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Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.
Paulus.
Unter diesem Titel hat der Frankfurter Militärgeistliche Robert Falke die Geschichte des Apostels Paulus zu einem fünfaktigen Schauspiel verarbeitet. Wir müssen ihm dank⸗ bar dafür sein; denn die ganze Oberflächlichkeit und Armut einer protestantisch⸗theologischen Welt⸗ und Geschichtsauffassung kann nicht besser anschaulich gemacht werden als durch solch ein Machwerk. Zunächst wird die Bekehrung des Saulus zum Paulus geschildert. Die Stand⸗ haftigkeit des⸗Märtyrers Stephanus gibt den Anstoß zu einer innern Umwandlung in ihm. Das ist nicht schlecht. Aber dann muß in der geschmacklosesten Weise das rein äußerliche Wunder nachhelfen: Blitz und Donner, Erblin⸗ dung und Heilung. Als Apostel Christi tritt Paulus nun in Athen den griechischen Philo⸗ sophen gegenüber. Die letzteren sind als die Hudischtten Zerrbilder gezeichnet. Für die sitt⸗ liche Hoheit der Stoiker z. B. hat der Verfasser
ar kein Gefühl.(Ein paar Aussprüche von 5 5 mögen hier Platz finden:„Der Mensch soll dem Menschen heilig sein“.„Gehe mit stetem Gedenken an Gott von einer gemein⸗ nützigen Handlung zur andern über.“„Ver⸗ eihe, damit auch dir verziehen werde“.„In ir Frage sei unser Ziel das allgemeine Wohl.“) Die große Rede des Paulus beginnt mit dem Gedanken, daß er nicht„hohe Weisheit“ zu
künden habe, sondern„nur die„Wahrheit“,
die natürlich mehr ist, als alle„Menschenweis⸗ heit“. Welch' ein Dünkel! Als ob nicht all die heiße ehrliche Arbeit menschlichen Forschens und Denkens auch„nur“ die„Wahrheit“ suchte, freilich in dem steten bescheidenen Bewußtsein, ste niemals ganz zu besitzen. Aber Paulus „kann's beweisen“, wie er äußerst selbstbewußt borausschickt. Und dann kommt der alte abge⸗ triebene Hinweis auf das„Buch der Natur“ und die Menschenseele. Daß dabei von den furchtbaren Grausamkeiten der Natur, vom „Kampf um's Dasein“, von der„Menschheit ganzem Jammer“ mit keiner Silbe die Rede ist, ist bei den Theologen leider eine recht ge⸗ wöhnliche Erscheinung. Der Stoiker Panätios im Stück hat Recht, wenn er sagt, daß das alles doch noch kein„Beweis“ für Gott sei. Aber„milde“ weist Paulus jetzt auf Christus hin,„würdevoll“ versichert er, daß dieser Gottes⸗ sohn mehr könne, als die Gottessöhne, von denen die griechischen Dichter erzählten, und„ge⸗ waltig“ schließt er:
„Der Jesus war des höchsten Gottes Sohn—
Die ganze Erde ist ihm untertan,
Auch eure Götter und die Helden alle.“
Welch' billige inhaltslose Phrase, die jeder Priester jeder andern Religion genau mit dem gleichen„gewaltigen“ Pathos von„seinem—“ Gottessohn vortragen könnte. Aber Paulus „kann's“ auch hier wieder„beweisen“. Er behauptet nämlich, er habe in Christo Frieden gefunden. Gewiß, mag sein. Aber„schildern“ kann er's nicht, wie er selbst sagt, kann nur sagen:„Glaubt mir, Athener, glaubt dem Christushasser“. Und auf diese bloße Aufforde⸗ rung hin entsteht„große Bewegung“. So versagt der Verfasser gerade an dieser ent⸗ scheidenden Stelle vollständig. Denn wie einer, der bis dahin Christus ganz fremd war, durch den Wunsch des Missionars allein schon soll „bewegt“ werden, entzieht sich jedem menschlichen Verständnis. Und wieder geben wir dem Stoiker Panätios Recht:
„Wir wollen wie du selbst, erst sehen,
dann glauben.“
Da aber holt Paulus zum letzten Schlage aus,„wie ein Löwe sich zum letzten Sprunge auf sein Opfer richtet“ heißt es wörtlich im Stück. Und er sagt:
„Nun hört mein letztes Wort!
