Ausgabe 
3.4.1904
 
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Gießen, den 3. April 1994.

IJ. Juhrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Ring ein Brausen und ein Wehen, 0 Kings ein heilig Auferstehen! In den Bäumen steigt der Saft,

In den Sweigen schwillt die Kraft. Ungestüme Kräfte drängen

In den Knospen sie zu sprengen.

Aus der heilgen Mutter Erde

Lockt das Grün ein göttlichWerde! Blau des Himmels lichter Dom!

Frei von Fesseln geht der Strom! VDogelsang und Stürmebrausen, Sonnenkuß und Wetterkrausen!

Aus den Gräbern dringt die Sage Von dem Auferstehungstage,

Wo nach banger Grabesnacht

een Auferstehung!

Neu der Heiland aufgewacht.

Frei, von Sonnenglanz umwoben, Hat er sich zum Licht gehoben,

Nat gesprengt des Grabes Wucht, Schlug die Wächter in die Flucht.

In des Elends Finsternissen,

Auf der Trübsal Tränenkissen

Ruhen heute auch die Armen Keine Sonne will sie warmen! Lebend liegen sie begraben,

Duldend andere zu laben,

Doch auch ihres Elends Nacht Scheucht der Weckruf:Aufgewacht! Von den steinbedeckten Särgen

de

Treibt die Freiheit einst die Schergen, Und dann wallen sie hervor, Die Begrabenen, aus dem Tor! 5 Helle Lichtflut wird sie blenden, Wenn zum Leben sie sich wenden, Aber jubelnd tut ihr Mund Helle Osterfreude kund. Auferstehen! Auferstehen! Frei als Mensch auf Erden gehen, Ungebeugt und unbedrückt, Von der Sonne Glanz entzückt O, wie wird das Herz da weit! Osterzeit! Osterzeit!

E. Klaar imSüddeutschen Postillon.

*

D

Ostern!

Rings im Laude läuten die Kirchenglocken. Voller denn sonst ist es heute in den frommen dämmrigen Säulenhallen. Auch die Halben und Lauwarmen lassen sich einmal wieder mit fortziehen von der allgemeinen Stimmung. Der Geistliche hat seine Predigt sorgsamer ausgearbeitet und spricht aus vollerem Herzen. Er steht heute nicht, wie an den gewöhnlichen Sonntagen, vor halbleeren Bänken. Und nicht ganz so sehr wie sonst, haben Frauen und Kinder heute in seiner Zuhörerschaft das Ueber⸗ gewicht.

Aber trotzdem! Welch, gewaltige Zahl ernster denkender Menschen bleibt auch heute der Kirche fern, sieht dem frommen Schauspiele mit ähn⸗ lichen Gefühlen zu, wie etwa ein Erwachsener dem wunderlich altklugen Treiben von Kindern. Und es ist einem, als müßte man fragen: Wißt ihr eigentlich, was und wen ihr da nun so treuherzig feiert? Wer von euch denkt wohl so recht klar daran, daß dieser Jesus von Nazareth der Sohn eines armen jüdischen Schreiners gewesen ist? Daß er niemanden grimmiger und leidenschaftlicher bekämpft hat, als die Kirche, die Pfarrer und Theologen seiner Zeit? Daß er vom Staate dieser nämlichen Zeit eben deswegen als gefährlicher Unruhe⸗ stifter behandelt worden tst? Und nun feiert ihr ihn als den Sohn eures Gottes! Wißt ihr auch, wie viel andere Gottessöhne wir feiern müßten, wenn wir alle Berichte gläubiger Anhänger großer Menschenkinder einfach als geschichtliche Wahrheit hinnehmen müßten? Ihr feiert das Wiederlebendigwerden seiner Leiche. Wißt ihr, was das eigentlich für eine Zumutung an nachdenkende Menschen ist, sich das vorstellen zu sollen?

