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Meite 6.
Mitteld utsche Sonutags⸗Zeitung.
Ar. 49.
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A unbesieglich!
Ich weiß ein Heer von unbesiegten Streitern, Die nimmer weichen und die nimmer wanken; Sie steh'n im Glied, die Waffen hoch, die blanken, Und trotzen euren Schützen, euren Reitern.
Sie stürmen eure Wälle ohne Leitern
Und aufersteh'n, so viel auch ihrer sanken,
weil sie vom Born des ew'gen Lebens tranken— An diesem Heer wird euer Heer zerscheitern.
Schon geh'n sie unsichtbar um eure Hallen Und hauen euren Löwen ab die Pranken Und hauen euren Adlern ab die Krallen.
Ihr Heerschild blitzet und die Tempel schwanken, Ihr Schlachtruf donnert und die Burgen fallen— Nennt ihr die Streiter?— Das sind die Gedanken.
Ludwig Pfau.
dyllen aus einem Gebirgsdorfe. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. 235(Fortsetzung.)
Die Justiz verließ das gastliche Schloß der Aurich's und etablierte sich im nahen Städtchen, wo sich der gute Landesfürst ihrer annahm. Zu den Dorfhütten wurden etliche Aecker ge⸗ schlagen, und ein Geschlecht von Bauern erhob sich. Um so stolzer, als es Schulden machen durfte. Das Grundbuch, das der gute Landes⸗ fürst beim Gerichte unterhielt, bekam zu tun. Hypotheken schossen den Bauern über den Kopf. Ste arbeiteten rüstig und suchten endlich Trost in dem Branntwein, den ihnen der Jude im alten Erbgerichte gegen gleich baare Bezahlung verabreichte. Nicht lange, so gab es Versteige⸗ rungen, bei denen das Geld der Aurich's zu seinem Rechte kam.
Die gräfliche Hand packte mit eisernem Griffe das Dorf.
Als den Leuten unter diesem Griffe der Atem auszugehen drohte, kam Hilfe von oben.
Der Engel der Industrie brachte Glück und Freude in die Welt.
Im nahen Städtchen, wo der gute Landes⸗ fürst das Gericht unterhält, blühte eine Leinen⸗ fabrikation auf, welche zwei Dutzend Dumm⸗ köpfe in den Stand setzte, ihren leiblichen Nach— kommen ein Vermögen zu hinterlassen. Die Aurich's, denen der Webstuhl nicht genug aristo⸗ kratisch war, bauten das Eisenwerk.
Menschliche Arbeit ward sehr begehrt.
Die kleinen Jungen, welche die Eskimohütten gebaut hatten, bekamen endlich so große Hände und so lange Beine, daß sie sich nach einem andern Geschäfte umtun mußten. Die Kleineren, Feigeren, die bei Raufhändeln gewöhnlich nach unten zu liegen kamen, wurden Lohnweber; die Stärkeren, Mutigeren, denen die Wucht des Naturrechts oben hinauf geholfen, wurden Hüttenleute.
Die Lohnweber führten ein herrliches Leben. Sie gingen Sommer und Winter barfuß und zogen die Stiefel nur viermal im Monate an. Sie trugen weiße, luftige Kleider. Die ganze Woche traten sie kaum über die Türschwelle. Wenn die Sonne die Waldwipfel vergoldete, unter denen die gräflichen Hirsche im feucht⸗ kalten Morgenhauche tagaus, tagein dahin⸗ schreiten mußten, saß der Lohnweber in seiner trockenen Stube schon rüstig an der Arbeit. Lustig flog sein Schiffchen rechts und links aus und zog die Fäden durch das Gespinst, wie das Schicksal durch unsere schönsten Träume seine unbarmherzigen Striche zieht. Er aber träumte nicht. Voll Gleichmut hielt er sich in der Mitte, gleich den klugen Menschen, die sich hüten, vom Pfade des Hergebrachten auszubiegen. Der ganze Rhythmus seines Lebens liegt in den Beinen, die unverdrossen den Takt treten zu dem hohen Liede der Geuügsamkeit; dem Liede,
das mit den Worten beginnt:„Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat!
Am Samstag, dem Tage, der schöner ist als selbst der Sonntag, weil seine Stimmung im Vorgefühle eines Kommenden gipfelt, zog der Weber die Stiefel an. Da trug er die Frucht seiner wöchentlichen Arbeit— eine schwere Bürde— dem städtischen„Brotgeber“ ins Haus.
