Ausgabe 
3.4.1904
 
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N. 14.

Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 3.

Korfanty geübt zu haben, um ihn als einen Feind der Kirche erscheinen zu lassen. Bei der Beweisaufnahme, die sich sehr günstig für den Angeklagten gestaltete, kamen geradezu erschreck⸗ ende Beispiele blindwütiger pfäffischer Unter⸗ drückungssucht zu Tage. Folgendes sei aus den Zeugenaussagen mitgeteilt:

Bergmann Wiezek sollte in der Beichte versprechen, daß er denGornoslazak nicht mehr lese, und da er sich dessen weigerte, mußte er ohne Absolution da⸗ vongehen. Andere Zeugen bekunden ebenfalls, daß sie keine Absolution erhielten, weil sie sich weigerten, das Abonnement aufzugeben. Agent Kobus aus Schoppinitz: Auf der Kanzel sagte Pfarrer Abramski zu den anwesenden Frauen:Ihr Frauen, wenn zu Euch ein Agent desGornoslazak kommt, so nehmt den Besen und haut ihm den Buckel voll! Bergmann Mai: Als ich heiraten wollte und das kirchliche Aufgebot beim Pfarrer Jauernik anmeldete, verweigerte dieser die Trauung so lange, bis er, Zeuge, die Agentur desGornoslazak, die er führte, niedergelegt haben würde. Der Zeuge erfüllte die Forderung und wurde dann getraut.

Stellenbesitzer Kulisch war mit dem Pfarrer seines Ortes wegen seiner Sympathien für die polnische Be⸗ wegung in Differenzen geraten. Als er beim Ableben seines Kindes nicht in der Lage war, die Begräbnisge⸗ bühren gleich zu bezahlen und den Pfarrer daher um Stundung bat, sagte dieser nach der beschworenen Aus⸗ sage des Zeugen:Du Lumpenkerl kommst ohne Geld? Soll ich Dir es borgen? Begrabe Dein Kind, wo Du willst, meinetwegen unter dem Zaun! Hier meinte der Vorsitzende: Aber hören Sie mal, das ist doch nicht glaublich. Würden Sie bei Ihrer Aussage bleiben, wenn Ihr Pfarrer hier vor Ihnen stände? Zeuge: Ja, gewiß, es ist ja die Wahrheit. Ich habe sonst nichts gegen unseren Pfarrer. Andere Zeugen bekunden, daß manche Pfarrer und

Kapläne auch Frauen und jungen Mädchen die Ver⸗

gebung der Sünden verweigerten, weil sie oder ihre Angehörigen die polnische Zeitung lasen. In ge⸗ lungener und offenherziger Weise bezeichnete ein Zeuge den Zweck der katholischen Vereine. Arbeiter Za pp erklärte nämlich: Er sei Vorsitzender eines Rosenkranz⸗ Vereins. Vors.: Was versteht man unter einem Rosenkranz⸗Verein? Zeuge: Beten und Zahlen.

Kurz, aus den sämtlichen Zeugenaussagen ging hervor, welche Macht das Pfaffentum in Oberschlesien besitzt und welch' haarsträubenden Terrorismus es ausübt. Erstaunlich ist nur, daß die geduldigen Polen sich derartiges so ruhig gefallen ließen. Der Kardinal Kopp hat wohl selber eingesehen, daß bei diesem Prozesse kein; Lorbeeren für seine Geistlichkeit zu holen waren und er zog den Strafan⸗ trag gegen den Redakteur zurück. Das Ge⸗ richt beschloß darauf Einstellung des Verfahrens und legte dem Kardinal die Kosten auf. Dieselbe Gesellschaft aber, die hier in der empfindlichsten Weise bloßgestellt wurde, schreit bei jeder Ge⸗ legenheit im Verein mit den Scharfmachern und der Orduungspresse über sozialdemokrati⸗ schen Terrorismus! Welch' schamlose Heuchelei!

Für die Opfer des Löbtauer Zuchthaus⸗Urteils

verwendete sich kürzlich der Abg. Günther dort der einzige Freisinnige im sächsischen Landtage und regte ihre Begnadigung an. Er sagte:Das sogenannte Löbtauer Urteil wurde seinerzeit nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern auch in anderen Bevölkerungsschichten mit Schrecken und Bestürzung aufgenommen. Daß sich die damaligen Angeklagten strafbar gemacht haben, bestreitet niemand, aber ein Strafmaß von zehn Jahren Zuchthaus hatte niemand erwartet. Beim Löbtauer Fall konnte aller⸗ dings ein Menschenleben in Gefahr kommen, aber durch den Zusammenbruch der Leipziger Bank sind zahlreiche Existenzen vernichtet und einzelne Personen zum Selbstmord getrieben worden. Vergleiche man die in beiden Fällen erlassenen Strafen, werde man kein Verständnis für solche Urteile im Volke finden.

