Ausgabe 
1.5.1904
 
Einzelbild herunterladen

Ä

Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 18.

Beamten und aus ihnen rekrutierten sich auch die Führer des Streiks. Aber alles war einig, vom Stationschef bis zum Streckenarbeiter! Wenn der Vorgesetzte Schulter an Schulter mit dem Untergebenen um bessere Existenzbedingungen kämpft, dann müssen sehr schwer wiegende Gründe dafür vorliegen. Und die sind tatsächlich vor handen. Seit dreißig Jahren ist keiner⸗ lei Verbesserung der Gehalts- und Lohnver ältnisse für die Eisenbahnangestellten eingetreten! kehrere Jahre lang richten sie Gesuche und Bitten um endliche Einführung der Gehaltser höhung an die Regierung, die sie seit Jahren mit Versprechungen abspeiste. Jetzt war eine Reform in Aussicht gestellt.

Was die sihnaet Reform bot, war der reine Hohn. Man bot den 37000 Angestellten insgesamt 2643 000 Kronen als Aufbesserung der Bezüge, so daß auf einen Angestellten im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung von 73 Kronen im Jahre, oder von 6 Kronen 8 Heller(etwa 5 Mk.) im Monat fällt. Fünf Mark nach dreißig Jahren! Der Reformentwurf sagte im allgemeinen, daß die Unterbeamten eine Auf⸗ besserung von 80 bis zu 200 Kronen erhalten. Die Beamten erhalten freilich 200 bis 400 Kronen jährlich mehr, doch ist's der leere Schein, denn gleichzeitig werden die Wohnungs⸗ gelder derartig herabgesetzt, daß die Gehaltserhöhung dadurch größtenteils auf ge⸗ hoben ist. Man darf wohl sagen, Beamte, Unterbeamte und Bedienstete haben in gleicher Weise Grund, sich gegen diese ihnen zugemutete Wohltat aufzulehnen.

Und was tat die Regierung? Anstatt den geplagten und seit Jahren mit ihren berechtigten Wünschen und Forderungen immer wieder hin⸗ gehaltenen Eisenbahnern einigermaßen entgegen zukommen, trieb man sie zum Aeußersten. Bei vernünftigem Verhalten der Regierung wäre sicher der Ausstand, wenn nicht überhaupt ver⸗ mieden, so doch nach ganz kurzer Zeit beigelegt worden. So aber trat der Streik im ganzen Umfang ein, tagelang konnte kein Zug von Budapest abgelassen werden, stand der Eisen⸗ bahnverkehr in fast ganz Ungarn vollkommen still. Einige Abgeordnete suchten zu verhandeln und sie erreichten auch Zugeständnisse von der Regierung. Sie gab nach. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn die Streikenden auf die Angebote eingegangen wären, aber sie fürchteten jedenfalls mit Recht, daß sie zum soundsovielten Male getäuscht und hintergangen würden. Nun griff die Regierung zubrutalen Gewaltmitteln. Die Reser visten der Etsenbahntruppen wurden einberufen und in Dienst gestellt. Durch diesen Gewaltakt wurden die Reihen der Streikenden dezimiert, zerspreugt, ein großer Teil der militaͤrischen Bormäßigkeit unterstellt. Das war für die Streikenden ein vernichtender Schlag. Und noch einen zweiten Gewaltstreich ließ die Re- gierung folgen: die Verhaftung des Streik komitees. Wohl waren einige Mitglieder des Komitees der Verhaftung entronnen: nach ihnen fahndete die Polizei. So waren die Eisenbahner ihrer Führer beraubt, ihr Streiklager zersprengt, ihre Reihen durch Zwangsaushebung der Re⸗ servisten dezimtert. Alle Verbindungen des im Lande weit verbreiteten Herres der S'reikenden waren zerissen: der Telegraph, der überall die Drohungen und Entstellungen der Regierung herumträgt, war für die Eisenbahner gesperrt.

Unter solchen Umständen war die Nieder lage der Eisenbahner bestegelt, die so wacker Stand gehalten hatten. An verschiedenen Orten hatten sich Streikbrecher in großer An⸗ zahl eingestellt. Das Gros der Ausständigen mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Wenn sie sich jetzt auch beugen müßten, so wird in ihnen doch eine Erbitterung zurückbleiben, die den Machthabern noch manchmal sauer auf⸗ stoßen wird. Für die geplagten Eisenbahner hatte der ungarische Staat nichts übrig; dem König aber, dem alten Franz Joseph ist eine Lohnzulage von zwei Millionen Kronen zugedacht! Hoffentlich sind manchen Eisen- bahnern die Augen über den Klassenstaat auf⸗ gegangen.

