint mir nun freilich nicht ganz durchschlagend(was aller⸗ dings auch an meiner mangelnden Intelligenz liegen mag):Derselbe Heiland, der, die christ⸗ liche Nachsicht und Duldung pfedigend, in der Bergpredigt sagte, daß man dem, der uns einen Streich auf den rechten Backen gebe, auch den andern darbteten solle, hat dem Soldaten des Hohenpriesters, der ihn schlug, sein Unrecht mit den Worten vorgehalten:Habe ich übel geredet, so beweise es, daß es böse sei; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?

Ich meine, es set doch noch ein kleiner Unterschied zwischen biesem ernsten Vorhalt mit Worten und einer tätlichen Vergeltung. Wenn Sie aber meinen, man könne u. U. auch ein Recht zu der letzteren daraus ableiten, nun, so wollen wir wieder ehrlich sein: Wir haben eigentlich auch mehr Neigung zu dem letzteren Verfahren. Am Ende wäre die Welt doch nicht recht vom Fleck gekommen, wenn sie allen Mißständen gegenüber immer nur hätte still halten wollen.

Sehr schön bezeichnen Sie dasrote Kreuz als einSiegeszeichen des Christentums auf der blutigen Wahlstatt. Wieder einmal ganz einberstanden! Und noch eine kleine Beruhigung möchten wir für alle Fälle hinzufügen: Gesetzt selbst, daß das Christentum als Kirche einmal den Weg alles Menschenwerkes ginge, so würde das Christentum als Gesin nung, d. h. als tätige Menschenliebe wohl erst recht seinSteges⸗ zeichen aufpflanzen. Denn umso reiner wird die Liebe sein, je weniger sie sich an die Vor⸗ urteile, irgend eines Glaubens bindet). Neh⸗ men wir uns Lesstugs schönes Wort zu Herzen:

Es ahme jeder seiner unbestochnen,

Von Vorurteilen freien Liebe nach.

Zum Schluß noch unsern Dank für die Mitteilung des Briefes, die ein alter Kriegs⸗ veteran von 1870 Ihnen auf Ihren Schlachten⸗ gottartikel hin schrieb. Sie werden nichts da⸗ gegen haben, wenn wir dies allgemein menschlich interessante Dokument auch unsererseits noch einmal abdrucken:

Ich habe in dem grausigen Schießen und Morden durchaus nicht den Eindruck bekommen, als ob eine höhere Macht uns beistände; es ging so menschlich⸗bestialisch zu! Wie hätte dann auch mein Nebenmann zur Linken, der, nachdem er einen leichten Streifschuß erhalten, wiederholt ausrief:Ach Gott, du lieber Gott während des Betens einen zweiten, schweren

) Jeder Glauben enthält Vo rurteile, da er dem Wissen vorgreift, das eigentlich allein zu urteilen

wachsende wirtschaftliche Interessengemeinschaft befugt it.

Schuß erhalten können? Erklären Sie mir dieses mir unverständlicheWalten des lieben Gottes auf den inbrünstigen Ruf meines Kame⸗ raden! Wenn ich schwer verwundet worden wäre und ein Feldprediger hätte sich zu mir herabgebeugt, um mich zu trösten darüber, daß ich nun vielleicht als Krüppel herumlaufen oder gar mein junges Leben aushauchen müsse, so hätte ich dem barmherzigen Manne gesagt:

Verschonen Sie mich mit Ihrer Salbaderei;

meinetwegen könnten Sie für mich sterben; ich gönne Ihnen 5 gerne die vielgepriesenen Freuden des Himmels. K. Wbr.

Die große Etatsdebatte im Reichstage.

Am Samstag begann der Reichstag mit der ersten Lesung des Etats. Als erster Redner trat der Reichsschatzsekretär v. Stengel auf, der die Zahlen des Etats den Reichsboten in langer Rede vor Augen führte und ein Klage⸗ lied angesichts des allgemeinen Reichsdalles anstimmte. Frhr. v. Stengel ist aus Bayern nach Berlin berufen worden, um den verfahrenen Reichsfinanzkarren aus dem Sumpfe zu ziehen. So leicht ist das allerdings nicht und Stengel seufzte unter der Last seiner Bürde. Geld braucht Stengel, das war der Grundtext seiner Rede. Voriges Jahr Defizit, heuer noch mehr Defizit, dazu neue Forderungen für die kapita⸗ listische Vierheiligkeit Jufanterie, Artillerie, Kavallerie und Marine! Stehlen ist verboten, also woher nehmen? Pumpen! Zwar zahlen wir jetzt schon pro Jahr allein 113 Millionen Mark an Zinsen für die Schulden, die das Reich bereits gemacht hat, aber was hilft's! In der Not frißt der Teufel Fliegen und Stengel macht neue Schulden.

Und neue Steuern will er haben. Die Kolonien fressen ungeheuere Summen auf, die aufgebracht sein wollen. Innerlich wünscht der Schatzsekretär die verschiedenen Plätze an der Sonne zum Teufel, das ließ er durchblicken. Nach Stengel sprach der Kriegsminister v. Einem. Zweijährige Dienstzeit, äh, unan⸗ genehme Sache das; da aber einmal da, nicht mehr gut zu beseitigen. Müssen anderweitigen Ersatz schaffen. Mehr Infanterie. Besonders aber mehr Kavallerie. Mehr Unteroffiziere. Neue Gewehre. Patronen, Schieß⸗, Exerzier⸗ und Uebungsplätze. Michel, zahle! Nach Ueberreichung dieses Buketts von Militärforde⸗ rungen fühlte sich das Haus nicht mehr stark genug, weiter zu verhandeln und es vertagte sich.

Am Montag kamen die Parteien zum Wort. Als Erster hielt der Reichsgerichtsrat Spahn vom Zentrum eine unglaublich schwache Rede. Was sollte auch der Redner der maß⸗ gebenden Partei zu dem trübseligen Etat sagen, den gerade das Zentrum durch seinen Bewilli⸗ gungseifer verschuldet hat? Erst zum Schluß wurde er etwas energischer, als er auf die Diäten zu sprechen kam, die der Bundesrat mit einer Hartnäckigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, dem Reichstage vorenthält.

Nach ihm kam Bebel an die Reihe. Der greise Veteran unserer Partei sprach mit jenem jugendlichen Feuer, das ihn auszeichnet und das ihn zu der markantesten Persönlichkeit des Reichstags stempelt. Mit unbarmherziger

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