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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 18.
die kleinen Kolonisten. Die farbigen Polizisten erlauben sich schwere Mißhandlungen gegen die Weißen. Stadthagen konnte die Photographie eines der Gemißhandelten auf den Tisch des Hauses niederlegen. Herr Arendt von der Reichspartei war sehr empört darüber, daß die geschädigten Kolonisten Samoas die Vertretung ihrer Klagen vertrauensvoll in die Hände unserer Partei gelegt haben und suchte sich an Stadthagen zu reiben, der ihn gebührend ab⸗ fertigte. Nachdem der Kolonialdirektor Herrn Solf, den Gouverneur von Samos verteidigt und die Bestrafung der farbigen Polizisten, die sich Uebergriffe haben zu Schulden kommen lassen, zugesagt hatte, erhielt er auch diesen Etat bewilligt.
Den Kolonialschwärmereien wurde noch die ganze Montagssitzung geopfert. Es handelte sich um den Bau zweier Eisen⸗ bahnen in Ostafrika und Togo. Der Plan der ostafrikanischen Eisenbahn, die von einer Pri⸗ vatgesellschaft gegen Reichsgarantie erbaut wer⸗ den soll, ist in der vorigen Session zur Strecke gebracht worden. Er hat aber eine fröhliche Auferstehung gefetert und es sieht nach den Erklärungen der Mehrheitsparteien ganz so aus, als sollte er jetzt verwirklicht werden. Die Belastung für das Reich ist nicht gering. Es verpflichtet sich, 87 Jahre hindurch eine Ver⸗ zinsung des in den Bau der Eisenbahn hinein⸗ gesteckten Kapitals von 336 000 Mk. zu garan⸗ tieren. Dazu bekommt die Eisenbahngesellschaft in Ostafrika ein Terrain(460 000 Hektar) von der fünffachen Größe der Insel Rügen kosten⸗ frei geschenkt. Genosse Ledebour stellte in scharfen Worten fest, daß es sich hier nur um eine verhüllte Landspekulation handelt, für welche das deutsche Volk das Risiko zu tragen hätte. Die Vorlage wurde schließlich der Bud⸗ getkommission überwiesen, ebenso ein anderes Kolonial bahnprojekt.
Dienstag begann die Börsengesetznovelle.
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von Nah und Lern.
Hessisches.
— Die Beratungender hessischen Wahlrechtsvorlage in dem dafür ein⸗ gesetzte! Ausschuß gehen noch langsamer als im Schneckentempo vorwärts, wenn man über⸗ haupt von einer Vorwärtsbewegung reden will. Am Dienstag war der Ausschuß wieder mal beisammen, auch die Regierung nahm an der Sitzung teil, doch es kam wieder nichts dabei heraus. Dem Widerstand der ländlichen Ab⸗ geordneten gegen den Artikel 3 des Entwurfs, der eine Vermehrung der städtischen Vertretung im Landtag um fünf Sitze vorsieht, will ein Kompromißvorschlag des Abg. Gutfleisch damit begegnen, daß die Zahl der ländlichen Abge⸗ ordneten ebenfalls um fünf erhöht werden soll. Wir haben die offenen und geheimen Wahl⸗ rechtsfeinde im Verdacht, daß sie die Verbesser⸗ ung des Wahliechts durch Verschleppung zu vereiteln suchen.
— Die Gesetze und Verordnungen, welche gegenwärtig in Hessen gültig sind, ver⸗ langte ein bei der Zweiten Kammer einge⸗ brachter Antrag von Köhler und Genossen in einer Sammelausga be zusammenge⸗ faßt zu veröffentlichen. Dieser Antrag lag kürzlich dem vierten Ausschusse zur Beratung vor. Die Regierung verkennt den Wert eines derartigen Sammelwerks nicht, weist jedoch eingehend auf die Schwterigkeiten hin, die sich einer derartigen Arbeit entgegenstellen. Schließ⸗ lich wirv darauf hingewiesen, daß gegenwärtig eine von Abg. Reh veranlaßte Gesamtausgabe hessischer Gesetze und Verordnungen, für welche amtliche Förderung bereits in Anspruch ge⸗ nommen wurde, im Werke ist. Erst wenn diese Sammlung vorliegt, werde man beurteilen können, ob und wieweit die Ausgabe von Hand⸗ büchern für einzelne Dienstzweige noch wün⸗ schenswert sei. Der berichtende Ausschuß schließt sich der Regierungsäußerung an, beantragt den Antrag Köhler für erledigt zu erklären, dagegen
Beratung der
aber die Kreisämter anzuweisen, eine Zusammen⸗
stellung der zur Zeit für den Kreis maßgeben⸗ den Ausschreiben, Verfügungen usw. zu fertigen und zu veröffenlichen und diese Zusammen⸗ stellung von 10 zu 10 Jahren zu erneuern.
Gießener Angelegenheiten.