Die Kammer hätte nicht sächsisch sein müssen, wenn sie der Anregung sich angeschlossen. Abgeordneter Günther blieb allein! Und der Antisemit Ulrich hatte die Frivolität zu antworten, es habe seinerzeit Leute gegeben, die nicht über das Urteil, sondern über die Bestialität der Verurteilten entrüstet gewesen seien; es gebe doch wohl würdigere Objekte, die man der Gnade des Königs empfehlen könne.Wür⸗

digere Objekte sind die Duellanten, gewissenlose Unternehmer, Bankspitzbuben usw. die immer die beste Aussicht auf Begnadigung haben.

Wahlen.

Sozialdemokratischer Bürger⸗ meister. Zum zweiten Male wählten die Bür⸗ ger von Aue bei Durlach(Baden) einen So⸗ ztaldemokraten als Bürgermeister. Nachdem die erste Wahl für ungültig erklärt wurde, erhielt bei der nochmaligen Wahl der soztaldemokratische Kandidat 198 Stimmen, die Gegenkandidaten brachten es auf 90 und 22 Stimmen.

Die Ersatzwahl in Altenburg, wo das Mandat für unsern Genossen Buchwald für ungültig erklärt wurde, ist aufß den 19. April wieder einen Freitag festgesetzt. Bei der Ungültigkeitserklärung dieser Wahl wurde, wie in Frankfurt⸗Lebus bei der des Gen. Braun eine ganz neue Praxis beobachtet. Sie erfolgte aus dem Grunde, weil Beamte Flugblätter für die Ordnungsparteien unter⸗ zeichnet hatten und zwar unter Beifügung ihres Amtstitels. Diese höchst ungehörige Beeinflussung hat zwar nichts genützt, denn der Sozialdemokrat Buchwald wurde im ersten Wahlgang mit 18 695 Stimmen gewählt. Trotzdem wurde die Wahl für ungültig erklärt! Nun, hoffentlich lassen es unsere Genossen nicht an der nötigen Arbeit fehlen, damit uns dieser Kreis erhalten bleibt.

Bei der Stichwahl im Kreise Lüneburg wurde der Welfe Wangenheim mit 11655 Stimmen gegen den Nationalliberaleu Jänecke gewählt.

Milde Strafen für Soldateuschinder.

Auch in Oesterreich kommen die Soldaten⸗ schinder in der Regel mit sehr gelinden Strafen davon, besonders die aus den Offtzierskreisen. Vor Kurzem wurde das Urteil über die Schul⸗ digen vom Bileker Todes marsch gefällt. Bei den vorjährigen Manövern war für ein Infanterie⸗Regiment ein Uebungsmarsch ange⸗ ordnet und trotz fürchterlicher Hitze und trotzdem die Kommandeure sahen, daß ein Soldat nach dem andern umfiel, durchgeführtworden. Auch wurde nicht für Erleichterungen gesorgt und der Marsch nicht unterbrochen. Infolgedessen gingen zahl⸗ reiche Mannschaften zu Grunde. Deshalb wur⸗ den der Oberst v. Grünzweig zu fünf, Oberst v. Török zu ganzen zwei Monaten strengen Arrestes verurteilt wegen Außerachtlassung von Dienstvorschriften, begangen durch Hintansetzung der dem Vorgesetzten obliegenden Sorge für die Erhaltung und Schonung der ihm unter⸗ gebenen Mannschaft. Die andern Angeklagten wurden freigesprochen.

Internationaler Arbeiterkongreß.

Wie das Internationale Bureau in Brüssel mitteilt, wird der Kongreß in Amsterdam vom 14. bis 20. August d. J. stattfinden. Die Verlegung in den September, die von mehreren Seiten gewünscht wurde, läßt sich nicht er⸗ möglichen. Der Kongreß weist eine sehr reich⸗ haltige Tagesordnung auf; fast aus allen Ländern sind Anträge gestellt worden, so daß es kaum möglich sein wird, das Material alles zu erledigen.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Den afen von Port⸗Arthur zu sperren ist allem Anscheine nach das Haupt⸗ bestreben der Japaner. In der Nacht vom 26. zum 27. März machten sie wiederum einen Angriff auf die Festung und versuchten dabei, mehrere große Handelsdampfer vor dem Hafen⸗ eingang zum Sinken zu bringen. Der Kom⸗ mandant von Port Arthur berichtet über den Verlauf der Aktion in einem Telegramm an den Zaren, daß infolge des von russischer Seite eröffneten Artilleriefeuers und des kühnen Vorgehens der russischen Torpedoboote die Dampfer den Hafeneingang nicht erreichten, sondern vorher sanken. Gegen 4 Uhr morgens zogen sich die japanischen Torpedo⸗ boote zurück.

