Ausgabe 
9.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

́

P 2 3

3

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 41.

Von Nah und Fern.

DerArbeitswillige als Messerheld.

Aus Halle wird berichtet: Auf Geschworene soll es einen guten Eindruck machen, wenn man sich alsleidender Arbeits williger vorstellt. Dies schien auch der Maurer Friedrich Tanz

on Merseburg zu glauben, der wegen Körper⸗ Fei eung mit Todeserfolg angeklagt war. Mitte April verbreitete die bürgerliche Presse, in der Absicht, den Maurerstreik in Merseburg in Mißkredit zu bringen, die Schauermär, der

Maurer Tanz, der aus einer Versammlung der

Streikenden gekommen sei, habe in der Nacht um 17. April nach stattgehabtem Wortwechsel den Arbeiter Klinkmüller auf dem Marktplatz erstochen. Von der Behauptung stellte sich durch die Schwurgerichtssitzung allerdings als wahr heraus, daß Tanz den K. erstach; im übrigen wurde aber das Lügenmärchen der bürgerlichen Presse gründlich zerstört. Tanz hatte nicht nur nichts mit der Organisation zu tun, sondern er war ein braver, schon sehr oft wegen Gewalttätigketitsvergehen vorbestrafter Arbeitswilliger. Er renommierte damit, zur Zeit des Streiks in Amendorf gearbeitet zu haben und will von dem Erstochenen durch die Worte:Beffchenfritze undStreikbrecher gereizt worden sein. In jener Nacht sei er nicht von der Versammlung, sondern vom Karten⸗ spiel gekommen. Tanz kam unter Zubilligung mildernder Umstände mit einem Jahr sechs Monaten Gefängnis davon.

Ein Hundedenkmal.

Unterhalb des königlichen Schlosses auf Wilhelmshöhe, so berichtet unser Partei⸗ blatt in Kassel, befindet sich eine kleine Insel. Dem Publikum ist es streng verboten, ste zu be⸗ treten. Das strenge Verbot dieser Insel gab zu allerlei Vermutungen Anlaß, was für Ge⸗ heimnisse die Insel wohl bergen möge. Endlich beschloß ein Neugieriger, den Schleier von dem Geheimnis zu reißen und siehe da, er entdeckte ein Grab mit folgendem Gedenkstein:

Dem Andenken meines treuen Dachshundes Erd 17 a 1 n..

Das also war des Rätsels Lösung! Nun, darob braucht man doch wahrlich nicht zu solch strengem Verbot Zuflucht zu nehmen. Wir können die meuschlichen Gefühle verstehen, einem treuen Hund einen Grabstein zu stiften.

Gebrochene Staatsstütze.

Ein Sozialistenhetzer, der in Halle zur Zeit des Sozialistengesetzes hinter unseren Genossen her war, wie ein Jagdhund, der Kriminalpolizist Horn, ist seinem Schicksal verfallen. Er ist wegen zahlreicher Betrü⸗ gereien und Urkundenfälschungen, die er in seiner jetzigen Eigenschaft als Oberausseher der städtischen Straßenreinigung begangen hat, in Untersuchung gezogen worden.

Erstklassiger Skandal.

Der Leutnant v. Rink in Karlsruhe, in dessen Privatwohnung die Frau des Rechts⸗ anwalts Dr. Schlesinger aus Mannheim in trautem Tete⸗a⸗tete angetroffen und von ihrem Ehemanne herausgeholt wurde, hat den Rechts⸗ anwalt zum Duell gefordert. Dr. Schlesinger hatte keine Lust, sich von dem sauberen Leutnant auch noch umbringen zu lassen und lehnte die Aufforderung zur Duellprügelei ab.

Bestrafter Menschenschinder.

Der gräfliche Gutspächter Szul⸗ czewski in Kleingrötzig bei Wollstein(Provinz Posen) wurde von seinen Knechten mit einer Wagenrunge erschlagen, weil er einen Knecht geohrfeigt hatte. Wenn diese geduldigen und unterwürfigen Arbeitstiere zu einer solchen Verzwelflungstat schritten, kann man sich denken, was sie vorher zu erdulden hatten.