7 5 Anterhaltungs-Ceil. 95

Schönheit. Skizze von Otto Krille.

Hell und warm war der erste Maitag er⸗ schienen, so klar, daß er selbst einen Poeten aus der Stadt hinauslockte auf die bewaldeten Hügel und Fabrikvororte. Der wollte, genuß⸗ froh wie alle Poeten, sich den herrlichen Morgen nicht entgehen lassen.

Langsam war er die Höhe hinangestiegen, mit der Sonne Schritt haltend, und als er auf dem Gipfel inmitten der Kiefern stand und vor sich die Ebene liegen sah, da lachten ihm die glühenden Strahlen ins Gesicht, daß das Blut seine Wangen purpurn färbte und er die Augen zusammenkniff, geblendet von der über⸗ wältigenden Schönheit.

Unten in den Dörfern mar es sonntäglich still. Aus den strohgedeckten Häusern stieg ein bläulicher Rauch in die Luft. Und die Men⸗ schenwohnungen sahen von der Höhe so klein aus, so winzig wie Spielzeug.

Und ein unendliches Mitleid mit den Men⸗ schen ergriff ihn, die in solcher Kleinheit, in solcher Häßlichkeit hausen mußten, während rings um sie die Schönheit wohnte.

Hütte an Hütte stand da unten zusammen⸗ gepfercht auf engem Raum. Zwischen ihnen aber ragte das große Fabrikgebäude empor, sie leichsam beherrschend. Auch heute am Sonntag steg aus dem gewaltigen Schornstein eine mächtige Rauchwolke auf, zerteilte sich vier Meter über dem Essenkopf und breitete sich dann aus über das ganze Dorf.

Als die Sonne höher stieg, wurde es auch um die Hütten lebendig. Die schmutzigen Stra⸗ ßen bevölkerten sich. Hier und dort wurde auf einem schmalen Stück Acker gegraben. Der Schall von Axtschlägen drang auf die Höhe. Peitschenknallen gellte durch den friedlichen Morgen, und bald mischte sich auch der Bimmel⸗ ton einer Kapellenglocke ein.

Auf der Höhe aber herrschte die Ruhe. Nie⸗ mand stieg dort hinauf. Der Poet saß allein auf einem Baumstumpf und träumte. Natürlich träumte er wie alle Poeten von der Schönheit.

Er wollte hinuntergehen in das Dorf und hinein in die Elendslöcher und den Leuten zu⸗ rufen:Kommt heraus! Werdet Menschen! Werdet Kinder der Schönheit!

Und im Geiste stieg er hinunter und redete von allem, was sein Poetengemüt erfüllte.

Essen und schlafen kann auch das Tier, und wenn man es vor den Wagen spannt, dann zieht es auch. Aber ihr sollt mehr sein und höher stehen als diese Kreaturen. Da schwitzt ihr täglich und jagt nach reichlichem Brot, aber an der Schönheit, die euch geboten wird, euer Gemüt zu veredeln, daran geht ihr achtlos vorüber. Euer Kampf ist nur ein kleinlicher und erbärmlicher Zank um Nichtigkeiten des Lebens. Wenn ihr euch nicht herausheben könnt aus der Enge des Daseins, wie wollt ihr der Zukunft leben? Ja, so würde er sprechen.

In seinen Träumereien aber kam ihm Ant⸗ wort von unten. Sein geistiges Poetenauge sah einen alten Tagelöhner mit gefurchtem Ge⸗ sicht, auf dem ein wehmütig herbes Lächeln spielte. Der Alte sprach:

Keunst du uns nicht? Weißt du nicht, daß der Pesthauch der Fabriken unsere Leiber dorrt, daß sie zusammenschrumpfen zu häßlichen Klum⸗ pen? Hast du unsere ärmliche Kleidung gesehen? Bist du einmal in unsere Stuben und Kammern 11 und hast die sonnenlichtfremden kahlen Wände gesehen, die niedrigen Decken, die kleinen Fenster, vor denen die Blumen unter Ruß und Rauch ersticken? Ueberall eine Häßlichkeit, die das Schönheitsgefühl, das Schonheitssehnen aus unsern Herzen verdrängt hat.

