Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.
Nr. 40.
„Mit Jnteresse verfolgen wir die antikatho⸗ lische Bewegung, der wir den besten Erfolg wünschen.“ Was für Augen mögen die gläubigen Leser des frommen Blattes ob dieses Bekennt⸗ nisses gemacht haben! Die weiteren Aus- führungen lassen aber erkennen, daß ein schauer⸗ licher Druckfehler vorliegt und es antialko⸗ holisch statt antikatholisch heißen muß.
„Der Arbeiter, der statt eines Arbeiterblattes ein Organ der Arbeiter⸗ feinde hält, begeht einen geistigen Selbst⸗ mord, ein Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Hebels und die Presse wird das wirk⸗ samste Mittel der Befreiung sein“. Diese Worte richtete unser alter Lieb⸗ knecht an die deutsche Arbeiterschaft. Möge sie jeder beherzigen! Parteigenossen, Ar⸗ beiter! Kein Kreisblatt, kein sogenanntes unparteiisches tritt für eure Interessen und eure Rechte ein, das tut einzig nur die sozialdemokratische Presse! Des⸗ halb ist es eure Pflicht, dieselbe zu unter⸗ stützen und ihr die nötige Verbreitung zu verschaffen. Besonders jetzt, beim Beginne des Winterhalbjahres, müssen sich unsere Freunde die Werbung neuer Abonnenten für die„Mittel deutsche Sonntags— zeitung“ besonders angelegen sein lassen!
— Das Schwurgericht der Provinz O berhessen trat am Montag zur diesjährigen vierten Session unter Vorsitz des Landgerichts⸗ rats Schmidt zusammen. Es liegen sechs Fälle vor, deren Verhandlung die ganze Woche in Anspruch nimmt.
Montag wurde gegen den Steinarbeiter Joh. Koch aus Rüddingshausen wegen Tot⸗ schlags verhandelt. Dieser Fall charakterestert sich als eine Folge des Alkoholismus. Der An⸗ geklagte arbeitete mit dem Hch. Koch zusammen in einem Steinbruch bei Nordeck. Am 6. Juli hatten beide der Schnapsflasche während der Arbeit außerordentlich zugesprochen und von einem am Morgen zugelegten Liter war noch ein Rest übrig, der mit auf dem Nachhauseweg genommen wurde. Darüber gerieten Beide in Streit und Tätlichkeiten. Der Angeklagte Joh. Koch schlug hierbei den andern nieder und stach ihm zweimal in den Hals, was den Tod des Verletzten zur Folge hatte. Der Oberstaats⸗ anwalt wies in seinem Plaidoyer auf die un⸗ heilvollen Folgen des übermäßigen Alkohol⸗ genusses hin und trat für die Anttalkohol⸗ Bewegung ein. Der Angeklagte wurde der Körperverletzung mit tötlichem Ausgange schuldig gesprochen und zu 3 Jahren 9 Monaten Gefängnis verurteilt.
Der Eberstädter Kindesmord kam am Mittwoch zur Verhandlung. Als Angeklagte erscheint die ledige Mina Gör⸗ lach aus Eberstadt, 26 Jahre alt. Der Tatbestand ist vor einiger Zeit in unserm Blatte bereits dargelegt worden, denn be— kanntlich hatte die Verhaftung und Unter⸗ suchung der Görlach den Landtagsabgeord— neten Köhler zu seiner Interpellation ver⸗ anlaßt, die ein Strafverfahren gegen ihn und den Redakteur der„Hungener Land⸗ post“ nach sich zog.— Im April d. J. fand eine Frau auf einem Grabe des Eber— städter Friedhofes eine Kindesleiche. Die Untersuchung derselben ergab, daß es sich um ein neugeborenes Kind männlichen Ge⸗ schlechts handelte, das bei der Geburt ge⸗ lebt hatte und gewaltsam durch Schläge auf den Kopf getötet worden war. Die Mina Görlach wurde als die Mutter des
geboren zu haben und stellte überhaupt jeden intimen Verkehr mit Männern in Abrede. Ihre Untersuchung in der Gießener Frauenklinik erwies das Gegenteil. Nun⸗ mehr legte sie ein Geständnis ab. Sie hatte es verstanden, ihre Schwangerschaft vollständig geheim zu halten, sogar ihre Eltern wußten nichts davon, und ebenso merkte Niemand etwas von der im März erfolgten Geburt. Das Kind tötete die Angeklagte dadurch, daß sie es mit dem Kopfe mehrmals auf die Kante der Bett⸗ stelle aufschlug. Bei der Verhandlung stellte sich heraus, daß sie mit dem Vater ihres Kindes, ihrem Verwandten Bender, schon seit Jahren geschlechtlich verkehrt hatte. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte der Kindestötung schuldig, billigten ihr je⸗ doch mildernde Umstände zu, worauf das Gericht eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten aussprach.