Was ich bewies, ihr wollt es mir nicht glauben.“ Was hat aber das„Glaubenwollen“ mit wirk⸗ lichen„Beweisen“ zu tun? Der wahre Beweis zwingt einfach zur Erkenntnis(z. B. 22 = 4. Kann einer da etwa auch anders „glauben wollen“?) Wenn einer am Schlusse eines Beweises den„guten Willen zum Glauben“ anruft, zeigt er damit eben nur, daß er in Wahrheit nichts„bewiesen“ hat. Und so endet
die ganze Löwenrede mit der unendlich tiefen Weisheit:
„Bekehrt ihr euch nicht bald, ihr weisen Toren,
So seid ihr für das Himmelreich verloren.“
Auf gut Deutsch:„Wenn ihr nicht glauben wollt, soll euch der Teufel holen“. Das sich daraufhin am Schlusse des Aktes wirklich einige Leute bekehren, ist rührend. Von dem innersten Wesen Christi aber, von seiner innigen, be⸗ sonders den niedersten Volksschichten zugewandten Menschenliebe, die allein Herzen gewinnt, spürt man bei der ganzen pathetischen Rede keinen Hauch. Man hört nichts als den Theologen, den es ärgert, daß andere Leute andere Ansichten über die ewigen Rätsel der Menschheit haben, als er, und der dabei einiges Talent zum— Schauspiel er hat.
Doch soll dem Verfasser kein Unrecht ge⸗ schehen: Auch Taten der Liebe werden doch zum Muster hingestellt. Der vierte Akt bringt 3. B. eine solche. Einem Sklaven, der seinen Herrn bestohlen hat und ihm davongelaufen ist, wird vergeben. Wohl weil er sein Unrecht einsteht? Weil er es wieder gut zu machen bereit ist? Gewiß, auch deshalb natürlich. Aber die erste Frage, die Paulus an den reuigen Sünder tut, ist doch:
„Kann ich dir Vertrauen schenken? Glaubst du an Jesum Christum?“
Das ist natürlich die Hauptsache. Die christ⸗ liche Nächstenliebe ist natürlich nur für diejenigen da, welche den Herren Theologen nicht das Leid antun, ihrer Weisheit, pardon!„nur“ ihrer Wahrheit fragend oder gar mit eignen Gedanken gegenüberzustehen. Andersdenkenden, selbst wenn sie sich noch„Christen“ nennen, wird das edle schöne Wort„gewaltig“ zuge⸗ schleudert:
„Wer anders Jesum Evangelium Verkündet als ich selbst, der sei verflucht!“
Das ist gegen die Judenchristen gerichtet, die bekanntlich meinten, Christus sei nur für die Juden da gewesen. Unter ihrem Bilde kann es aber der protestantische Geistliche sich natür⸗ lich nicht versagen, seinen katholischen Mitchristen gelegentlich einen Hieb zu versetzen. Gegen sie ist auch die Stelle gemeint, wo Paulus die ihm angebotene„Leitung“ der Kirche ablehnt: „Es soll sich die Gemeinde selbst verwalten“. Das klingt ja ganz sozialdemokratisch, Herr Pfarrer? Denn etwas anders will ja unser Wort von der„Religion als Privatsache“ gar nicht sagen. Und wie viel gerade eine Militär⸗ gemeinde von diesem Zustande unerzwungener Gottesverehrung entfernt ist, das wissen Sie gewiß selbst am allerbesten. Zum Schlusse des Aktes aber weissagt Paulus weiter.(Dafür, wie nichtssagend solche billigen rückwärts da⸗ tierten Prophezeiungen sind und wie gerade in ihrer Häufung die künstlerische, auf innerer Wahrscheinlichkeit beruhende Wirkung völlig vernichten, fehlt dem Verfasser jeder Sinn.) Und so verkündet Paulus nach dem germanischen Söldner, der ihn im Gefängnis zu bewahren hat, daß Christus in Deutschland das„Sieges⸗ zeichen der Weltenherrschaft“ aufpflanzen werde. Wenn Paulus dabei an unsre Zeit eben denkt, so hat er so Unrecht nicht. Es wundert uns nur, daß sein heftiges Temperament sich dabei so ruhig mit der katholischen Färbung dieses Regiments abfindet. Vielleicht hat er aber auch diesen Nebenumstand damals noch nicht vor⸗ ausgesehen. Alles braucht man ja schließlich auch von ihm nicht zu verlangen.
Der letzte Akt briogt dann den Tod des Paulus. Zuvor tritt er noch dem Kaiser Nero gegenüber, ein entsetzlich verdünnter Aufguß der schönen Szene in Schillers„Don Carlos“, wo der Marquis Posa vor König Philipp von Spanien steht und der Tyrann die Einsamkeit seiner Fürstenherrlichkeit einmal empfindet.
