Ausgabe 
7.2.1904
 
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des

Inztteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite?

andern scheugebietend vorgekommen wäre. Er hatte seinerseits erfahren, daß man die Streiche

Burschen und seine Abstrafung kannte und

daß sie beide in den Mäulern der Leute herum⸗

getragen wurden. Er mußte sich denken, daß

auch die Sybille unterrichtet sei und daß die Hoffnung, den Burschen mit ihr zu verheiraten, auf den schwächsten Füßen stehe. Die Schande der Familie war dem Manne, der nach außen eine Art von Würde behauptet hatte, ebenso empfindlich wie der mögliche Verlust eines schon besessenen Vorteils ärgerlich und die Un⸗ gewißheit der Lage peinlich. Wer hätte an eine solche Person Worte richten mögen, welche die gärenden Stoffe zur Eruption bringen mußten? Tobias konnte froh sein, daß der Alte nicht anfing; und er war es auch. Mit der Zeit wurde der Erboste ja doch anders dann konnte manin der Art mit ihm reden, und er nahm Räson an.

Vater und Sohn bedienten sich im unum⸗ gänglichen Verkehr der äußersten Einstlbigkeit und saßen meist beisammen oder liefen umein⸗ ander herum, als ob sie sich gar nichts an⸗ gingen. Tobias nähte mit immer größerem Eifer und schien an nichts anderes zu denken, als an die Stoffe, die unter seiner Künstler⸗ hand Form gewinnen und Leute machen sollten. Auch durch Aureden von den übrigen Hausge⸗ nosfen wurde er nur werig gestört.

Kaspar, in alle Vorgänge und übeln Er⸗ fahrungen des Tobias eingeweiht, fühlte ein entschieden stiefbrüderliches Vergnügen, das er nicht umhin konnte, auf seinem Gesicht merken zu lassen. Die gute Walpurg dagegen empfand Mitleid, herzliches Mitleid. Der Streich, den Tobias gewagt, der Betrug, den er dem Vater gespielt hatte, schadete dem Burschen bet ihr nicht, sondern nötigte ihr im geheimen ein bei⸗ fälliges Lächeln ab. Nach ihrer Meinung war er völlig im Rechte, und wenn sie die Härte des Alten auch begriff, so wünschte sie doch lebhaft, der Streit möchte damit enden, daß der Tobias seinen Willen durchsetzte und die schöne Pfarrmagd kriegte. Znnächst suchte ste ihn durch die Teilnahme ihres Blickes, die Sanftheit ihres Tones beim Morgen⸗ und Abendgruß, und wenn ste mit ihm allein war, durch Anspielungen zu trösten, die ihn das Beste hoffen ließeu.

Dem Regenwetter folgte einSaumwetter, das heißt eins, das vorbereitende Arbeiten auf der Wiese gestattete, aber mit der Einheimsung der Frucht zu säumen gebot, weil kleinere Re⸗

enschauer die völlige Trocknung verhinderten.

ie Notwendigkeit, das schon ziemlich verdorbene Heu noch ein paarmal umzukehren, war nicht geeignet, den Humor des Alt. zu verbessern, und sein Gesicht aufzuklären; er Sohn fand für gut, das entscheidende Gespraäch noch weiter zu vertagen und in jeder Beziehung erst gutes Wetter eintreten zu lassen.

So verging beinahe eine Woche, in der unsere Geschichte um keinen Schritt vorwärts rückte. Tobias sah weder die Bäbe noch die Sibylle, und Bekannte, die ihm begegneten, verrieten lange nicht mehr das Interesse der sonntäglichen Schadenfreude, sondern gingen meist teilnahmslos an ihm vorüber. Die Ruhe seines resignierten Herzens wurde durch nichts gestört als an einem der letzten Tage durch eine Begegnung der Pfarrleute. Diese kamen miteinander, ohne daß seine Seele daran dachte, hinter einer Hausecke hervor, und der über⸗ raschende Anblick versetzte den Unvorbereiteten in eine Aufregung, die ihn fast ganz außer Fassung brachte. Auszuweichen und zu tun, als ob er sie nicht sähe, war unmöglich; er mußte ihnen entgegen⸗ und an ihnen vorüber⸗ gehen. Nach einem flüchtigen Blicke in das Gesicht der Pfarrerin, dessen Ernst ihm nichts Gutes anzukünvigen schien, zog er die Kappe und legte in Ton und Gebärde des Grußes die demütigste Verehrung zur Schau, während der Tumult seines Herzens den höchsten Grad erreichte. Zehn Schritte weiter erkannte er, was ihm trotz aller Vorsätze wieder begegnet war. Er sagte zu sich:Hilft also gar nichts an mir? Traurig schüttelte er den Kopf.

