Ausgabe 
8.5.1904
 
Einzelbild herunterladen

8 3

r

.

ůjff

9 J 4 0 12 N 1

Seite 6.

Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 19.

Von Nah und Fern. Das schwache Kaiserhoch.

Aus einerschwarzen Garnison, in der kein Militär liegt, wurde kürzlich demOffen⸗ bacher Abendlatt geschrieben: Hier fand eine Kontrollversammlung statt. Nachdem die üblichen Zeremonien vorüber waren, ließ der betreffende Offtzier ein Hoch auf Kaiser und Großherzog von den anwesenden 300 Mann ausbringen. Das Hoch klang jedoch dem Offtzier zu schwach, so daß er entrüstet mit seinem Degen auf⸗ stampfte und also sprach:Gewiß sind so ein paar Lumpen unter Euch, die Euch aufhetzen. Solange das deutsche Heer be⸗ steht und wir die Macht haben, werden wir dieses Gewächs nicht aufkommen lassen! Wir wissen nicht, wie stark oder wie schwach das kommandierte Hoch aus den 300 Kehlen geklungen hat, aber das wissen wir, daß die zu den Kontrollversammlungen befohlenen Ar⸗ beiter über den infolge eben dieser Versamm⸗ lung zu verzeichnenden Lohnverlust wenig er⸗ bau: gewesen sind.

Wer Arbeitergroschen verbraucht.

In der Generalversammlung der Orts⸗ krankenkasse in Lehrte wurde ein Posten in der Rechnung moniert. In Vertretung der Kasse war ein Herr dreimal nach Burgdorf gefahren(Bahnstation, etwa 10 Kilometer von Lehrte entfernt) und hatte dabei jedesmal höchstens einen halben Tag aufgewendet. Für diese dret Fahrten hatte er nicht weniger wie 56 Mark Spesen berechnet. Dieser Herr war der Bürgermeister von Lehrte. Die Ausgaben, die dem Herrn Bürgermeister erwachsen sind, können höchstens etwa 5 Mark Eisenbahnfahrgeld und drei Mittagsmahlzeiten gewesen sein.

Kriegerverein als Unternehmer⸗Schutz⸗ truppe.

Als in dem pommerischen Ort Richten⸗ berg bei Franzburg ein Maurerstreik ausge⸗ brochen war, lesen wir imHamb.⸗Echo, schickte der Franzburger Kriegervereins-Vorstand an die dem Verein angehörenden Maurer fol⸗ gendes Schreiben:Franzburg, 6. April 1904. Der Kriegerverein zu Franzburg fordert Sie auf, beiliegende Erklärung, unterschrieben mit Ihrem Namen, innerhalb von zwet Tagen an den Vorsttzeuden zurücksenden zu wollen. Falls Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen kön⸗ nen oder die Unterschrift nicht leisten wollen, so sind Sie hiermit laut Vorstandsbeschluß ge⸗ mäß den Statuten aus dem Verein ausge⸗ schlossen. Dr. Dieckmann. Dahms. Tessendorf. Die verlangte Erklärung lautet:Bei meiner Ehre versichere ich, daß ich getreu meinem Soldateneide von unbedingt königstreuer Ge⸗ sinnung bin, daß ich weder dem Zentralver bande der deutschen Maurer, noch einem andern sozialdemokratischen Verein angehöre oder an⸗ gehören werde, solange ich Mitglieo des Krieger⸗ vereins bin.

55

e In.

* C N 7 8 Unterhaltungs-Ceil. 5

Maifeierlied. Von Richard Dehmel.

Es war wohl einst am ersten Mai, viel Kinder tanzten in einer Reih', arme mit reichen,

und hatten die gleichen

vielen Stunden zur Freude frei.

Es ist auch heute erster Mai,

viel Männer schreiten in einer Reih'; heut sind sie heiter,

und haben weiter

keine Stunde zur Freude frei.

N

5

Doch blüht wohl einst ein erster Mai,

da tritt alles Volk in eine Reih';

mit einem Schlage

hat's alle Tage

ein paar Stunden zur Freude frei.

Diese prächtigen Verse brachte derVorwärts in

seiner Mainummer. Richard Dehmel 8ist einer der bedeutendsten Lyriker der Gegenwart.

Die Selbstmörderin. Von Karl Marchionini.