Gieb uns satt zu essen und unsere Wangen

werden sich röten, unsere Augen werden leuch⸗ ten und unsere Körper werden sich edel formen und verjüngen.

Wenn wir durch die Straßen der Stadt ehen, prunkt der Reichtum und die Schönheit inter den Scheiben der Läden, Reichtum und

Schönheit, daß wir aufjauchzen möchten vor Freude und weinen müssen über unsere Armut und Häßlichkeit, denn wir verelenden inmitten des Reichtums und wir verhungern in der Fülle.

Rufe uns auf mit flammenden Worten gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Elend, Ungerechtigkeit und soztalen Unsinn, und freudig werden wir dir beistimmen. Deine Worte werden in unserer Brust ein vielstim⸗ miges Echo wecken und der Nachklang wird unser Gemüt durchzittern und alles wachrufen, was in seiner Tiefe schlummert, Bitterkeit und

, Freiheitsdrang und Kampfesmut. Die Jeten sind ernst! Rufe uns zum Kampfe und nicht zur Stille!

Noch glaubte der Poet die Worte des Alten zu vernehmen, als er plötzlich emporschreckte. Aus der Ebene drang ein scharfer, widriger Geruch auf die Höhe, und als er über den Rasen strich, da war es, als ob die jungen, goldgrünen Gräser an den Spitzen dunkelten und abstarben, wie unter einem Froste. Der Fabrikschornstein aber blickte höhnisch aus der Niederung empor, denn er war es, der den Gifthauch sandte.

Und der Poet dachte an die Menschen, die in der Fabrik arbeiten müssen. Als er sich aber von dem häßlichen Bilde wenden wollte, hörte er Stimmen. Gerade vor ihm, unten auf der Straße zog ein Trupp Menschen vor⸗ bei, lachend und plaudernd. Bald stieg auch Gesang aus frischen Kehlen, ein kraftvoller Marschgesang. Rote Blumen leuchteten von den Hüten der Singenden, die nun leicht die An- höhe heraufgeschritten kamen. Es waren hagere eckige Gestalten in Sonntagskleidern, mit derben Gestchteen und prosaischen Zügen darin. Aus ihren stahlgrauen Angen aber blickte urwüchsige Lebenspoesie.

Ihre frohe Laune ermutigte den Poeten bei der Begegnung, den Letzten im Zuge nach der Ursache zu fragen. 5

Heute ist Matfeier! erwiderte ihm dieser.

Was ist das für eine Feier?

Hm. Wie soll ich Ihnen das in wenigen Worten sagen... das ist die Feier einer Zu⸗ kunft der Freiheit und des Wohlstandes, ein Fest für die Erlösung der Armen aus der unwürdigen Sklaveret der Lohnarbeit. Ich weiß nicht Herr, ob Sie das verstehen. Für uns ist es eine Feier der Hoffnung....

Auch der Schönheit?

Auch der Schönheit!

Da schritt der Poet mit dem Trupp weiter. Gespannt lauschte er den Worten der Arbeiter, und eine neue Zeit sprach ihm aus ihren unge⸗ formten Reden. Als er Abschied nahm, reichte er ihnen die Hand.

Oben auf seinem alten Träumersitze machte er wieder Halt,

Eine Schönh flieht, läßt der

a ch Schönheit ist ßt Freiheit und Schönhei enn

Und er schaute hinunter zu den ärmlichen, geschwärzten Häusern und träumte von einer Zeit, in der die Menschen ein schönheitsfrohes Geschlecht sein würden. Die Maschinen, die den Armen heute knechten, weil sie ihm nicht gehören, würden ihn von der elrbeit befreien, die seinen Menschenleib heute häßlich macht.

Wie er so stand und sann, da empfand auch er die Hoffnungsfreude und Freiheitszuversicht, die er an jenen Männern bewundert hatte. Auch er verspürte an diesem Tage mit den gedrückten Proletariern den Maienhauch der Zukunft, den konnte auch der Pestrauch der Fabrik nicht verdrängen.

Brot ist Schönheit. Schönheit heißt Kampf.

Mit diesen Worten stieg er hinunter unter die Menschen, um ein Kämpfer zu sein.

8 2 .

05 U

10 dure flieg 01

zu Fla eine Man so t elge del, 229, im Ble mar auf eine Ma

D YYY v vv