Wir wünschen dem Buche von Herzen recht viele Leser. Bei jedem Menschen, dem es nicht an Geist und Gemüt mangelt, wird es hundert⸗ mal aufklärender wirken, als alle Streitschriften. Für diejenigen aber, die sich das wirklich präch⸗ tige Charakterbild des Apostels Paulus durch diese Verdramatisterung nicht wollen verwischen lassen, empfehlen wir dringend, sich für 60 Pfg. in der Bibliothek von Reklam das Büchlein von Renan„die Apostel“ anzuschaffen. K. Wbr.
Erntesegen.
Des Sommers Pracht ist nun dahingegangen, Schon schimmert bunt das vordem grüne Caub, Noch kurze Frist, dann sehen wir mit Bangen, Die ganze Schönheit wird der Stürme Raub!
Doch froh schau' auf der Ernte reichen Segen, Er ruht geborgen für die harte Seit,
Und nicht der Trübsinn soll dein Herz bewegen, Denn alle Schönheit ist Vergänglichkeit!
Nur wenn du keinen Frühling hast genossen, Nur wenn kein Sommersonnschein dir geglüht, Von all den Blüten und den tausend Kosen Dir keine einz'ge Blume hat geblüht—
Nur wenn dein Erntesegen gänzlich ausgeblieben, Vor trüber Sukunft du mußt bangend steh'n, Und Vot dich schreckt und alle deine Lieben, Dann darfst du seufzend in die Zukunft seh'n.
Doch sollst du nicht die Mutter Erde hassen, Als ob sie weniger dich Armen liebt— Nein, selber sollst du nach dem Rechte fassen, Das dir einst nur ein festes Wollen gibt.
Durch festes Wollen wirst du dir's erzwingen, Daß auch für dich die Ernte einst bereit, Ven reichsten Segen wirst du dir erringen, Nicht darbend auf der Seite steh'n wie heut.
An dir ist es, zu säen edlen Samen In alle Herzen wie in fruchtbar Feld— Dann bist du länger nicht ohn Ernt' und Namen Und dir gehört die ganze weite Welt! Frida Pritzlaff.
2—
Dragoner kommen! Von Florian Stark. f
Bisher lag in dem kleinen Städtchen Zopf felde keine Garnison. Nur hier und da sah man manchmal eine Uniform in der Stadt, wenn Einer aus der Residenz auf Urlaub da⸗ hinkam oder wenn aus dem Nachbarort, wo ein Zug Husaren lag, einer der Reiter ein Dienstmädchen besuchte. Sonst war es furcht⸗ bar„langweilig“. Auf jedem Karnevalsfest immer nur Fracks!
Eines schönen Tages aber endeckte man bei Zopffelde ein tüchtiges Kohlenlager, das sofort ausgebeutet wurde. Auch andere Fabriken wurden errichtet. Eine Zuckerfabrik, eine Seifen⸗ stederei, eine Spinneret... bald wiesen fünf mächtige, qualmende Schornsteine gen Himmel.
Mit der Errichtung der Fabriken kamen natürlich auch Arbeiter nach Zopffelde, immer mehr und mehr, ganze Kolonien von Arbeiter⸗ häusern wurden erbaut.
Die weisen Väter der Stadt wurden etwas unruhig. Achthundert Arbeiter! Wenn es da einmal zu Lohndifferenzen kam... oder bei der Matfeier... oder sonst irgendwann... ste wurden sehr unruhig und gingen mit stch zu Rate. Die Polizet vermehren. Gut! Das aber genügte nicht. Früher hatte man zwei städtische Polizisten und einen Nachtwächter. Es war gar nie etwas Anderes für diese Augen des Gesetzes zu tun, als hier und da einen der ehrsamen Bürger, der ein wenig über den Durst getrunken hatte, nach Hause zu geleiten und an patriotischen Festtagen den Platz für den Auf⸗ marsch der Turner⸗, Gesang⸗ und Veteranen⸗ vereinsmitglieder frei zu halten.
Nun hatte man vier Polizisten und zwei Nachtwächter. Die hatten auch nicht mehr zu tun, aber sicher war sicher. Es war aber doch möglich, daß diese sechs Mann den achthundert Arbeitern nicht genügend imponierten, wenn es „zu Etwas kam“.
„Wir brauchen Militär!“ sagte da ein Stadt⸗ vater. Man bejabelte den Mann. Aber wohin mit den Soldaten? Einfach in den Häusern einquartieren? Einige Stadtväter protestierten, einige waren dafür. Jene, die protestierten
hatten junge, lebenslustige Frauen, jene, die dafür waren, heiratsfähige Töchter mit ode
ohne Kaution. Nach langen Beratungen en 5
Immer nur Zylinderhüte!
J
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