Ausgabe 
10.7.1904
 
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Nr. 28.

Gießen, den 10. Juli 1904.

II. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sountags⸗ Zeitung

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Das Erfurter Programm. 1

Die Kautskyschen Erläuterungen zum Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie sind soeben in fünfter Auflage erschtenen. Vielleicht zieht dieser und jener darob erstaunt die Augen⸗ braunen in die Höhe und denkt: war das nicht voreilig vom Verleger? Verlohnten sich noch die Mühe und die Kosten einer Neuherausgabe, da doch soviel vonRevision unserer Grund⸗ sätze und unseres Programms die Rede ist? Die Antwort auf diese Fragen gibt Kautsky in einem ausführlichen Vorwort, das zugleich ein vorzügliches zusammenfassendes Schlußwort zu den Programmdebatten der letzten Jahre dar⸗ stellt.Nichts von Verträgen, nichts von Uebergabe! lautet Kautskys Devise. In dem grundsätzlichen Gedankengang war außer in einem nicht wesentlichen Punkte nichts von Belang zu ändern.

Wir drucken das Vorwort nachstehend ab. Möge es für möglichst viele unserer Leser ein Anreiz sein, das in dem klaren, verständlichen Stil Kautskys gehaltene Buch selbst zur Hand zu nehmen und sich durch einen Trunk aus einer der klaren Quellen unsrer Prinzipien für die kommenden Kämpfe, sowohl für etwaige theoretische Streitigkeiten im Jnnern der Partei als auch für die Kämpfe mit den Gegnern, zu stärken.

Kautsky schreibt:Alle die Kritiken der Verelendungs⸗und derKatastrophen⸗ Theorie haben mich nicht veranlaßt, ein Jota zu ändern, schon deshalb nicht, weil in meiner Schrift weder von der einen noch von der anderen dieserTheorien die Rede ist. Es sind Theorien, die man erst einige Jahre nach der Abfassung des Erfurter Programms trotz aller Proteste in dieses hineingelesen hat.

Gerade zur Zeit der Entstehung des Erfurter Programms war die Wahrscheinlichkeit, daß das Proletariat ohne Katastrophe in manchen Ländern, zum Beispiel England, die polittsche Macht erobere, größer, als heute. Marx selbst hatte für England die Möglichkeit einer fried⸗ lichen Entwickelung zugegeben. Wenn er für die Großstaaten des europäischen Festlandes an diese Möglichkeit nicht glaubte, lag das nicht an irgend einer besonderen Katastrophentheorie, sondern an der Einsicht in den besonderen Charakter der Staatsgewalt auf dem Festland Europas. Damit war noch keine Katastrophen⸗ theorie gegeben, ebensowenig wie die Tatsache, daß man das Heraufziehen eines Gewitters konstatiert, eine Theorie des Gewitters gibt.

Da meine Schrift nur die prinzipiellen Grundlagen der Anschauungen der Soztal⸗ demokratie, nicht die Grundlagen ihrer Taktik für bestimmte Fälle entwickelt, hatte ich gar keine Ursache, hier irgend eine Katastrophen⸗ theorie aufzustellen und zu verfechten.

Und ebensowenig hatte ich eine Theorie der Verelendung zu entwickeln. Zur Zeit der Ab⸗ fassung des Erfurter Programms waren die konsequenten Marxisten schon längst einig darüber, daß die Emanzipation des Proletariats nicht durch das steigende Elend, sondern durch den wachsenden Klassengegensatz und den da⸗ raus entspringenden Klassenkampf des Prole⸗ tariats herbeigeführt werde. Gerade in dieser

Ueberwindung der dem vormarxistischen Sozi⸗ alismus eigenen Theorie der Verelendung der Massen durch die Theorie des Klassenkampfes sahen wir damals schon eine der größten Er⸗ rungenschaften des Marxismus. Die Erkenntnis der dem Kapital naturnotwendig innewohnenden Tendenz, die Summe des Elends, des Druckes, der Ausbeutung zu vermehren, war von diesem Standpunkt aus richtig, weil diese Tendenz die Notwendigkeit der stetigen Ausdehnung und Verschärfung des Klassenkampfes begreifen ließ. Aber es fiel niemand unter uns ein, die Not⸗ wendigkeit einer zunehmenden Verkommenheit des Proletariats daraus zu folgern.

Die Verelendungs⸗Theorie spielt in dieser Schrift über das Erfurter Programm keine Rolle. Ebensowenig wie wegen der Katastrophen⸗ Theorie brauchte ich ihretwegen auch nur einen Satz zurevidieren.

Neben diesen beiden Theorien wurde noch lebhaft angezweifelt eine Theorie, die Marx wirklich aufgestellt, seine Krisentheorie. Diese Theorie war aufgebaut auf die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts. Weitere Erfah⸗ rungen einiger Jahrzehnte, die ihrer Aufstellung folgten, hatten sie glänzend bang Nun wurde die Theorie mit einem Male 1898 für falsch erklärt, weil damals drei, sage und schreibe drei volle Jahre der Prosperität sich eingestellt hatten. Hätte die deutsche Sozialdemokratie sich damals von dieser Kritik imponieren lassen und den von den Krisen handelnden Passus des Erfurter Programms entsprechend revidiert, so wäre ihr die angenehme Aufgabe erwachsen, nach 2 Jahren wieder diesen Passus von neuem zu revidieren. Wer einmal derartigen kurzatmigen Kritiken, die in der Regel nichts sind als flüchtige Ein⸗ fälle und Stimmungen, einen richtunggebenden Einfluß auf Ueberzeugung und Programm ein⸗ räumt, der kommt aus dem Revidteren nicht mehr heraus, der wird zum Spielball der Er⸗ eignisse statt zu dem sie überschauenden Meister, der sie seinen großen, unverrückbar festgehaltenen Zielen dienstbar macht.