Parteifreunde! cnc nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!

. 1 ae e ee

ů

2

Die Zwillingsbrüder. Von n Rieger.

Zweimal in der Woche an jedem Donners⸗ tag und Samstag fuhr durch die verkehrs⸗ armen Straßen der Landstadt ein kleiner, mit einem Hunde bespannter Wagen. Zwei fünf⸗ zehnjährige Knaben begleiteten ihn. Der eine von ihnen half neben dem folgsamen Tier das Gefährt ziehen, der andere ging hinten und schob.

Der Wagen war mit allerhand Grünzeug und Gemüse beladen. Auch Zimmerblumen fehlten nicht. Fast vor jedem der einstöckigen Häuser hielt er an. Die Frauen traten aus den Haustoren und kauften für die nächsten Tage. Kam niemand aus dem Tor, so trat der eine Knabe ins Haus und bot den Parteien die Waren an.

Das Gefährt mit dem Hunde und den zwei bildhübschen Jungen war in der ganzen Stadt bekannt. Die Frauen kauften gern, denn das Gemüse war frisch und wohlgepflegt. Und die es verkauften, waren zwei Waisen. Sie waren einander so ähnlich, daß man den einen von dem 1 kaum unterscheiden konnte: Zwillings⸗

rüder.

Beide erfreuten sich einer gewissen Beliebt⸗ heit. Vielleicht spielte auch etwas Mitleid mit gegenüber den braven Jungen. Sie hatten sich immer wohlanständig aufgeführt und in der Schule nie zu Beschwerden Anlaß gegeben.

Auf den kindlichen Zügen der Zwillinge lag ein Hauch von Melancholie. Aus ihren Augen sprach der Ernst des Lebens. Selten sah sie jemand lachen. Sie gingen, auch als ste noch die Schule besuchten, immer zusammen. Eine unerklärliche Scheu hielt sie vor den anderen Kindern zurück.

Seit einem Jahr waren sie in der Lehre. Ein Gärtner war ihr Meister. Der aber war ein hartherziger Geselle. Er plagte die Jungen und beutete sie aus.

Die Zwillingsbrüder schliefen gemeinsam in einem schlechten Bett. Zeitlich am grauenden Morgen wurden sie mit rauhem Gruß geweckt. Und erst spät am Abend legten sie sich nieder. Wehe, wenn ihre ungeübten Hände bei der Arbeit nicht so flink zugriffen, als derMeister es wollte! Oder wenn ste bei den Fahrten durch die Stadt zu wenig verkauft hatten! Da setzte es Schläge und grobe Worte ab.

Der Gärtner hatte zu den verlassenen, schutz⸗ losen Waisen so recht alle Empfindungen eines gewalttätigen Herrn. Seiner Brutalität setzte niemand eine Schranke. Die Zwillingsbrüder waren seine jungen Sklaven und er behandelte sie danach.

Nur einen Freund hatten sie, das war der Hund. Er war stets bei ihnen. Er schaute ihrer Arbeit in den Gärten zu und war ihr Begleiter bei den Botengängen. An den freien Nachmittagen der Sonntage leistete er ihnen treue Gesellschaft. Er schlief in ihrer Nähe und stand mit ihnen auf. Er war ihnen zugetan, als hätte er Verstand und ein fühlendes Herz. Und erhob der Meister gegen die Zwillings⸗ brüder die Hand zum Schlage, so fuhr der Hund wild empor und fletschte gegen den Herrn die Zähne.

5

Die Zwillingsbrüder ertrugen ihr Leid so gut als sie es konnten. Gegenüber fremden Leuten trauten sie sich nicht zu klagen. Denn hätte der Meister es erfahren, so war ihnen noch ärgere Mißhandlung gewiß.

In der Stadt war es kein Geheimnis, wie der Gärtner mit den Lehrlingen verfuhr. Viele waren aus der Ferne Zeuge gewesen, als der Meister die Waisen schlug, unbarmherzig auf ste niederprügelte.