Hat der Leser einmal versucht, sich das jüngste Gericht vorzustellen, das uns der Pfarrer in der Nachmittagspredigt so schrecklich ausmalt?
Dem Lohnweber ist sein„Liefertag“ das jüngste Gericht.
Gottvater ist der weinsatte Fabrikant, der „Brotgeber“, der Spender alles dessen, was der Weber seine Seligkeit nennt. Ihm bleibt nichts verborgen. Wie der ewige, himmlische Richter, der am Ende aller Zeiten unser Leben so gründlich durchnehmen wird, prüft er das Werk der Hände mit jenem überlegenen Blicke, der den Fehler als eine Grundbedingung mensch⸗ lichen Tuns erkannt hat.
Vor ihm steht der zerknirschte Sünder. In stummer, ergebener Haltung wartet er des Ur⸗ teils aus dem göttlichen Munde. Die Strafe der Lohn verkürzung trägt der wahrhaft Buß⸗ fertige mit Geduld: wie viele menschliche Seelen schmachten im peinigenden Pfuhle des Fege⸗ feuers!
Bald vergoldet die Morgensonne einer neuen Arbeitswoche die Waldwipfel, unter denen die gräflichen Hirsche im feucht⸗kalten Hauche einher⸗ schreiten müssen. Wieder webt der Weber in seiner warmen Stube; wieder fliegt sein Schiff⸗ chen und zieht die Schicksalsfäden. Da greifen ihm die Gedanken aus; der Unmut links, die Unlust rechts! Ist der Teufel mein Taufpate gewesen? Hat das Glück kein Auge für mich?
Aber da helfen ihm die Beine aus dem wüsten Träumen; das arme Hirn kehrt in die Wirklichkeit zurück; das Ohr lauscht wieder dem Rhythmus des hohen Liedes der Genügsamkeit. Man muß sein Leben aus dem Holze schnitzen, das man hat.
IV.
Die Hüttenleute schnitzten ihr Holz nach einer anderen Melodie. Es war eine Melodie, zu der gewaltige Naturkräfte einen Takt schlugen, dem sich ein Menschenohr nicht zu entziehen vermochte.
In markerschütterndem Schlage dröhnen mächtige Eisenhämmer; glühende, große Funken sprühen in weiten Bogenlinien durch den glut⸗ hauchenden Arbeitsraum. In allen Ecken schnaubt und zischt es; in jedem Winkel knattert und kracht es; aber der Grundton dieses Höllen⸗ lärmes ist der wuchtige Tritt der Hämmer. An beiden Seiten der hohen Halle toben drei dieser Hämmer. Ihr Stiel ist ein Baumstamm. Von irgend einer Kraft, einem unsichtbaren, riesigen Etwas geschwungen, heben und senken sie sich in polterndem Getöse, und der aufdring⸗ liche, unerbittliche Rhythmus ihres Falles er⸗ zeugt ein Gefühl unermeßlicher Betänbung.
Und doch bilden sie nur die Vasallen eines mächtigeren Herrn, der in der Mitte des lärmen⸗ den Raumes thront. Wie er den Mittelpunkt des rasenden Getöses bildet, geht von ihm selbst ein ehernes Stampfen aus; von ihm, dem König der Hämmer.
Eine gewaltige, dunkle Masse, von der Kraft des einströmenden Dampfes federleicht gehoben, fährt da empor; im nächsten Augenblicke saust sie nach abwärts. Bei jedem Abwärtsfallen stiebt ein Schwarm feuriger Klümpchen entsetzt nach allen Seiten.
Der Hammerkönig ist der Mittelpunkt des Treibens. Die zahlreichen Schmelzöfen, deren gierige Flammenaugen durch den Raum leuchten, glühen fast nur für ihn. Auf kleinen eisernen Wägen fährt man das weißstrahlende Metall eilig herbei, als dulde der Gestrenge kein Ver⸗ säumnis. Der feurige Klumpen wird ihm ge⸗ reicht. Vorsichtig steigt der Riese empor, dann senkt er sich zu leise versuchendem Drucke, indes der Klumpen behutsam nach allen Seiten ge⸗ wendet wird. Aber die Schläge werden heftiger; höher hebt sich die Masse, mächtiger saust sie nieder; bald ist das Werk getan. Die brei⸗
artige Masse der Glut ist in regelmäßige Form geschlagen..
