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Mitteldeutsche Sountgs⸗Jeitung.
Seite 7.
tut, was der Sohn in seiner Dummheit ver⸗ langt, dann darf ihn der für'n Narren halten und an der Nase herumführen?“
„Er kann eben dann nicht anders,“ versetzte Tobias,„und es geschieht eben!“
„Halt's Maul,“ rief der Alte entrüstet, „und laß das einfältige Geschwätz!“— Nach einer Weile fuhr er fort:„Ich habe also doch Recht gehabt neulich: die Person ist wieder an dich gekommen, trotz ihrem Schimpfen? Der „miserable Kerl“ ist ihr nun wieder gut genug? Das ist die rechte War'!“
„Die Bäbe,“ eutgegnete Tobias mit dem Ernste eines verletzten Gemüts,„hat gehandelt wie ein braves Mädchen. Sie hat mir ver- ziehen, weil sie erfahren hat, daß ich ihr im Herzen doch treu geblieben bin, wie's auch wahr ist. Die Bäbe ist das beste Mädchen von der Welt, sie hat mich lieb, sie tut alles für mich— sie allein meint's gut mit mir, sonst niemand. Und das Mädchen laß ich nicht, die muß mein Weib werden, und wenn die ganze Welt des Teufels wird. Ich laß mir's nun einmal nicht nehmen, ich tu's nicht anders — und damit Punktum!“
Der Alte hatte diese Rede, in welcher sich Tobias zum Gipfel des Mutes und Trotzes hinaufsteigerte, mit einer Anwandlung von Schrecken gehört, wie man ihn empfindet, wenn man jemand plötzlich gegen alle bisherige Ge⸗ wohnheit und Natur handeln sieht. Er be⸗ trachtete ihn mit immer größer werdenden Augen von oben bis unten, und nur durch Schnaufen erleichterte er sein Herz. Endlich fand er Worte und rief:„Dahin ist's ge⸗ kommen! Ich hab' dir also die Narrheit noch nicht ausgetrieben?“
„Im Gegenteil,“ erwiderte der jetzt im Zuge befindliche und von der Wirksamkeit seines Verfahrens überzeugte Bursch,„hinein⸗ getrieben hast du's in mich, nicht ausgetrieben!“
Das war zu viel— es war nicht nur Trotz, sondern Hohn! Bebend vor Zorn stellte sich der Alte vor den Rebellen hin und rief: „Jetzt horch, ich will dir was sagen! Ich hab' dir gezeigt, wie man's ungeratenen Buben macht, auch wenn sie so alt sind, wie du bist. Aber das ist noch nicht das Beste gewesen, ich kann's noch ganz anders? Und wenn du mich erzürnst—“ Seine rechte Hand ballte sich und seine Augen sprühten Feuer, als ob er den Burschen verbrennen wollte.
Dieser, der sich erhoben hatte, entgegnete jedoch fest und nachdrücklich:„Du bist mein Vater, du bist stärker als ich, und du kannst mich schlagen. Ich kann nichts dagegen tun und muß es mir gefallen lassen. Aber das sag' ich dir: wenn du mich totschlägst, laß ich die Bäbe nicht! Dann erst recht nicht!“
Dies war mit einem Ausdruck von Mär⸗ tyrerentschlossenheit gesprochen, daß der Alte erstarrte und verstummte. Er sah ihn an wie einen, mit dem's nicht richtig ist, gegen den man aber ebendeswegen vorderhand nichts machen kann, und erwiderte nur:„Gut, das wollen wir sehen!“
Und Tobias versetzte keck:„Ja, das wollen wir sehen!“
Die Walpurg erschien mit der brennenden 1 9— eine Unterbrechung, die dem Vater lieber war als den Sohne. Das Weib machte ein sonderbares Gesicht. Sie hatte die zanken⸗ den Stimmen gehört und war halb aus Neu⸗ gierde, halb um einen schrecklichen Auftritt zu verhindern, in die Stube gegangen, stellte sich aber nun, als ob sie von nichts wüßte. Ste suchte den Alten durch häusliche Fragen auf andere Gedanken zu bringen, verlor die Geduld nicht, als dieser sie anschnauzte, und erlangte es endlich, daß er ihr Gehör gab. Nach einer Weile erhob sich Tobias, der sich wieder gesetzt atte, wünschte gelassen und wohlwollend Gute
acht und ging in seine Kammer. (Fortsetzung folgt.)
Eine neue Niesenbrücke,
welche New⸗Nork mit Arwokzn über den East⸗ River verbindet, ist am 19. Dezember mit Febarger Feierlichkeit eingeweiht worden. 8 gab dabei die größte Illumination, die
jemals in Amerika gesehen worden ist. Um die Leuchtkraft der 20 000 Lampen n waren Dampfmaschinen mit nahezu 1000 Pferde⸗ kräften erforderlich und für die Lichtzuführung waren 32 000 Kilometer Draht nötig. Die Lampenreihen wurden an den Tragkabeln, Hängeseilen, Längsträgern und Türmen ange⸗ bracht, sodaß dem Beschauer ein durch die Dunkelheit der Nacht flammendes Bild des ganzen Bauwerkes geboten war.