Am Samstag, bei lebhaftem Nordost, trenn⸗

ten sich die Wolken in welßliche Haufen, und der kundige Bauer hoffte auf schöne Tage.

Als die Schneiderfamilie beim Mittagessen saß, begann der Alte zur Walpurg:Ich sollt' eigentlich heut noch in die Stadt(d. h. nach Nördlingen); ich brauch' allerhand Sachen; aber ich hab' keine rechte Lust dazu.

Die Meinung war, daß die Haushälterin statt seiner die Einkäufe machen sollte. Tobias bemerkte ruhig und bescheiden: er wolle hinein⸗ gehen, denn er habe auch für sich etwas anzu⸗ schaffen.

Nach kurzem Besinnen erwiderte der Alte: Meinetwegen. Er nannte ihm die Bedürfnisse für Handwerk und Landwirtschast, zählte ihm 500 vor, und Tobias machte sich auf den

eg.

Auf dem hübschen Fußpfad, der schon wie⸗ der trocken war, durch Wiesen und durch Felder, auf denen das üppige Getreide, durch den Regen gebeugt, streckenweise am Boden lag, wanderte der junge Schneider der Zierde des Rieses, dem großen, schönen, grauen Turme der Hauptkirche von Nördlingen entgegen, jetzt still gedankenlos, dann wieder stnnend. Den Gegenstand seiner Erwägung bildete der Vor⸗ satz und dessen mögliche Folgen. Wenn er seinem Vater aufsagte und sein Vermögen herausbekam, brachten sie wenig zusammen sehr wenig, zum Hausen fast zu wenig; denn die Bäbe hatte bis jetzt nur etwas über hun⸗ dertundfünfzig Gulden erspart. Freilich war sie geschickt, arbeitsam und brauchte wenig; aber mit dem gemeinsamen Vermögen konnten ste auch nicht eine mittelmäßige Sölde kaufen, ohne bedeutende Schulden zu machen; und wenn dann Kinder kämen! In seinem Innern stieg der lebhafte Wunsch: er möchte mit dem Vater gütlich auseinanderkommen und ihn bewegen, ein übriges zu tun; denn das konnte der Alte, wenn er wollte. Die Notwendigkeit, mehr Geld zusammenzubringen, erschien ihm so dringend, daß er bei sich aus⸗ machte, sein Gesuch bescheiden vorzutragen, etwaige harte Reden sich gefallen zu lassen und alles zu versuchen, um das väterliche Herz zu erweichen. Es handelte sich um das Glück der Bäbe, und da war es keine Schande, zu tun, was die Klugheit gebot! Der Auftritt konnte arg, sehr arg werden der Alte konnte sich

langespreißen; aber Aussicht auf etlichen Erfolg gab unstreitig auch der Umstand, daß

der Plan mit der Sibylle durch das Bekannt⸗ werden seiner Geschichten doch gewiß einen be⸗ deutenden Riß erhalten hatte.

Die Stadt lag vor ihm. Der Gang durch die auch nachmittags noch immer belebten Straßen und der Besuch der verschiedenen Kaufläden, nebst Fragen, Sehen und Feilschen zog ihn von den bisherigen Gedanken ab und machte ihn ganz zum praktischen, seinen Vorteil erwägenden Bauer. Nachdem er alles möglichst wohlfeil eingekauft hatte, schlenderte er zu⸗ frieden durch die Straßen, grüßte und wurde gegrüßt und freute sich der Stadtleute wie der Bauern, die ein gemütliches Wort für ihn hatten. Endlich empfand er einen soltden Durst, und da er erfragt hatte, daß gegenwärtig das beste Bier der Lammwirt schenke, kehrte er bei diesem ein.

Er setzte sich in eine Ecke und bemerkte mit Vergnügen, daß kein Mensch aus seinem Vorfe in der Stube war, den die Langeweile vielleicht getrieben hätte, ihn durch Aufziehen aus seiner Ruhe zu stören. Das Bier war vortrefflich, ebenso stark als angenehm schmeckend, und er leerte ziemlich schnell seinen Maßkrug. Wäh⸗ rend des Laufens hatte sich auch das Mittag- essen wieder in ihmgesetzt, er fühlte nach Stillung des Durstes Appetit, zwei Groschen⸗ würste und einenKemmicher(Weißbrot mit Kümmel bestreut), ließ sich nuch eine Maß ge⸗ ben und hatte ein Wohlgefühl wie seit langer Zeit nicht.