Die Bewegungen des Hammerkönigs haben etwas Erhabenes, Sicheres, Ungezwungenes an
sich. Man meint ein Individuelles, Persönliches, ein mit Bewußtsein und gedankenvoller Ver⸗ 1
tiefung Arbeitendes zu sehen. Eine Menschenheerde wimmelt zu seinen
Füßen. In blauen Kitteln und Holzpantoffelnn
wankt das hin und her; dürftige Kleidungsstücke Müde Blicke aus entzündeten Augen, heisere Stimmen aus ge⸗
flattern um magere Glieder.
schwärztem Munde, die Zähne schneeweiß; Narben an Händen und Gesicht; verbundene
Finger; Verstümmelungen an den zitternden
Händen. Alle Bewegungen traumhaft inmitten dieses Dröhnens, Hämmerns, Funkensprühens;
und doch diese Bewegungen mit unfehlbarer
Sicherheit zwischen diesen glühenden Stücken ausgeführt. gefahrvollen Ufer des Stromes dahin.
Der ganze Anblick ladet ein, darüber naͤch⸗
zudenken, unter welchen Bedingungen menschliche
Existenzen sich noch fortzufristen vermögen.
Aber unsere guten Hüttenleute dachten nicht. Ihr Ohr war gefangen von der unendlichen
Melodie, die aus dem Summen der Maschinen zu ihnen redete. Sie verstanden es ganz deut⸗ lich; so deutlich, daß es kaum des Taktschlages der Hämmer bedurft hätte. ste diese Melodie; sie wurde nach und nach ein Teil ihres Wesens: Sie kam ihnen vor wie das Schicksal, das über ihrem Dasein schwebte.
Diese Melodie folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Sie erscholl aus den Worten der Predigt, die ihnen der Pfarrer hielt; sie ertönte im
Brausen der Orgel, auf der ihnen der alte Schulmeister, dem ste so oft das Leben sauer gemacht, das erbauliche Kirchenlied vorspielte. Sie entschliefen nach dieser Melodie, wenn sie sich auf das Lager streckten; ja sie starben nach dieser Melodie.
Wer kennt sie nicht, diese Melodie? Sie webt im Summen der Schmelzöfen; sie dröhnt im gewaltigen Tritt der Dampfhämmer; sie
rauscht in den Kronen reichsgraͤflicher Eichen⸗ wälder; sie flüstert in den lauschigen Hecken
des Königsparkes die ewige, rätselhafte Melodie: „Das Geld regiert die Welt“.
Und diese Melodie regierte unsere guten Hüttenleute, wenn sie einmal das Gleichgewicht verlieren wollten. Ueberdies trug jeder Einzelne zwei Dinge mit sich herum, die ihn an ihren Klang sogleich erinnern konnten: einen leeren Beutel und einen hungrigen Magen.
Wüster, tobender värm erzeugt stille Winkel.
So wandelt der Trunkene am
Jeden Tag hörten
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Und so barg auch das lärmende Eisenwerk des
Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, ein solches Heiligtum. 5
Es war ein feuchtes Gemach, dessen einziges Fenster durch vorgestellte Maschinenteile lichtlos
gemacht worden war. Ein Heizer, der in der Nähe seinen Posten hatte, versteckte hier seine und seinen Schnupftabak. Man sah das bewegliche Männlein unzählige-
Branntweinflasche
male in jenes Versteck eilen, sich und seine Nase zu stärken. Je öfter es diesen Weg machte, desto glühender wurde jene Nase, und desto schwankender schien der Schritt. Kam dann der grobe Aufseher in die Nähe, dann machte es sich bei dem Feuer emsig zu tun; denn
Trunkenheit führte leicht zur Entlassung. Der
Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten,
trank nur Champagner und betrachtete den Branntwein als eine Pest der Menschheit.
In jenem Gemache fristete unter einem dick 1 Gummiüberzuge ein sonderbares Etwas ein
kü mmerliches Dasein. 7 Es war eine alte Drehorgel; eines jener schrecklichen Instrumente, welche die Vorsehung
über die fühlende Menschheit verhängte, als die
Folter ihre Kulturmisston beendet hatte. 1 Sie enthielt drei Stücke: einen Marsch, bei
dem die Bässe auszubleiben pflegten, ein Tanz⸗
motiv, dessen Rhythmus bedenklich schwankte,
ein Lied an den Landesfürsten, der im n
Städtchen das Gericht unterhielt. (Fortsetzung folgt.)