Die Brücke ist tragfähiger, breiter und höher als die alte. Ihre Breite beträgt 118 Fuß, gegen 85 der Breite der alten Brücke, und statt einer hat sie zwei Etagen, zwei Promenaden von je 10%½ Fuß Breite, zwei Bicyelepfade, je 7 Fuß breit, vier Trolleygeleise, zwei Geleise für Hochbahnzüge und zwei Fahrwege für Fuhr⸗ werke, welche je 20 Fuß breit sind. Die alte Brücke hatte eine Promenade von 15 Fuß Breite, zwei Fahrwege je 18 Fuß breit, auf denen außerdem noch die Trolleygeleise liegen und zwei Geleise für Hochbahnzüge. Die Länge der neuen Brücke übertrifft diejenige der alten um 1275 Fuß, ihre Tragkabel liegen auf den „Wiegen“ der stählernen Türme 335 Fuß und 8 ½ Zoll über dem mittleren Hochwasser, während dieser Punkt bei der alten Brücke 272 Fuß über dem Hochwasser liegt. Die Tragfähigkeit der neuen Brücke ist auf 98,000 Tonnen be⸗ rechnet, gegen 48,000 bei der alten Brücke. Die Kosten der neuen Brücke belaufen sich auf über 20,000,000 Dollars- 80 Millionen Mk., während für die alte Brücke 13,000,000 Dollars ausgegeben wurden.
Einen Mohren weiß zu waschen
ist selbst unserer erfindungsreichen Zeit noch nicht gelungen; aber einen Neger weiß zu brennen oder weiß zu leuchten, soll bereits möglich sein; wenigstens behauptet Dr. Henry Pancoast, Professor an der Universität Philadelphia, eine wunderbare Eigenschaft der Röntgenstrahlen entdeckt zu haben: sie sollen die schwarze oder braune Haut der Neger weiß machen können! Es bleibt wenigstens nach jeder Einwirkung der Röntgenstrahlen auf der damit behandelten Hautstelle des Negers ein weißer Fleck zurück, der nicht mehr verschwindet. Die Neger könnten also, wenn sie wollten, sich weißbrennen lassen. Aber sie scheinen es gar nicht zu wollen. Dem Redakteur eines großen Londoner Blattes er⸗ klärte der Direktor einer in London auftreten⸗ den Negertruppe:„Wenn man arm geboren ist, nützt eine weiße Haut auch nicht viel. Wenn man aber reich ist, kann man eine be⸗ liebige Hautfarbe haben und wird trotzdem überall gern gesehen sein. Warum sollten wir also unsere Hautfarbe abändern wollen?“ Dieser Neger ist entschieden ein sehr vernünftiger Mann.
Ein Neujahrswunsch.
(Von einem Crtimmitschauer Ausgesperrten.)
Die Wahrheit lob ich mir, sei sie auch grob,
Die Wahrheit tut uns not; drum hat es mir
Das müde Herz erfrischt, als ich vernahm,
Was ihr, ihr Weberzwingherren aus der Crimmitschau Uns Webern zu Neujahr gewunschen habt:
„Ihr Hunde alle müßt krepieren!“
So sagtet ihr und tatet wohl daran.
Man kennt nun doch den heißen Herzenswunsch
Den ihr für uns, die Webersklaven, habt,
Die euch so groß, so reich, so fett gemacht.
Nun gebet acht, was ich e uch wünsche:
Nicht daß auch ihr krepieret, sterben werdet ihr— Umgeben von den Erben und den Pfaffen—
Ja doch von selbst. Ich wünsche euch sogar
Ein leichtes Ende, einen sanften Tod.
Doch was das neue Jahr euch bringen sollte,
Ist— seht, wie ich so rechtlich denke—
Nur das, was wir uns selber wünschen:
Zehn Stunden Arbeit tariflich auf den Glocken
schlag Im dumpfen rasselnden Maschinensaal Und dazu— seien wir splendid— Den Stundenlohn von fünfunddreißig Pfennig.
Glaubt ihr, ihr tollgeword'nen Herren, So würde rasch sich euer Koller legen Und die Vernunft einziehn in eure Köpfe, Wo jetzt nur Größen wahnsinn spuckt.—
Habt acht, habt acht, ihr tollgeword'nen Herren,
Daß euer Wunsch sich nicht erfülle!— denn—
Krepieren wir, so müßtet ihr, die wür ernähren,
Recht bald vor Hunger auf der Straße sterben!
Humoristisches.