Nur in einem Punkte mußte ich das in den früheren Auflagen Gesagte etwas einschränken: der Rückgang des Kleinbetriebs in der Land⸗ wirtschaft vollzieht sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht so rasch, wie ehedem, stellen⸗ weise gewinnt letzterer sogar an Boden. Das lag 1892 noch nicht so klar zutage. Hier mußte ich mich jetzt reservierter ausdrücken, als damals.

Das ist aber auch alles. Es liegt nicht der geringste Grund vor, an Stelle der alten eine neue, gegensätzliche Tendenz auf Verdräng⸗ ung des Großbetriebs durch den Kleinbetrieb in der Landwirtschaft anzuerkennen. Dazu sind die vorliegenden Daten viel zu wenig bestimmt. Sie deuten nicht eine veränderte Entwickelungs⸗ richtung an, sondern ein Stocken der bisherigen Entwickelung, soweit sichs um die Betriebsgröße handelt. Die Veränderungen sind nur unbe⸗ deutend, die sich während der letzten zwei Jahr⸗ zehnte in der Bodenfläche der einzelnen Betriebs- kategorien vollzogen haben, und ste gehen nicht überall in der gleichen Richtung vor sich. In einigen Gegenden weicht der Großbetrieb zurück, in anderen macht er Fortschritte. Dabei ist

aber der Zeitraum, in dem dies Stocken sich bemerkbar macht, noch viel zu kurz, um zu be⸗

rechtigen, aus so wenig ausgeprägten Tatsachen Schlüsse zu ziehen, die die Erfahrungen eines Jahrhunderts über den Haufen werfen würden. Ließen wir uns da zu vorschnellen Schlüssen verleiten, dann ginge es uns in der Agrar- frage leicht so wie manchen Revistonisten in der Krisenfrage.

Endlich aber muß bemerkt werden, daß mit der Konzentration des Kapitals, wie sie Marx auffaßte, nicht nur das Weiterbestehen, sondern sogar eine gewisse Zunahme des Kleinbetriebs in einzelnen Produkttonszweigen vereinbar ist, und zwar nicht bloß in der Landwirtschaft, sondern auch in der Industrie und im Handel. Gerade wenn man im Sinne der Marxschen Dialektik denkt, wird man diese Zunahme leicht begreifen.

Jede Tendenz erzeugt Gegentendenzen, die danach trachten, jene aufzuheben. Aber auch dort, wo ihnen das gelingt, bewirken sie damit nicht eine bloße Rückkehr zu dem Zustand, wie er vor der Herrschaft der aufgehobenen Tendenz bestand, sondern erzeugen sie etwas wesentlich Neues. So erzeugt zum Beispiel das Elend, das der Kapitalismus naturnotwendig über das Proletariat verhängt, dessen Kampf gegen das Elend. Aber dort wo der proletarische Klassen⸗ kampf stark genug wird, das vom Kapttal er⸗ zeugte Elend zurückzudrängen, ist das Resultat nicht etwa eine vorkapitalistische Arbeiteridylle. Weiter aber, wenn das Proletariat strebt, sich zu organisieren und dadurch das Macht⸗ verhältnis zu verschieben, das zwischen dem einzelnen Lohnarbeiter und dem einzelnen Kapitalisten besteht, so erzeugt dies Streben auf der andern Seite wieder den Drang nach Organisation der Unternehmer. Wo nun der Arbeiterorganisatton der Unternehmer-Verband gegenübertritt, scheint das alte Machtverhältnis zwischen dem einzelnen Lohnarbeiter und dem einzelnen Unternehmer wieder hergestellt zu sein. Indes ist in Wirklichkeit das neue Machtver⸗ hältnis doch ein ganz anderes. Wie kraftvoll auch die Kapitalisten durch ihre Organisationen werden können, so, wie der einzelne Kapitalist mit dem isolierten Arbeiter, darf eine Unter⸗ nehmerorganisation mit der proletarischen Or⸗ ganisation doch nicht mehr umspringen. Und das Bewußtsein wie die Taktik der organisierten Arbeiter bleiben unter allen Umständen andere als die der vereinzelten.

Ein gleicher dialektischer Prozeß bewirkt auch, daß aus der Konzentration des Kapitals selbst wieder unter Umstäuden eine Vermehrung des Kleinbetriebs entspringt. Aber der neue Klein⸗ betrieb ist ein ganz anderer als der alte, hat mit diesem nur Aeußerlichkeiten gemein und 110 ökonomisch wie politisch eine ganz andere Rolle.

Die Wahlreform in Hessen.

Nach den Ergebnissen der Kammerverhand lungen vom Donnerstag und Freitag scheint sich das Schicksal der Wahlrechtsvorlage trotz der Hetzereien des Lederkönigs und Bauern- legers Heyl günstiger zu gestalten, als vorher erwartet werden konnte. Daß eine so große Mehrheit sich für das direkte Wahlrecht aus sprach, ist gewiß erfreulich, wenn auch ange⸗ nommen werden muß, daß eine Anzahl ver-

* Kunst tritischer Beweisführung.