Unter großem Andrange des Publikums kam am Freitag die Sache gegen den Hand⸗ lungsreisenden Hans Kehrein aus Gießen zur Verhandlung. Dieselbe dauerte bei
Redaktionsschluß unseres Blattes noch fort.
— Eine Begnadigung. Vor längerer Zeit war der evangelische Pfarrer Fertsch in Rendel von der Gießener Strafkammer wegen Unterschlagung im Amte zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden. Wie der Gieß. Anz. mitteilte, ist diese Strafe im Gnaden⸗ wege in eine Geldstrafe umgewandelt worden. Wir gönnen dem alten Manne den Erlaß der Strafe; bei manchen andern armen Teufel wäre eine Begnadigung aber auch am Platze.
— Das Gießener Stadttheater eröffnet Dienstag, den 4. Oktober, die dies⸗ jährige Spielsaison. Zur Aufführung gelangt Ludwig Fulda's dramatisches Märchen:„Der Talismann“. Die Vorstellung wird durch einen Prolog eingeleitet. Nach dem von der Direktion bekannt gegebenen Spielplan sind eine große Anzahl neuerer Werke, sowie auch klassischer Stücke pe e
— Der Handelshilfsarbeiter⸗Ver⸗ band hat vor kurzem hier eine Zahlstelle ge⸗ gründet. Allen in den einschlägigen Berufen Tätigen, wie Fuhrleuten, Kutschern, Haus⸗ burschen, Packern ꝛc. ist nur anzuraten, sich dem Verbande anzuschließen, damit endlich ein⸗ mal Besserung in den Lohn⸗ und Arbeitsver⸗ hältnissen dieser Berufe geschaffen werden.
— Hartherziger Hausbesitzer. An⸗ wohner des Leihgesterner Weges waren kürzlich Zeuge eines Vorgangs, der die christliche Nächstenliebe des betreffenden Hausbesitzers trefflich illustriert. Der Fuhr⸗ werks⸗ und Hausbesitzer Appel war mit seinem Fuhr⸗ knecht Jeschke, der auch bei ihm im Hause zur Miete wohnte, in Differenzen geraten und hatte diesem die Wohnung gekündigt. Jedenfalls fand der Jeschke nicht sofort eine andere Wohnung und deshalb ließ ihn Appel heraussetzen. Nun hat der arme Teufel von Arbeiter 7 Kinder, davon lag eins krank im Bett und ein anderes ist erst 14 Tage alt! Die Kinder waren schutzlos dem Wetter preisgegeben, bis sich Nachbarsleute erbarmten. Die paar Möbelstücke, Betten 25, lagen im Regen. Herr Appel hätte doch wohl seiner Ehre nichts vergeben, wenn er etwas rücksichtsvoller vorgegangen wäre.
Aus dem Rreise gießen.
— Die Bezirks⸗Parteiversammlung in Wieseck, die am Sonntag stattfand, war von Wieseck selbst sehr schlec)t besucht, dagegen waren die Orte Trohe, Alten⸗Buseck und Rödgen verhältnismäßig besser ver⸗ treten. Genosse Seuling⸗Altenbuseck, Delegierter der vier Orte auf der Landeskonferenz erstatte über dieselbe Bericht. Die Versamm ung erklärte sich mit den Aus⸗ führungen Seulings, owie mit den Beschlüssen der Landeskonferenz einverstanden und versprach für die Ausführung derselben mit Energie wirken zu wollen.
ch Wiesecker Wasserleitungsfragen. Zum Verdruß der Einwohnerschaft zieht sich die Fertigstellung unserer Wasserleitung recht fatal in die Länge. Aber nicht bloß dies gibt zu vielfachen und berechtigten Kritiken Anlaß, sondern noch verschiedene andere bei der Anlage vorgekommene Dinge und besonders die in Aussicht ge⸗ nommene Bemessung des Wassergeldes. Als man vor
Kindes ermittelt. Sie leugnete anfangs,
zwei Jahren auf die Quellensuche ging, entdeckte man
die Quelle Flösserbrunnen, die täglich 216 Kubikmeter= 216 000 Liter Wasser liefert, mehr als genug für den Ortsverbrauch. Wenn man 250 Arbeiterfamilien und 250 Bauernfamilien annimmt und ersteren je 100 Elter, für letztere 500 Liter Wasser pro Tag zurechnet— reich⸗ lich genug, wenn der Verbrauch für das Vieh mit in⸗ begriffen ist— so ergiebt sich ein täglicher Gesamt⸗ wasserverbrauch von 150 Kubikmetern, es bleiben also noch 50 Kubikmeter für andere Zwecke übrig. Trotzdem suchte man nach weiteren Quellen und kaufte den Alten⸗ buseckern für gutes Geld Grundstücke ab, auf denen Wasser nicht zu finden ist, sonst hätten sie auch die Busecker schwerlich so bereitwilligst hergegeben. Unzu⸗ friedenheit herrscht aber, wie schon bemerkt, mit der Be⸗ messung des Wassergeldes, die gewissermaßen schätzungs⸗ weise, den Haushaltungen erfolgt und bewirkt, daß die größeren Verbraucher, also diejenigen, welche den größeren Viehbestand befitzen, die Wohlhabenderen, bil⸗ ligeres Wasser bekommen als die Arbeiterfamilien. (Die umfangreiche Berechnung, welche der Einsender bei⸗ fügte, können wir nicht zum Abdruck bringen; er be⸗ rechnet den Kubikmeter für den Min dest verbraucher zu 27 Pfg., mit größerem Verbrauch fällt der Preis auf 22, 8, 6 und 4 Pfg. D. Red.)