Neujahrstoast eines Staatserhaltenden: „Meine Herren! Das verflossene Jahr war dank der aufopfernden Tätigkeit unserer Regierung ein Beispiel musterhafter Ordnung. Es bestand aus 365 Tagen oder 52 Wochen, von denen jede einen Sonntag und sechs Wochentage enthielt. Ich glaube, dieser Rückblick erfüllt uns mit inniger Genugtuung und berechtigt uns mit Stolz auszurufen: unsre sorgfältige, von so schönen Erfolgen gekrönte Regierung lebe hoch, hoch, hoch!“—
(„Jugend“).
Ja, Bauer, das ist ganz was anderes.
Ein Bauer trat mit dieser Klage
Vor Junker Alexander hin:
„Vernehmt Herr, wie ich heut am Tage
So übel angekommen bin.
Mein Hund hat Eure Kuh gebissen;
Wer wird die nun bezahlen müssen?“
„Da sollst Du Schelm den Beutel ziehen,“ Fuhr allsofort der Junker auf.
„Mir war das Stück von solchen Kühen Für dreißig Taler nit zu Kauf;
Die sollst Du augenblicks erlegen.
Das sei erkannt von Rechtes wegen!“
„Ach nein! Gestrenger Herr, ach höret!“
Rief ihm der Bauer wieder zu,
„Ich hab es in der Angst verkehret,
Denn Euer Hund biß meine Kuh!“
Und wie hieß nun das Urteil Alexanders?
„Ja Bauer, das ist ganz was anders!“ Richey.
(Aus der Sammlung„Der deutsche Spielmann“,
Verlag von G. D. Callwey.)
r Litterarisches —„In Freien Stunden“. Romane und Erzählungen für das arbeitende Volk. Von dieser
illustrierten Wochenschrift, die im Verlage unserer Par⸗ teibuchhandlung Vorwärts erscheint, ist jetzt der 14. Band erschienen. Er enthält die Romane„Die Regu⸗ latoren in Arkansas“ von Friedrich Gerstäcker und„Ramuntcho“ von P. Loti. Außerdem aus der Novellenserie unseres alten Parteiveteranen R. Schwei⸗ chel,„Aus dem Leben der Enterbten“:„Moorland“ und„Es hängt Gewicht sich an Gewicht“ und zwei kleine Beiträge:„Der beglückte Dichter“ und„Der halbe Kaspar“ von Moritz Reich. Neben diesen hervor⸗ ragenden Werken volkstümlicher Erzählungskunst enthält der Band noch viele kleine unterhaltende und belehrende Artikel. Der Herausgeber hat sich die Aufgabe gestellt mit„In Freien Stunden“ die unbeschreiblich öde und geistlose Schundliteratur aus den Arbeiterkreisen zu ver⸗
drängen. Der vorliegende Band beweist wiederum das Geschick, der gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Gerstäcker, 5 derfasser des Hauptromans, hat ein
abenteuerreiche“ eben geführt und was er gesehen und erlebt, hat en in seine Romane zu farbenprächtigen Bil⸗ dern und lebendigen Szenen verflochten. Die künstlerisch vollendeten Illustrationen des Münchener Malers J. Dam⸗ berger ergänzen die Darstellung des Erzählers. Durch die Verbreitung guten Lesestoffes kann die verheerende Pest der Schundliteratur bekämpft werden. Deshalb sollten Arbeiterinnen und Arbeiter die weiteste Verbrei⸗ tung der Wochenschrift„In Freien Stunden“ in den Kreisen ihrer Freunde und Familien unterstützen. Wir empfehlen unsern Lesern das Abonnement auf die Wochenhefte, die zum 1. Januar mit zwei neuen Ro⸗ manen„Die Flußpiraten des Misstssippt“ und„Ga⸗ briele Lambert, der Galeerensklave“ von Alexander Du⸗ mas erscheinen.
—
Geschichtskalender.
10. Januar. 1874 und 1877: Reichstags⸗ wahlen(1874 wurden 351670 und 1877 493 447 sozlalistische Stimmen abgegeben). 1778: Linné, Na⸗ turforscher.
11. Ende des Meeraner Weberstreiks, hebung des Gumbinner Todesurtei 8.
12. 1890 Johannes Wedde, sozilalist. Schrift- steller, T. 1885: Polizeirat Rumpf in Frankfurt a. M. erbolcht.
1902: Auf⸗
13. 1902 Kugelmann, alter Achtundvlerziger, Freund von Karl Marx, in Hannover 5. 14. 1887: Puttkamer's verschärfte Sozialisten⸗
gesetzvorlage im Reichstage.
15. 1898:„Vorwärts“ veröffentlicht Posadowsky's geheimen Streikerlaß.
16. 1901: Böcklin, berühmter Maler, f. 1865: Proudhon, soztalist. Theoretiker, F.