— Zur Maifeier machen wir noch da⸗ rauf aufmerksam, daß der Festzug spätestens 2 Uhr von Oswaldsgarten abmarschiert, die Genossen wollen sich pünktlich ½2 Uhr einfinden. Die Aufstellung und Einteilung des Zuges be⸗ sorgen die dazu bestimmten Zugordner, deren Anweisungen die Teilnehmer Folge leisten wollen. Daß auch sonst das Komitee zu unter⸗ stützen ist, wo immer es verlangt wird, brauchen wir nicht besonders zu betonen, wir sind überzeugt, daß jeder mit dazu beitragen wird, daß keine Störungen vorkommen und unsere Maifeier wie immer einen würdigen Verlauf nimmt.— Bei ungünstigem Wetter wird das Fest am folgenden Sonntage abgehalten und in diesem Falle findet nachmittags 4 Uhr im Lokale Orbig eine öffentliche Versammlung statt, in der Gen. Krumm über die Maffeier sprechen
wird.
— Die Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung hält Freitag eine Sitzung ab, in der über den Etat für 1904/05 beraten wird. Der Voranschlag dazu ist dieser Tage erschienen; er schlteßt in Einnahme und Ausgabe mit 3439 271 Mk. ab, ca. 240 000 Mk. höher als im Vorjahre. Die Finanzen der Stadt stehen im Allgemeinen nicht unguͤnstig, obwohl große Ausgaben für Kanalisation nötig sind. Wir kommen im übrigen in nächster Nr. eingehender auf den Etat zurück.
— Spaßiges aus dem Amtsblatt.
Neulich beschäftigte sich der Gießener Anzeiger mit einem in der Frankfurter Zeitung er⸗ schienenen Artikel, der ein Zusammengehen der Linksliberalen mit der Sozialdemokratie empfahl. Dabei gab das Amtsblatt folgendes zum Besten:
„Die hessischen Sozialdemokraten in ihrer großen Mehrheit, namentlich Dr. David in Mainz, und in Sonderheit unsere Gießener Sozialdemokraten Kruu msq m und Orbig und ein großer Teil ihrer Anhängerschaft, sind die schlimmsten Brüder wahrlich nicht und besitzen wohl im Grunde von dem neulich im Reichstage von Bebel betonten deutschen und mehr hessischen Nationalismus ein gut Teil mehr, als ste selber zugestehen möchten. Man kann sogar in einzelnen Dingen mit ihnen zusammengehen und mit vielen ihrer Bestrebungen warm sympathisteren,— so lange die hessischen Sozialdemokrsten sich als direkte Anhänger und Mitglieder der Reichstagspartei bekennen, deren revolutionärer Charakter auf dem Dresdener Radautag in so prononzierter Weise betont und durch die Tat be⸗ wiesen wurde, wird sich, des sind wir überzeugt, trotz aller zärtlichen Sirenengesänge von dieser Linken Niemand umgarnen lassen.“
Damit das Amtsblatt noch wärmer mit unsern Bestrebungen sympathisieren kann, wer⸗ den wir auf der nächsten hessischen Landeskon⸗ ferenz den Austritt aus der Gesamtpartei be⸗ schliezen und Mitglied des Kriegerbundes Hassia und des Flottenvereins werden.
— Ausländische Arbeiter, Italiener, Kroaten usw. sind in großer Anzahl bei der Kanalisation und auch sonst in Gießen und Umgebung beschäftigt. Viele dieser Leute führen eine Lebenshaltung, die geradezu eine Gefahr für bie Gesundheit der Gießener Einwoh⸗ nerschaft bedeutet. Veranlaßt durch die Pockenerkrank⸗ ungen im Ruhrgebiet wurde hier die Impfung der Ausländer angeordnet. Zu den dafür bestimmten Ter⸗ minen erschienen aber die Betreffenden nicht auf der Polizei, erst als angedroht wurde, daß sonst ihre Ab⸗ schiebung erfolgen würde, stellten sie sich ein. Bei der Gelegenheit stellle sich heraus, daß viele dieser Leute keine Wohnung haben, sondern in Scheunen, alten Schuppen u. s. w. kampieren! Es sind übrigens ein⸗ heimische Arbeitskräfte genügend vorhanden, man brauchte nicht sovsel Ausländer heranzuziehen.
— Der älteste Student Deutschlands, Christian Busch, ist am Montag hier unter großer Beteiligung der Studentenschaft zu Grabe getragen worden. Busch hatte 66 Semester hinter sich. Er konnte seine Studien deshalb nicht vollenden, weil seine Geisteskräfte durch eine Hirnhautverletzung, die er sich in seiner Jugend bei Fechtübungen zugezogen hatte, beeinträchtigt waren. Er war Besitzer des Anwesens„Zum Kaisergarten“ im Seltersweg, das er angeblich der Stadt vermachen wollte. Doch die Unterschrift des Testaments wäre unterblieben und so sind der Stadt ca. 100 000 Mk, entschlüpft.
e— Die Gewerbeinspektion für Ober⸗ hessen hat seit Kurzem ihre Amtsräume nach der Bleichstraße Nr. 6 in Gießen verlegt.