Besser und gerechter ist es, wenn das Wassergeld je nach Verbrauch erhoben wird und darum sollten die Arbeiter für Einführung von Wassermessern eintreten. — Samstag Abend findet im„Gambrinus“ eine Bürgerversammlung statt, in der diese Frage weiter erörtert werden soll.
— Zur Gemeindewahl in Ortenberg, die am 19. Sept. stattfand, und mit der Wahl dee drei bürgerlichen Kandidaten endigte, schreibt man uns: Ein recht laues Verhalten haben die hiesigen Arbeiter bei der Gemeinderatswahl gezeigt. Erstens war die Wahl⸗ beteiligung von ihrer Seite eine äußerst schwache und dann stimmten sie auch noch für ihre Gegner! Es sollte ihnen doch noch von der Reichstagswahl her in Er⸗ innerung sein, daß gerade diese drei für Kapitals⸗In⸗ teressen und gegen die Arbeiterpartei auftraten. Bei energischer Agitation wäre es der Arbeiterschaft sehr wohl möglich gewesen, einige Sitze zu erobern. Hier tut also die Aufklärung noch sehr nötig!
h. Bei der Gemeinderatswahl in Blofeld errang unsere Partei einen erfreulichen Erfolg. Zwei unserer Genossen wurden mit 27 und 23 Stimmen ge⸗ wählt; 36 Wahlberechtigte beteiligten sich an der Wahl.
Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen.
V. Eine Obstausstellung des Oberhessischen Obstbauvereins wurde am Donnerstag im Saalbau in Friedberg eröffnet. Kreisarzt Fey hieß als stellvertreten⸗ der Präsident die Vertreter des Ministeriums, Landes⸗ ökonomierat Müller⸗Darmstadt und Provinzialdirektor Breidert Gießen, sowie die übrigen Anwesenden will⸗ kommen. Die hiesige Ausstellung ist sehr gut beschickt und dauert bis zum 2. Oktober. Nach Beendigung derselben soll ein Teil des ausgestellten Obstes auf die Düsseldorfer Ausstellung gesandt werden.
Aus dem Odenwald.
S. Bei der Gemeinderatswahl in Neustadt i. O, die am 21. Sept. stattfand, haben unsere Genossen einen schönen Erfolg zu verzeichnen. Von unsern drei aufgestellten Kandidaten wurde Georg Scheidler II, Schneider, mit großer Stimmenmehrheit auf 9 Jahre gewählt, während die beiden andern Sitze der bürger⸗ lichen Partei zufielen. Letzteres wäre vielleicht zu ver⸗ hüten gewesen, wenn die Arbeiter zur Wahl nach Hause gefahren wären; obwohl die Wahlzeit ungünstig auf 12—3 Uhr festgesetzt war. Trotzdem können wir mit dem Resultat zufrieden sein, es war das erste Mal, daß wir eigene Kandidaten aufstellten und nur um 2 Stimmen blieben sie hinter den Gegnern zurück. Darum Genossen, fest zur Fahne gehalten! In drei Jahren müssen wir einen vollständigen Sieg erringen und außerdem wollen wir bei der Bürgermeisterwahl im Februar ein Wörtchen mitreden.
Aus dem Rreise Wetzlar. * Herr Sanitätsrat Dr. Herr schickt uns auf
die Notiz in vorletzter Nummer:„Im Wetzlarer Kranken⸗
hause“ eine längere Zuschrift, in der er bestreitet, in dem Falle irgendwie seine ärztlichen Pflichten versäumt zu haben. Am 4. August sei ihm von einem Unye⸗ kannten, nicht vom Krankenhaus, mitgeteilt worden, daß das Dienstmädchen in's Krankenhaus gebracht worden sei.„Als auf sofortige telephonische Anfrage mir von der Krankenschwester das Nähere über die Patientin mugeteilt wurde, verordnete ich, Ricinusöl bis zur Ab⸗ führwükung zu geben, Eisumschläge auf den Leib und die nötige Diät, bis ich anderen Morgens selbst käme. Die Verordnung wurde sofort ausgeführt! Etwas anderes kann und konnte in diesem Falle nicht geschehen. Abends 7 Uhr erschien in meiner Wohnung der Dach⸗ decker Schmidt und teilte mir mit, seine Tochter sei
ohne sein Wissen mittags ins Krankenhaus gebracht
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