Auf einige Wochen hafte ich mich in ein fern von der Großstadt abgelegenes Dorf zur Erholung meiner Nerven begeben. Es war wunderschön auf diesem Flecken der Erde. Das Auge schweifte über grünschimmernde Hügel und über reife Kor ifelder. In der Nähe des Dorfes stand ein schöner, dunkler, kühler Wald überaus prächtig und einladend da. Ein Flüß⸗ chen schlängelte sich dahin, das im Sommer ganz besonders für die Dorfbevölkerung eine wahre Wohltat war. Der Ort war mit Gaben aller Art reich geschmückt. Die Sonne war hier nicht sparsam gewesen, und wäre die Mensch⸗ heit, die hier ihren Besitz hatte und ihrem Er⸗ werb nachging, besser geartet gewesen, so wäre es eine Freude für jeden gewesen, hier wohnen und schaffen zu können.

Doch auch hier so wie überall gab es zwei Klassen, gab es Besitzende und Besitzlose, und ganz besonders die letzteren waren in diesem Orte so arm, daß ihnen die Armut aus den Augen schaute. Sie waren Landarbeiter und schufen all die Herrlichkeiten, die es rings um⸗ her zu schauen gab, sie arbeiteten, sie säeten, ste ernteten für die Besitzenden, während sie selbst besitzlos blieben und nur so viel ver⸗ dienten, vaß sie den Hunger stillen konnten. Damit sich niemand an dem Besitz der Reichen vergreifen sollte und damit stets die Ruhe und die Sicherheit bewahrt bleiben sollte, hatte der Vater Staat den Besitzenden einen Gendarmen zur Hilfe gegeben, und dieser waltete natürlich auch mit unparteilicher Strenge seines schweren Amtes. Dienstboten, ja selbst ältere Männer, die sich auf längere Zeit vermietet hatten und die, wenn ste schlecht behandelt wurden, aus dem Dienste vorzeitig austraten, holte er zu⸗ rück. Das Gesetz wollte es so haben. Arme Leute, die sich etwas Holz aus dem Walde ge⸗ holt hatten, wurden von dem Gendarmen notiert und dem Strafrichter übergeben. Das Gesetz und seine Instruktion verlangten es. Mit den zeichen Bauern trank er öfters im Wirtshaus einen Schoppen zusammen, und manchmal sahen ihn Arbeiter des Morgens in der Frühe, wenn er mit hochgerötetem Gesicht aus dem Wirtshaus kam.

Auch ein Pfarrer waltete in diesem Dorfe seines Amtes. Er hatte für das Seelenheil seiner Schäfchen zu sorgen. Am Sonntag wetterte er in der Kirche von der Kanzel herab, daß es eine Lust war, den Mann in seinem Pflichteifer zu hören. Dem Gesinde empfahl er, es möge der Herrschaft treu und ergeben sein, auch möge es unermüdlich fleißig sein. Den Mädchen empfahl er Keuschheit, denn ein sitten⸗ reines Mädchen habe Anspruch auf die ewige Seligkeit. Den Bauernburschen verbot er das Trinken. Der Herrschaft empfahl er, sie möge das Gesinde menschlich behandeln. Kurz, dieser Pfarrer hatte für jeden einige Worte. Er wußte natürlich, daß sie nicht befolgt wurden, aber er mußte doch predigen, da er nun doch ein⸗ mal Pfarrer war. Er selbst war auch kein Philister. Er war auch ein Freund eines guten Trunkes, mischte manchmal im Verein mit einigen reichen Bauern im Hinterstüblein die Teufelskarten, und was das Keusche anbetraf, so konnte seine junge, hübsche Köchin auch etwas erzählen. Doch diese war still, sehr fromm und verehrte den Pfarrer als einen sehr gottes⸗ fürchtigen Mann.

Eines Nachmittags, die Sonne stand noch in beträchtlicher Höhe, entstand eine große Auf⸗ regung im Dorfe. Dorfbuben kamen atemlos gelaufen und erzählten, die alte Liese, eine Dorfarme, sei ins Wasser gesprungen. Alles lief

nun an den Fluß, doch es war zu spät, sie

war verschwunden. Endlich, als man eine gute Weile gesucht hatte, fand man in einer stillen Ecke des Flusses zwischen Kraut und Schilf die Leiche des Weibes. Sie wurde von einigen Arbeitern ans Land gezogen und auf das Gras gelegt. Die Menschenmenge umringte die Leiche und auch der Gendarm war erschienen, er hatte das dicke Notizbuch in der Hand, um den Fall aufzuschreiben, damit er dann darüber Mitteil⸗ ungen seiner Behörde machen konnte.