Aus dem Nreise gießen.
n. Wieseck. Die Maife ier der hiesigen Ge⸗ nossen findet Sonntag Abend 8 Uhr im„Gambrinus“ statt. Es wird eine öffentliche Volksversammlung abge⸗ halten, in der Genosse Harris-Himbach über die Bedeutung der Maifeier reden wird. Die Wiesecker Arbeiter wollen recht zahlreich in der Versammlung er⸗ scheinen.— Bei einem Zigarrendtebstahl, der am Dienstag in der Zigarrenfabrik von Maier aus⸗ geführt wurde, fielen zirka 2300 Zigarren dem oder den Dieben in die Hände. Bei einigen in der Fabrik beschäftigten Arbeitern wurden Haussuchungen vorge⸗ nommen, die aber nichts zu Tage förderten. Einigen an der Wasserleitung beschäftigten Italienern brach man sogar die Koffer auf. Daß man immer zuerst die Arbeiter im Verdacht hat!
— Lollar. Ein„großes Arbeiterfest“ will die Main⸗Weserhütte am 7. Mai veranstalten, weil eine Anzahl Arbeiter 40 Jahre und länger in dem Werke beschäftigt sind. Wenn die Verwaltung Besserung der Arbeitsverhältnisse anstreben würde, über die schon viel geklagt wurde, wäre dies den Arbeitern jedenfalls lieber, als große Feste.
r. Aus Watzenborn⸗Stein berg. Am Samstag hielt der sozialdem. Wahlverein eine gut be⸗ suchte Mitgliederversammlung ab. Unter anderm wurde beschlossen, die Maifeier gemeinsam mit den Gießener Genossen zu begehen. Um an dem dortigen Festzug teil⸗ nehmen zu können, müssen wir um 12 Uhr abmar⸗ schieren und versammeln uns vorher bei Wirt Schwarz. Unsere hiesigen Genossen und Arbeiter wollen sich recht zahlreich einfinden.
Der Tod hat schon wieder eine Lücke in unsere Reihen gerissen: Parteigenosse Jakob Hinkler starb am Samstag in dem jugendlichen Alter von 25 Jah⸗ ren. Am Dienstag fand die Beerdigung statt und der Wahlverein sowie der Gesangverein Jugendbund gaben dem Verstorbenen das letzte Geleite. Hierbei hätte es wieder zu erregten Szenen kommen können über die Niederlegung des Kranzes mit der roten Schleife. Der Pfarrer hatte schon am Sonntag angekündigt, er würde derartiges nicht dulden. Unsere Genossen waren aber die Klügeren, sie ließen den Kranz während des Leichen⸗ zuges zurück, und begleiteten die Leiche bis an den Eingang des Friedhofes. Dann halten sie den Kranz und legten ihn, nachdem der Pfarrer seine Grabeede gehalten hatte, mit entsprechender Widmung nieder. Dieser Vorfall zeigt wieder, wie die christliche Toleranz aussieht. Trotzdem der Pfarrer hoch und teuer versichert, er wolle den Frieden, sucht er immer aufs neue Haß und Erbitterung gegen sich bei der hiesigen Arbeiterschaft zu erwecken.(Das beste wäre jedenfalls, man bemühte den Herrn Pfarrer gar nicht. D. R.)
Aus dem Areise griedberg-Büdingen.
e. Die Maifeier in Friedberg findet Sonntag Nachmittag 3 Uhr in Steinhäusers Garten statt. Es wird zahlreiche Beteiligung 15 Gewerkschaftsmitglieder und Genossen er⸗
artet.
Aus dem Rreise Wetzlar.
* Wählerversammlung und Polt⸗ zeistunde. Der Antisemit Reuther war in eine Polizeistrafe genommen worden, weil er gelegentlich einer Versammlung, die während der vorjährigen Wahlbewegung in einem Orte bei Wetzlar stattfand, die Polizeistunde über⸗ treten haben sollte. Er hatte das betreffende Lokal gemietet, hielt sich also nicht verpflichtet, der Aufforderung des Polizeibeamten zum Ver⸗ lassen des Lokals nachzukommen, als um 11 Uhr Polizeistunde eingetreten war. Auf seinen Widerspruch gegen das Strafmandat bestätigten Schöffengericht und Strafkammer die Geldstrafe, indem sie meinten, R. hätte ebenfalls den Saal verlassen müssen. In Betracht komme§ 365 des Strafgesetzbuches, wonach sich strafbar mache, wer in einer Schankstube oder einem öffentlichen Vergnügungslokale über die Poli⸗ zeistunde hinaus verweile, nachdem der Wirt oder ein Polizeibeamter ihn zur Entfernung aufgefordert habe. R. legte Reviston ein und betonte, daß er ja den fraglichen Raum ge⸗ mie et gehabt habe. Unter diesen Umständen hätte er auch noch nach dem Eintritte der Po⸗ lizeistunde darin verweilen dürfen. Uebrigens könne ein gemieteter Raum nicht mehr als Schankstube oder öffentliches Vergnügung lokal angesehen werden.
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Das Kammergericht a