Zusammenstöße auf dem Lande im Norden Koreas stehen unmittelbar bevor, haben

nach verschiedenen Nachrichten schon stattgefun⸗ den. Aus Söul, der Hauptstadt Koreas wurde am Montag ein schnelles Vorrücken der Japaner und Retirieren der Russen in Nord⸗ korea gemeldet. Eine weitere Depesche mel⸗ dete, daß zwischen Andschu und Tschoengdschu (im Nordwesten Koreas) ein Gefecht stattge⸗ funden habe, in welchem 50 Japaner und 100 Kosaken getötet oder verwundet worden seien. Nach Aufschneiderei schmeckt folgende japa⸗ nische Meldung:

Admiral Togo ist entschlossen, Port Arthur spätestens im Mat zu nehmen. Das weitere Programm für den Krieg zu Lande wie zur See ist vollständig entworfen, und es stehen ungewöhnliche Ueberraschungen bevor.

Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.

Soziale Fürsorge in Konsumverein en. Unter dieser Ueberschrift schreibt dieSoziale

Praxis: Gegenüber den schweren Vorwürfen,

die den Konsumvereinen häufig wegen unsozialer Behandlung ihrer Angestellten gemacht worden sind, ist aus Harburg, Wilhelmsburg und Um⸗ gegend der erfreuliche Beschluß des dortigen Konsumvereins mitzuteilen, der den nicht dem Handelsgesetzbuch unterstehenden Arbeitern und Angestellten des Vereins im Erkrankungsfall für die ersten 14 Tage einen Zuschuß zu dem Krankengeld der Allgemeinen Ortskrankenkasse bis zur Höhe des Lohnes verspricht. Sämtliche Angestellten sollen bei der Allgemeinen Orts⸗ krankenkasse in Harburg gegen Krankheit ver⸗ sichert werden. Die Beiträge für die Kranken⸗ und Invalidenverstcherung werden voll von dem Verein bezahlt. Dem wäre noch hinzu⸗ zufügen, daß in größeren Konsumvereinen den Angestellten ein bis zwei Wochen Erholungs- urlaub alljährlich gewährt wird, unter Fort⸗ zahlung des Lohnes natürlich.

Ueber die Lage in Crimmitschau schreibt der dortige Vertrauensmann, daß das Unternehmertum, nachdem die Arbeiter den Kampf um den Zehnstundentag abgebrochen haben, den noch Ausgesperrten seine Macht fühlen läßt, obwohl damals die Herren ver⸗ sprachen, man wolle die beiderseitigen Wunden vernarben lassen. Die Ausgesperrten laufen vergeblich von Fabrik zu Fabrik, während die Unternehmer noch immer fremde Arbeiter her⸗ anziehen. Die Arbeiter allerorts werden daher dringend ersucht, den Zuzug fernzuhalten.

Mißstände in Bäckereien. Bei einer polizeilichen Reviston der Bäckereien und Kon⸗ ditoreibetriebe in Düsseldorf wurden skan⸗ dalöse Mißstände aufgedeckt. Unter anderem befanden sich Backräume sowohl wie die zur Herstellung von Backwaren dienenden offenen Gefäße sehr oft in höchst unsauberem Zustande, der Schwarzbrotteig wurde mit den nackten Füßen eingetreten, Hunde und Katzen wurden angetroffen, die an den Backwaren herum⸗ schnüffelten oder gar auf den zum Backen dienenden Eisenblechplatten herumlagerten; die für die Herstellung von Backwaren benutzten Schwedenhölzer wurden in übelriechendem und faulendem Wasser angefeuchtet usw. Die Polizei⸗ verwaltung hat sich im Interesse der Konsu⸗ menten zu einer öffentlichen Warnung gegen diese Manipulationen veranlaßt gesehen. Ja, ja, die Herren vom Backtrog wissen sehr viel⸗ fach nur die Gesellen zu maßregeln, aber in ihrem Betrieb sieht's dabei höchst bedenklich aus.

Die Gewerbegerichtswahl in Offen⸗ bach fand am Montag statt und zwar kam hier das Proportionalwahlsystem in Anwendung. Auf der Arbeitnehmerseite wurden für die Liste der freien Gewerkscha ften 4316 Stimmen abgegeben, für die christli chen 617. Die Beteiligung war also eine äuß erst lebhafte. Es entfallen auf die freien Gewerk⸗ schaften 17 Beisitzer, auf die Christlichen drei. Auf der Arbeitgeberseite erhalten die Innungen ꝛc. 19, unsere Genossen 1 Beisitze r.