Als er so dasaß, kam eine Person aus seinem Dorfe, aber eine ungefährliche ein gutes altes Weiblein. Tobias rief ihr gleich freundlich zu, sie möge sich zu ihm setzen.

Die Alte zeigte sich von einem ungewöhn⸗ lichen Vergnügen belebt, und wie sie am Tische

ankam, rief sie:Ach, Tobias, es ist gut, daß,

ich dich tre'! Aber ich hab' eine Freud'! Nun, fragte der Schneider die Witwe die sich neben ihn setzte und ihre Röcke auf der Bank zurechtzog,was ist denn Gut's ange⸗ kommen?

Die Alte langte in ihre Seitentasche, zog zerknittertes Papier heraus und sagte:

daß ich da hab'? erwiderte Tobias.

wem und woher?

von Eurer Rebekk' in Augs⸗

ein Was meinst jetzt,

Einen Brief,

A en U plelleicht

Nein, von meinem Andres aus Amerika!

Was nicht noch! rief Tobias.Und der schreibt also gut!

O ganz gut, versetzte die Alte;er ver⸗ dient sich ein schönes Geld und lebt wie ein Graf. Da, lies selber!

4 Der Schneider, teilnehmend und neugierig, nahm, entfaltete bedachtsam und fing an zu lesen, und zwar, für sich und das Weib, mit halblauter Stimme.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsche Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern.

Nach der letzten Volkszählung gibt es in Deutsch⸗ land 73 Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern und zwar:

Berlin 1888 848 Augsburg.. 89 109 Hamburg 705 738 Mühlhausen i. E. 89 012 München 499 959 Wiesbaden 86 111 Leipzig 455 089 Erfurt 85 202 Breslau. 422 709 Mainz 84 335 Dresden 395 349 Lübeck 82 098 n 372 529 Görlitz 80 931 Frankfurt a. M. 288 989 Würzburg 75 497 Nürnberg. 261022 Plauen i. V. 73 891 Hannover.. 235 649 Darmstadt. 72 019 Magdeburg 229 667 Bochum 65 551 Düsseldorf. 213 711 Spandau 65 030 Stettin. 210 702 Münster i. W. 63 754 Chemnitz 206 584 Bielefeld. 63 046 Königsberg i. Pr. 189 483 Ludwigshafen 61 905 Charlottenbueg 189 305 Frankfurt a. O. 61852 Stuttgart. 176 318 Freiburg i. Br.. 61 506 Bremen 163 118 Potsdam 59 796 Altona A461 501 Metz 58 424 Elberfeld. 156 966 Remscheid 58 103 Straßburg i. E. 150 268 München⸗Gladbach 58 023 Dortmund 142 733 Königshütte 57 919 Barmen 141944 Zwickau 55 825 Danzig 140 563 Llegnitz 54 882 Mannheim 140 384 Rostock 54 713 Aachen 135 245 Fürth 54 142 Braunschweig 128 226 Elbing 52 518 Een 118 862 Gleiwitz 52 362 rr 117033 Bromberg 55 204 Kiel 1 107 977 Osnabrückk.. 51142 Krefeld 106 893 Beuthen(Oberschl.) 51 404 Kassel. 106 034 Dessau30 8 Karlsruhe 96 976 Bonn 50 736 Schöneberg 95 998 Linden b. Hannov. 50 628 Duisburg 92 730 Hagen i. W. 50 612 Rixdorf 90 422 Offenbach. 50 508 EKñ Humoristisches.

Beim Dorfbader. Patient: Was kostet das Zahnreißen? Bader: Eine Mark die Stunde!

Die Gerechten.Daß Sie den Redakteur drei Vierteljahr in Untersuchungshaft behalten haben? Die Freisprechung war doch vorauszusehen?Aem des⸗ wegen, äm deswegen, Herr Kollege; jetzt hat der Lumich wenigstens seine Strafe weg!

Beim Arzt.Na, wo fehlts denn, Madamches Ich bin gewohnt, daß man mich gnädige Frau nennt.So? Jo, von der Krankheit kann ich Sie nit kuriere! Simpl.

Empfehlenswerte Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Die innerpolitischen Zustände des deut. schen Reiches und die Sozialdemokratie⸗ Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.

Die Volksschule wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Von Otto