Aber lassen wir sie. Zeitumstände haben dieWeltkirche in die Höhe geführt, Zeitum⸗ stände führen sie auch darüber hinaus und wieder talwärts wie andres Menschenwerk. Wir aber, wir Katechtsmuslosen, wollen heute unsern Blick abwenden von diesem Zeitlichen

und Vergehenden. Wir wollen die Augen los⸗ lösen von de; Einzelerscheinung selbst eines Jesus und an die ewige emporstrebende Lebens⸗ kraft denken, die in ihm, aber auch in allen andern Großen vor und nach ihm, die vor Jahrtausenden und Jahrhunderten, aber auch in unsrer eignen Zeit wirkt und schafft, ringt und kämpft, wie draußen in der Natur Früh⸗ lingslust und hoffnung mit Winterstod und ⸗starrheit. Und der Anblick dieses Kampfes soll uns Kraft und Mut stählen für unser eignes Schaffen. Alle Jahre ist's das gleiche erbitterte Ringen. Den einen Tag freundlicher Sonnenschein, den folgenden wieder Wetter und Sturm. Lieblich treiben heute unzählige Blätter⸗ und Blumenknöspchen und morgen schon kann gleich einer schweren kalten Hand sich ein ver⸗ späteter Frost darauflegen und all das Wachsen und Werden vernichten. Aber schließlich ist doch immer wieder das Leben der Sieger. Und fühlen wir dieses Leben auch in uns selbst! Nicht in müßiger Betrachtung des lieblichen Lenzes nur sei das Auferstehungsfest begangen. Nein, machen wir die Augen ehrlich auf vor dem Kampf, den alles Dasein alles Vorwärts⸗ streben bedeutet, stellen wir unsre eigne Lebens⸗ und Arbeitskraft mutig und zuversichtlich hinein in diesen Kampf. Verleumdung und Unver⸗ stand, das sind die winterlichen Mächte, mit denen wir es zu tun haben. Lesen wir Bülows Rede, in der er sich über unsreGleichmacherei lustig macht! Als ob wir je Unterschiede von dumm und klug, von stark und schwach über⸗ sehen hätten! Was die Demokratie eigentlich will, Herstellung gerechter Anfangsbedingungen für den Wettlauf des Lebens, was Verstaat⸗ lichung und Sozialisierung der Großbetriebe, was Sicherung eines Existenzminimums für jeden Staatsbürger bedeutet, das sind Fragen, über die sich ein deutscher Reichskanzler natür⸗ lich den Kopf nicht zu zerbrechen braucht. So etwas macht er mit ein paar eleganten Witzchen und Mätzchen ab. Daß wir nach der materiellen Besserstellung der niederen Volksschichten streben,

weil wir erkannt haben, daß ohne sie auch kein

geistiger und sittlicher Fortschritt der Menschheit möglich ist, das wird immer wieder äbersehen. Mit dem SchlagwortMaterialismus sind wir abgetan, als ob man den nicht hundertmal mehr gerade in den Reihen der begüterten Müßiggänger fände, als in unseren Kreisen, die in schwerer aufreibender Arbeit sich täglich neu das zum Leben Nötigste erwerben müssen. Au alles Mögliche glauben die Herren da oben. Nur den Glauben an die Menschheit scheinen sie leider verloren zu haben.Vaterlandslos nennt man uns, als ob die Millionen Deutscher Bürger, die wir vertreten, als ob die nicht auch zum deutschen Vaterlande gehörten! Als ob diese schwer beweglichen abhängigen Arbeiter⸗ massen nicht im Grunde sogar noch viel enger und fester an die heimatliche Scholle gebunden wären, als die viel gereisten Herren des inter⸗ nationalen Kapitals! Aber um die großen Massen da unten sich zu kümmern, ist nicht Sache der eben herrschenden Klassen. Ihnen ist es ja so ganz selbstverständlich, daß sie, und nur sie, zu was Besseren geboren sind. Und selbst ein Großherzog, den ein natürlich mensch⸗ liches Mitgefühl einmal dazu treibt, armes Volk in einer Herberge zu besuchen, entgeht den giftigen Anfeindungen der herzverhärteten Scharf⸗ macherpresse nicht. f Wo wir gleiche Rechte verlangen mit den

übrigen Staatsbürgern, wird von unsrerBe⸗ gehrlichkeit gesprochen. Wenn der Arbeiter streikt, steht der Staat auf Seiten der lieben gutenArbeitswilligen, nur wenn die Aerzte streiken, dann begreift man plötzlich in den oberen Regionen, daßStreikbruch nichts Schönes ist. Die Jesuiten werden gegen uns zu Hülfe gerufen. Lieber die schwärzeste Nacht, als das leuchtende Rot des Sonnenaufgangs! Nun, wir haben nichts gegen ihre Zulassung, weil wir keinen Grund haben, sie zu fürchten. Laßt sie nur schaffen, all diese reaktionären Mächte!

Und droht der Winter noch so sehr

Mit grimmigen Gebärden,

Es muß doch Frühling werden!