Man sprach auch viel davon und fand es nicht in der Ordnung. Aber es gab niemanden,

der sich der Gepeinigten angenommen halle.

Keiner wollte mit dem rohen Gärtner anbinden. Schließlich sagte sich jeder, daß ihn die Sache nichts angehe.

Die Behandlung der Zwillingsbrüder wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Und das, obwohl sie sich redlich Mühe gaben, allen An⸗ forderungen zu genügen. Ste arbeiteten un⸗ ablässig und richteten sich nicht auf, mochten der Rücken, die Finger noch so sehr schmerzen. Was sie trotzdem nicht vermochten, das war: den Meister zufriedenzustellen.

Sie hätten das auch nicht fertig gebracht, selbst wenn ste tausendmal fleißiger gewesen wären. Ihr Herr und Gebieter wollte nicht zufrieden sein. Es bereitete ihm Wollust, die Knaben zu quälen. Bestialität und Bosheit beseelten ihn. 1

Warum er die beiden Brüder so grimmig haßte? Das ist gar bald erzählt. Erdmann so hieß der Gärtner war einst sehr verliebt. Das Mädchen, nach dessen Besitz er geizte, war die spätere Mutter der Zwillingsbrüder. Sie wies seine ungestümen Werbungen zurück und blieb auch dann stand⸗ haft, als er sie mit wilden Drohungen ver⸗ folgte. Selbst eine Arbeiterin, reichte sie einem Arbeiter die Hand.

Bei Erdmann wandelte sich die Liebe in blinden rachsüchtigten Haß. Er hätte die früher Verehrte am liebsten umgebracht, wäre es ihm dabei nicht selbst an den Kragen gegangen.

Die Ehe der Arbeiterin währte nur ein Jahr. Das schwächliche Weib gebar Zwillinge. Während die kräftig entwickelten Säuglinge in die Wiege gelegt wurden, starb die Mutter. Neben der Geburt neuen Lebens verrichtete der Tod sein gefürchtet Handwerk.

(Schluß folgt.)

Zweifel. Ach, bei diesen bösen Zeiten Werd' ich wahrlich noch ganz dumm. Mich beschleicht sogar der Zweifel An dem Gottesgnadentum. Bin ein treuer Untertane! Für den allerhöchsten Herrn Auf dem angestammten Throne Gäb' ich Leib und Leben gern.

Herrlichkeit und Macht und Weisheit Ward zuteil von oben ihm,

Und die Gnade erbt sich weiter Wenn die Zeugung legitim. Aber ach, das Legitime,

Dieses ist das Zweifelwort! Wehe! Von den Fürstenhöfen Wandte sich die Keuschheit fort! Pflichtvergessene Prinzessinnen! Mehrmals sahn wir den Skandal. Unentdeckt bleibt wohl manch andrer Allerhöchste Sündenfall.

Und bei solchen bösen Zeiten

Geht mir dies im Kopf herum: Weiß denn, ob sein König echt sei, Heutzutag das Publikum?

(Wahrer Jakob.)

Der Pfarrer. Wie man sich so für was entscheidet, Studierte Max Theologie. Sein Vater, Tubalternbeamter, Erschwang das Geld mit vieler Müh'. Doch machte ihm nach vier Semestern Gar mancher Zweifel arge Pein, Und als der Glaube ihm ging flöten, Weiht jammernd er die Eltern ein. Der Vater sprach vom Hungertuche, Die Mutter bat:Max, bleibe stark! Und jest belügt er die Gemeinde Für monatlich dreihundert Mark. (Simpl.)

Humoristisches

Der freundliche Schutzmann.Sie stehen hier Streikposten? Kommen Sie mal mit, ich werde dafür sorgen, daß Sie sich eine Weile setzen können.

Der Simulant.Der Unteroffizier hat Sie etwas kräftig angefaßt und da ist Ihnen der Arm ge⸗ brochen, Sie poltzeiwidriger Jammermensch! Und jetzt wollen Ste am Ende gar noch Schmerz gespürt haben? Waasss! ö

PPP ²⁵ AA

e

e

U

4