Ein reicher Bauer, der neben mir stand, erzählte mir kurz die Geschichte des Weibes.

Die alte Liese sei früher ein sehr hübsches Mädchen gewesen, sie habe, so lange sie habe arbeiten können, bei den Bauern als Magd gedient. Auch habe sie einen Sohn gehabt. Sie habe in ihrer Jugend mit einem Bauernburschen schön getan, der habe ihr was besorgt und sie dann sitzen lassen, weil die Liese arm war und er nur ein reiches Mädchen habe heiraten dürfen. An ihren Sohn habe die Liese viel gewandt. Der sei auch ein tüchtiger Mensch geworden, doch beim Militär, da haben sie ihn so ge⸗ zwiebelt, daß er sich erschossen habe. Seit der Zeit habe die Liese keine Lust zum Arbeiten gehabt, sie habe die Menschen verflucht und ein gottloses Leben geführt. Sie sei nach dem Tode ihres Sohnes nie mehr in die Kirche ge⸗ gangen. Schließlich hat niemand so eine gott⸗ lose Magd behalten wollen, und da sie auch nicht mehr so recht arbeiten konnte, habe sie ins Armenhaus ziehen müssen. Da habe es dem Weibe natürlich nicht behagt.Sie war übrigens eine wahre Dorfplage, meinte zum Schlusse der Bauer,sie hat so manchen Dieb⸗ stahl auf dem Gewissen, allerdings hat man sie nie ertappen können!

Ein junger Bauernbursche stieß mit dem Fuße nach dem Kopfe des unglücklichen Weibes und lachte laut auf. g

Ich protestierte ganz energisch gegen diese Behandlung der Leiche. Der Gendarm trat da⸗ zwischen und meinte, ich möge mich nicht des alten Weibes wegen aufregen. Mir schnitt es fast das Herz entzwei, als ich so recht in das Gesicht der Lebensmüden blickte. Laut schrie es in mir auf, ich konnte es nicht fassen, wie es möglich ist, daß man in dieser Gegend ein Weib so zu Grunde richten konnte. Was hatte sie denn getan? Hatte sie nicht auch liebende Eltern gehabt? War das Weib nicht auch einst ein glückliches, frohes Mädchen gewesen? Hatte sie nicht froh und freudig gearbeitet? Doch sie traute den Schwüren des Burschen zu viel. Die hübsche Armut wurde schnöde be⸗ trogen. Und wollte sie nicht später ihr Schicksal mit Geduld ertragen? Warum tötete man ihren Sohn, ihre einzige Stütze? Ste, die sie bis dahin noch immer an eine Gerechtigkeit geglaubt hatte, mußte sie sich nicht abwenden von diesen frevelhaften Menschen? Hatte man ihr nicht ihr letztes, was sie besaß, geraubt? Nun war sie für ewig verstummt. Ihre fahlen Lippen waren geschlossen, ihre Hände lagen danieder. Ste hatte aufgehört zu leben, sie hatte aufgehört zu klagen. Das Leben war ihr zum Fluche geworden. In ihrem eingefallenen Gesicht konnte ich lesen, daß sie mit einem Fluche auf den Lippen in die Ewigkeit ge⸗ wandert war.

Ich blickte auf, einige Männer kamen mit einer Bahre, sie faßten das Weib an den Füßen und am Kopfe und luden sie auf die Bahre, und fort ging es ins Totenhaus für Armen⸗ häusler, ins Spritzenhaus. Lachend blickten einige Burschen und Mädchen dem Zuge nach. Nur hier und da sah man ernste Gesichter. Die Dorfjugend trollte mit. Ein altes Mütter⸗ chen blickte dem Zuge mit wehmütigem Gesicht nach. Ahnte sie vielleicht, daß man mit ihr auch einst so umgehen werde?

Es war ein wunderschöner Sonntag. Herr⸗ lich war die Sonne aufgegangen und schien nun mit ihren goldenen Strahlen auf die Erde herab. Mich hielt es nicht in meiner Behausung, ich ging hinaus, es war noch ziemlich früh. In Gedanken versunken, ging ich am Spritzen⸗ haus vorbei; da plötzlich wurden die Türen geöffnet, und auf einem Karren, an dem ein Pferd vorgespannt war, fuhr man die alte